Review: Alvvays

Alvvays – „Antisocialites“

Okay, stellt euch vor, ihr seid Bergsteiger. Eure kleine Vierergruppe hat sich einen Gipfel zur Besteigung auserkoren. Also kraxelt und klettert ihr durch unwegsames Gebiet und schafft es auf die Bergspitze! Aber als ihr oben angekommen seid, stellt ihr fest: Hier sind ja schon dreißig andere! Auf der anderen Hangseite gibt es einen Wanderweg! Der ist sehr beliebt und wird von zahlreichen Reisegruppen frequentiert.

So in etwa müssen sich Alvvays aus Toronto fühlen. Sängerin Molly Rankin und ihre Band sagen von sich, dass sie Teenage Fanclub lieben. Dass sie klassische Songs schreiben wollen, mit denen sie was auslösen beim Hörer. Sie glauben dabei, einen gewissen Einfluss keltischer Melodien mitzubringen, denn Mollys Eltern leiteten eine Traditions-Folkband, damit ist sie aufgewachsen.
Aber wann immer Alvvays eine Zeitung aufschlagen, lesen sie über ihre Band zuerst die Worte „Indie-Janglepop“ und „Tweepop“. Immer wieder die Vergleiche ihrer Musik mit Bands der späten 80er aus England und Neuseeland. Bands, von denen Alvvays sagen, sie seien nie ihre Vorbilder gewesen.

Ich kann mir vorstellen, dass es für die Kanadier irritierend sein mag, gegen ihren Willen in ein Genre eingegliedert zu werden. Andererseits: Wenn du lange Ohren hast, Nagezähne und ein Stummelschwänzchen, dann wird man dich nun mal zu den anderen Hasen ins Gehege stecken. Alvvays weisen eben all die Qualitäten auf, für die wir Indie-Kids all die C86-Janglepop-Bands ins Herz geschlossen haben: Sie schreiben melancholisch-schöne Lieder. Songs voller Sehnsucht, nicht ohne hintergründigen Witz, mit hinreissenden Melodien, mit schnurrenden, rauschenden und – genau – janglenden Gitarren.

Das alles macht Alvvays nun mal zu einer prima Janglepop-Band. Vielleicht sogar zu einer der besten, die unterwegs sind und waren. Aber man tut ihnen Unrecht, wenn man sie nur ins Genre einordnet und abhakt. Weil man dann Gefahr läuft, ihre individuellen Fähigkeiten links liegen zu lassen.

Es ist zum Beispiel unbedingt notwendig, Mollys Gesang hervor zu heben. Viele Janglepop-Girls machen es zur Kunst, beiläufig zu säuseln, das gehört dazu. Molly wählt diesen Ansatz auch, aber damit betont sie nur die Momente, in denen sie Glanzpunkte setzt. Denn Molly hat’s durchaus drauf, wie ein Kanarienvogel zu zwitschern.
Nehmen wir mal den Song „Not my Baby“. Da tänzelt Molly zwischendurch in den Sopran, als wärs nix. An anderen Stellen legt sie einen harten Hauch in ihren Gesang, klingt abweisend und abgehoben. Das gibt dem Song sehr viel Farbe. Molly geht in dem Song mehrere Emotionen nach einer Trennung durch – von verletzt, bis kühl und distanziert. An manchen Momenten scheint sie beinah mit der Melodie zu weinen, doch sie reisst sich zusammen und sammelt sich. Am Anfang des Songs neigt sie zum Weinkrampf, am Ende des Songs weiss sie, dass die Trennung das Richtige war. (So kommt’s jedenfalls bei mir an.)

Das ganze Album ist voll mit diesen Momenten. Molly versteht es einfach, ihre Stimme einzusetzen, um Texte gefühlsgeladen zu illustrieren. Andere Ladies, die das können/konnten, sind Nina Persson von den Cardigans (speziell auf ihrem Perfektions-Album „Long Gone Before Daylight“) ode Harriet Wheeler von den Sundays. Mit diesen Namen verglichen zu werden, das muss man sich erst mal verdienen.

Es ist aber nicht nur Mollys Stimme, die hier herausragend ist – oder sagen wir’s anders: Sie kann nur so heraus ragen, weil ihre Mitmusiker ihr die idealen Vorlagen geben. Sie treffen den Ton, wissen, wann sie sich zurück nehmen, wann aufs Gas drücken müssen. Dass sie dabei zwischem schrägen Synthpop („Hey“), Sandmännchen-Einschlafliedern („Already Gone“) uns richtigem Lärm („Lollipop (Ode To JIm)“) changieren können und das Album doch ein einheitliches Klangbild präsentiert, zeigt, dass die Jungs in der Band eine Menge von ihrer Sache verstehen.

Fazit also: Glaubt nicht denen, die euch sagen, „Antisocialites“ sei eine perfekte Indie-Janglepop-Platte. Das stimmt zwar – aber es ist nur die halbe Wahrheit. Auch, wenn wir das Album aus der Schublade rausholen, bleibt dies eine Platte mit tollen Melodien, feinstem Gesang, bewegenden Songs, smarter Instrumentierung. Dies ist nicht nur die Bedürfnisse der Tweepop-Nerds geschaffen. Sondern jeder, der in irgendeiner Form Gitarrenmusik mag, sollte das Album zu schätzen wissen.

 

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