Review: King Gizzard And The Lizard Wizard

King Gizzard And The Lizard Wizard – „Flying Microtonal Banana“

Es gibt Bands, die sind in der Vorstellung besser, als sie es in Wirklichkeit je sein können. Das Musterbeispiel dafür sind The Hives. Sind die schon mal an euch vorbei gelaufen? Bei einem Festival zum Beispiel kann das ja schon mal vorkommen. Da stolzieren sie dann, alle fünf in ihren identischen Anzügen, smarte Haare, Pelle mit seinem irren Blick, der Dicke, der Typ mit seinem Schnauzer. Das ist echt ein Hingucker. Da bliebt man stehen und gafft und muss an sich halten, um nicht wie ein Teenie zu kreischen. So ein fantastisches Bild geben die Hives ab! Ihr Liveset auf der Festivalbühne ist normalerweise dann auch eine echte Radauwucht.
Aber dann hört man ihre jeweilige neue Platte (die immer auf einem neuen Label erscheint, weil das letzte krass enttäuscht von den Verkäufen war, die nicht annähernd die Erwartungen erfüllten) und fragt sich: Wieso ist von all dem Hurra im Studio nichts übrig geblieben? Aber die Idee „Hives“ ist viel besser als ihre tatsächlichen Songs, so ist es leider.

Ihr ahnt schon, was das mit Melbournes King Gizzard And The Lizard Wizard zu tun hat. Oh Mann, ich würde mir SO wünschen, dass ich sagen könnte, dies sei meine Lieblingsband! So viel an den kirren Australiern bringt mich dazu, begeistert zu johlen: Die abgefahrenen Videos, die lässige Attitüde, der „wir scheißen uns gar nix“-Style. Die Tatsache, dass sie zwei Drummer haben! Und sie sind so unbändig kreativ! Andere Bands drehen jeden Ton im Studio sieben mal auf links und brauchen fünf Jahre für ein Album – KG&TLW drücken schon den Aufnahmeknopf, noch bevor der Song fertig geschrieben ist. „Flying Microtonal Banana“ ist das neunte (!) Album der Garagen-Psychedelia-Knalltüten seit 2012. Vier weitere (!) sollen alleine 2017 noch folgen.

Man merkt schon, dies ist eine Combo, die dem zu oft verwendeten Ausdruck „Kultband“ noch echte Ehre macht. Daheim in Australien sind King Gizzard inzwischen sogar ein kommerziell funktionierendes Ding: Ihr letztes Album „Nonagon Infinity“ (April 2016) ging in die Top 20 – in Sachen Vinyl gehören sie down under gar zu den bestverkaufenden Acts. Die Vinylauflage von „Nonagon Infinity“ war sofort ausverkauft und musste wiederholt nachgepresst werden.

king-gizzard-and-the-lizard-wizardEin echter Buzz hat sich international inzwischen um die Band aufgebaut. Hilfreich dabei: Tame Impala, Pond und die anderen Bands der Perth-Szene haben die Welt bereits auf australische Psychedelia angespitzt, ebenso Neuseelands Connan Mockasin. Die Tore stehen also weit offen für King Gizzard, sie müssen nur noch aufs Gas gehen.

Und mit „Rattlesnake“, dem ersten Song von „Flying Microtonal Banana“, tun sie’s auch. Fast acht Minuten rasselt der Song im linearen Krautrock-Beat in Überholspur-Geschwindigkeit und verbindet dabei orientalische Tonleitern mit freejazzig-spinnerter Improvisation – und trotz aller Repetition wird er nie langweilig. Als er ausfadet, könnte er meinetwegen sogar noch ewig weiter gehen. Nur bei ca 4:44 gibt’s ein Problem: Da glaubt Frontmann Stu Mackenzie in eine Basar-Tröte, mit der man sonst Schlangen beschwört (Sorry, den Fachausdruck kenne ich nicht), pusten zu müssen und das Geräusch erinnert an die berühmte „gewürgte Katze“.

Was jetzt echt blöd ist: Diese Tröte taucht auf dem Album wieder und wieder auf. Sie ist eins der prägenden Instrumente auf „Flying Microtonal Banana“, fast jeder der Songs hat ein Segment, in dem sie rumgniedelt. Aber: Das Ding hat jedoch auf mein Gehör eine Wirkung wie „geschabte Kreide auf Tafel“ oder „kratzende Gabel auf Teller“ – mir stellt’s einfach echt die Nackenhaare auf. Mir ist das alles an manchen Stellen einfach zu viel.

