Review: Cloud Control

Cloud Control – „Zone“

In meinem letzten Post von heute am frühen Abend habe ich mich darüber aufgeregt, dass die Musik der Pale Waves ja wohl weder alternativ noch aufmüpfig sei. Bevor ich jetzt über eine absolute Lieblingsband schwärme, muss ich mir natürlich die Frage stellen: Wende ich die gleichen Maßstäbe an, auch wenn ich meine Schatzis beurteile? Aufmüpfig sind Cloud Control, die Band aus den blauen Bergen, ja echt nicht. Aber sind sie alternativ?

Ja, das sind sie. Voll. Wobei man da natürlich das Wort „alternativ“ für sich definieren muss. Nicht nur, weil Alternative Rock zu einer Trademark geworden ist, bei der man zuerst mal an die Foo Fighters denkt. Nicht nur, weil das Wort „Alternative“ in der deutschen Politik doch ernsthaft von der dummdreisten Rechten gekapert wurde, so dass es droht, seine positiven Konnotationen zu verlieren. (Gebt uns unser Wort zurück, ihr kackblöden rückwärtsgewandten Arschlöcher!)

Mei, ich bin nun mal in den 80s groß geworden. Als das Wort „Alternative“ auftauchte, stand es politisch links. Und das Alternative-Fach im Plattenladen war das Fach, in das alles rein kam, das nicht in Rock, Metal oder Pop reinpasste, von Goth bis bulgarischen Chören. Alternative, das bedeutet doch: Eine andere Möglichkeit. eine andere Methode.

Cloud Control verwenden ständig alternative Methoden. Sie drücken’s einem nicht rein, aber ihre Musik ist ein Panoptikum der kleinen Wagnisse und der abseitigen Experimente. Jeder ihrer Tonspuren scheint die Frage zu stellen: „Was passiert, wenn wir statt dessen das hier probieren?“ Und meistens ist das Ergebnis ein Ohrenschmaus. Man muss nur hinhören.

Das dritte Album von Cloud Control war keine leichte Geburt. Dass sie ihren Deal in England verloren haben und ihren Schwerpunkt wieder nach Hause nach Australien verlagerten, ist dabei sogar nebensächlich. Der größere Schlag war der Ausstieg von Bassist Jeremy Kelshaw. Der musste schweren Herzens vernünftig sein, als er zum zweiten Mal Vater wurde, und in seinen Job in einer australischen Regierungsbehörde zurückkehren. Aber „Jez“ war nicht nur ein kreativer Musiker mit einem Händchen für schöne Basslines. In jeder Band kristallisieren sich Jobs raus und Jez war der Logistiker von Cloud Control. Er organisierte all die Dinge, um die die anderen drei – Sänger Alistair Wright, Keyboarderin Heidi Lenffer und ihr Bruder Ulrich, der Drummer – sich nie gekümmert hatten. Für die Übriggebliebenen bedeutete ohne Jeremy weiter zu machen, sich mit vielen Unklarheiten einspielen zu müssen  und sich auf eine völlig neue Banddynamik einzulassen.

Geld war auch keins da. Immerhin fand man billige Proberäume. Das Lehrerzimmer ihrer alten Schule in den Blue Mountains außerhalb Sydneys, wenn dort Ferien waren. (Immer noch einer meiner Lieblings Band-Origin-Mythen: Cloud Controls Ursprung ist ein Bandwettbewerb an ihrer Schule, zu dem Heidi die Anderen ohne ihr Wissen anmeldete, bevor überhaupt eine Band gegründet war) Ein leerstehender Laden in Sydney. Ein Künstlerhaus in Bundanoon im Landesinneren. Die Garage eines Fans, wieder in Sydney. Hier stritten die drei und rauften sich wieder zusammen, hier zweifelten sie aneinander und fanden wieder den Glauben, hier schrieben sie, nahmen auf und produzierten ihr drittes Album. Hier fanden Cloud Control zurück in die „Zone“.

Und damit sind wir bei den Songs. Es geht los mit „Zone“, ein Lied, das gleich mal eins dieser Experimente darstellt, von denen ich oben sprach. Cloud Control sind Könige der Melodien, hier aber stellte sich Alistair die Frage: „Was passiert, wenn ein Song nur eine einzige Melodiezeile beibehält und diese den ganzen Song eisern durchzieht?“ Das Ergebnis hat was Hypnotisches. Spannend ist hier das, was hinter der gleichbleibenden Gesangslinie passiert. Welche Instrumente und Stimmen reinkommen und wie sie wieder verschwinden. Der stete coole Beat und der Effekt, wenn er aussetzt. Und bei ca 2:50 etwas ziemlich irres: Aus dem Off kommt eine hallige Stimme, wie ein Erzähler. Ein Stilmittel, das ich nur aus Schlagern und Italopop der 70er und 80er in Erinnerung habe – dass sowas hier auftaucht, ist ziemlich irre und so daneben, dass es geil ist.

Über die Single „Treetops“ habe ich schon in einem eigenen Post gejubelt. Wir erleben hier echte Klangkunst. Die Gesangsmelodie ist so fein und ohrenschmeichelnd, dass man fast nicht bemerkt, aus was für disparaten Einzelelementen dieser Song zusammen geflickt ist. Herrlich.

„Rainbow City“, ebenfalls eine Single, wendet ein ähnliches Muster wie der Song „Zone“ an. Eine sogar quasi auf nur zwei Töne reduzierte Gesangsmelodie, zumindest in den Strophen, überlässt es dem Arrangement, sich zu verzwirbeln, in den Himmel zu wachsen und dort schließlich zu öffnen wie eine Blüte.

