Schlagwort-Archive: Arctic Monkeys

Review: 485C

485C – „485C“

Was ist die Farbe von London? Es gibt nämlich eine. Allerdings repräsentiert sie nicht das London von heute, das der Banker und der Oligarchen. Das historische popkulturelle Swinging London, das hat eine Farbe, und die ist knallrot. Es ist das satte Rot der Doppeldeckerbusse, der Postbriefkästen und der berühmten, einst für London so typischen Telefonzellen. Grafiker, die genau diesen Rotton suchen, finden ihn im Pantone-Farbsystem. Da hat er die Kodierung 485C. Und wer jetzt errät, aus welcher Stadt die Band 485C kommt, kriegt keine 100 Punkte.

Klar kommen die fünf aus London! Adam Hume (Gesang), Dom Watson (Gitarre / Gesang), Lucas Hunt (Drums), Rory McGowan (Gitarre) and Sam Watkins (Bass) wohnen im Südosten der Stadt, wo die Central Line des Londoner UBahn-Systems ausläuft. Deren Farbe im Underground-Plan? Ebenfalls 485C, eh klar.

Aber die Herren verraten uns mit diesem Bandnamen natürlich mehr über sich als nur ihre Herkunft. Die klassischen Londoner Telefonzellen, sie sind fast aus dem Stadtbild verschwunden. Wer braucht sie noch im Zeitalter der Smartphones? Wer steckt noch Briefe in die roten Kästen in der Ära der email? Dieses Rot steht für etwas, das verloren geht, weil es von der Zeit überholt wird.

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What did you expect from 2018, Pt.1

Hallo, 2018!
Wirst du ein gutes Indie-Jahr werden? Die ersten Anzeichen sind nicht schlecht. Auf so einige spannende Newcomer dürfen wir uns freuen – darüber habe ich neulich schon mal einen Post geschrieben. Natürlich warten wir aber auch auf so einige Größen und persönliche Favoriten, die sich zurück melden.

Ich habe eine Liste unter folgendem Motto zusammen gestellt: „Ausgesuchte kommende Alben 2018“. Dies sind Platten, die fürs neue Jahr schon definitiv angekündigt wurden, die man sicher erwarten oder zumindest realistisch erhoffen darf – oder über die man wenigstens spekulieren kann.
Plötzlich standen da über 30 Namen auf meinem Zettel. Deswegen teile ich die Liste in drei Beiträge auf.
Los geht’s mit Teil 1.

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Review: Ratboy

Ratboy – „SCUM“

Die Mechanismen in der Musikindustrie laufen heute – eh klar – anders als früher. In den 90s war’s so: Hatte eine Plattenfirma das Next Big Thing gescoutet und unter Vertrag genommen, wurde die Band / der Musiker erst mal ein Jahr zum Songschreiben und Instrumente lernen weggesperrt. Die Band kam zum Label zurück mit 15, 20 Songs. Man pickte 3-4 Singles (die stärkste war meistens Nummer 3: Suedes „Animal Nitrate“, Oasis’ „Live Forever“, Placebos „Nancy Boy“), um mit ihnen Eindruck zu machen und einen Hype zu generieren. Bei Single 3 sollte die Begeisterung bei Presse und Kids am Kochen sein, sie war der Vorbote fürs Album, das kurz darauf folgte. Man konnte sich auf NME und Co verlassen, dass dieser Promo-Zyklus eingehalten wurde. War die Band zum Album-Release auf den Titelseiten und in aller Munde, ging die Platte garantiert in die Top 5. Und wenn die Singles einfach nicht griffen? Dann wurden Bands auch mal sang- und klanglos „gedroppt“, ihr Debütalbum verschwand ungehört im Archiv. Das Geld hatten Labels damals ja. Man konnte es sich leisten, auf mehrere Pferde zu setzen. Das eine, das durchkam, finanzierte den Rest.

