Review: The Goon Sax

The Goon Sax – „We’re not talking“

Schon vor Louis Forster soll es Leute gegeben haben, die einen Vater hatten. Diese These wird sowohl durch Umfragen als auch Messungen bestätigt. Ich habe diese Beobachtung sogar in meinem persönlichen Umfeld schon gemacht.

Manche von diesen Personen mit Vater hatten sogar einen, der sehr prominent war. Menschen können Väter aus den höchsten Kreisen haben, Väter wie John Lennon, Franz Beckenbauer oder den Dalai Lama. (Okay, vielleicht nicht den Dalai Lama.) Jedenfalls, es gibt Väter, die viel prominenter sind als der von Louis.

Es ist auch nicht so, dass The Goon Sax ein großes Aufhebens darum würden. Fast verheimlichen sie’s sogar ein bisschen. Denn wenn jemand selbst Musik macht und sein Innenleben ausdrückt, dann will man ja wohl bestimmt als allerletztes immer den gleichen Vergleich hören: „Ach guck mal, das ist ja eine kleine Version von…“

Also, die Sache ist die: Einerseits will ich sagen: „Hey, es tut doch nichts zur Sache, wessen Gene Louis mit sich rumträgt. Der übrigens eh nur ein Drittel von The Goon Sax ausmacht, von diesen lustigen, schlauen Kids aus Brisbane, die gerade mal 19 geworden sind.“ 

Andererseits: Louis ist der Sohn von Robert Forster! Von den Go-Betweens! Und ich will kreischen und durchs Zimmer tanzen vor Freude deswegen!

Warum?! Ich versuche hier auch, mir das gerade mal in Echtzeit selbst zu erklären.

Ich meine, auch Johnny Marr hat zum Beispiel Söhne. Einer davon, Nile Marr, ist der Sänger der Band Man Made. Die sind nicht mal schlecht, stelle ich gerade fest. Aber habe ich die Band jemals rausgesucht und verfolgt, weil ein Marr drin spielt? Das habe ich nicht. Ich habe mir Man Made  gerade eben zum ersten Mal ergooglet, weil ich an diesem Text sitze.

Ich bin auch nicht mal der größte Robert Forster-Fan. Also, klar, ich finde ihn super, ich habe vier oder fünf Alben der Go-Betweens. Aber ich habe seine Biographie nicht gelesen, seine Soloplatten nicht zu Hause. Ich kenne Leute, für die ist Robert Forster so quasi der Halbgott. (Hallo, Maik!) So bin ich ja gar nicht drauf. 

Es ist so: The Goon Sax sind sagenhaft, sagenhaft gut. Ihr erstes Album „Up To Anything“ vor zwei Jahren, das hat mir die Schuhe ausgezogen. Und das, obwohl die drei damals gerade siebzehn waren! Aber diese Platte, die hatte so viel pfiffigen Witz! Und gleichzeitig formulierte sie so unglaublich treffend die Ängste und die Hoffnungen des Teenager-Daseins aus, dass man alleine durchs Hören wieder 17 wurde! 

Beispiel: „Home Haircuts“. Einerseits ein drolliges Liedchen über das Problem, dass man die Haare nirgends so geschnitten bekommt, wie man sie haben will und das Drama, dass man als Teenager daraus macht. „These Hairdressers, where do I even start? What are they thinking, before they go and break my heart!“ singt Louis. Hihi. Lustig. Aber nicht nur: Jedesmal, JE-DES-MAL wenn ich den Song höre, sitze ich wieder verkrampft im Stuhl des Friseurs in Sonthofen, in den meine Mom mich immer zerrte, wenn sie fand: „Deine Haare sind wieder zu lang!“ Meine Proteste, dass ich selbst entscheiden wollte, wie ich aussehe, die nahm sie nicht mal wahr. Die galten einfach nicht. So war jeder erzwungene Friseurbesuch nicht einfach nur eine Niederlage, es war ein Schlag in die Magengrube. Man ging am nächsten Tag in die Schule wie ein getretener Hund.

Kein Angst. ich bin drüber weg. 

Nein, stimmt gar nicht. Ich bin in meinem erwachsenen Leben kein ein-zi-ges Mal mehr zu einem Friseur gegangen. Deswegen. Haare schneiden mir Freundinnen oder ich selbst. Und das bleibt so bis ins Grab. Versprochen!

Aber hey, wie kamen wir hier hin?

The Goon Sax. Und wie gut ihr erstes Album war.

Louis Forster singt nicht als einziger in der Band. James Harrison tut’s auch. Während Louis die smarten, witzigen, arched eyebrow-Lieder sang, war James der, der über Zurückweisung, Furcht und Minderwertigkeitsgefühle erzählte („I eat icecream on my own“). Louis, der auch immer ein bisschen gestelzt, beinah unabsichtlich künstlich rüberkommen konnte,  gab er damit ein Gegengewicht der innigen Menschlichkeit. (Flüstert es – genau wie Grant McLennan!) 

The Goon Sax haben eine Drummerin, Riley Jones. (Hey, The Go-Betweens hatten ebenfalls eine Drummerin, Lindy Morrison! )

Es ist garantiert nicht gewollt, denn sowas kann man ja gar nicht erzwingen, wenn man sich noch so viel Mühe gäbe. Das kann sich nur natürlich so ergeben haben. Aber die Parallelen sind halt so… gegeben!

