Review: Sticky Fingers

westway-the-glitter-the-slumsSticky Fingers – „Westway (The Glitter and the Slums)“

Das Cover des dritten Albums der Sticky Fingers aus Sydney ziert eine Bleiglas-Arbeit. Die fünf Mitglieder, ein Haufen aus Vokuhila-, Pornobart-, Reni-Hat-, Jeansjacken- und Indoor-Sonnenbrillenträgern, haben ernsthaft ein Gruppenporträt im Stile eines Kirchenfensters anfertigen lassen – komplett mit Heiligenscheinen. Ich bilde mir ein, dass das schon eine Menge aussagt über diese Heinis. Ich meine, erstens: Wie bekifft muss man sein, um auf so eine Idee zu kommen? Zweitens: Wer ist so drauf, dass er so eine beknackte Idee nicht in der Folge kichernd verwirft, sondern es echt durchzieht und dieses Fenster in Auftrag gibt (es existiert wirklich)? Drittens: Fucken Hell, das ist so bescheuert, dass es schon wieder wahnsinnig lässig ist. Ich meine, gebt euch das! Irgendwo in Sydney steht eine Bar mit Kirchenglasfenster, auf dem die Sticky Fingers verewigt sind! Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass diese Typen coole Hunde sind.

Dabei lande ich erst verspätet auf der Party der fünf Sydneysider. So spät, dass ich sie beim Aufräumen antreffe.

Die Vorgeschichte zu diesem Album geht nämlich so: Sticky Fingers gründeten sich zur Schulzeit und waren down under sehr schnell gefragt, als sie also noch, sagen wir, ziemlich unreif waren. Schnell hatten sie deshalb auch den Ruf weg, hemmungslose Feierbiester zu sein. Grund, Party zu machen, kriegten sie mehr genug, denn auch die USA und Europa bemerkten die Aufsteiger, deren zweites Album „Land Of Pleasure“ in Australien bis auf die #3 in den Charts kletterte. Jetzt tourte man weltweit und konnte rund um den Globus Gas geben.

Aber nach zwei Alben und sieben Jahren on the road kam die Band letztes Jahr an einen toten Punkt. Zu viel Exzess zeigt immer seine Folgen. Manche Mitglieder hatten monatelang nicht mehr miteinander gesprochen. Die Trennung deutete sich an, und als eine US-Tour vor der Absage stand, weil ein paar verplante Mitglieder sich nicht rechtzeitig um ihre Visa gekümmert hatten, schien sie gekommen.

sticky-fingersDas Gegenteil traf ein. Durch die Intervention eines Politikers wurden die Visa auf den letzten Drücker ausgestellt. So fanden sich doch alle Mitglieder auf einer Bühne in Philadelphia wieder, in einem ausverkauften, schwitzigen Club – und plötzlich griffen wieder alle Rädchen ineinander. Die Unstimmigkeiten lösten sich in Begeisterung auf und weil man so kurz davor gestanden hatte, das alles zu verlieren, wurde allen klar, was man aneinander hatte. Auf den weiteren Daten der US-Tour hatte die Band ihren Funken zurück.

Neu vereint buchte man im Januar ein Studio in Thailand – auch, damit alle am gleichen Platz waren. Den Vorgänger „Land Of Pleasure“ hatte man zu Hause in Sydney aufgenommen, wo es ein Riesenproblem war, alle fünf Chaoten beisammen zu halten, weil jeder auch seinen Tagesgeschäften nachging. Tja, das sind also die Voraussetzungen. Fünf Jungs, die Partylöwen waren, aber auch schon zusammen durch die Scheiße waten mussten, haben sich wieder zusammen gerauft. Sie sind erleichtert, dass sie den Draht füreinander wieder gefunden haben. Sie haben gelernt, dass auf den Rausch auch der Kater folgt, aber sie sind auch voll vorsichtiger Aufbruchsstimmung und Lust auf neue Abenteuer. Ich bilde mir ein, dass dies die Stimmungen sind, die man auch als Hörer aus den Songs dieser Platte ziehen kann.

