Archiv der Kategorie: Reviews

Review: The KVB

The KVB – „Only Now Forever“

Ich frage mich, was Langzeitfans wohl zum neuen Album von The KVB sagen. Ob da wohl welche „Sellout“ schreien? Auf ihrem inzwischen sechsten Longplayer sind Nicholas Wood und Kat Day nämlich so zugänglich wie noch auf keiner Platte zuvor. Man könnte es beinahe poppig nennen. Ein Schlauberger würde ihnen folglich möglicherweise unterstellen, dass die zwei Londoner es nach acht Jahren, in denen sie in der Schublade „respektierte, aber letztlich halt auch nicht vorwärts kommende Art-Indie-Band“ rumkrebsten, es jetzt endlich mal wissen wollen. Diesen Schritt könnte der Schlauberger dann verwerflich finden und verächtlich die Nase rümpfen. 

Ich altes Popkid stehe natürlich mal wieder auf der anderen Seite. Ich finde die neuen The KVB prima. Let me explain.

Also: The KVB machen hier eigentlich ja immer noch das, was sie vorher auch gemacht haben. Sie bewegen sich im statisch aufgeladenen Feld zwischen Synthpop der 80er, Krautrock-Motorik und Shoegaze-Schummrigkeit. Es hat immer schon aus den Boxen geknistert und geblitzt bei dieser Band. 

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Review: Les Big Byrd

Les Big Byrd – „IRAN IRAQ IKEA“

Man nimmt immer automatisch an, dass der Sänger einer Band auch die Songs und die Texte schreibt. Ist ja meistens auch so. Bei den Caesars aber war’s anders. Die Caesars kennt ihr ja noch? Ab den späten 90s zimmerte das Quartett in Stockholm fröhlich-dreckigen 60s-Garagenrock, ursprünglich unter dem Namen Caesar’s Palace. Mitte der Nullerjahre konnten sie ein paar Jahre weltweit im Indie-Boom mitsurfen. Ihr internationaler Hit war „Jerk It Out“, ein Lied, das zeitweise so allgegenwärtig war, dass es fast nervte. Aber die Caesars hatten weit mehr auf der Pfanne als nur diesen einen Erfolg. Jedes ihrer fünf Alben ist prima. 

Jedenfalls: Sänger Cesar Vidal war nicht der Hauptautor der vier. Fast alle Songs kamen von Gitarrist Joakim „Jocke“ Åhlund. Der überhaupt ein interessanter Typ war/ist. Parallel zu den Caesars war er immer auch Mitglied der Elektro-Schmirgler Teddybears STHLM. In dieser Kapazität arbeitete er wiederum länger schon eng mit Robyn zusammen, was ihn wiederum zu einem gefragten Pop-Producer und Songwriter machte (bei Cheryl Coles UK-Nr 1 „I Don’t Care“ hat er u.a. mitgeschrieben, für Giorgio Moroder, Charlie XCX und zahlreiche andere hat er produziert). Auch als Video-Regisseur war Jocke aktiv – den Clip-Klassiker „New Noise“ von Refused hat er u.a. gedreht. Da kann er sich mal echt was drauf einbilden.

All das sagt uns: Was immer Jocke macht, das sollt man im Auge haben. Review: Les Big Byrd weiterlesen

Review: Henric de la Cour

Henric de la Cour – „Gimme Daggers“

Ich habe drei Lieblingsgoths. Einer davon ist Robert Smith, eh klar. Der zweite ist Richmond aus The IT Crowd (Noel Fielding, yay!). Der dritte in der Runde ist Henric de la Cour.

Henric macht jetzt auch schon 23 Jahren Platten. Trotzdem nimmt sein jüngstes Album eine Sonderstellung ein. Es ist das erste Album nach der Rettung. Oder: Das erste in der Normalität. 

Aber von Anfang an. 

