Long Listance Call – Pt 1

Es gibt nicht viele Traditionen auf diesem meinem kleinen Blog. Eine aber ist: Einmal im Jahr lege ich mich mit der BBC an. Dann nämlich, wenn die britische Rundfunkanstalt zum Jahreswechsel her geht und ihre „Longlist“ mit ihren 15 musikalischen Tipps für die kommende Saison bekannt gibt.

Wenn die BBC vorgelegt hat, reagiere ich erst mal auf ihre Vorschläge (siehe 2014/15 und 2015/16) und liefere ein paar Tage später meinen Gegenentwurf mit 15 Indie-Acts (hier 2014/15 bzw. 2015/16)
Also gar kein weiteres Geplänkel. Gestern hat die BBC ihre 15 Namen genannt. Hier erst mal ihr Kurzclip, auf der nächsten Seite geht’s dann weiter:

Bevor ich loslege, auch schon meine erste Beschwerde: Was für ne beknackte Alphabetisierung die BBC gewählt hat! Da wird nach Vornamen, nicht nach Nachnamen geordnet? Und das „The“ bei Bands wird auch mitgezählt? Klar, eine Kleinigkeit, aber ich find’s bescheuert.

Und noch was: Ihr wisst, ich bin Indie-Heini. In Sachen HipHop, Grime, Chartpop etc bin ich kein Kenner. Ich werde mir trotzdem anmaßen, zu entscheiden, ob ich was gut finde oder nicht.

Aber gut. Der erste Act der Longlist ist ein gewisser AJ Tracey.

Okay. Das ist Grime. Das ist nicht mein Gebiet. Nicht mein Sound. Aber mal ne Frage: Ist das echt noch modern? Ich bilde mir ein, diese Claps und Synthies, die aufs Geräusch „Wubber wubber“ eingestellt sind, schon oft, oft gehört zu haben. Was ist hier neu? Vielleicht kann’s mir ein Grime-Kenner sagen? Sind’s die Texte?

Weiter geht’s mit Anderson .Paak. Allerdings, da muss ja sogar ich lachen. Anderson .Paak ein Newcomer? Also ich kenne mich nun echt nicht mit HipHop aus, aber sogar ich habe mitgekriegt, dass der gute Mann schon mehrere Alben auf dem Kerbholz hat und dass er von Dr. Dre auf „Compton“ gleich mehrfach gefeatured wurde. Sorry, aber wer mehrere Alben veröffentlich hat und schon auf so einem Millionenseller wie „Compton“ massiv vertreten war, der scheidet aus. Der ist kein Neuling mehr, egal, ob von der nächsten Platte ein noch so großer Popularitätsschub bevor steht.

Next! Cabbage. Hey, ne Gitarrenband! Yay! Auf Skeleton Key Records, dem Label von James Skelley (The Coral). Na, die machen ja ziemlich Radau. Sie klingen, als sänge Johnny Rotten bei The Coral auf Speed im Frontalcrash mit dem ersten Horrors-Album. Was ich auch gut finde: Sie äußern sich politisch. So entlarven sie auf der gleichnamigen Single heutige Kriege als „Uber Capitalism Death Trade“. Ein bisschen unsubtil, aber nächstes Jahr kommen Situationen auf uns zu, in denen Subtilität uns nicht mehr helfen wird. Ich denke, dass in den kommenden Monaten und Jahren der Protest in die Musik zurück finden wird, auch und gerade bei jungen Bands, und das wird eine gute Sache sein.
Having said that, hundertpro aus den Socken hauen mich die Boys aus Manchester auch nicht. So gut ich es finde, dass Kids heute noch/wieder provozieren/aufrütteln wollen und gegen die Ära des unpolitischen Nabelschau-Tralala-Indie ankotzen, so habe ich bei ihnen ein wichtiges Element noch nicht gefunden: Gute Songs. Aber seine Botschaft transportiert man nur mit guten Songs.

Und weiter geht’s mit – ernsthaft jetzt – Dave. Dave? Dave. Das ist ja so kaputt, dass es schon fast wieder geil ist. Das kann man ja nicht mal übersetzen mit „Michi“ oder „Stef“. Dave. Der banalste Name im englischen Sprachraum. Als Künstlername. Ich bin’s, Dave. Ist das bescheuert oder genial?

Hmm. Wie gesagt, Grime/HipHop ist nicht mein Thema.Trotzdem scheint mir Dave einige Straßenzüge weiter zu sein als oben AJ Tracey. Weil er krass tiefgehend erzählt, weil die Art, wie er den Hintergrundsong zerschneidet und unter das Gesamtbild und das Gewubber legt, etwas ist, das ich so noch nicht gehört habe. Auch als Außenstehender sage ich: Whoah, das ist stark und was Besonderes. Allerdings: Kann sich das in Erfolg beim Mainstream übersetzen lassen? Das glaube ich nicht. Und geht’s nicht darum bei der BBC-Longlist?