Mal ein Abstecher. Erschreckt nicht, aber man bezeichnet Sticky Fingers als „Reggae/Rock/Indie/Fusion-Band“. Um Himmels Willen! Kein Wunder, dass ich die ersten beiden Platten dieser Band verpasste! Die Wortkombination „Reggae-Rock“ wirkt auf mich abschreckender als „Vorsicht, Rattengift“! Bei „Reggae-Rock“ muss ich an blonde Typen mit Dreadlocks denken, die sowohl töpfern als auch surfen und die sich im englischen Garten treffen, um auf Bongos zu hauen. Aaaargh! „Fusion“ macht’s nur noch schlimmer! Immerhin, „Indie“ mag ich. Aber „Indie“ nennt man heute eh alles, sogar piepsig trällernde Harmlosigkeits-Tussis mit Ukulele und garantierter Nana Mouskuri-Brille.

Trotzdem, keine Angst, 3/4 an dieser Band ist Indie/Britpop. Ja, „StiFi“ fusionieren und crossovern fröhlich rum, aber das heisst nicht, dass hier Chili Peppers-mäßig rumgemuckt wird und der Funk um die Ecke wartet.

Nehmen wir mal als Beispiel die Single „Outcast At Last“. Die legt zwar mit einem Gitarrenriff los, das sehr wohl auch auf einer RHCP-Platte Platz fände, aber genauso kann man es sich bei den Arctic Monkeys vorstellen. Der Refrain hat dann ein Happy-Mondays-Baggy-Klavier.

Noch britpoppiger der Opener: Der schlurfige Gitarrensong „One By One“ ruft bei mir frühe Blur (ca. „Modern Life Is Rubbish“) und die DMA’s („Your Low“) in Erinnerung. „Sad Songs“ kann man sich sogar als guten Oasis-Albumtrack vorstellen, „Tongue & Cheek“ wiederum ist eine weniger technologische Variante eines Kasabian-Krautrock-Brenners (vgl. „Reason Is Treason“).

Es gibt auch drei Balladen, die uns zeigen: Diese Chaoten haben einen weichen Kern. Das Thema Reue taucht wieder auf in „Angel“, denn hier singt Frontmann Dylan Frost traurig „I clipped the wings off an angel“.  Auch das fernöstlich angehauchte „Flight 101“ und „Amilionite“ haben feine Melodien.

Auf dem Titelsong „Westway“ und dem abschließenden „No Divide“ experimentieren StiFi sogar mit Drum’n’Bass-Beats – auch interessant.

sticky-fingers-glassBleibt noch der vermaledeite „Reggae Rock“ – aber sogar der ist voll okay in den Händen dieser Band. Vergessen wir nicht: Dub, Reggae und Ska haben ja eine Tradition im frühen UK-Indie bei Bands wie The Clash, Madness und natürlich The Specials. Deren Klassiker „Ghost Town“ haben Sticky Fingers letztes Jahr gecovert, um auf gegen die extremen Sperrzeiten in Sydney zu protestieren, die die dortige Clubszene lähmen. Das zeigt uns bereits: Sticky Fingers gehen von der richtigen Seite an die Sache ran. So wird die Single „Our Town“ zur Britpop-Nummer, die im Offbeat daher schuggert. „Something Strange“ wiederum ist zweifelsfrei dubby und kann auch mit einem Gastauftritt des Aussie-Rappers Remi aufwarten. Assoziationen, die mir dazu in den Sinn kommen, sind die Gorillaz und irgendwie auch Beck. (Okay, Experten in diesem Sound werden diese Vergleiche verwerfen, was bleibt, ist aber: Ich, ein Typ, den man mit Reggae auch mal ums Haus jagen kann, kann das nicht nur ertragen, sondern finde sogar, dass die Nummer gut reinläuft.)

So, wie schließen wir das jetzt ab? „Westway (The Glitter and the Slums)“ ist also ein sehr eklektisches Album, das viele Stile miteinander mixt. Ein paar der Stile würde ich mir normalerweise nicht daheim anhören – aber so, wie die Sticky Fingers selbst Reggae und Dub in den Indiepop-Zusammenhang setzen, kann ich sehr viel damit anfangen. Feine Songs und Abwechslungsreichtum von einer Band, die genug Selbstironie besitzt, um sich als Heilige auf einem Bleiglasfenster malen zu lassen – dies ist ein Album, das mir wirklich extrem viel Spaß macht.

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