Review: Trevor Sensor

Trevor Sensor – „Andy Warhol’s Dream“

Retro vs Zeitlosigkeit.

Musik ist dann retro, wenn sie sich auf einen bestimmten Zeitraum der Musikgeschichte beruft und versucht, die Sounds dieser Ära nachzuahmen. Das muss nicht unoriginell sein, es kann sehr viel Charme und augenzwinkernden Witz haben, aber auch neunmalklug hipstermäßig rüber kommen.

Und dann gibt’s zeitlose Musik. Eine solche Platte liegt hier vor uns. Der US-Amerikaner Trevor Sensor strebt keine bestimmt Ära an, um sie zu kopieren oder persiflieren. Statt dessen lässt sich gar nicht erst einordnen, in welchem Jahr sein Debüt wohl erschienen sein mag. Ist es ein Songwriter-Album der 70s? Ist er ein Springsteen/Bob Seger-Zeitgenosse der Achtziger? Oder ist „Andy Warhol’s Dream“ es eben doch eine brandneue Platte, die sich auf klassische Produktions- und Arrangement-Techniken besinnt? (Genau.)

Trevor Sensor hatte gar nicht vor, seine Songs zur Karriere zu machen. Er stammt aus dem Örtchen Sterling, Illinois, einem durchschnittlichen, unbedeutenden, Durchschnittsstädtchen (das wir übrigens im Video zu „High Beams“ sehen können). Als Teenager war er in der einen oder anderen Band, aber keiner seiner Mitmusiker war ähnlich motiviert. Also begann Trevor ein Literaturstudium in Pella, Iowa (noch so ein nichtssagender Ort). Songs schrieb er nur noch für sich selbst.

Dann aber kam überraschenderweise Dave Keuning ins Spiel. Der Gitarrist der Killers stammt aus Pella und erwischte Trevor auf Heimatbesuch zufällig bei einer Kneipenperformance. Er war so angetan, dass er ihn mit mehreren Kontakten in die Musikindustrie verknüpfte. Machen wir’s kurz: Durch Daves Hilfe fand Trevor ein Management und unterschrieb einen Plattenvertrag beim renommierten Indie Jagjaguwar (Bon Iver, Dinosaur Jr, Foxygen). Jonathan Rado (Foxygen) produzierte sein Album und bildet gemeinsam mit Max Kakacek, Julian Ehrlich und Malcolm Brown (alle Whitney) seine Begleitband.

Nun sind Foxygen und Whitney in meinen Augen genau die Sorte Retro-Band, die das Ganze mit einer Tendenz zur Schlaubergerei und zum cleveren Schnickschnack betreibt. Ein Vorwurf, den ich Trevor Sensor aber nicht machen werde. Denn, wie oben erzählt: Trevor schrieb seine Songs nicht mit dem Plan, sie mal als Hipster-Retro-Performer vorzutragen. Er schrieb sie für sich selbst. Hier eben ein Zitat aus der Pressebio: „The challenge here is to make the art for myself and people like me and hope that it is original and lasting.“

Kein flippiges Statement, sondern ein regelrecht bodenständiges. Das aber heisst nicht, dass die Lieder von Sensor nicht auch kunstvoll sind. Es sind Geschichten und Beobachtungen aus dem übersehenen Zentrum der USA, notiert von einem Typen, dessen Faible für Literatur (siehe Studium) in treffenden, manchmal poetischen Formulierungen erkennbar wird.

Und das alles zusammen macht „Andy Warhol’s Dream“ letztlich zu einer wirklich starken Platte. Ein Songwriter, der’s aufrichtig meint und der die Klassiker von Bob Dylan bis Tom Waits im Auge hat. Gehaltvolle Songs, fein formuliert und beherzt performt, ob Piano-Stomp („The Money Gets Bigger“), Melodie-Gitarrenpopsong („Reaper Man“), Rockbrezel („Sedgwick“), Americana-Ballade („Starborne Eyes“) oder gar Walzer („Lion’s Pride“). Das Ganze dann noch unter der Begleitung einer smarten Band, die es versteht, Sounds von gestern geschmeidig aufzugreifen. Alles in allem: Amerikanisches Songwriting auf enorm hohem Niveau und eine erfreuliche Überraschung.

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