Review: Real Lies

Real LifeReal Lies – „Real Life“

Mann, wie BRITISCH dieses Album klingt!
Britischer als alles sonst in diesem Jahr!

Aber ich rede natürlich nicht von dem Britannien, das man aus dem Englischunterricht kennt. Schon lustig – mir zumindest wurde damals in der Schule beigebracht, Engländer würden um fünf Uhr in feiner Gesellschaft Tee trinken, den kleinen Finger abgespreizt, und höflich-distanzierten Smalltalk über das Wetter und die Fuchsjagd halten.

Wer in London war, kennt’s anders. Regennasse Nächte, Adrenalin liegt in der Luft. Junge Lads in Tracktops stehen vor Clubs, in die sie nicht reinkommen. Die, die’s rein geschafft haben, tanzen weggetreten zuckend oder versuchen, mit dem ersten Geld des Monats Girls abzuschleppen. Die Meisten gehen alleine heim und in der Schlange vorm Curry-Schnellimbiss endet die Frustration gerne mal in einer Schlägerei. Am nächsten Tag der Kater, das Wissen, in einem Hamsterrad gefangen zu sein und der Wunsch, daraus auszubrechen. Aber unter der Woche werden im Job die Sekunden bis zum Freitag gezählt, um am Wochenende alles wieder genauso zu machen. Das Britannien, das so in seiner klammen Romantik und seinen vergänglichen Momenten der Euphorie und der Hoffnungslosigkeit immer wieder besungen wurde, von New Order, von The Streets, von The Specials, Hard-Fi, ja sogar den Pet Shop Boys.

Also von genau den Bands, die Real Lies alle in Erinnerung rufen auf „Real Life“. Sie haben ja schon länger angedeutet, diese jungen Londoner, dass ihr Debütalbum eine Bombe werden würde. Mit einer langsamen, aber stetigen Veröffentlichung von Singles, die alle auf ihre Weise stark waren.

Los ging’s vor zwei Jahren mit „World Peace“, einer Synthpop-Nummer, die wie ein modernistisches, pulsierendes Update von New Order klang. Es folgte, fast neun Monate später, die Doppel-A-Seite „North Circular“/„Dab Housing“ – ersterer mit seinem erzählenden Sprechgesang ein gedämpft wummernder Cousin von „West End Girls“, zweiterer ein dubbig schleppender Groove,  ein „Ghost Town“ (The Specials) für die Smartphone-Generation.

Diesen Mai erschien dann „Seven Sisters“, tanzbar, mit fast euphorischem House-Klavier – quasi das Real Lies-Äquivalent von „Hard To Beat“ (Hard-Fi). Als dann endlich das Album „Real Life“ angekündigt wurde, wurde die Single „Blackmarket Blues“ schon mal voraus geschickt. In der Strophe dieser dunkel pulsierenden verwendet Sänger Kev Kharas einen erzählenden Sprechgesang, mich erinnert das an einen undeutlich grummelnden Mike Skinner (The Streets). Nicht, weil die zwei ähnlich rappen würden. Einfach, weil mir hier jemand mit englischem Akzent was aus seinem Leben erzählt. Skinner ist natürlich expressiver, Kharas nuschelt mehr in seinen Kragen. Wie man’s eben tut, wenn man nachts im Regen steht.

Ein wahrlich famoses Brit-Album bahnte sich da also an, denn diese fünf Singles ließen Umwerfendes erhoffen. Nun ist „Real Life“ seit Freitag da und ich hab’s seitdem ziemlich auf und ab gehört, um mir meinen Reim drauf zu machen. Nun, wenn ich vorher vielleicht dachte, dass die neuen Songs, ganz wie die bisherigen Singles, Real Lies immer in einem etwas anderen Licht zeigen würden, dann habe ich ihnen wohl ein bisschen zu viel zugetraut. Bei den neuen Songs bewegt sich das Trio nicht unbedingt von dem Feld, das es mit den Singles abgesteckt hat.

Real_Lies-sqDas heisst aber nicht, dass sie auf der Stelle treten – und wenn doch, tun sie’s tanzend. „Gospel“ und „Deeper“ zum Beispiel sind zwei Songs, die die Indiepop/House-Seite der Real Lies zeigen. Als solche sind sie aber voll in Ordnung. Außerdem zeigen die Londoner uns, wie Balladen in ihren Händen klingen – mal mit murmelndem Sprech-Singsang („Naked Ambition“), mal als Ende-des-Abends—Hymne mit fast-schon-Shoegazing-Gitarren („Sidetripping“).

Und dann ist da noch „One Club Town“, der Song, der doch noch mal so richtig rausragt. Eine Kombi aus Baggy-Piano und Reggae-eskem Rhythmus, dazu im Refrain eine Gastsängerin, die schmettert wie Rowetta höchstpersönlich – dieser Song hätte auch auf „Pills’n’Thrills’n’Bellyaches“ Platz gefunden.

Damit haben wir die Happy Mondays also auch noch abgehakt. Jetzt fasse ich noch mal zusammen: New Order, die Pet Shop Boys, die Specials, Hard-Fi, The Streets, Happy Mondays. Das ist doch mal eine Liste an Referenzpunkten, die sich sehen lassen kann.

Jetzt könnte nur jemand daher kommen und sagen: „Schön und gut, dass sich Real Lies auf so viele charakteristische UK-Bands der Vergangenheit zu beziehen. Aber klingen sie auch AKTUELL?“ Und darauf antworte ich: Doch, das tun sie. Erstens, weil es heute bei neuer Musik oft ja gerade darum geht, Einflüsse aus der Vergangenheit neu zu kombinieren, und das trifft auf diese Band ziemlich genau zu. Zweitens, weil Real Lies diese Einflüsse mit der heutigen Technologie fabrizieren, und drittens, weil sie aus ihrem Leben erzählen, wie es heute stattfindet, 2015. Dass sich manche Erfahrungen gleichen, ob sie von den 1983 von den Pet Shop Boys, 2008 von Hard-Fi , 1990 von den Happy Mondays oder 2015 von den Real Lies gemacht wurden, liegt in der Natur der Sache. Frustration im Wochenende-Hamsterrad, der Wunsch nach mehr, das sind universelle, generationsübergreifende Realitäten. Aber lange hat sie schon niemand mehr so smart auf den Punkt gebracht, wie es Real Lies auf ihrem Debüt gelingt.

real lies wert

Real Lies ‚World Peace‘ from Rollo Jackson on Vimeo.

REAL LIES – NORTH CIRCULAR from Joe Alexander on Vimeo.

Real Lies ‚Deeper‘ from Rollo Jackson on Vimeo.

Real Lies ‚Dab Housing‘ from Forever Pictures on Vimeo.

Real Lies – Blackmarket Blues from Bison on Vimeo.

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