Archiv der Kategorie: Reviews

Review: Johnny Marr

Johnny Marr – „Call The Comet“

Also, zuerst mal: Johnny Marr ist ein Heiliger. Was der Mann in seinem Leben schon geschaffen hat, das würde reichen, um fünf verschiedene Musiker zu Kultfiguren zu machen. Ich muss es hier nicht aufzählen, oder? Nein, muss ich nicht. Aber, andererseits – bremsen kann ich mich ja auch nicht.

Also: Zuerst mal hat Johnny Marr als Teenager n Manchester The Smiths gegründet und lässig, sich souverän zurückhaltend den perfekten kreativen Partner für den (damals noch) genialischen Selbstdarsteller Morrissey gegeben. Mit seinem unbemühten, nie angeberischen, aber zielsicheren und, wenn nötig, filigran-präzisen Spiel hat er ganzen Generationen späterer Indie-Gitarristen quasi die Schablone für ihren Sound abgeliefert. (Dass er, nebenbei bemerkt, die Smiths zwischenzeitlich auch managte, weil Morrissey diese Tendenz hatte, alle Businesspartner zu vergraulen, ist da nur eine Fußnote.)

Marr war der, der trotz seines Images als treuer Sidekick die Traute hatte, die Smiths schließlich zu verlassen und damit aufzulösen. Gleich darauf hatte er auch schon zwei neue Jobs: Als Co von Bernard Sumner (New Order) in Electronic und als Gitarrist von Matt Johnsons The The – auch hier war sein Spiel natürlich prägend und ideal auf seine Nebenmänner zugeschnitten. Review: Johnny Marr weiterlesen

Review: The fin.

The fin. – „There“

Songwriting. Gerne rede ich über die Kunst des Songwriting. The fin. ignorieren die Regeln seit ein paar Jahren total. Aber das macht sie erst recht spannend.

Songs haben ein Gerüst, richtig? Es beginnt mit der Strophe, dann kommt der Refrain (und wer besonders motiviert ist, hat vielleicht dazwischen ein Bridge eingeflochten). Nochmal das Ganze. Dann die Middle Eight, Zurück zu Strophe und Refrain, zum Abschluss so richtig als Höhepunkt. ABABCAB.
Strophen haben üblicherweise 3-4 Akkorde, Refrains auch, aber normalerweise nicht die gleichen, jedenfalls nicht in der gleichen Reihenfolge. Mehr braucht’s normal nicht, außer man ist Progrocker. Aber wer zeigen will, dass er gut ist, zwirbelt vielleicht einen unerwarteten Tonartwechsel ein, einen key change.  

Auch The fin. können das. Sie haben mal so angefangen. Auf ihrem (übrigens tollen) ersten Album „Days With Uncertainty“ (2014) folgen sie diesen bekannten Schemata. Naja, jedenfalls treuer als jetzt. Damals waren The fin. eine Band, die zuhause in Kobe, Japan, besessen von europäischem Indiepop ihre Variante des Sounds nachbaute. Weil sie damit zu Hause aber ziemlich ignoriert wurden, entschieden sie sich, nach London zu gehen und das Ganze von Europa aus zu versuchen.   Review: The fin. weiterlesen

Review: The Charlatans

The Charlatans – Totally Eclipsing EP

Ich mag EPs. Die EP ist ein unterbewertetes Medium. Denn so ein Album, mit dem man sich ja meistens nur alle zwei, drei Jahre wieder zeigt, muss ja zwangsläufig immer auch ein Statement sein. Eine EP von 3-5 Songs und 12 – 20 Minuten Musik dagegen ist wie ein unmittelbarer Wasserstandsbericht. Nicht der Familienbesuch an Weihnachten, an dem man alles aufarbeitet, was im Jahr passiert ist. Mehr ein kurzer Anruf oder eine Postkarte: „Hey, wir sind übrigens gerade hier!“