Gehen wir weiter zu Declan McKenna. Ein Name, der mir schon öfter genannt wurde. „Ein Teenager, der Songs schreibt, quasi der neue Jake Bugg“ schwärmte man mir vor. Was vielleicht in dem Jahr, in dem der originale Jake Bugg von der Britpresse doch ziemlich sang- und klanglos fallen gelassen wurde, vielleicht nicht unbedingt als Top-Empfehlung gilt. Aber hören wir ihn uns an, den Declan. Das habe ich mir so lange schon vorgenommen und immer vergessen.

Ach, das war doch ziemlich okay. 17 Jahre ist der Junge alt. Wenn einige Girlies künftig auf ihn stehen statt auf Justin Bieber, aufs Cleverle, nicht auf den Schönling, dann ist das was Gutes. Das Songwriting überzeugt mich allerdings noch nicht, weil’s halt schon extrem schlicht ist. Declans Hit „Brazil“ hängt das komplette Lied durch auf den gleichen vier Akkorden fest, ohne Variation. Trotzdem alright. Wenn ich das künftig im Crisp auflegen muss, nervt es mich nicht. Übrigens: Wenn die Blossoms im Februar wieder kommen, haben sie Declan im Vorprogramm dabei. Da kann er uns mehr zeigen.

Hey, das erste Drittel ist geschafft! Und noch fand ich nichts beschissen!

Und nun geht’s weiter mit Jorja Smith.

Naja. Wieder nicht mein Sound. Sophisticated Dancepop mit Jazz-Akkorden. Sowas spielt man in Cafés und Lounges. Aber da gibt’s Schlimmeres. Immerhin ist dies zum Beispiel kein Minimal Electronica Landfill (= der mir-kringelts-die Zehennägel-hoch-vor-Hate-Kotzsound, mit dem die BBC uns die letzten Jahre überhäuft hat). Auch Jorja ist grade mal 17 Jahre alt, sie stammt aus Walsall bei Birmingham. Hey, ich kenn mich in der Welt des Pop nicht aus. Ich weiss nicht, was, sagen wir, Emeli Sandé oder Rita Ora so toll machen, das andere erfolglose Tanten nicht so hinkriegen. Wenn Jorja nächstes Jahr zum Star wird, wird’s mir egal sein.

Kommen wir zu Artist Sieben. Maggie Rogers.

So. Es ist soweit. Jetzt bin ich zum ersten Mal gescheit genervt. Das ist einfach nur banales „Ich-bin-doch-so-ein-harmloses-sensibles-Girlie“-Songwriting, wie man es uns in den letzten Jahren viel zu oft um die Ohren gehauen hat. Okay, diesmal hat man wenigstens der Alten die Ukulele weggenommen (sie hatte bestimmt vorher eine, das möchte ich wetten!) und statt dessen einem Programmierer gesagt: „Kannst du da eben Alt-J-Geräusche drunter kleistern, so dass man denkt, die wäre interessant?“ Aber das stinkt doch.
p.s. Ich höre, die Urversion des Songs hatte ein Banjo und ein Video von Pharrell ging um die Welt, wie er zur Nummer begeistert abgeht. Hey Leute, fallt doch nicht auf so nen SCHEISS rein! Das muss doch jedem klar sein, dass die auf dem gleichen Label oder bei gleichen Management sind und dass es, wenn so ein Clip zirkuliert wird, darum geht, der Tante einen Credibility-Vorschuss zu geben. No nach dem Motto: „Na wenn’s Pharell super findet, trotz Banjo – dann muss ich’s ja wohl auch super finden. Der ist doch so ne endscoole Instanz in Sachen guter Geschmack!“ Nein, müsst ihr nicht! Lasst euch doch nicht verarschen, Kinders!

So. Weiter geht’s mit Nadia Rose.

Tja. Grimepop. Nicht so weit draußen wie vorhin Dave. Das gibt mir nichts. Ist nicht meine Welt.

Wir kommen zu Rag’n’Bone Man. Jo mei. Der Gute grüßt seit Wochen von Platz 1 der deutschen, österreichischen, Schweizer und Belgischen Charts. Wer ihm jetzt den großen Durchbruch prophezeit, der lehnt sich nicht gerade aus dem Fenster. Oha, zu Hause auf der Insel hat’s Rory Graham aus Uckfield, Sussex, bisher nur bis Platz 77 geschafft. Anyway. Keine Frage, dass „Human After All“ ein Hit ist. Die Nummer hat Soul, sie klingt nach den rasselnden Ketten einer Chain Gang, die Produktion ist angenehm wenig aufgebrezelt. Klavier, schleppende Beats, und diese „Whoah“-Samples, die seit Lana del Rey so en vogue sind. Wenn der Gute das auf Albumlänge durchzieht, kann er ne Menge verkaufen.

