Review: The Ocean Party

The Ocean Party – „Beauty Point“

Es ist eine Eigenschaft des menschlichen Gehirns, Muster zu suchen. So macht die Welt für uns Sinn. Manchmal ist unser Instinkt, Muster zu entdecken, so groß, dass wir Dinge sehen, die vielleicht nicht da sind.

Sind The Ocean Party Melbournes produktivste Band? Es ist ein Titel, den sie King Gizzard and The Lizard Wizard (die Freitag auch schon wieder ’ne Neue brachten) zumindest streitig machen. Die Band existiert seit 2012 und schon sind sie beim siebten Album angelangt. Zehneinhalb Monate sind erst vergangen seit dem Vorgänger „Restless“, die aber nur als Vorgänger gilt, wenn man zwei seitdem erschienene EPs nicht mitzählt.

Bei meinem Text zum angesprochenen letzten Ocean Party-Album „Restless“ war ich ziemlich scharf darauf, eine Logik in der Entwicklung der Band zu identifizieren. Also behauptete ich: Diese Band wird von Album zu Album komplexer, kleinteiliger, vielschichtiger. Was auch stimmte, wenn man „Restless“ direkt verglich mit dem Lo-Fi Dolewave-Frühwerk der Band. Aber wenn meine Theorie stimmen würde, müsste man die Flugbahn der Band weiter berechnen können. Demnach müssten sie sich jetzt von Album zu Album weiter in Richtung verschlungenen Chamber-Pops entwickeln.

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Review: Gold Class

Gold Class – „Drum“

Eine der Eigenschaften, die ich bei Bands nicht schätze: Humorlosigkeit. Es ist ja nicht so, dass ich Künstler will, die witzisch-witzisch-hahaha-Musik machen – aber eine gewisse Selbstdistanz, Verspieltheit und Selbstironie schadet niemandem, finde ich. Bierernstigkeit dagegen kann sehr verkrampfend wirken. Es ist wohl ein Indiz dafür, was Gold Class für eine verdammt gute Band sein müssen, dass ich sie echt großartig finde, obwohl ihnen jegliche Leichtigkeit und jeder Witz abgeht.

Wenn Adam Curley lesen würde, dass ich ausgerechnet die Leichtfüßigkeit und das Grinsen beim zweiten Album seiner Band vermisse, würde er sich wahrscheinlich wortlos umdrehen und gehen. Dies sind Dinge, die in der Welt des Sängers und Texters von Gold Class nicht vorkommen. Dieser junge Mann hat Pommes auf seiner Schulter, um eine englische Redewendung absichtlich falsch zu übersetzen. Mehr als das – Curley trägt noch viel schwereres Gewicht auf seinem Rücken.

Zitieren wir ausnahmsweise den Pressezettel: “The week we started to write Drum, my relationship ended and I was left alone in a draughty old house, which belonged to a friend of a friend. In the house, I sat around with my notebook, the quiet hours cut with news from friends and the TV: the suicides of musicians and writers I’d known and queer kids I hadn’t; the systematic abuse of vulnerable people, the constant mockery of anyone on the outs.“

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Review: Ratboy

Ratboy – „SCUM“

Die Mechanismen in der Musikindustrie laufen heute – eh klar – anders als früher. In den 90s war’s so: Hatte eine Plattenfirma das Next Big Thing gescoutet und unter Vertrag genommen, wurde die Band / der Musiker erst mal ein Jahr zum Songschreiben und Instrumente lernen weggesperrt. Die Band kam zum Label zurück mit 15, 20 Songs. Man pickte 3-4 Singles (die stärkste war meistens Nummer 3: Suedes „Animal Nitrate“, Oasis’ „Live Forever“, Placebos „Nancy Boy“), um mit ihnen Eindruck zu machen und einen Hype zu generieren. Bei Single 3 sollte die Begeisterung bei Presse und Kids am Kochen sein, sie war der Vorbote fürs Album, das kurz darauf folgte. Man konnte sich auf NME und Co verlassen, dass dieser Promo-Zyklus eingehalten wurde. War die Band zum Album-Release auf den Titelseiten und in aller Munde, ging die Platte garantiert in die Top 5. Und wenn die Singles einfach nicht griffen? Dann wurden Bands auch mal sang- und klanglos „gedroppt“, ihr Debütalbum verschwand ungehört im Archiv. Das Geld hatten Labels damals ja. Man konnte es sich leisten, auf mehrere Pferde zu setzen. Das eine, das durchkam, finanzierte den Rest.