On top kommt: The Goon Sax bewegen sich in dem Janglepop-Sound, der Australiens Indie-Szene schon seit ein paar Jahren prägt. Man kennt ihn als Dolewave: Bands wie Twerps, Dick Diver, Lower Plenty, The Ocean Party, Rolling Blackouts CF aus Melbourne, Bitch Prefect aus Adelaide, Verge Collection aus Perth. All diese Bands sind von wem beeinflusst? Genau, von The Go-Betweens. Da schließt sich ein Kreis so perfekt!

Man hat da also diese wahnsinnig gute, schlaue neue Band aus Brisbane, die sich zu all diesen tollen Bands gesellt, die von den Go-Betweens beeinflusst wurden. Und ihr Sänger sieht sogar auch noch aus wie ein junger Robert Forster. Kein Wunder, weil er ist sein Sohn! 

Deswegen, weil das so unglaublich ineinander greift, kann man sich nie zurückhalten. Deswegen muss man immer, wenn man von The Goon Sax redet, regelrecht triumphal dazu proklamieren: „Übrigens – Dem Robert sein Sohn!“

Aber: Kein Mensch würde rufen „Hört euch die an, WEIL das Roberts Sohn ist!“, wenn The Goon Sax nicht prima wären. Das ist das Wichtige. 

Und noch mal: Louis ist ja nur ein Drittel dieser Band. James ist Co-Frontmann. Und auf der neuen Platte rückt auch Riley verstärkt in die erste Reihe. 

Damit kommen wir nämlich endlich zum zweiten Album von The Goon Sax. Darum sollte es hier ja schließlich eigentlich gehen.

„We’re Not Talking“ ist das Album, das man nach dem famosen Debüt von The Goon Sax erhoffen und beinahe erwarten durfte. Wenn man weiss, wie die Band mit 17 klang, dann kann man ahnen, wie sie mit 19 klingen könnten, und genau das tun sie.

Erstens: Ein bisschen professioneller. Etwas mehr Budget und eine etwas größere Plattenfirma sind jetzt im Spiel, natürlich hat das Trio  in den letzten zwei Jahren, in denen sie als Liveband um die Welt reisten, auch an ihren Instrumenten Sicherheit gewonnen. Man merkt schon, die drei haben jetzt etwas klarere Vorstellungen und sie haben das Ganze einfach etwas mehr im Griff. So können sie jetzt auch mal fast bissig rocken („She Knows“) oder teilen ihre Songs in komplexere Parts auf („Love Lost“). 

Zweitens: Zwischen 17 und 19, da reift man ja als Mensch einfach ein Menge. Auch das spürt man bei The Goon Sax. Beziehungen waren schon auf der Ersten das Hauptthema, aber oft ging es noch um den Wunsch. Ums Anhimmeln und um unerwiderte Liebe. Diesmal geht es bereits um Nachbetrachtungen und Beobachtungen übers Danach eines Zusammenseins. 

„We Can’t Win“ wäre ein Musterbeispiel dafür: Hier singen Louis und Riley im Duett als Paar, das es ja noch versucht, aber einfach merkt, dass es nicht mehr geht. Die Worte, die sie wählen, sollte man mit 19 noch nicht dafür haben: „We don’t want distance, but it seems to come to us, so easily.“ Das Lied ist unfassbar clever. Riley singt in der zweiten Strophe als Antwort auf Louis noch mal das, was er in der ersten Strophe sang. Subtext: Eigentlich wollen beide ja das Gleiche, beide fühlen dasselbe. Das ist schon echt geschickt. Das zeigt schon ein echtes Gespür dafür, wie man das Genre Popsong ausreizen kann.  

Dieses schnelle Reifen der Band, es bedeutet, dass die Drei jetzt mehrere richtig leise Balladen im Programm haben. Schleicher wie „Strange Light“ oder „Now You Pretend“ gab es auf „Up To Anything“ noch nicht.

Es bedeutet auch, dass eine gewisse Albernheit, die sich zumindest Louis auf der Ersten noch erlaubte („Home Haircuts“ habe ich ja schon erwähnt), hier nicht mehr zu finden ist. Selbstironie, die gibt es noch, keine Angst, es wird noch gezwinkert. Aber es wird kein Quatsch mehr gemacht. 

Und wenn ich oben schrieb „The Goon Sax klingen jetzt professioneller“, dann bedeutet das auch, das sie den linkischen, naiven Charme der 17jährigen Anfänger vom Debüt natürlich ebenfalls nicht zu hundert Prozent bewahren konnten. Das aber liegt in der Natur der Sache. Wenn die drei jetzt immer noch auf Schülerband machen würden, das wäre eine Masche. Sie klingen ja auch noch längst nicht wie routinierte Vollprofis, nur halt nicht mehr so putzig hölzern.

Wie gesagt, „We’re Not Talking“, das ist der angemessene zweite Schritt. Alles ist ein bisschen bewusster, ein bisschen raffinierter. Das Album unterstreicht damit, was für eine intelligente, stilbewusste und gewitzte Band The Goon Sax sind und dass wir von Riley, James und Louis noch sehr viel erhoffen dürfen in den kommenden Jahren. Übrigens, habt ihr mitgekriegt, wer Louis’ Pappa ist?

   

 

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