Nun „Panopticon“. Ein Lied darüber, dass wir heute überall von Kameras überwacht werden. Heidi singt. Auch hier kann man nur lieben, wie die drei eine The Cure-ige Gitarrenschicht, eine Metronomy-esk groovy Bassline, Synth-Schichten und einen sonderbaren Vocal-Effekt gegen- und ineinander verschieben. Dadurch klingen CC bei Sekunde 55 kurz wie Miike Snow – doch in diesem Moment unterbricht Heidi, so wie wenn man abrupt ein Gespräch unterbricht, weil jemand anruft: „I really gotta take this call“ – und zack, die Cure-Gitarre ist zurück.

Klar, nicht jeder hört Musik so wie ich. Für viele ist dies einfach ein Midtemposong mit gefälliger Melodie und das ist okay so. Mir macht es halt Spaß, auf sowas zu achten. Den einzelnen Sounds zu folgen, wie sie eintreffen und sich wieder verabschieden, wie unerwartete Gäste. Oder wie Vögel im Garten.

Übrigens: Wir hören so einige Synthieklänge auf diesem Album, aber Ali hat auf der ganzen Platte nur zwei bestimmte Synths verwendet, um eine Kontinuität im Klangbild zu gewährleisten. Das funktioniert. So können die Cloudies (wie man sie nicht nennt) fröhlich innerhalb der Songs experimentieren und das Album ist trotzdem nicht unrund.

Aber weiter im Programm. Das spezielle Feature von „Lights On Chrome“ ist seine komplexe Rhythmik, die zwischen Strophe und Refrain changiert. Das folgende „Goldfish“ ist im Kontrast dazu schlicht und einfach. Ein Walzer mit lieblicher Gesangsmelodie und drolliger Bassline, die der Stimme in der Strophe zu antworten scheint, während sie im Refrain mit einstimmt.

Jetzt wieder ein absolutes Highlight: „Mom’s Spaghetti“ ist beeinflusst von einem Meme, das im Netz zu Eminems „Lose Yourself“ rumgeistert. Auch das ist doch wieder was, was man von einer Indiegitarrenband einfach nicht erwartet, oder? Zudem kann ich mich kaum daran satt hören, wie die Synthies hier blubbern, gurgeln, plitschern, kletschen und gribbeln.

Next! Höre ich im Refrain „Lacuna, Lacuna Hey!“ etwa einen Afropop-Einfluss? Auch in der wurligen Bassline, wie sie auf und ab hopst? Der schimmernde Boy/Girl-Gesang und die schnurrenden Gitarren-Akkorde erinnern dagegen mehr an Slowdive. Wieder so eine sonderbare Kombi, auf die man erst mal kommen muss.

Bleiben noch „Summer Rave“ – ein Song, der der Bassline die führende Melodie überlässt – sowie das abschließende „Find Me In The Water“. Interessant: Diesen Closer schrieb Doug Wright. Er ist der Bruder von Alistair und bisher noch nicht offizielles Bandmitglied, auch wenn er live die Rolle des Bassisten übernommen hat. Doug hat sein eigenes Musikprojekt am Laufen: Das Sampling/Beat-Ding-Fishing. Er kommt also mehr von der elektronischen Seite.  „Find Me In The Water“ ist für Cloud Control untypisch (wobei – was ist für diese Band schon typisch? Doch wohl nur die Variation), da der Song selbst nicht aus vielen Elementen zusammen gesetzt ist, sondern durchgehend vier Akkorden folgt.

Tja. Ich verrate euch kein Geheimnis mehr, wenn ich euch abschließend sage, dass ich diese Band sehr, sehr gut finde und „Zone“ als sehr gelungenes Album einschätze, oder? Cloud Control liefern so viel, das ich mag: Sie setzen ihre Klänge sehr gezielt und bewusst platziert ein. Sie verstehen was davon, Atmosphären zu schaffen. Sie sind nie berechenbar, aber sie machen keinen Gimmick draus – alles, was passiert, passiert im Sinne der Melodie, des Grooves oder der Soundscape. Wie Spoon oder Elbow sind sie Meister im Weglassen.

Finde ich trotzdem etwas an dem Album auszusetzen? Hmmm. Cloud Controls Debüt „Bliss Release“ hatte Instant-Indie-Hits wie „Gold Canary“ oder „This Is What I Said“ und himmlische Folkballaden wie „Hollow Drums“ und „Just For Now“. Auf ihrer Zweiten „Dream Cave“ gab’s edle, dichte Popnummern wie „The Smoke, The Feeling“ oder „Happy Birthday“. All das gibt’s nicht auf der Neuen und ich wünsche mir schon, dass die Band diese Fäden noch mal aufnimmt – denn sie können das so gut, dass es einfach schade wäre, wenn sie davon nicht mehr machen.
Aber auch ohne diese Art Songs machen Cloud Control schöne, erfindungsreiche Musik. Sie tun das auf dieser Platte subtil und stringent, vielleicht sogar zu subtil. So ein richtiger überragender Spannungsmoment, das ist vielleicht, was tatsächlich auf „Zone“ fehlt. Ich kann mich in diese Platte reinsteigern und mich von ihr in den Bann ziehen lassen, aber ich kann einsehen, wenn das anderen nicht so geht, weil sie was brauchen, das sie besser greifen können. Ja. Das ist so meine Einschätzung.

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