Meine Alben 2016, Pt. 5 (10-6)

header-2016-6-stickySo langsam kommen wir der Sache näher. Immer noch befinde ich mich in meinem Countdown der Platten, die mir dieses Jahr besonders viel gegeben haben und die für mich deshalb die Alben des Jahres 2016 sind. Klar, das alles ist extrem persönlich-subjektiv, aber vielleicht kann ich ja trotzdem noch den einen oder anderen nachträglich für einen der Longplayer begeistern oder jemand freut sich, dass er eine eigene Lieblingsplatte hier wiederfindet. Wir sind in den Top Ten angelangt. Platz 10 – 6 gehen an…?

july-talk-cover-album-touch10. July Talk – „Touch“

Zu diesem Album habe ich auf dem Blog gar keine Rezension geschrieben, aber July Talk waren im September trotzdem hier vertreten, mit diesem Interview nämlich.
„Touch“ ist das zweite Album des Quintetts aus Toronto um die Doppelspitze Peter Dreimanis und Leah Fay. Auf ihrem Debüt war die Aufgabenverteilung bei den beiden recht klar: Die Schöne und das Biest, sozusagen. Leah war das kokette Zuckerpüppchen, Peter die raubeinige Reibeisenstimme. Dieser Kontrast, diese Friktion gab July Talk eine elektrisierende Spannung, vor allem auf der Bühne, denn bei Konzerten der Kanadier fragt man sich gerne mal, ob die beiden sich gleich schlägern oder die Klamotten vom Leib reissen werden.
Auf ihrem zweiten Album haben die zwei die Rollen auch mal getauscht. Da kann auch Peter mal der Softie sein und Leah (die vom feministischen Avantgarde-Theater kommt) gibt dafür das Powergör. Elektrisierend bleibt’s, aber es gibt den beiden noch mehr Spielraum für ihre Songs, die mehr Tempos, Rhythmen und Themen ausloten als auf dem Erstling. So haben wir genau das, was man sich wünscht, wenn eine Band ein tolles Debüt abgeliefert hat: Die zweite Platte bleibt konsequent auf der Linie und liefert das, was uns auf der Ersten begeisterte – aber nicht als Wiederholung, sondern vertieft, ausgebaut, und variiert.

teenage-fanclub-album9. Teenage Fanclub – „Here“

Hier gilt das gleiche wie eben bei July Talk, auch hier habe ich keine Rezension geschrieben, hatte aber statt dessen ein Interview auf dem Blog (und zwar hier).
Teenage Fanclub. Hach. Das ist übrigens immer so: Wenn ich „Teenage Fanclub“ schreibe, schreibe ich als nächstes „Hach“. Diese zwei Worte gehören zusammen, denn ein TFC-Album zu hören, das ist wie eine Tasse warmen Kakao und ein gütiges Lächeln zu kriegen. Die Schotten sind und bleiben dafür ewige Favoriten. Auf ihrem ersten Album seit sechs Jahren liefern sie uns immer noch genau das, was wir uns von ihnen wünschen. Und wir wünschen uns? Dass Norman, Gerard und Raymond immer, immer Teenage Fanclub bleiben werden. Dass sie uns gutmütige, herrlich unspektakuläre, aber umso herzenswärmere Songs schenken, handwerklich fein gemacht, mit wohligen Melodien, melancholie-getränkt aber Hoffnung verbreitend. Klar, es gibt Bands, die in ihrem dritten Jahrzehnt stagnieren und sich nur wiederholen und auch TFC erfinden sich nicht mehr neu – dafür reifen sie wie der sprichwörtliche gute Wein und ihr feines Bouquet wird mit jedem Album ein bisschen runder.

westway-the-glitter-the-slums8. Sticky Fingers – „Westway (The Glitter and the Slums)“

Tja, so kann’s gehen: Als ich hier erstmals die Sticky Fingers-Single „Outcast At Last“ postete, da tat ich das mit einem gewissen Argwohn. Da war es mir nicht ganz geheuer, dass diese Nummer mir so gut gefiel. Schließlich war’s eine Art Indie-Rock, dem man eine gewisse Nähe zu Reggae und sogar Funkrock im Chili Peppers-Style nicht ganz absprechen konnte – für mich normal ja Feindbilder (oder besser: Feindsounds). Und dann diese Typen mit ihren Pornoschnurrbärten und ihren Sonnenhüten! Nee, das ist ja so gar nicht mein Style! Aber es kam dann, wie es immer kommt, wenn man sich erst mal dagegen wehrt, dass einem was gefällt: Irgendwann fällt der Widerstand und man schließt es umso mehr ins Herz.
„Westway“ ist bereits das dritte Album der Sticky Fingers, die down under als tanzbare Alternative-Fun-Party-Rockband schon länger gefeiert wurden, aber es ist ihr Problemalbum. Drogengeschichten, interne Streitigkeiten hatten die Vormonate der Band geprägt und so ziehen sich durch den Longplayer, der letztlich auch erstaunlich viel klassischen Britpop sowie bemerkenswert experimentelle Tracks enthält, die Themen Reue und Niedergeschlagenheit. Es ist  eine Aufräumen-nach-der-Party, keine Party-Platte, aber sie ist abwechslungreich, hittig, manchmal entwaffnend deppert und dafür an anderer Stelle erstaunlich einsichtig. Letztere Kombi ist übrigens eine typische Oasis- und Kasabian-Qualität – was erklären könnte, warum mir diese Platte dieses Jahr so ein Hörvergnügen bereitet hat.
Hier noch mal meine Rezi ais dem Oktober – und, übrigens: Leider haben die Sticky Fingers ihre Probleme nicht in den Griff bekommen und kürzlich eine Auszeit/Trennung bekannt gegeben. Echt schade.

