Meine Alben 2018, Pt.4: 15-11

So, wir kommen der Sache näher. Wir kommen zu Teil 4 des Countdowns der meiner Meinung nach besten Alben des Jahres 2018. Wir sind in den Top 15 angekommen und zählen nun runter bis Platz 11.

15. Boy Azooga – „1, 2, Kung Fu!“

Ein Quartett aus Cardiff, doch eigentlich dreht sich alles um Bandkopf Davey Newington. 

Hier mache es mir wieder einfach und zitiere ich mich  selbst. Als das Album im Juni erschien, schrieb ich dies:

„Ich mag kurze Alben. Keine 35 Minuten hat diese Rundreise durch Davey Newingtons Headspace gedauert. Es war jede Minute wert. ‚1, 2, Kung Fu!‘ erstaunt nicht nur durch seine Bandbreite, sondern vor allem dadurch, dass all die vielen Ideen, die Davey hier unter einen Hut bringt, auch tatsächlich so stimmig ineinander greifen. […] Es gibt eine andere walisische Band, die ihre Karriere über ähnlichen Eklektizismus und ihre spielerische Unberechenbarkeit definiert hat: Die Super Furry Animals. Nicht nur der Standort Cardiff macht Boy Azooga zu der Band, die mit dieser Platte den Staffelstab der Super Furries aufgenommen hat – es ist ihre Freigeistigkeit und ihre Raffinesse. Ein tolles Debüt und ein großes Versprechen für die Zukunft!“

14. Shame – „Songs Of Praise“

Es waren natürlich keine Lobpreisungen, die uns die jungen Londoner um die Ohren hauten. „Songs of artfully articulated rage“ hätte als Titel genauer beschrieben, was Charlie Steen und seine Jungs machen. 

Die Situation für junge Briten ist ganz schön scheisse. Der Brexit naht und keiner weiss, was damit kommt – außer weitere wirtschaftliche Unsicherheit. Wer nicht in die reiche Oberschicht geboren ist, darf sich wohl sein Leben lang mit Macjobs über Wasser halten, sozialer Aufstieg wird immer weiter erschwert und die Working Class droht, ihre Stimme zu verlieren. Man sollte denken, dass es viel mehr wütende Bands wie Idles, Cabbage, Slaves, Fontaines DC oder eben Shame gibt, die sich die ureigene Wucht des guten alten Punk zueigen machen und ihrer Furor und ihrer Verunsicherung Ausdruck geben. „Songs of Praise“ ist eine solche Platte, die Brexit Britain braucht.

Hier noch ein Link: Ich hatte Charlie Steen im Interview.

13. The Goon Sax – „We’re Not Talking“

„‚We’re Not Talking‘ ist das Album, das man nach dem famosen Debüt von The Goon Sax erhoffen und beinahe erwarten durfte. Wenn man weiss, wie die Band mit 17 klang, dann kann man ahnen, wie sie mit 19 klingen könnten, und genau das tun sie.“ Das schrieb ich im September, als die zweite Platte des superlässigen Teenage Jangle Pop-Trios aus Brisbane erschien. (Natürlich nicht, ohne mich vorher lang und breit über Louis Forsters pedigree ausgelassen zu haben. Das gehört dazu, wenn dein Daddy bei T** G*-B******* war.) 

„‚We’re Not Talking‘, das ist der angemessene zweite Schritt. Alles ist ein bisschen bewusster, ein bisschen raffinierter. Das Album unterstreicht damit, was für eine intelligente, stilbewusste und gewitzte Band The Goon Sax sind und dass wir von Riley, James und Louis noch sehr viel erhoffen dürfen in den kommenden Jahren.“ 

Hmm. Fast ein bisschen nüchtern, die Zeilen, die ich da aus dem Text geschnitten habe. Kriegt man mit, wie drollig, sympathisch, fresh und clever diese Band ist? Zum Glück haben wir dafür auch Videos.