Dieses Geld hat das Musikbiz heute nicht mehr. Kostspielige Fehlgriffe können sich Labels nicht mehr leisten. Schon lange ziehen sie ihre Kampagnen nicht mehr auf diese Weise auf. Es geht nicht mehr, immer größere Brocken in den Pool zu werfen, um Wellen zu machen. Singles und EPs sind keine Statements-of-intent mehr – eine Single zu veröffentlichen, das heißt heute, den Zeh in den Pool zu tauchen und mal abzuwarten, was passiert. Und dann noch einen. Ein Album? Oft erst nach sechs, sieben Stipsern des Zehs in den Pool wagt man den Sprung ins kalte Wasser. Und so kommt’s dann vor, dass eine Band oder ein Künstler gefühlt schon seit einer Ewigkeit herum werkelt, bevor ein Album am Horizont ist. Blossoms und WHITE hatten nicht weniger sechs bereits als Single bekannte Songs auf ihren Debütalben. The Vryll Society sind inzwischen bei sieben und vom Album ist nichts zu hören. Und Rat Boy? Hat acht Singles veröffentlicht seit 2015. Die genug Wirbel machten, dass er Anfang 2016 vm NME und der BBC zum „Sound of 2016“ erklärt wurde. Rat Boy hat auf der Insel eine Army von Fans, die seinen Style kopieren. Und trotzdem dauerte es bis zum August 2017, bis sein Label das Album rausrückte – und das Gefühl, das bei dieser VÖ vermittelt wird, ist nicht „Hoppla, jetzt kommt unser neuer Topstar!“, sondern „Naja, wir wollten das Ganze ja eigentlich auf dem Rücken eines echten Hits einreiten lassen, was aber immer noch nicht passiert ist. Doch wenn wir die Platte noch länger zurück halten, wird’s echt lächerlich.“

Schade, dass das so gelaufen ist, denn die Platte ist frech, smart und lässig.

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Review: Alexandra Savior

Alexandra Savior – „Belladonna of Sadness“

Man ist ja schon ein wenig argwöhnisch, wenn man diese Vorgeschichte liest. Da nimmt die Sony also eine Amerikanerin im Teenager-Alter unter Vertrag. Ein neues Wunderkind, das auf Velvet Underground und Nancy Sinatra steht, nicht auf Katy Perry. Als die junge Lady erwähnt, dass sie Alex Turners Lieder vom „Submarine“-Soundtrack liebt, werden die zwei miteinander bekannt gemacht und sofort schreiben sie, ganz begeistert voneinander, ein Album. Schon heisst es, die geheimnisvolle Holde sei jetzt die „Muse“ des Arctic Monkeys- und Last Shadow Puppets-Sängers. Die Jane Birkin für ihn, den Serge Gainsbourgh, die Marianne Faithfull für ihn, den Mick Jagger. Sogar beim Last Shadow Puppets Album hat Alexandra Savior mitgeschrieben.

Das klingt alles ein bisschen märchenhaft, was? Fast zu märchenhaft für uns alte Zyniker, die dem Braten nicht ganz trauen. Soll es wirklich so leicht gehen, an Alex Turner ran zu kommen? Bietet der sich wirklich als Songwriter-for-hire für neue Majorlabel-Talente an?

Aber gut. Warum soll es nicht einfach wirklich so gewesen sein? Review: Alexandra Savior weiterlesen

Review: Drowners

On DesireDrowners – „On Desire“

Wenn man zum Bäcker geht, dann kann man heute die Dinkel-Vollkorn-Fitness-Seele kriegen, den Kirsch-Kokos-Muffin oder das glutenfreie Chia-Ciabatta. Was alles schön und gut ist. Aber an der reschen Breze, bissfest im Knoten, fluffig im Körper, mit Laugenknusper drum rum, führt trotzdem einfach meistens kein Weg vorbei. Die Breze ist das, weswegen Bäckereien erst so populär wurden, dass huete an jeder Ecke eine steht. Und wenn in fünf Jahren kein Mensch mehr Chiasamen mehr will und statt dessen der Mispelkerncreme-Zwinkel in der Hipster-Auslage liegt, wird die Breze immer noch der Renner sein, der die Leute in die Läden holt.

Natürlich könnt ihr euch denken, was das mit New Yorks Drowners zu tun hat.

Wenn ihr auf diesem Blog gelandet seid, weil ihr Indie-Fans seid und nicht weil euch Google auf eine falsche Fährte schickte, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ihr zum Fan dieser Musik wurdet, weil drei bis fünf dürre schlaue Menschen mit engen Hosen, asymmetrischen Frisuren und trotzigem Auftreten euch dereinst den Weg gewiesen haben. Es gab eine Band, die Euch geprägt hat, und sie hatte die Besetzung Gitarre (ggf zwei davon), Bass, Drums und Stimme. Vielleicht waren’s die Strokes. Vielleicht waren’s The Smiths. Vielleicht Oasis, vielleicht die Kooks, die Arctic Monkeys, die Libertines, vielleicht die Beatles. Oder The Cure. Vielleicht die Stone Roses. Vielleicht ja Two Door Cinema Club, wenn ihr jünger seid. Oder gar die Blossoms, für die noch jüngeren.