Weil eine EP immer so konzis diesen derzeitigen Standpunkt mitteilt, ist sie auch ein Format, das Bands vor allem in ihren Anfangsphasen nutzen. EPs gibt’s normalerweise vor dem ersten Album und vielleicht noch in den ersten 20 Monaten danach. Im Abschnitt des Bandlebens, in dem ihre Entwicklung noch am markantesten voran schreitet. Weswegen so eine EP dann immer als Dokument dieses Fortschritts dient. Auch The Charlatans haben ihre Karriere mit EPs eingeleitet und ihre früheren Alben damit begleitet: „Indian Rope“ zum Beispiel, „Over Rising“ oder „Me. In Time“. (Weitere Singles mit oft drei B-Seiten kann man aber sicher auch mitrechnen.) „Over Rising“ erschien 1991. Unglaublich, wie lange her das ist. 

Unglaublich aber auch, wie viel weniger lang sich das anfühlt. Review: The Charlatans weiterlesen

Review: Boy Azooga

Boy Azooga – „1,2, Kung Fu!“

Heute schreibe ich ganz einfach mal drauf los, okay? Es ist nämlich so: Ich finde die junge neue Band Boy Azooga aus Wales so richtig prima. Aber wenn man sich an so einen Text setzt, dann braucht man normal einen Ansatzpunkt, mit dem aus man die Sache anpackt. Oder einen Schwerpunkt, auf den man die Betonung legt. Die Jungs von Boy Azooga liefern mir gleich mehrere. Ich kann mich nicht entscheiden, wo’s ich anfangen soll. 

Vielleicht erst mal mit den Fakten? Also, Boy Azooga sind aus Cardiff. Auf den Fotos sieht man ein Quartett, faktisch aber hat einer von ihnen, Davey Newington, die Platte praktisch im Alleingang aufgenommen. Nur sein Daddy, der früher im BBC Orchester spielte, hat ein bisschen Geige beigesteuert. Davey ist kein kompletter Frischling, er trommelte bereits in dem sympathischen Projekt Late Night Pop Dungeon vom ehemaligen Kinderstar Charlotte Church. Wir lernen also: Er kommt vom Rhythmus.

Jetzt was zum Thema Eklektizismus. Review: Boy Azooga weiterlesen

Review: Artificial Pleasure

Artificial Pleasure – „The Bitter End“

Eigentlich will ich mich mit der Vorgeschichte zu Artificial Pleasure gar nicht lange aufhalten. Ein Debütalbum, das kann und soll schließlich auch als „blank slate“ fungieren, als unbeschriebenes Blatt, als Nullpunkt, von dem aus es für den Hörer ohne jedes Vorwissen und jede Voreingenommenheit los geht. 

Es ist ja auch nicht so, dass diese Vorgeschichte typisch oder exemplarisch ist. Sie ist ein Extrembeispiel dafür, wie nah im Musik- und Medienbiz Hype und Stagnation auseinander liegen können.

Trotzdem, hilft ja nix, ich kann mich ja doch nicht bremsen. Also: Zeitreise. Zurück ins Jahr 2012. Da bejubelt im Guardian ein großer Artikel die taufrische Band Night Engine, die in London bereits alle Szenekenner orgasmisch zucken lässt. Dabei existiert das Quartett erst seit wenigen Monaten. Die Newcomer erstaunen mit einer Kombi aus zickzackigen Synthriffs und britischem Funk. Ein 80s-Revival der unerwarteten Art, das Robert Palmer und INXS eine lange nicht mehr wahrgenommene Coolness zurück gibt. Night Engine fangen die New Wave-Rhythmik der Talking Heads ein und ihr Sänger hat eine Stimme, die nicht wenige an Bowie himself erinnert. Dieser Phil MacDonnell ist ein faszinierender, intensiver Typ, der nicht nur mit seinem knallroten Haar Aufmerksamkeit magnetisch auf sich zieht. Wow! Alle sind sich einig: Hier kommt das nächste große Ding! Review: Artificial Pleasure weiterlesen