12. Lord Huron – „Vide Noir“

Manchmal entfalten sich Alben nun mal erst mit der Zeit. Als das dritte Album von Ben Schneider und seiner Band im April erschien, da war ich fast ein bisschen enttäuscht. Weil ich den Vorgänger „Strange Trails“ so sehr gemocht hatte und Lord Huron sich auf der Neuen von deren Sound, der sie darauf ziemlich unverwechselbar gemacht hatte, wieder wegbewegten. Ihr neues Ding, das schien mir ein bisschen erzwungen und weniger eigenständig zu sein. Ich ging in meiner Rezension der Platte Ende April so weit, der Band zu unterstellen, dass sie letztlich My Morning Jacket nachäfften. „Auch Lord Huron sind jetzt also eklektisch, trippy und psychedelisch – wenn auch nicht so weird, spacig und schwurbelig wie My Morning Jacket.“

Letztlich kam ich zu dem Schluss: „Wir haben mit der Platte ein Mischwesen vor uns. Lord Huron scheinen sich nicht richtig entscheiden zu können, wo sie hin wollen: Transzendent-verspulte Americana, Artkram, Retro-Feeling oder Indie-Poprock? So versuchen, irgendwie dazwischen zu pendeln und hoffentlich von allem möglichst viel mitzunehmen – was nicht immer klappt, was aber wenigstens auch nicht tragisch scheitert. Mögen Lord Huron manchmal überambitioniert sein, muss man ihnen doch die Ambitionen zugute halten.“

Tja. Ende des Jahres sieht’s anders aus. „Vide Noir“ avancierte über die Monate zu meinen meistgespielten Alben. Und wenn ich am Anfang fand, die Platte sei nicht richtig greifbar als Formwandler zwischen diversen Americana-Spielarten, so war’s über die Monate genau dieser Eklektizismus, der das Album langfristig interessant hielt.

11. Tyler Childers – „Purgatory“

Schon komisch, die Platte erst 2018 zu feiern. In den USA kam „Purgatory“ natürlich bereits im Sommer 2017 raus und seitdem hat Tyler Childers’ Karriere dort so mehr und mehr und immer mehr Fahrt aufgenommen. Aber weil das Album hierzulande nun mal erst im Januar offiziell erschien (und ich es deshalb auch nicht in meine 2017er-Liste aufnahm), muss es jetzt eben nachträglich rein. Ich kann’s ja auch nicht einfach ignorieren.

Denn „Purgatory“ ist DAS Alternative Country-Album der Saison(s). Einerseits traditionell, weil der rothaarige Kentuckian Childers all die klassischen Genre-Signifier einsetzt, die die Nashville-Schlager-Maschinerie längst ignoriert: Bluegrass-Fiddles, Steel Guitars und sogar die Maultrommel kommen zum Einsatz auf dieser von Sturgill Simpson produzierten und mit Johnny Cash- und Elvis-Veteranen eingespielten Platte. Traditionell auch, weil Childers ein Storyteller ist, dessen Songs als Kurzgeschichten durchgehen könnten. 

Andererseits ist die Platte aktuell, denn diese Kurzgeschichten spielen im Kentucky von heute, in der Welt der entlassenen Bergarbeiter und der Opiat-Abhängigkeit – siehe die Handlung vom Song „Banded Clovis“, in der der süchtige Protagonist mit einem Kollegen steinzeitliche Pfeilspitzen suchen geht. Sobald sie eine finden, zieht er ihm den Spaten über den Schädel, denn die kann ihm die nächsten Pillen bezahlen. (Nachzulesen auch in meinem Interview mit Tyler vom Januar).

Wer über Country denkt „alle außer Johnny Cash sollen mir gestohlen bleiben“, der soll sich bitte mal Tyler Childers anhören.

Fortsetzung folgt…

  

Linksammlung: Meine früheren Jahrescharts.

2017: (30-26) (25-21) (20-16) (15-11) (10-6) (5-1)
2016: (30-26) (25-21) (20-16(15-11) (10-6) (5-1)
2015: (30-21) (20-11) (10-6) (5-1)
2014: (25-21) (20-16) (15 -11) (10-6) (5-1)

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