Review: Boy Azooga

Boy Azooga – „1,2, Kung Fu!“

Heute schreibe ich ganz einfach mal drauf los, okay? Es ist nämlich so: Ich finde die junge neue Band Boy Azooga aus Wales so richtig prima. Aber wenn man sich an so einen Text setzt, dann braucht man normal einen Ansatzpunkt, mit dem aus man die Sache anpackt. Oder einen Schwerpunkt, auf den man die Betonung legt. Die Jungs von Boy Azooga liefern mir gleich mehrere. Ich kann mich nicht entscheiden, wo’s ich anfangen soll. 

Vielleicht erst mal mit den Fakten? Also, Boy Azooga sind aus Cardiff. Auf den Fotos sieht man ein Quartett, faktisch aber hat einer von ihnen, Davey Newington, die Platte praktisch im Alleingang aufgenommen. Nur sein Daddy, der früher im BBC Orchester spielte, hat ein bisschen Geige beigesteuert. Davey ist kein kompletter Frischling, er trommelte bereits in dem sympathischen Projekt Late Night Pop Dungeon vom ehemaligen Kinderstar Charlotte Church. Wir lernen also: Er kommt vom Rhythmus.

Jetzt was zum Thema Eklektizismus. Es ist heute ja so: Kaum einer definiert sich mehr als Fan einer bestimmten Musikrichtung, Jeder ist stolz, sowohl HipHop als auch Metal als auch Indie als auch Elektro als auch was weiss ich zu hören, Nicht mal Schlager ist heute mehr verboten. Das Ergebnis ist, dass viele musikalische Acts alles irgendwie gleichzeitig sein wollen, alle Klangfarben ineinander mengen und sich dann wundern, wenn alles nach dem gleichen beigegrau klingt. Überall sophisticated Synth-Songwriting, irgendwie verträumt und doch irgendwie elektronisch. Würg.

Auch Davey Newington hat zahllose Einflüsse als allen Himmelsrichtungen. Krautrock, Funk, Indiepop, Psychedelia und und und. Aber er macht’s anders. Er mahlt diese Einflüsse nicht klein und schmilzt sie nicht in einen Brei. Er setzt sie als Farbkleckse neben und gegen einander, spielt mit den Kontrasten und Parallelen.

Das bedeutet, dass das Album „1, 2, Kung Fu!“ sehr viel Abwechslung bietet. So viel, dass man am Anfang denken könnte, die Platte sei ein bisschen Kraut und Rüben. Aber keine Angst, über den Verlauf des Albums füllt sich das Ganze zum stimmigen Gesamtbild aus.

Noch ein Ansatzpunkt: Decision-Making. Songs zusammen zu setzen, das ist auch immer das Treffen von Entscheidungen. Welchen Rhythmus picke ich, welchen Gitarrensound? Wo setze ich einen Break und wie radikal darf der sein? Hier den richtigen Punkt zu treffen, das ist eine Kunst. Wie lange klingt ein sich sprunghaft verändernder Song noch natürlich und stimmig? Ab wann wirkt’s gewollt? Davey Newington schafft es auf seinem ersten Album immer wieder, in dieser Diszipliin zielgenau ins Schwarze zu treffen.

Viel habe ich voraus geschickt. Aber WIE KLINGT das denn jetzt? 

Folgendermaßen: „Breakfast Epiphany“ beginnt mit einem Drumbeat und einer Zwei-Finger-Keyboardmelodie. Aha, eine Lo-Fi-Dancenummer? Von wegen! Bei 0:33 setzt der Gesang ein, und er schwurlt ins Bild in Form einer Wendeltreppen-Melodie, wie sie Gruff Rhys und seine Super Furry Animals nicht wurliger hinbekommen hätten! Wow! Was für eine unerwartete, aber tolle Wendung!

Diesen Alice-im-Wunderland-Anfang kontern Boy Azooga mit Track 2 („Loner Boogie“) dann gleich mal mit einer roughen Indierockbrezel. Zwei Minuten Radaupop, Peng!

Und dann? Indie-Funk! „The Face Behind Her Cigarette“, die erste Single von Boy Azooga, mit der sie auf der Insel letzten Herbst gleich große Wellen machten, ist Daveys Tribut an den nigerinischen Musiker William Onyeabor. Es gibt folglich einen satten Afro-Disco-Beat, aber kombiniert mit einer Britpop-Melodie. Groß!

Warum darauf nicht mit einem idyllischen Schlafliedchen antworten, das nach 56 Sekunden vorbei ist? Davey tut’s! Und er toppt es mit dem drolligen Jahrmarkt-Britpop von „Jerry“. Einem Song, der im Lexikon als Definition das Wort „Ohrwurm“ erklären könnte. Dieses wundervolle Liedchen ist offenbar Daveys entlaufenem Hund (?!) gewidmet? „Walking down Thompson’s park, you ran so far I couldn’t hear you bark!“ Ach! Die folgende Liebeserklärung „I’m just happy to be the shadow walking in your life, caught inside the moment of time when our stars aligned“ ist ebenfalls sowas von süß. Sollte sie nicht Daveys Liebster, sondern seinem Wauzi gewidmet sein, bin ich fast noch gerührter.

Cool: Das jetzt folgende „Breakfast Epiphany 2“ greift die Gesangsmelodie des Openers neu auf. Sowas sollten mehr Bands machen. Es rundet Alben doch ab, wenn gewisse Farben und Formen wiederholt auftreten. 

„Taxi To Your Head“ setzt wieder beim Groove an, „Losers In The Tomb“ ist eine Psychedelia-Pop-Nummer mit spiralförmigem Refrain, mit folgendem Twist: Die letzte Minute zieht der Song einfach mal das Tempo an.
Danach folgt „Hangover Square“. Dieser Song holt nun wieder am meisten Punkte durch seine Melodie. Und gleich noch so ein Ohrwurm: „Waitin’“ klingt wie ein Lied, das My Morning Jacket auf Fisher Price-Instrumenten eingespielt haben. (Das ist ein großes Lob, falls ihr euch nicht sicher seid.)
Bleibt noch zum Schluss „Sitting On The First Rock From the Sun“. Hier geht Davey noch mal so richtig in die Vollen. Dieser Song beginnt einmal mehr als kleines Melodiewunder, addiert die eine oder andere Soundschicht, – um dann noch abrupt in einen Schmirgelrock-Wigout umzuschlagen.

Und Zack! ist es auch schon vorbei. Ich mag kurze Alben. Keine 35 Minuten hat diese Rundreise durch Davey Newingtons Headspace gedauert. Es war jede Minute wert. „1, 2, Kung Fu!“ erstaunt nicht nur durch seine Bandbreite, sondern vor allem dadurch, dass all die vielen Ideen, die Davey hier unter einen Hut bringt, auch tatsächlich so stimmig ineinander greifen.

Es gibt eine andere walisische Band, die ihre Karriere über ähnlichen Eklektizismus und ihre spielerische Unberechenbarkeit definiert hat. Ihr Name fiel hier heute schon, es sind die Super Furry Animals. Nicht nur der Standort Cardiff macht Boy Azooga zu der Band, die mit dieser Platte den Staffelstab der Super Furries aufgenommen hat – es ist ihre Freigeistigkeit und ihre Raffinesse. Ein tolles Debüt und ein großes Versprechen für die Zukunft!

 

p.s. Dieser Text wurde upgedatet.
Boy Azooga teilten ihr Video zu „Breakfast Epiphany“ ein paar Stunden, nachdem meine Rezension online ging. Statt das Video neu zu besprechen, habe ich’s oben an der entsprechenden Stelle eingefügt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.