Review: Jack Ladder & The Dreamlanders

Jack Ladder & The Dreamlanders – „Blue Poles“

Jack Ladder. Eine Type, da will man aufs Dach klettern und in die Stadt rufen: „Gibt euch diesen Kerl!“ Ein schlaksiger australischer Hüne mit grabestiefer Stimme und galligem Humor. Er hat ein paar Songs in seiner Diskographie, da fragt man sich: Wieso sind das nur down under Klassiker? Warum hat der Rest der Welt das noch nicht wirklich mitgekriegt? Zu Hause ist der Sydneysider so unumstritten, dass er seine Begleitband aus ein paar der szenigsten Typen überhaupt zusammenstellen konnte: Die zwei Gitarristen Kirin J Callinan und Ben Hauptmann,.Bassist Donny Benet, Drummer Laurence Pike (von PVT).

Stop mal eben: Australier, hagerer Grusel-Spaßvogel, literarischer Anspruch, irre Begleitband aus Ausnahmemusikern? Ja, der Vergleich zu Nick Cave drängt sich auf. Trotzdem: Jack Ladder bleibt ein Original, dem niemand vorwerfen wird, dass er Nick Cave nachahme. Gewollt oder konstruiert sind die Parallelen nicht, sie haben sich eher zufällig so ergeben.

Was hat den Mann im Rest der Welt dann zurück gehalten? Da, denke ich, gibt’s dann halt doch einen Grund. Jack Ladder kann ein irres Niveau erreichen, aber er hält es nicht konsistent über ein komplettes Album. Auch seine fünfte, „Blue Poles“, macht da keine Ausnahme.

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Review: Peace

Peace – „Kindness Is The New Rock’n’Roll“

Na, das ist mal ein plakativer Albumtitel. Eine Botschaft, die selbst Sechsjährige verstehen. Aber: Dieser Titel sagt uns, dass sich was getan hat bei Peace. Es ist eine Entwicklung, die ich gutheiße.

Vorher kurz der Rückblick: Wer oder was waren Peace denn bisher? Sie waren eine Band, die mich bisher nicht überzeugen konnte. Ich mochte ein paar einzelne Songs, aber konnte auf ihrem ersten Album „In Love“ (2013) den roten Faden nicht erkennen. Da taumelte das Quartett aus Worcester bei Birmingham von offensichtlichem Foals-Kopismus zu breitbeinigem Britpop, mal waren sie eine bellende Popband, dann gaben sie die spleenigen Intellektuellen. „In Love“ war nicht ohne ordentliche Ansätze, besonders Gitarrist Doug Castle deutete an, dass in ihm ein Typ Bernard Butler/Graham Coxon versteckt sein könnte. Aber Peace hatten ihren eigenen Flow noch nicht gefunden. 

Gut, die Jungs waren 19. Mit 19 darf man noch suchen. Das darf man auch mit 21 noch. Peaces zweites Album „Happy People“ (2015) war ähnlich zusammenhanglos, aber die einzelnen Tracks wurden besser und es kristallisierten sich ein paar Dinge heraus: Eine Vorliebe für baggy Beats aus den frühen 90ern beispielsweise. (Dass eine neue Band einen wieder an die fast vergessenen Jesus Jones denken lässt, kommt selten vor.)  Auch Harry Koissers Bemühtheit, sich textlich an großen Themen zu versuchen: Harry stellte Genderfragen („I’m A Girl“) oder schimpfte über Geldgier („Money“) – vielleicht naiv, aber wenigstens engagiert.

