Meine Alben 2017, Pt.5 (10-6)

So, langsam kommen wir der Sache näher. Dies ist der fünfte und vorletzte Teil meiner Serie, in der ich meine persönlichen Lieblingsalben des Jahres 2017 runter zähle und zu allen noch mal kurz etwas dazu sage.

10. King Gizzard & The Lizard Wizard – Polygondwanaland

(Ein Album, bei dem ich zeitlich nicht dazu kam, es hier auf dem Blog zu besprechen. Deshalb nachträglich eine etwas längere Würdigung)

Zwei Tage haben sie noch. Nicht weniger als fünf Alben haben die freaky Australier uns versprochen fürs Jahr 2017. Vier liegen vor. „Flying Microtonal Banana“ war im Nachhinein, trotz aller Vertracktheit, die Noisepop-Platte. „Murder In The Universe“ war die Radau-Rock-Oper. „Sketches From Brunswick East“, eingespielt gemeinsam mit dem Mile High Club, war das luftige Jazz-Album. Alle auf ihre Weise speziell bis superstark. Im November dann meine Lieblingsplatte as der Sammlung: „Polygondwanaland“.

+ + + UPDATE 30.12. +++ Album 5 ist da + + + „Gumboot Soup“ +++

Ich habe ja immer auf die Pop-Platte von King Gizzard gehofft. Den Longplayer, auf dem die Jungs mal diejenigen ihrer Elemente bündeln, die für die breite Masse zugänglich sind. Auf ihrem 2015er Akustik-Album „Paper Maché Dream Balloon“ haben sie ja immerhin schon mal ihre sonnige Sixties-Pop-Seite in den Vordergrund gestellt. Man stelle sich vor, diese Pop-Sensibilität verknüpfen sie mal mit der insistierenden Groove-Power von „Rattlesnake“, dafür lassen sie die dissonanten Krachattacken und die gerne mal nervtötende Schlangenbeschwörer-Tröte mal zuhause – das wäre ihr Schritt in die Stadien!

Auf „Polygondwanaland“ nähern sich Stu Mackenzie & Co dieser Vision. Aber klar – dies wären nicht König Kaumagen und der Eidechsen-Zauberer, wenn es da nicht ‘nen Haken gäbe. Und dieser Haken heisst: Polyrhythmik.

Versucht mal, bei diesen Liedern mitzuschnipsen! Ich halte mich ja für eine durchaus nicht komplett unmusikalische Person. Ich spiele zwar nur rudimentär Gitarre, aber da muss man zwei Hände getrennt voneinander zur Musik bewegen – und das ging irgendwann. Ich sehe andere Leute tanzen, wie sie oft komplett neben dem Takt von Songs liegen und glaube, das passiert mir nicht. Wenn ich als DJ aktiv bin, bilde ich mir ein, dass ich Songs so zusammenstelle, dass sie immer irgendwie ineinander greifen. Aber hey – „Polygondwanaland“ überfordert mich. Da komme ich beim Mitklopfen immer wieder raus. Was letztlich ein Beweis für die unglaubliche Musikalität der sieben Melbourner sein muss. Die fuchsen sich da durch, was weiss ich, 5/4-Takte, 7/8-Takte, es können auch 15/17-Takte sein, ich krieg’ es nicht mehr mit. Dann streuen sie natürlich immer wieder Breaks, die einen immer, wenn man „Ah! Jetzt hab ich’s!“ denkt, zielsicher aus der Bahn werfen. Zu siebt! Zu siebt sind die da ineinander verzahnt, entwickeln auch in den komplexesten Signaturen dynamische Grooves, und ich höre mir alleine beim Versuch, das aufzudröseln, ’nen Knoten ins Ohr! Das packst ja nicht! Und trotzdem habe ich eine Riesenfreude dran – das ist nicht nur verschrobene Nerd-Art, es gefällt mir auch! Fucken Hell, King Gizzard make me like Prog!

Zu guter Letzt haben King Gizzard & The Lizard Wizard dieses Album auch noch for free zum Download auf ihre Website gestellt.

9. Alexander F – Alexander F

Manchmal ist es cool, wenn man von jemandem einfach nichts weiss. Als ich aufs Album von Alexander F stieß, da war die Platte schon ein paar Monate draußen (deswegen auch kein Text dazu hier auf dem Blog) und ich sah nur diesen drahtigen Typen, der einem eindringlich-primitiven Postpunkrock entgegen schleuderte. Nun bin ich normal ja Gitarrenpopper und Punk ist nix für mich, aber dieser krakeelende Irrwisch war ansteckend. Das Zeug von Alexander F hatte die dissonante, ausgeklinkte, überschäumende Energie der frühen Pixies, das packte mich. Mehr, als dass das ein irrer New Yorker war, der mich da ankläffte, wollte ich gar nicht wissen.