Und nun zu Ray BLK.

Okay. Soulpop mit Chillwave-Elementen. Ich kann nix entdecken, das es unverwechselbar machen würde, aber ich bin nun mal auch nicht im Thema. Mich regt’s auch nicht auf.

Hey, wir haben zwei Drittel hinter uns!

Das bringt uns zu Raye.

Tja. Auch wenn’s nicht mein Sound ist, das klingt für mich durchaus hittig. Rayes Gesangsstil erinnert mich an Rihanna, das wird ihr nicht schaden. Ja, da stimme ich der BBC zu – die Dame wird sehr viele Fans finden.

Und nun: Stefflon Don.

Rap, Dancehall und dralles Rumgewackel. Mei, wenn sie das richtig findet. Aber bedeutet das echt Frauenpower, wenn man wie Nicki Minaj die Kurven präsentiert? Bin ich humorlos oder verknöchert, wenn ich das nicht gerade würdevoll finde?

Lieber wieder Gitarren, oder? The Amazons coming up!

Nee, lieber doch nicht. Sorry, näh! Nääääääh! Ich meine, kein Wunder, dass Kids keine Gitarren mehr in die Hand nehmen, wenn solcher uninteressanter Unter-Durchschnitt als Favorit gehandelt wird! Echt jetzt – solche Klischee-Grütze ist der schlimmste Feind des Indie. Es gibt schon genug Leute da draußen, die glauben, dass unsere Musik so belanglos und berechenbar klingt wie das, was diese Nasebohrer da machen. Die muss man nicht auch noch bestätigen.
Nein nein nein, es gibt auch 2016 noch tolle Bands und Songwriter aus dem Indie-Bereich. The Amazons sind ein ganz kackmieses Beispiel für Indiegitarren. Eine Band zum sich-für-Indie-Schämen.

Gehen wir weiter zu The Japanese House.

Jetzt sagt mir mal einer, was daran interessant oder sogar stark sein soll. Das braucht ja wohl kein Mensch, oder? Synthpop ohne Persönlichkeit, ohne Power, ohne Dynamik und ohne Melodien. Das will ich nicht mal im Sarg hören.

Einen noch, dann ist’s geschafft! Tom Grennan.

Na, der hat uns ja noch gefehlt. Der Typ „überbewerteter Singer/Songwriter von der Privatschule, der mit 20 so tut, als sei er ein blinder Blueser vom Mississippi“ gehört schließlich grundsätzlich in diese Liste, siehe aus den Vorjahren Tom „fuckenfuckoff“ Odell, Sam „Fuckfuckfuckenfuck“ Smith und nicht zuletzt James „AAAAARGHfuckenfuckenfuckfuckFUCKFUCKENFUCK“ Bay. Mann, was für eine Scheissnummer dies ist! Wieder mal vier ewiggleiche Akkorde, bis gekotzt wird. Mann, da schlafen einem ja beim Zuhören die Finger ein! Und dieses leidende Bluesboy-Getue von einem Typen, der noch NICHTS erlebt hat und deshalb so singt, als spiele er den Bluesman beim DSDS-Casting!! AAARGH!!

Na, da habe ich mich zum Schluss ja doch noch mal so richtig schön aufgeregt.

Fazit? Trotz des Pulsanstiegs am Schluss, die letzten Jahre fand ich’s sogar schlimmer. Meine Tipps für den Erfolg: Rag’n’Bone Man (eh klar), Raye, Declan McKenna und (leider) Tom Grennan.
Ein Trend bleibt bestehen: Wieder mal haben wir eine Liste mit 13 Solisten und nur zwei Bands. Was nicht daran liegt, dass die Leute aufhören, Gitarre zu spielen – Declan McKenna, Tom Grennan und Maggie Rogers fallen schließlich auch in die Kategorie Songwriter. Aber dass alle Künstler heute offenbar lieber alleine arbeiten wollen und sich nicht auf Bandmitglieder einlassen, die auch was beitragen wollen, das setzt sich fort.

Mein persönlicher Favorit? Declan McKenna, wenn auch mit Abstrichen. Außerhalb meiner Indie-Bubble konnte ich Dave, Raye und Anderson .Paak definitiv was abgewinnen.

Okay, so viel zu Teil Eins. In Kürze geht’s dann weiter mit meiner eigenen Shortlist von 15 Favoriten für 2017. Gute Nacht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s