Dieses Geld hat das Musikbiz heute nicht mehr. Kostspielige Fehlgriffe können sich Labels nicht mehr leisten. Schon lange ziehen sie ihre Kampagnen nicht mehr auf diese Weise auf. Es geht nicht mehr, immer größere Brocken in den Pool zu werfen, um Wellen zu machen. Singles und EPs sind keine Statements-of-intent mehr – eine Single zu veröffentlichen, das heißt heute, den Zeh in den Pool zu tauchen und mal abzuwarten, was passiert. Und dann noch einen. Ein Album? Oft erst nach sechs, sieben Stipsern des Zehs in den Pool wagt man den Sprung ins kalte Wasser. Und so kommt’s dann vor, dass eine Band oder ein Künstler gefühlt schon seit einer Ewigkeit herum werkelt, bevor ein Album am Horizont ist. Blossoms und WHITE hatten nicht weniger sechs bereits als Single bekannte Songs auf ihren Debütalben. The Vryll Society sind inzwischen bei sieben und vom Album ist nichts zu hören. Und Rat Boy? Hat acht Singles veröffentlicht seit 2015. Die genug Wirbel machten, dass er Anfang 2016 vm NME und der BBC zum „Sound of 2016“ erklärt wurde. Rat Boy hat auf der Insel eine Army von Fans, die seinen Style kopieren. Und trotzdem dauerte es bis zum August 2017, bis sein Label das Album rausrückte – und das Gefühl, das bei dieser VÖ vermittelt wird, ist nicht „Hoppla, jetzt kommt unser neuer Topstar!“, sondern „Naja, wir wollten das Ganze ja eigentlich auf dem Rücken eines echten Hits einreiten lassen, was aber immer noch nicht passiert ist. Doch wenn wir die Platte noch länger zurück halten, wird’s echt lächerlich.“

Schade, dass das so gelaufen ist, denn die Platte ist frech, smart und lässig.

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Interview: Paul Draper

Immer schön, einen alten Helden sprechen zu können. Paul Draper am Telefon! Menschenskind, was habe ich Mansun geliebt in den späten Nineties! „Attack Of The Gray Lantern“ und „Six“ waren DIE Platten für mich. Ich hab’ die B-Seiten gesammelt damals und alle mit meiner Obsession zugeschwallt. Okay, ihr drittes Album „Little Kix“ konnte den Level nicht halten. Aber es waren immer noch Mansun.

Ich bin nicht der Einzige, für den diese Band Kult war. Meine Zuneigung zu der Band (nur einmal und nicht öfter ihretwegen nach England geflogen) fällt aber noch moderat aus im Vergleich zu der Besessenheit vieler anderer Fans. Ich war ja noch nicht mal auf einer der jährlichen Mansun-Konventions! Echt, die gibt es, seit ein paar Jahren!

Aber irgendwas mussten die Fans ja tun. Mansun waren wie vom Erdboden verschluckt nach ihrer Implosion während den abgebrochenen Aufnahmen am vierten Album. Was war los? Was ist seitdem passiert? Fragen, die ich Paul Draper natürlich gestellt habe. Freitag erschien sein Solo-Comeback „Spooky Action“. Interview: Paul Draper weiterlesen

Review: The Preatures

The Preatures – „Girlhood“

Hmm. Das ist jetzt schon ein bisschen schade. Ich LIEBTE das erste Album der Preatures. Ganz doll sehr. Ich verteidigte es vehement gegen alle, die sagten: „Das ist mir zu mainstream“. Weil ich fand, dass die Platte echten Pep hatte. Sie hatte diese Art Songs, bei denen man wie von selbst mitschnipsen musste, allem voran natürlich bei der Single „Is This How You Feel“. Dieser kleine Welthit begeisterte auch mit seinem smarten Arrangement: Das blieb bewusst luftig, da hatten Bassline, Gitarrenlick und Boy/Girl-Vocals alle ihren Raum.

Auch die letztjährige Single „I Know A Girl“ löste bei mir genug aus, dass ich extra einen kompletten Beitrag drüber schrieb.

Aber jetzt ist es da, das zweite Album von Isabella Manfredi und ihren Boys aus Sydney – und die gewohnte Begeisterung will dieses Mal irgendwie nicht aufkommen.