Henric kennt man in Schweden schon seit 1995. Damals veröffentlichte seine erste Band, sie hieß Yvonne, ihr Debütalbum. Die Platte kriegte in der Heimat viel Aufsehen, obwohl sie komplett gegen alle Trends lief. Denn 1995, da war Grunge noch relativ groß, vor allem aber war der Britpop in vollem Schwung. Kein Mensch setzte auf Synthies, schwarze Klamotten, Kajal und Klänge aus der Mitte der 80er. Goths, Grufties, schienen ein absolutes Nischendasein in der Indieszene zu führen. Aber Henric und seine dunklen Boys aus Eskilstuna (ja, die gleiche Heimatstadt wie Kent) überzeugten ihre Mitschweden, weil sie’s so konsequent durchzogen – und weil sie enorme Songs auf ihrer Seite hatten. Review: Henric de la Cour weiterlesen

Review: The Goon Sax

The Goon Sax – „We’re not talking“

Schon vor Louis Forster soll es Leute gegeben haben, die einen Vater hatten. Diese These wird sowohl durch Umfragen als auch Messungen bestätigt. Ich habe diese Beobachtung sogar in meinem persönlichen Umfeld schon gemacht.

Manche von diesen Personen mit Vater hatten sogar einen, der sehr prominent war. Menschen können Väter aus den höchsten Kreisen haben, Väter wie John Lennon, Franz Beckenbauer oder den Dalai Lama. (Okay, vielleicht nicht den Dalai Lama.) Jedenfalls, es gibt Väter, die viel prominenter sind als der von Louis.

Es ist auch nicht so, dass The Goon Sax ein großes Aufhebens darum würden. Fast verheimlichen sie’s sogar ein bisschen. Denn wenn jemand selbst Musik macht und sein Innenleben ausdrückt, dann will man ja wohl bestimmt als allerletztes immer den gleichen Vergleich hören: „Ach guck mal, das ist ja eine kleine Version von…“

Also, die Sache ist die: Einerseits will ich sagen: „Hey, es tut doch nichts zur Sache, wessen Gene Louis mit sich rumträgt. Der übrigens eh nur ein Drittel von The Goon Sax ausmacht, von diesen lustigen, schlauen Kids aus Brisbane, die gerade mal 19 geworden sind.“ 

Andererseits: Louis ist der Sohn von Robert Forster! Von den Go-Betweens! Und ich will kreischen und durchs Zimmer tanzen vor Freude deswegen!

Warum?! Ich versuche hier auch, mir das gerade mal in Echtzeit selbst zu erklären. Review: The Goon Sax weiterlesen

Review: The Kooks

The Kooks – „Let’s Go Sunshine“

Ach ja, eine neue von The Kooks gibt’s ja auch. Seit fast zwei Wochen schon. Naja, schreiben wir drüber. Aber ihr merkt: Enthusiasmus kann ich irgendwie nicht aufbringen.

Dabei waren Luke Pritchard und seine Jungs doch eine der ganz großen Indie-Singles-Bands der letzten Jahre! Ihr unbeschwertes Debütalbum „Inside In/Inside Out“ (2006), das war keck, das war sexy, das war spritzig wie eine eine Mineralwasserflasche, die man vorher geschüttelt hatte! Man konnte gar nicht in Deckung gehen – jeder kriegte was ab. Zisch! Psssch! „Sofa Song“, „Eddie’s Gun“, „Naive“, „She Moves In Her Own Way“, „Ooh La“! Alles Songs, die heute noch auf dem Indie-Dancefloor ziehen. Man sollte sie total totgehört haben, aber man ertappt sich immer noch beim Mitsingen. 

Aber ihr wisst schon, warum ich die Mineralwasserflasche ins Spiel gebracht habe. Um zu unterstreichen: Oha, die Luft ging raus. Auf dem zweiten Album („Konk“, 2008) gab’s noch zwei, drei sprudelnde Singles, auf der dritten („Junk Of The Heart“ (2011)) perlte es schon eher sanft als Medium.

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Review: Spiritualized

Spiritualized – „… And Nothing Hurt“

Ich kann zwar sehen, wie viele (genauer gesagt: wie wenige) Klicks mein kleiner Blog hat, aber eins kann ich natürlich nicht sehen: WAS für Leser(innen) habe ich wohl?