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Review: Middle Kids

Middle Kids – Lost Friends

Vorschusslorbeeren wurden verteilt. Nicht zuletzt von mir. Als ich Anfang des Jahres meine persönlichen Newcomer-Tipps für 2018 postete, da platzierte ich die Middle Kids auf Platz eins. Es gibt einen Grund, warum ich das hier dazu schreibe: Um anzugeben. Um zu protzen: „Seht ihr? Ich hab’s doch vorher schon gesagt!“ Denn haben Hannah Joy, Tim Fitz und Harry Day die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt? Ach was! Sie haben sie übertroffen! Ich sag’s gleich: „Lost Friends“ ist sensationell. SEN-SA-TIO-NELL!

Also, schwer war die Prognose natürlich nicht. Letztes Jahr haben die drei Sydneysider (dass das mal wieder Australier sind, war eh klar, oder?) ihre erste EP veröffentlicht. Sechs Lieder, die erstens einfach makellos waren und zweitens: Sogar noch besser als einfach makellos! 

Denn makellos, das heisst ja nur, dass alles sitzt und nichts falsch gemacht wurde. Makellos, das sind sie eh, die Middle Kids, denn zielsicher und stilsicher picken sie genau die richtigen Sounds und mit so lockerer wie präziser Hand schichten sie sie in der idealen Dichte. Ja, makellos. Aber sogar noch besser als makellos ist es, weil es auch berührt und packt. 

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Review: PLANET

PLANET – „Waking Eight EP“

Ich will’s kurz machen Diesmal echt! Nicht nur fest vornehmen und dann doch einfach nicht aufhören und plötzlich bei 5.000 Zeichen landen! Aber ich will ja gleich noch das Liverpool-Spiel gucken. Und zu PLANET (Großbuchstaben, weiß der Geier, wieso!) habe ich ja bei der letzten EP schon relativ viel gesagt.

Also. Ich wisst, wie sehr ich die DMA’s liebe. Ganz doll sehr nämlich. Lieblingsband-der-man-auf-Konzerte-hinterher-fährt-mäßig. So doll sehr, dass ich sogar PLANET – wie es jetzt ein Teenager sagen würde, der ein paar hinter die Löffel will – voll „feiere“. 

PLANET, das ist die Band von Matty Took. Er ist der Bruder von Johnny Took. Von den DMA’s. Das sagt man immer noch als erstes dazu. PLANET werden sich noch länger schwer tun, aus dem Schatten der Band des Bruders zu treten. Nicht weil sie mies sind, nein, sie sind gut, sehr gut sogar. Aber sie bewegen sich halt im genau gleichen Gebiet wie die DMA’s. Und in dem Gebiet, in dem die DMA’s sich bewegen, da sind sie nun mal der fucken Mount Everest.

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Review: We Are Scientists

We Are Scientists – „Megaplex“

Also mal ganz ehrlich. Als ich las, dass ein neues We Are Scientists – Album kommen sollte, da war meine Reaktion die folgende: „Gääääähn!“ 

Dann aber sah ich, dass die Band in Deutschland bei der Plattenfirma Grönland unterschrieben hatte. Das Label kennt man dafür, dass es von Herbert Grönemeyer gegründete wurde. Die Arbeit dort aber hat Hand und Fuß: Die Erfolge von Philipp Poisel, Boy, Philipp Dittberner und Gloria zeigen, dass die Firma den deutschen Markt versteht. Signings wie Fazerdaze und William Fitzsimmons wiederum stehen dafür, dass man schon auch Geschmack hat. Meine neue Reaktion war nun also: Ungläubiges Staunen. Augenreiben. Ja, hatten die bei Grönland nicht mitgekriegt, wie steil die Kurve bei der Band nach unten zeigte? 

Dazu kurz eine Zusammenfassung der bisherigen Karriere von We Are Scientists: „With Love And Squalor“, das zweite Album der New Yorker, war ein Knaller. Der Hit „Nobody Move, Nobody Get Hurt“ läuft heut noch in Indie-Discos. Problem: Die Platte ist von 2006, jetzt also 12 Jahre alt. WAS haben seitdem nichts nachlegen können.

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