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Review: The Last Shadow Puppets

Everything You've Come To ExpectThe Last Shadow Puppets – „Everything You’ve Come To Expect“

Schon faszinierend, wie Trends sich drehen. Als „Suck It And See“ erschien, wollten alle die Arctic Monkeys vom Sockel stoßen. Das Album kam bei Presse und Publikum viel schlechter weg, als es war. (Meine Vermutung ist ja immer noch, dass es eigentlich die Enttäuschung über den miesen Vorgänger „Humbug“ war, die sich verspätet äußerte.) Aber nach dem gefeierten „AM“ waren sie in der UK-Presse ein paar Monate lang wieder unfehlbar.

Dieser Tage erschien nun das zweite Album von Alex Turners dekadentem Hobby: The Last Shadow Puppets. Das smarte bis schlaubergerische Duo, das sich der Arctic Monkeys-Sänger mit seinem besten Kumpel Miles Kane leistet. Aber: Auf der Insel ist Turner ist wieder in Ungnade gefallen. Ihr müsst mal die Kommentare unter der Rezension im Guardian lesen: Nur HATE. Weil Turner sich angeblich zuletzt zu amerikanisch gab (ausgerechnet der Autor der Zeile „You’re not from New York City, you’re from Rotherham!“), weil er sich in Interviews zuletzt superarrogant gezeigt haben soll, was auch immer. Turner kriegt also krassen Gegenwind, so kurz nach „AM“. Vielleicht, weil die Briten offenbar ihre Denkmäler immer regelmäßig vom Sockel stoßen müssen, aus Prinzip?

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I Think I Smell A Ratboy

A pro pos Newcomer 2016: In meiner eigenen Liste habe ich Rat Boy alias Jordan Cardy aus Chelmsford nicht aufgeführt, weil mir sein Sound zwar sehr taugt, aber halt doch zu sehr bei Jamie T abgekupfert scheint. Die BBC hat ihn allerdings als Teil ihrer „Longlist“ nominiert und in dem Zusammenhang einen Clip mit ihm gedreht. „Left 4 Dead“ war die B-Seite von Rat Boys Single „Sign On“ und wenn Jordan den Track mit seiner Band performt, erinnert das weniger an Jamie T als an die ganz frühen Arctic Monkeys. Auch das muss man nicht originell finden, aber irgendwie prima ist es ja doch.

Earth Is The Longlist Planet, Pt 5

VRYLL Header

Ich hatte meine eigene Best Ditches – Longlist für 2016 versprochen. Meine Antwort auf die Longlist der BBC. Anstatt nur über deren langweilige Newcomer zu lästern, wollte ich meine eigenen Tipps mit in den Topf werfen und prognostizieren, welche Bands nächste Saison groß rauskommen. Naja, vielleicht nicht unbedingt groß rauskommen – meine Vorhersage soll eher besagen, dass diese genannten Acts 2016 hoffentlich ein gutes bis tolles Debütalbum vorlegen können. Letztes Jahr habe ich das Gleiche gemacht, mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Also okay. Nach dem Break findet ihr meine Tipps für 2016.

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Another New(ish) Collection

Man kann als Blogman nicht immer der Erste sein. Heute mal ein paar Clips, bei denen ich etwas später dran bin – die aber deswegen ja nicht weniger sehenswert sind.

Zuerst mal: The Wholls – ich habe heute in einem Facebook-Post behauptet, das seien Amis, aber sie sind aus Bedford/UK. Gelesen hatte ich: Sie haben ihr Debütalbum in Kalifornien mit Steve Baughman aufgenommen, der u.a. schon mit Michael Jackson, 50 Cent und Usher gearbeitet hat. Da dachte ich also erst mal, das seien US-Amerikaner. Warum sonst wird bei einer Gitarrenband ein so großer Name gebucht – der noch dazu aus einem ganz anderen Segment kommt?

Ich sag‘ Euch warum: Weil The Wholls auf der Insel ein paar wichtige Wettbewerbe gewonnen haben und man 2016 so fest mit ihrem Durchbruch rechnet, dass man sie gleich mal entsprechend finanziert und in die Staaten geflogen hat. Heute veröffentlichen sie ihre erste Single „X21“.