Mal abgesehen von denen, die sich nur zufällig hier her verklickt haben – Werden meine Texte gelesen von Typen wie mir, von Mega-Nerds, die mehrere Jahrzehnte Independent-Gitarren bewusst miterlebt haben (und die hier eigentlich nur checken wollen, wie viel Fehler ich mache)? Oder sind ja doch auch Kids dabei? Teenager, für die diese Sounds was Neues und vielleicht ja auch spannendes sind und die hier ihren ersten Einblick in neue und alte Indie-Welten finden? Zwischen diesen Extremen liegen wohl neuere und langjährige Indie-Sympathisanten, die aber eben nicht so albern in die Sache vertieft sind wie meinereiner.

Man vergisst ja leicht, wie lange es das Zeug schon gibt. Neulich z.B. unterhielt ich mich mit einer Freundin und es zeigte sich: Sie kannte Placebo nicht. Ich wollte erst voll schockiert sein, aber: Hey, sie war 22. Die letzte wichtige Placebo-Platte war „Sleeping With Ghosts“. Oder? Das war 2003. Das ist 15 Jahre her. Da war sie sieben! KLAR muss sie Placebo nicht kennen!

Und warum wieder diese völlig am Thema Spiritualized vorbei gehende Einleitung, Henning?

Weil das Wichtige an diesem Album doch die Tatsache ist, dass Jason Pierce, diese Type, sich überhaupt mal wieder zeigt, sechseinhalb Jahre nach „Sweet Heart Sweet Light“! Der Urzeit-Indie-Heini geht bereits in die Knie vor Ehrfurcht. Der Neuling sagt: „Hä? Wer? Spiritus was?“ 

Ich schreibe also heute mal für den imaginären Leser, der erst mal ins Thema eingeführt werden muss und ziehe diesen Text als Musikgeschichtsstunde auf. Der Langzeit-Experte darf mich in den Kommentaren gerne korrigieren.

Also los. Anfangen muss man da natürlich mit Spacemen 3.  Review: Spiritualized weiterlesen

Review: The Coral

The Coral – „Move Through The Dawn“

Über zwei Wochen ist diese Platte schon draußen, als ich endlich dazu komme, was zu ihr zu schreiben. Aber passt das nicht irgendwie zu The Coral? Die Liverpooler sind eine Band, für die man keine Purzelbäume schlägt. Man übersieht sie fast ein bisschen, man nimmt sie für selbstverständlich. Weil sie nun mal so lange schon dabei sind und weil sie so verläßlich gute Platten machen, dass eine weitere davon niemanden überrascht.

Zugegeben, die Zeiten, als sie spektakuläre Hits wie „Dreaming Of You“ oder „Pass It On“ schrieben, als es auf ihren Alben auch Seeräuber-Popsongs wie „Spanish Main“ und lärmiges Gebell wie „Skeleton Key“ gab, die sind vorbei. Sowas gab’s noch auf ihren ersten Alben („The Coral“, 2002 / „Magic and Medicine“, 2003). Spätestens seit „Roots & Echoes“ (2007) ist die Band gemütlicher geworden und hat sich in ihrer Nische häuslich eingerichtet. Dafür ist es aber auch wirklich hübsche Nische: Klassischer, melodischer Sixties/Seventies-Gitarrensound, näher am Merseybeat-Original als am 90s-Britpop.   Review: The Coral weiterlesen

Review: Interpol

Interpol – „Marauder“

Oh je. Ich muss was gestehen. Bitte verurteilt mich nicht dafür. Bitte werft mich nicht aus eurem Freundeskreis. Ich weiss, viele werden mich dafür verachten. 

Aber – Achtung: Ich fand Interpol zuletzt ganz schön mies.
Puh, jetzt ist es raus.

Für manche Leute, die ich kenne, hat diese Band den Status von unantastbaren Göttern. Kein schlechtes Wort darf über sie fallen. Mich haben die aber zuletzt so unfassbar kalt gelassen!

