Review: Miles Kane

Miles Kane – „Coup de Grace“

Ihr kennt das als wiederkehrendes Motto in Kinderfilmen: „Es kann nur wahr werden, wenn du fest genug dran glaubst!“ So einen Satz ruft die Fee dem kleinen Jungen zu, der auf der Schlossmauer steht. Also fasst er sich ein Herz und springt in die Tiefe – und sieh’ an, er kann tatsächlich fliegen! Er musste sich nur selbst vertrauen, und der Zauber wurde wahr! 

Lustigerweise ist dies genau das Prinzip, nach dem auch Miles Kane funktioniert. 

Miles Kane glaubt an sich. In seinem Selbstverständnis ist er die Fleischwerdung des klassisch lässigen Briten. Er ist James Bond, nur mit Gitarre. Immer stylish, immer smooth. Die coolsten Typen der Welt wollen seine Kumpels sein – Alex Turner hat schließlich mit ihm die Last Shadow Puppets gegründet! Die Ladys? Die schmachten ihn an. Er braucht er nur einen smarten Spruch und eine hoch gezogene Augenbraue und schon wird gemeinsam über die Matratze gerobbt.

Wer diese Wahrnehmung teilt, der darf sich über das dritte Soloalbum des Ex-Gitarristen von The Little Flames bzw Ex-Frontmanns von The Rascals freuen. Für den ist „Coup de Grace“ das, was (der Vergleich fiel oben schon) für einen Blockbuster-Fan ein neuer James Bond-Film ist. Eine knallige Bestätigung, dass früher alles besser war. Mit herrlich bescheuerten Explosionen. Klar, der neue Film wird mit ein paar Zugeständnissen an die Gegenwart aufgefrischt. James schießt Raketen jetzt von seinem Smartphone, nicht aus dem Aston Martin. Aber im Kern geht’s doch actionreich, sexy und schick gekleidet um den gleichen Plot wie damals bei Sean Connery. Immer noch wird geschüttelt, nicht gerührt.

Wehe aber, wenn man nicht an Miles Kane glaubt.
Dann schlägt die Sache ganz schnell um. So waren in diesen Tagen in ein paar UK- und US-Medien nicht nur Verrisse von seinem neuen Album, sondern auch persönliche Angriffe auf Miles als Typen zu lesen, die waren zerstörerisch. Die Anklagebank sieht Miles Kane so: Als größenwahnsinnigen Heini, der einzig das Riesenglück hat, dass Alex Turner einen Narren an ihm gefressen hat. In den Last Shadow Puppets hat Turner in dieser Version die Rolle des Ballons und Kane die des nassen Sandsacks. Statt ein unwiderstehlicher Ladies-Man zu sein, ist Kane in dieser Sichtweise ein schmieriger Sexist. Eine Story ist bekannt und endete im Shitstorm: Nach einem Interview zum letzten Last Shadow Puppets-Album fragte Miles die Journalistin des SPIN-Magazins, ob sie nicht in sein Hotelzimmer mitkommen wollte. Wollte sie nicht. Dafür ließ sie sich in ihrem Artikel ausführlich darüber aus, wie erniedrigend und entwürdigend sie das fand. Miles versuchte, es als harmlos gemeinten Witz zu entschuldigen und machte die Sache nicht besser. Für Viele, die das Hin und Her lasen, ist Miles Kane für immer unten durch.

Tja, und jetzt komme ich mal wieder und sage: Die Wahrheit ist vermutlich nicht nur schwarz und weiss, oder? Klar ist Miles Kane nicht James Bond. Aber er ist auch nicht der Satan. Ja, seine Avancen der Journalistin gegenüber waren unangebracht und deppert. Dass die gleiche Masche davor garantiert oft genug gezogen hat und Miles’ Selbstwahrnehmung verzerrt haben mag, ist da auch keine Entschuldigung.

Aber gut, es ist nun mal so. Die Frage, ob man dieses Album mag, hängt von einer Entscheidung ab, die man bereits getroffen hat, bevor man überhaupt Start drückte: Ob man Miles steincool oder strunzpeinlich findet.

„Coup de Grace“ liefert genau die Argumente, die jeder auf seine Weise auslegen kann. Denn was für den einen eine erstaunlich gekonnte Hommage an 30 Jahre Britklassiker ist, ist für den anderen ein jämmerlicher Abklatsch, eine Müllhalde der Klischees. Was für den einen ein spielerischer Umgang mit bzw. ein bewusster Einsatz der Tradition ist, ist für den anderen der Beweis für das völlige Fehlen eigener Ideen. Und so weiter.

Nun gut, was sagen denn die Infos? Dass Miles fünf Jahre an dieser Platte gearbeitet hat. Dass er einen Großteil der Songs mit Jamie T geschrieben hat – bei „Loaded“ war auch Lana del Rey (!) mit an Bord. (Man kann sich diese Nummer tatsächlich auch von Lana gesungen vorstellen – mit gedrosseltem Tempo freilich und um die Hälfte abgespecktem Arrangement.) 

Die Mitarbeit von Jamie T wird erkennbar auf dem Song „Something To Rely On“, der in die genau gleiche Kerbe schlägt wie dessen „Zombie“. Abgesehen davon ist das Ganze ist ein satter Rundumschlag durch die Geschichte des Britrock: „Cry In My Guitar“ echot sehr präzise den Glamrock von T-Rex. Das mag nicht originell sein, aber es funktioniert. „Cold Light Of The Day“ sitzt irgendwo zwischen The Jam und Arctic Monkeys. Ansonsten erinnern die Songs oft weniger an die alten Meister als an jüngere Brit-Zeitgenossen, die sich ebenfalls auf alte Meister berufen: „Killing The Joke“ hätte aufs Liam Gallagher-Soloalbum gepasst. „Coup de Grace“ traut sich in die Disco – und klingt damit unabsichtlich wie ein Klon von Kasabians „Are You Looking For Some Action“ von deren letztem Album. „Wrong Side Of Life“ hätte – ernsthaft jetzt – von Mando Diaos „Give Me Fire“ kommen können. (Ja klar, das sind keine Briten. Aber auch Klassizisten.)

Kurz und gut, wir haben hier ein Britrock-Album vor uns, das nichts Neues liefert. Aber darum ging’s ja auch nie: Es ging darum, etwas Bewährtes und Beliebtes in neuen Glanz erstrahlen zu lassen. Und in Sachen Entstauben und Aufpolieren kann Kane eine Menge.

Somit ist einfach beides wahr: Wer diese Platte hoffnungslos ideenarm und überholt findet, der hat kein Unrecht. 

Wer hierin aber die Platte erkennt, die fetzig und peppig genau das liefert, was man so (und zwar genau so) aus England hören will, um mal wieder so richtig schön seine lieb gewonnenen Klischees von Swinging London über Britpop bis zur Class of 2004 abzufeiern – der liegt ebenfalls richtig.

Miles Kane mag also für die einen eine schwache Leuchte sein, die sich jetzt lange genug auf Alex Turners Schleppe hat mitziehen lassen.  

Für die anderen gilt: Miles Kane ist wirklich James Bond mit Gitarre. Diese Platte ist ein Action-Hit, die einen Treffer nach dem anderen landet und mit der man rasanten Popcorn-Spaß haben kann. Man muss nur fest genug dran glauben, damit es funktioniert.  

  

 

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