Review: Tallies

Tallies – „Tallies“

So viele meiner Lieblingsbands der frühen 90er haben sich wieder vereinigt. Slowdive, Ride, The Jesus and Mary Chain, Suede, Swervedriver und und und.

Aber eine Band fehlt in dieser Liste fehlt: The Sundays. Wäre da nicht mal eine Reunion angesagt? Drei Alben veröffentlichte das britische Quartett zwischen 1990 und 1997 – und es heisst sogar, dass Sängerin Harriet Wheeler und Gitarrist David Gavurin, die auch im privaten Leben ein Paar waren und geblieben sind, immer noch Lieder schreiben. Lieder, die sie jedoch für sich behalten.  

Ist das wirklich so? Oder haben sie heimlich ihre Songs einer jungen Band in Toronto geschickt? Auf diesen Verdacht könnte man kommen, wenn man das gleichnamige Debüt der Tallies hört. Denn das klingt in der Tat beinahe, wie ein Reunion-Album der Sundays klingen könnte.

Sorry, Tallies. Ich weiss, ihr werdet nicht happy sein, solltet ihr dies lesen. Denn wer will schon mit einer anderen Band verglichen werden? Sogar lesen, dass man quasi ein Soundalike sei? Das muss noch nerviger sein. Verdient hat das ja eigentlich niemand, selbst wenn der Vergleich ein so gut gemeinter wie The Sundays ist.

Um eins also klarzustellen: Ich unterstelle Euch keinesfalls, dass ihr das mit Absicht macht. Ich bin überzeugt, dass ihr, was ihr tut, mit Liebe tut. Ich denke, es sind die gemeinsamen Einflüsse, gemeinsame Empfindsamkeiten und vielleicht auch ein bisschen der Zufall. Aber ihr seid nun mal bei so einem Endergebnis gelandet, das mich an bestimmte Favoriten der 90er erinnert.

Weil ich eben von „gemeinsamen Einflüssen“ schrieb: Wenn Tallies-Gitarrist Gitarrist Dylan Frankland seine Lieblingsbands nennt, dann listet er von Indie-Bands der 80er. Er lässt Namen wie Cocteau Twins und Aztec Camera fallen. Klar ist natürlich auch, dass man, wenn man sich in diesem Zeitraum in diesem Genre bewegt, an Johnny Marr nicht vorbei kommt. 

Dies ist unüberhörbar beim Tallies-Song „Midnight“: Die jangling Akustikgitarre spielt Marr-Akkorde, darüber liegt eine chiming Lead-Gitarre, die in Marr-Tonlage Marr-Melodien spielt. 

Was völlig okay ist. Das sind die Indiegitarren-Spielregeln, die man erst mal so gut beherrschen muss. 

Es sind die Regeln, die auch David Gavurin von den Sundays befolgte. Bei ihm war’s noch recht offensichtlich, weil er sich an seinen Zeitgenossen orientierte. Für Dylan Frankland war’s eine spezifische, fast obskure Nische aus der Vergangenheit. Anyway, die Klänge ähneln sich, logischerweise.

Was man frappierend finden kann, das ist, wie ähnlich Tonlage und Melodieführung von Tallies-Sängerin Sarah Cogan dann auch wieder Harriet Wheelers Stil widerspiegeln. Aber auch hier sage ich: Sarah kopiert sicher nicht absichtlich. Sie überlegt nicht im Proberaum „What would Harriet do?“ Es Ist eher so: Wenn man über ähnlich Gitarren-Melodiebögen singt, bieten sich bestimmte Gesangs-Lösungen einfach an. The Sundays sind entsprechend nicht der einzige Vergleich, der beim Hören in den Sinn kommt. Auch Alvvays, Best Coast, Belly oder the Beths, um nur ein paar zu nennen, benutzen vergleichbare Läufe.

Und überhaupt: Die Sundays waren zweifellos eine Nummer poppiger. Tallies sind mehr fuzzy, tendieren manchmal sogar in Richtung Shoegazing, während die Sundays die glasklaren Sounds bevorzugten.

Aber was ich letztlich sagen will, ist, dass die Tallies hier ein äußerst gekonntes Indie-Gitarrenpop-Album hingelegt haben. Elf feine Songs, die nicht nur an bestimmte Klassiker erinnern, sondern die sich durchaus neben diesen behaupten können. Das gilt für ihre Uptempo-Gitarrenpopsongs wie „Mother“ genauso wie für stimmungsvolle Soundscapes („Trains and Snow“, „Easy Enough“). Wir lernen mal wieder: Man muss das Rad nicht neu erfinden, wenn man eine so schöne Genreplatte hinkriegt. Mir als jemandem, der in den späten 80s schon Indie gehört hat, beschert das schöne Nostalgie-Momente. Aber wer jünger ist, kann diese bildhübschen Lieder sicher genauso (wenn nicht noch mehr) geniessen, auch ohne sie zwangsweise in ein Koordinatensystem aus Referenzen einzuordnen, das auch der Band selbst vielleicht nicht mal bewusst ist.

Wenn der Nebeneffekt ist, dass wieder mehr Leute an The Sundays erinnert werden, umso besser. Ich habe mich die Tage nämlich erst geärgert: Eine neue dänische Band bringt in den kommenden Wochen ein Album raus und nennt sich dreist einfach Sundays, Immerhin ohne „The“. Aber sowas wurmt mich einfach. Sollte man von heutigen Bands nicht mindestens erwarten, dass sie ihren Namen mal googlen können? Einfach mal rechtzeitig nachschauen, bevor sie ihr Album rausstellen? Dabei bin ich mir sicher: Die Dänen haben das bestimmt getan. Sie müssen aber trotzdem zu dem Schluss gekommen sein: „Egal – die kennt doch keiner mehr!“ Doch, THE Sundays kennt man sehr wohl noch! Sie sind sogar weiterhin einflussreich! Der Beweis ist dieses sehr feine Album kanadischer Newcomer. 

    

 

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