Also, natürlich, sie haben stark angefangen, da gibt es von mir keine Widerrede. Ich gehörte auch nie zu denen, die Interpol von Anfang an als Joy Division-Kopisten abtaten. Solche Total-Verweigerer gab’s ja schon seit 2002, als sie mit „Turn On The Bright Lights“ durchstarteten.
Meine Meinung dazu: Sicher gibt’s unzweifelhaft Parallelen zwischen Sheffields Pionieren und den New Yorker Nachfolgern. Die schneidende Stimme, die sich Ian Curtis und Paul Banks teilen und ihr entsprechend weniger auf Melodien als auf Durchdringlichkeit setzender Gesang. Die monoton-zackigen Gitarrenfiguren. Die Basslines, die auffällig den Achteln folgen und dann umso auffälliger nicht. Vor allem natürlich: Die kühle, bedrückende Atmosphäre. Die aufgekratzte, nervöse Spannung, die beide Bands in Gitarrenmusik übersetzen. Man muss schon taub sein, um diese Verwandtschaft nicht zu hören – aber dennoch, für mich sind Interpol ein Update und keine Kopie. Die Unrast, die Ian Curtis 1981 in Sheffield spürte, ist eine ähnliche, die Paul Banks 2002 in New York spürte, und darauf basiert für mich die geistige und musikalische Nähe.

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Review: Bad Sounds

Bad Sounds – „Get Better“

Mann, da haben sie uns aber lange hingehalten! 

Stichwort „Avalanche“. Schon im Sommer 2016 erschien diese umwerfende Single, mit der die Bad Sounds in unser Leben traten. Was für ein Hit! Wir führten in der Küche den Kranichtanz auf und warten seitdem gespannt. ob die fünf Briten aus Bath diesen Level wohl auf Albumlänge werden halten können.

Fleißig waren sie ja seitdem. Singles haben sie zur Genüge abgeliefert, zwei EPs damit gefüllt. Aber ein Debütalbum, das ist halt doch immer noch mal was anderes. Seit Freitag ist es da.

Und weil ein Debütalbum der Punkt ist, an dem bei einer Band viele neue Fans an Bord kommen, fange ich auch noch mal bei Null an. Also: Wer oder was sind die Bad Sounds? 

Die Bad Sounds, das sind fünf Kids aus Bath in Südengland. Es gibt zwei Hauptpersonen: Die beiden Brüder Ewan und Callum Merrett. Review: Bad Sounds weiterlesen

Review: Marius Ziska

Marius Ziska – Portur

Tja. Wäre natürlich cool, färöisch zu sprechen. Das tun nur etwa 48.000 Menschen. Die Leute, die auf den Färöer Inseln leben. Auf diesen grasgrünen Steilhängen, die zwischen Island und Norwegen aus dem Nordatlantiknebel ragen, auf denen es keine Bäume gibt und mehr Schafe als Menschen. Einer davon ist Hans Marius Ziska aus Søldarfjørður.

Hans Marius hat sein neues Album komplett in seiner Muttersprache eingesungen. Was man als eine durchaus befremdliche und möglicherweise folgenreiche Entscheidung sehen kann. Denn vor fünf Jahren, da schrieb der Songwriter und Sänger auf Englisch und bekam für sein Album „Recreation“ gleich internationale Aufmerksamkeit. Nicht, dass er durch die Decke gegangen wäre, aber als Basis für eine internationale Karriere wäre dieser erste Achtungserfolg mehr als solide gewesen.

„Recreation“ war ein pfiffiges Album. Zu hören gab’s verspielte Indiegitarrensongs und ein paar himmlisch schöne Harmonieballaden. Dass Hans Marius ein echtes Talent für Melodien hatte, fiel sofort auf. Auch die spielerische Leichtigkeit der Songs ließ aufhorchen. Denn nicht viele können das, was der Färöer Insulaner hier tat: Einfaches auch mal einfach lassen. Songs wie „While You Were Sleeping“ oder „One In The Masses“, das waren unkomplizierte feine Liedchen, schlicht und angenehm unverquast umgesetzt. Hans Marius kriegte zu Recht einen internationalen Plattenvertrag, er tourte durch Europa und die Staaten. Darauf konnte man aufbauen.

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