Für diese Zeilen jetzt habe ich mich dann doch noch mal durchs Netz gegooglet und über Alexander F schlau gemacht. Aaalso: Alexander F ist der Name des ganzen Quartetts, nicht etwa nur des Sängers. Der heisst Alex Toth, kommt eigentlich vom Jazz und ist normal Mitglied einer Dancepoptruppe namens Rubblebucket, in der er Saxophon spielt. Nach einer schwierigen Phase in seinem Leben (mehrere Freunde hatten Selbstmord begangen) zog sich der praktizierende Buddhist in eine elftägige Meditation nach Quebec zurück. In diesen Tagen hörte er viel Pixies und Fugazi. Und wie er so elf Tage dasaß und schwieg, schrieb er im Kopf schon die ersten Songs seiner späteren Platte. „Es war, als ob all meine fragmentierten Ängste sich zu einer hyper-fokussierten Energie-Kugel ballten.“ In den Liedern geht’s um die Auflösung des Egos und unsere Position im Kosmos. So sehr „Swimmers“ zum Beispiel rein fetzt, geht’s in der Tat um Reinkarnation: „Remember when I was a butterfly / remember when I was a real bad guy / remember the time before we could breathe / swimming around in mama’s belly“

Fazit zum Album jedenfalls: „Alexander F“ war die Platte, zu der ich in diesem Jahr headbangte. Das Ding ist struppig und kratzbrüstig und nimmt keine Umwege und trotzdem merkt man, dass die Platte schlau ist.

8. Cloud Control – Zone

Ha! Endlich wieder eine Platte, zu der ich zur VÖ auch was geschrieben habe, so dass ich mich selbst zitieren kann und nix vollkommen neues schreiben muss!

Cloud Control aus den Blue Mountains nahe Sydney haben mich auch auf ihrem dritten Album nicht enttäuscht. Ich liebe Alistair Wright, Heidi Lenffer und Ulrich Lenffer für ihre Art, wie sie mit Gitarrenpop umgehen. „Sie drücken’s einem nicht rein, aber ihre Musik ist ein Panoptikum der kleinen Wagnisse und der abseitigen Experimente. Jeder ihrer Tonspuren scheint die Frage zu stellen: ‚Was passiert, wenn wir statt dessen DAS hier probieren?‘ Und meistens ist das Ergebnis ein Ohrenschmaus. Man muss nur hinhören.“ Anders gesagt: „Cloud Control liefern so viel, das ich mag: Sie setzen ihre Klänge sehr gezielt und bewusst platziert ein. Sie verstehen was davon, Atmosphären zu schaffen. Sie sind nie berechenbar, aber sie machen keinen Gimmick draus – alles, was passiert, passiert im Sinne der Melodie, des Grooves oder der Soundscape. Wie Spoon oder Elbow sind sie Meister im Weglassen.“

7. Alvvays – Antisocialites

Das kanadische Quartett um Molly Rankin hat ein Luxusproblem. Man hat sie zur Vorzeige-Janglepop-Band erkoren, dabei sehen sie sich gar nicht als Teil dieser Bewegung. Aber gut, das ist ja nur reine Formsache. Fakt ist, dass diese Platte von Ohrwürmern wimmelt und dass Frontfrau Molly mit ihrem Gesang selbst Kanarienvögel zum Schwärmen bringt.

„Glaubt nicht denen, die euch sagen, „Antisocialites“ sei eine perfekte Indie-Janglepop-Platte.“ schrieb ich im September. Denn: „Das stimmt zwar – aber es ist nur die halbe Wahrheit. Auch, wenn wir das Album aus der Schublade rausholen, bleibt dies eine Platte mit tollen Melodien, feinstem Gesang, bewegenden Songs, smarter Instrumentierung. Dies ist nicht nur die Bedürfnisse der Tweepop-Nerds geschaffen. Sondern jeder, der in irgendeiner Form Gitarrenmusik mag, sollte das Album zu schätzen wissen.“

6. Middle Kids – Middle Kids – EP

Auch eine Veröffentlichung, zu der ich auf dem Blog noch keinen eigenen Beitrag verfasst habe, Ausrede diesmal: Ich war zu spät dran. Warum? Weil diese Platte der archetypische Grower ist. Ich kriegte mit, dass sich die Australier kaum einkriegten, als das Trio um Sängerin Hannah Joy mit seiner EP auftauchte. Dass die drei Sydneysider auch in Amerika offene Türen einrannten, die Staaten bereits auf und ab touren, u.a. im Vorprogramm von Ryan Adams. Aber ich fand am Anfang: „Jaja, ganz nett. Trotzdem muss man jetzt nicht deswegen so ausflippen.“

Tja. Ich lag falsch. Wohl muss man ausflippen! Ja, scheinbar machen die Middle Kids nur normalen, mainstreamtauglichen Indie-Gitarrenpop mit Lady-Stimme. Aber hey – sie schreiben die Sorte Songs, die bleibende Qualität hat. Wenn man „Edge Of Town“, „Old River“, „Fire In Your Eyes“ oder „Never Start“ zum sechsten, siebten Mal gehört hat, graben die Songs sich in der Hirnrinde fest. Dann beginnt man, die Raffiniertheit der Melodien zu bemerken, die Subtilität der Arrangements, die hochfeine Abstimmung der Stimmungen und der Sounds. Das alles findet auf dem höchsten Level statt, den’s im Gitarrenpop gibt. Und wenn man diese Songs erst sieben Mal gehört hat, will man sie auch 20 mal hören. An diesem Punkt verlieren schwächere Lieder ihre Wirkung, aber die Middle Kids will man auch zum vierzigsten Mal hören. So geht’s jedenfalls mir.

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