Meine Alben 2014. Pt 4 (10-06)

10-06 Header Kent

Weiter geht’s mit der Aufstellung meiner Lieblingsalben des letzten Jahres. Wir sind bei den Top Ten angekommen, Hurra! 

10. Kent – Tigerdrottningen

10 TigerdrottningenSchwedens größte und breitenwirksamste Rockband ist auch immer noch ihre beste. Dabei haben sich Jocke Berg und Co in den letzten Jahren eher damit begnügt, ihren hohen Level zu halten – die letzten Alben „En Plats I Solen“ (2010) und „Jag Är Inte Rädd För Mörkret“ (2012) waren sehr gut, aber mir fehlte das gewisse Extra, der Aufreger. Es war, wie einem Formel-Eins-Fahrer zuzugucken, der einsam führend seine Runden dreht. Man weiss, der ist sehr gut, der musste viel dafür tun, um den Abstand nach hinten zu halten. Aber trotzdem war es ein bisschen, als rufe eben jemand konzentriert und professionell sein Programm ab.

Wenn man so will, haben Kent also auf „Tigerdrottningen“ mal wieder ein paar aufregende Manöver eingestreut und damit einen Rundenrekord aufgestellt. Das fing schon mit der Single „La Belle Epoque“ an, in der sie mit der schwedischen Gesellschaft, die sich zur Zeit stark nach rechts verschiebt, in ihrer Selbstwahrnehmung aber immer noch so super-liberal unterwegs ist wie immer, so hart ins Gericht gingen wie nie. Auch sonst sind Jocke Bergs Texte so gut wie immer (nicht dass ich schwedisch kann, aber Google Translate funktioniert erstaunlich gut, wenn man Schwedisch-Englisch wählt): Wenn sie persönlich sind, zerpflücken sie poetisch zerbrechende Beziehungen, und wenn sie gesellschaftlich/politisch sind, regen sie bildreich zum Nachdenken an. Wenn ich das z.B. richtig verstehe, ist „Mirage“ aus der Sicht eines Flüchtlings geschrieben, der in Schweden die neue Chance nutzen möchte, während ein Mitflüchtling sich radikalisiert: „Jag ser en himmel utan moln, jag ser en evig långsam sommar – du ser en stad utan moral, du ser en sjuk version av frihet“ („Ich sehe einen Himmel ohne Wolken, ich sehe einen ewig langsamen Sommer – du siehst eine Stadt ohne Moral, su siehst eine kranke Version der Freiheit“). Ich finde es spannend, dass jemand aus so etwas Popmusik macht. Dass jemand diese Themen in eine allgemein verständliche, zugängliche Form bringt, zu der man sogar tanzen will. Auch musikalisch haben Kent nämlich mal wieder in die Vollen gegriffen: Wir wissen, ihr Ding ist melancholischer Rockpop, der zwar im Indie wurzelt, bei Depeche Mode und „The Bends“, der aber längst nicht mehr auf klein machen muss und es auch nicht sollte – seit fast 20 Jahren sind Kent Millionenseller, alleine im skandinavischen Raum. Sie füllen Stadien, ergo ist ihre Musik stadiongroß. Dass ich Kent liebe, obwohl ich Stadionrock normal nicht ab kann, muss doch auch was heißen.. Die Killers sollten sich das anhören, um zu lernen.

09. Shakey Graves – „And The War Came“

Shakey Graves albumAus Abraham Lincolns Rede zu seiner zweiten Amtseinführung als wiedergewählter Präsident der USA: „Both parties deprecated war, but one of them would make war rather than let the nation survive, and the other would accept war rather than let it perish, and the war came.“ Lincoln bezieht sich natürlich auf den amerikanischen Bürgerkrieg, der ja in seiner Amtszeit stattfand.

Ich bin jemand, dem es gefällt, etwas über solche Albumtitel-Referenzen zu erfahren. Das hilft, sich ein Bild zu machen. Dabei ist der Texaner Alejandro Rose-Garcia alias Shakey Graves natürlich in keinen Bürgerkrieg gezogen. Der Krieg, den er auf seinem ersten „richtigen“ Album (davor veröffentlichte Shakey nur auf Bandcamp) aufarbeitet, ist wohl nur ein persönlicher Beziehungskampf. Dass Graves vor dem Album eine Trennung durchmachte, erzählte er schon zur VÖ der Lead-Single „Dearly Departed“: Den Song hatte er geschrieben im ehemaligen gemeinsamen Haus, in dem noch der Geist der Ex „spukte“. Zum Album: Mit „And The War Came“ ist aus dem Bandcamp-Vorzeige-Lofi-Country-Songwriter ein echter Charts-Anwärter geworden. Ein pfiffiger, die Saiten zupfender Sympath, der Ryan Adams- und (warum nicht) auch Lumineers-Fans erreichen sollte. Songwriter gibt’s wie Sand am Meer, daher ist es nur umso toller, wenn jemand auffällt, weil er Persönlichkeit und Wiedererkennungswert mitbringt. Shakey Graves hat beides, und tolle Songs.