FEWS_MEANS_300x3007. FEWS – „Means“

Neulich habe ich in einem Gespräch diese Platte so beschrieben: Es ist, als seien die FEWS ins Studio gegangen und hätten sich gefragt: „Was würde der Henning wohl hören wollen?“
Denn dieses schwedisch/amerikanische Quartett macht klassischen Indie-Gitarrenrock. Ein bisschen Shoegazing, ein bisschen Interpol, mit gepflegt mürrischer bis ruppiger Attitüde und ordentlich Tempo. Das Schöne ist, dass dies zwar nix Neues ist, aber doch immer wieder fresh schmeckt. Ich kann mich an störrisch-stylischem Indierock nun mal nicht satt hören, so wie man sich an Pizza nicht satt essen kann, wenn der Bäcker sie mit den besten Zutaten auf dem feinsten Teig zum genau richtigen Zeitpunkt aus dem Ofen holt.
Das Fazit meiner Rezi aus dem Mai lautete so: „Was wir hier haben, ist eine Band, die einer ganz klar umrissenen Klangästhetik folgt und diese in zahlreichen, minutiös modifizierten Varianten durchspielt. Das macht „Means“ zu etwas, was es gar nicht mehr so oft gibt, da Bands heute ja gerne Eklektizismus vorleben: Zu einem in sich geschlossenen Klangbild, von der ersten bis zur letzten Note. Dass es ein Klangbild ist, das meinem persönlichen Geschmacksideal von Indierock sehr nahekommt, ist natürlich noch umso besser.“

pj-harvey-hope-six6. PJ Harvey – „The Hope Six Demolition Project“

Jetzt kommen wir zu einer Platte, zu der es hier weder eine Rezension noch ein Interview gab. Ich bin einfach nicht dazu gekommen, den jüngsten Longplayer von PJ Harvey ausgiebig zu behandeln – und es ist eine Platte, die man eigentlich nicht mal eben kurz abhaken darf.
Polly Jean Harvey ist eine der wenigen Künstlerinnen, die ihre Rolle als die einer Kommentatorin begreift. Auf ihrem Vorgänger „Let England Shake“ (2011) zerpflückte sie die britische Kriegshistorie, für „The Hope Six Demolition Project“ nun bereiste sie Kriegsgebiete im Kosovo und in Afghanistan, aber auch die US-Hauptstadt Washington. Washington ist eine schizophrene Stadt mit einigen der schlimmsten Armenvierteln der Staaten. Ausgerechnet von hier, wo sich so offenbar zeigt, dass die USA ihre eigenen Probleme nullnicht im Griff haben, versuchen sie, der Welt zu befehlen, wo’s lang gehen soll – das ist schon krasse Ironie. Entsprechend legt Harvey ihren Zeigefinger in sehr viele Wunden und entsprechend negativ wurde die Platte speziell in den USA aufgenommen, hihi. Eine Kritik, auch von Pitchfork, war: PJ Harvey gebe sich nur als abgehobene, besserwisserische Beobachtern, sie verbreite nur Pessimismus und biete keine Lösungsvorschläge.
Wozu ich sage: Soll das etwa auch noch ihr Job sein? Nein, die Lösungen müssen ja wohl von der Politik kommen. PJ macht hier einen wichtigen Job als Reporterin, sie vermittelt Aufklärung, gibt Denkanstöße. Dies sind moderne, brillant artikulierte, musikalisch geschickt und scharfsinnig umgesetzte Protestsongs. Dass Harveys Kritik beissend ist, liegt daran, dass die Situation beissender Kritik bedarf. Ich bin heilfroh, dass auch heute noch solche unbequemen Künstlerinnen unterwegs sind und bin jetzt schon gespannt auf das, was sie uns nach ein paar Jahren Trump liefern wird.

In Kürze geht’s hier weiter mit Platz 5-1.

Hier der Link auf die vorigen Artikel
2016: (30-26) (25-21) (20-16(15-11)

Interessieren Euch meine Listen von 2015 bzw 2014?
2015: (30-21) (20-11) (10-6) (5-1)
2014: (25-21) (20-16) (15 -11) (10-6) (5-1)

 

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