War meine Vorfreude, meine Ansprüche zu hoch? Klar, das ist immer ein Faktor. Wenn man die Latte zu hoch legt, sieht auch ein guter Sprung aus, als sei er drunter durch gegangen.

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Alice and Kicking

„What if it’s not meant for me, love?“

Dieser Refrain spricht nicht unbedingt dafür, aber trotzdem ist das Verliebtheits-Lied  „Don’t Delete The Kisses“ ein untypisch glücklicher Song für Wolf Alice. Einer meiner Favoriten 2017, yeah! Jetzt gibt’s ein Video, das den Text ganz gut einfängt. Das Album „Visions Of A Life“ kommt am 29.09.

Ich darf schon mal damit angeben, dass ich Ellie Rowsell gestern fürs Oktober-piranha am Telefon hatte. Das Transkript unseres Gesprächs werde ich dann um die VÖ des Albums rum wieder hier online stellen.

Goldplay

Jetzt geht’s aber los! Das dritte Video in kurzer Zeit von Gold Class? Na, die sind aber aktiv zur Zeit! Das neue Album steht erkennbar vor der Tür. Neun Tage noch, dann erscheint „Drum“. Es wird für mich zu den Alben des Jahres gehören, eine verdammt intensive Platte ist das geworden! Vorab ein neuer Performance-Clip des Songs „Get Yours“

BAD Soundsystem

Ich mag den Ansatz der Bad Sounds. Die Band um die Brüder Callum und Ewan Merrett setzt seit ihrer letzten Single „Zacharia“ eine neue Taktik ein: Viele Musiker stellen ein Standbild auf youtube, wenn sie einen neuen Song, aber noch kein Video dazu haben. Die Merretts drehen statt dessen Lo-Lo-Lo-Lo-Lo-Fi Videoclips, die keine zehn Pfund gekostet haben können. Aber trotzdem ist es ein Unterschied zu einem statischen Bild, oder? Es bewegt sich was. Hätten sie nur das mit Musik unterlegte Cover der kommenden EP „Mixtape One“ geteilt, hätte ich den Clip nicht gepostet. So schon. Funktioniert also.

Review: 5 Billion In Diamonds

5 Billion in Diamonds – „5 Billion in Diamonds“

Auch dieses Mal wieder, bevor ich loslege, ein paar lose Überlegungen.

Wir wissen alle, Ebbot Lundberg muss man super finden. The Soundtrack Of Our Lives, was war das für eine umwerfende Band! Ebbot war ihr Mittelpunkt. Ein kauziger, kugelrunder Wikinger im Kaftan, der psychedelischen Hippiekram mit viel Wortwitz genau auf den Grat hin textete, dass man nie wusste: Steckt der tief eingelesen in der Materie drin? Oder macht er sich einen Spaß draus? Seine Band tobte sich derweil auf einer Spielwiese zwischen transzendentem Rock und Oasis’scher Britpop-Power aus. Man sagt zu viel zu vielen Bands „Kultband“, aber TSOOL (und ihre Vorgänger Union Carbide Productions, nicht zu vergessen) waren eine. Trotzdem: In ihren letzten Jahren waren Soundtrack zwar Stammgäste auf der SWE-Nr. 1, außerhalb aber ihres Heimatlandes taten sie sich schwer, Labels zu finden.

Seit der Bandtrennung hat Ebbot Lundberg mehrere Soloalben veröffentlicht. Dem Vernehmen nach sind sie prima. In Schweden charten sie zuverlässig. Aber ehrlich gesagt, ich habe die Platten nicht verfolgt.

Meine Reaktion dagegen, als ich mitkriegte, dass Ebbot Lundberg eine neue Band hat! Eine „Supergroup“ sogar, wenn man so will, mit anderen Promi-MItgliedern wie Producer-Gigant Butch Vig (Nirvanas „Nevermind“, Smashing Pumpkins, außerdem trommelt Vig bekanntlich bei Garbage)!
Da krähte ich vor Begeisterung, als ich das las!

Deswegen dieses Intro – weil ich versuche, mir das selbst zu erklären. Warum diese Diskrepanz? Warum mein mildes Desinteresse an Ebbot solo, aber die Vorfreude auf seine neue Band?

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Indiekram. Mehr oder weniger. Interviews, Reviews, Playlists, Commentary.