Tja, was sagen wir dazu?  Ich fand „X21“ witzig, als ich noch dachte, dies seien Amis – weil es so extrem nach Arctic Monkeys klingt. „Schau an: Amis, die Alex Turner sein wollen  – kein Wunder, dass sie nur die Musik, aber nicht wirklich die schlauen Texte mitnehmen!“ Jetzt, da ich weiss, das sind ja doch nur Briten, bin ich ein bisschen desillusioniert. Da ist das Video in der Wüste mit den sexy Kids auf Diebestour eigentlich nur noch ein unverschämter Ripoff der AM-Ästhetik.

Andererseits wiederum: Der Song kickt, anders kann man’s gar nicht sagen.

Kommen wir zu was, wo es keine zwei Meinungen geben kann: Night Engine aus London sind super. Als wäre Bowie der Leader von Roxy Ferdinand, nur in ginger. Dieses Jahr veröffentlichten sie gerade mal eine Single: „Wound Up Tight“. Dass es zu dem Song auch ein Video gab, habe ich erst heute zufällig mitgekriegt. Der Clip erschien schon am 01.06., aber hat skandalöserweise noch nicht mal 1.400 Views. Das bedeutet: Ich darf’s auch jetzt noch teilen!!

Jetzt werde ich wieder aktueller: Public Access TV aus NYC hatte ich bisher mehr so als Synthpopper auf dem Schirm, aber ihre neue Single „In Love And Alone“ zeigt sie als Garagenrocker. So klangen die Bands im Jahr 2 nach den Strokes. Hört man durchaus mal wieder gern, oder?

Superduper aus Neuseeland: Marlon Williams. Down under ist das jüngste Album des smarten Songwriters, den einige von Euch vielleicht dieses Jahr schon als support von Husky gesehen haben, seit dem Frühjahr draußen. Im Januar erscheint es auch im Rest der Welt, aus dem Anlass wurde ein Video zur Single „Hello Miss Lonesome“ gedreht. Ein Video, das ich nicht einbetten kann, weswegen ich hier nur darauf verlinke. Als Ersatz eine Liveversion:

Ach, und wo wir schon dabei sind: Marlon Williams ist auch in Sachen Folk und Country unterwegs, und das Juwel aus Neuseelands Country-Szene ist eine Kanadierin, die sich der Liebe wegen bei den Kiwis niedergelassen hat: Tami Neilson. Marlon hat mit auf ihrem prima 2014er Album „Dynamite!“ mitgesungen, und wie sehen ihn hier (1. von links) als Teil von Tamis Band in einem neckischen Clip aus dem Sommer – die Songs sind „Texas“ und „Cry Over You“. Das ist doch ganz drollig, oder?

Review: Blossoms

Charlemagne - EPBlossoms – „Charlemagne EP“

Letzte Woche habe ich hier ziemlich begeistert über die EP von The Vryll Society geschrieben. Wie es sich so trifft: The Vryll Society gehen in den kommenden Wochen auf UK-Tour, und zwar im Vorprogramm der Blossoms. Das scheint eine perfekte Paarung zu sein. Denn auch die Blossoms aus Stockport bei Manchester haben in den letzten Monaten mit zwei Singles („Blow“ bzw. „Cut Me And I’ll Bleed“) und einer EP („Blown Rose“) gezeigt, dass sie großes Gitarren-Psychedelic-Pop-Potential haben.

Eine Woche nach The Vryll Society legen Blossoms nun ihrerseits eine neue EP vor. Eine EP, die durchaus überrascht.  Denn das Quintett klang bisher so, als würde es in den Fußstapfen der Temples und The Coral folgen (sie veröffentlichen ihre Singles auch auf „Skeleton Key“, dem Label von The Corals James Skelly) und sehr auf ein Update der Sixties setzen. Diesen Aspekt, der die Band bisher auszeichnete, hört man hier jedoch weniger.

Der herausragende Track der neuen EP ist natürlich der Titelsong „Charlemagne“ – und das ist eine Britpop-Nummer. Britpop in so reiner Form, dass man sich schon kneifen muss, wenn man den Song hört. Dies ist ein Titel, der an Kula Shaker erinnert und an Starsailor! Echt jetzt! Und das, wo doch Britpop so lange ein verpöntes Wort war auf der Insel! Das Keyboard-Intro, das später als Melodie des Refrains aufgegriffen wird – es ist nicht einfach nur ein Ohrwurm. Es ist ein Ohrwurm von der Power dieser Sandwürmer aus dem „Wüstenplaneten“. Und der Text: So beknackt, dass es schon wieder geil ist! „And the river always flows, so if you go, I will know, my Charlemagne“???  „Charlemagne“ ist Karl der Große. Was hat DER mit dem Ganzen zu tun??

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