Vollbremsung. Ähem. Neustart.

Als ich mich an diesen Text gesetzt habe, da hatte eine Idee im Kopf, wie ich das Ganze aufziehe. „Sorry“, wollte ich sinngemäß sagen, „in der Theorie sind King Gizzard ja so richtig superduper ausgeflippt, schräg kreativ, drollig spinnert und alles. Ist ja alles schön und gut. Ein paar super Stücke sind zweifellos drauf auf der Platte. Das Problem: Faktisch kann man sich’s stellenweise einfach nicht anhören! Manchmal ploddert’s und im schlimmsten Falle – siehe Basartröte – nervt es sogar krass.“ Mir fiel der Vergleich mit den Hives aus dem ersten Absatz ein – auch eine Band, die in der Praxis halt leider nicht so gut ist, wie man es sich wünscht, wenn auch anders.

So weit, so gut. Jetzt habe ich nur ein Problem. Während ich also diesen Text schreibe, lasse ich natürlich das Album noch mal laufen. Aber genau jetzt hat’s *Klick* gemacht. Erstmals finde ich die Platte uneingeschränkt super. Liegt’s daran, dass ich schon ein bisschen schläfrig bin? Können meine Hirnlappen in diesem Zustand transzendentes Geschrattel ganz anders aufsaugen als im Büro, wenn ich mich konzentrieren muss und mich so verplante Sounds extrem ablenken?

Jedenfalls: Als ich die Platte neulich bei der Arbeit hörte, da fand ich die Hälfte der Songs bei aller Liebe echt zähflüssig. Ich fand es enttäuschend, dass die Band oft nur planlos herum zu mäandern schien, anstatt zu Potte zu kommen (obwohl KG&TLW ja auch fokussiert zugreifen können, siehe dazu ihr Akustikalbum „Paper Mâché Dream Balloon“, Nov 2015). So manche Geräusche fand ich schlicht irritierend.

Heute Abend aber entdecke ich bei „Melting“ eine fast lightjazzige Luftigkeit im Rhythmus! Die erneute Hispeed-Krautrock-Motorik von Songs wie „Open Water“ und „Anoxia“ zieht mich voll mit! Sogar der ohne Schlagzeug auskommende Titelsong entwickelt einen hynotischen Flow! Dabei ist es gar nicht nötig, bei diesem Album außer „Rattlesnake“ einzelne Songs hervor zu heben, das Ding hat ein durchgehendes Klangbild und bezieht seine innere Dynamik aus all den Rhythmuswechseln zwischen den bzw. innerhalb der Songs.

Entweder dies ist also eine der berühmten Platten, die man „eben öfter hören muss“. Oder es kommt extremer als bei anderen Platten auf den eigenen Gemütszustand an, wie empfänglich man für sie ist.

Einerseits: Stark! Ich freue mich, dass ich endlich den Zugang zu King Gizzard gefunden habe.

Andererseits: Ich habe doch schon fast einen ganzen Text fertig, der mit einer ganz anderen Prämisse begann!

Was nun? Alles wieder löschen?

Puh! Sehen wir’s so: Dies ist mein Blog. Da kann ich doch tun und lassen, was ich will, oder?

Dann ist dies eben ein fragwürdig strukturierter Text, in dem ich mittendrin meine Meinung ändere. Na und? Dafür habt ihr quasi live miterlebt, welche Verwirrung diese kauzige Platte bei mir auslöst. Und hier geht’s ja letztlich drum, dass ihr ein Bild von der Platte kriegen sollt. Vielleicht ist so ein konfus schwankendes Urteil ja auf seine Weise bezeichnend für diese abgefahrene Band?

Ich sollte das Album vielleicht morgen noch mal im Büro anmachen und gucken, was ich dann dazu sage. Für heute Abend verabschiede ich mich mit der Botschaft: Gute Nacht. Checkt die Platte aus und wenn sie euch aufs erste Hören beknackt vorkommt, gebt trotzdem nicht auf – es kann sich lohnen.

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