08. July Talk – July Talk

July Talk CoverGenau genommen erschien dieses Album schon 2013 zum ersten Mal. Aber nur in Kanada. Ich habe es tatsächlich geschafft, diese Band zu übersehen, bis die Universal sie für Deutschland unter Vertrag nahm und das Album (in neuer Variante, mit stark verändertem Tracklisting) im Herbst bei uns rausbrachte.

Was ich an July Talk liebe, das haben wir schon im Interview angesprochen: Zwischen dem singenden Duo Peter Dreimanis und Leah Fay knistert’s. Da ist eine Reibung, eine Elektrizität, eine Spannung, eine Dynamik, die ich bei noch keiner anderen Band gesehen habe. Live ist das der Wahnsinn: Da macht Peter den Derwisch, und Leah seine Dompteuse. Sie kichert, triezt, teaset ihn. July Talks Songs, wie ihre Videos Donner und Blitze in schwarz und weiss, sind darauf die perfekt zugeschnittene drei-Minuten-Dramulette. „July Talk“ ist ein knalliges Indierock-Album, das brodelt und ausbricht, in dem grinsende Verspieltheit und rohe Gewalt chemisch miteinander reagieren – mal verschmelzen, mal explodieren, mal verpuffen – wie ich es seit den Pixies so nicht mehr mitgekriegt habe.

07. Morrissey – World Peace Is None Of Your Business

07 morrissey world peaceGanz schön lange haben wir nichts gehört von Steven Patrick Morrissey. Klar, da waren regelmäßige Nachrichten, was er jetzt schon wieder von sich gegeben hatte, da war die super erfolgreiche Autobiographie. Aber die Musik, an die hat sich kein Label heran getraut. Nicht grundlos, denn schon hat Moz seinen letzten Partnern die Liebe wieder ent- und die Platte von mehreren Märkten zurückgezogen.

Aber lassen wir all das mal außen vor und kümmern uns um die Songs. Wenn wir das tun, haben wir erstens Morrissey als Texter in Höchstform und zweitens seine musikalischen Mitspieler so variantenreich wie selten. Ich meine, hier gibt es sogar Indie-Flamenco („Earth Is The Loneliest Planet“)!

Trotz allem geht’s bei Morrissey natürlich immer zuerst um Morrissey, die Type. Ihn findet man super oder nicht, und ich bin natürlich seit den Smiths geprägt auf den Mann. Ich höre ihn gerne schimpfen und grätzen, liebe seine Wortwahl und seine Stimme. Und dass ein 55-jähriger immer noch die frechste, polarisierndste und schillerndste Figur der Szene ist – tja, sollte den Indie-Kids zu denken geben, sie hoffentlich wecken, aufrütteln und inspirieren.

06. Lydia Loveless – Somewhere Else

06 lydia lovelessWir kommen zu einer weiteren Platte aus dem Americana-Genre, auch wenn sich die 24-jährige Lydia Loveless auf ihrem dritten Album klar in Richtung Indierock bewegt. Ich konnte mich jedenfalls dieses Jahr an „Somewhere Else“ einfach nicht satt hören, auch wieder, weil man auf dieser Platte so klar und unmissverständlich die Persönlichkeit der Songwriterin mit zu erleben glaubt. Lydia ist eine Person, mit der ich sofort trinken wollen würde. Ehrlich, witzig, sich selbst nicht so ernst nehmend, aber auch over-the-top-emotional. Da gibt’s den Song, in dem sie betrunken einen Ex-Lover anruft („Really Wanna See You“), den Song, in dem sie den Verlust des zwangsversteigerten Elternhauses beweint („Everything’s Gone“), das Lied über die zerstörerische Liebe („Verlaine Shot Rimbaud“), den koketten Flirt („Wine Lips“)… und ich könnte weiter machen, elf Songs lang. Quasi jedes Lied packt einen mit seiner Erzählkraft, sogar die Coverversion von „They Don’t Know“. Ein Lied, das ich bisher nur kitschig fand, das in diesem Album-Zusammenhang, direkt nach dem niederschmetternden „Everything’s Gone“, aber perfekt platziert ist, weil es eine Rolle als trotziger Wiederaufsteh-Song einnimmt. Daher: Auch wenn sie aufs erste Hören unspektakulär erscheinen mag, weil es eben „nur“ Americana-Indierock ist, ist dies doch eine wahnsinnig gute Platte!

Ein Gedanke zu „Meine Alben 2014. Pt 4 (10-06)“

  1. Was, Kent nur an Position 10? Meine klare Number 1 für 2014! Jocke hat mal endlich seine Side Projects für dieses Album ruhen lassen und somit das beste Kent Album seit V&A verfasst. Habe das Club Konzert im Trädgårn Göteborg im Mai sehr genossen. Im übrigen ein sehr gelungene Liste. Thanks for sharing!

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