Interview: Fontaines D.C.

Jetzt aber. Ich habe mein Interview mit Grian Chattan, dem Sänger von  Fontaines D.C., neulich bereits angekündigt, als ich dem Debütalbum der Dubliner in meiner Besprechung die vollen zehn Punkte gab. Jetzt habe ich den Beitrag endlich fertig.

Muss ich sonst noch was über die Iren sagen? Sie sind halt nur die beste neue Band des Jahres. Das ist erst mal alles, was man wissen muss. Den Rest erfahrt ihr im Gespräch, geführt im Januar, als die fünf ihre ersten Konzerte in Deutschland spielten.

Hallo, Henning hier, vom piranha Magazin.

(Stimme am Telefon) Ah, richtig, du möchtest Grian sprechen, korrekt?

Ja, das wäre prima, danke.

Hallo?

Hallo, Henning vom piranha Magazin. Spreche ich jetzt mit Grian?

Alles klar! Geht’s gut?

Danke, ja. Ich habe gerade schon die erste Sache gelernt! Nämlich wie man deinen Namen ausspricht: So, dass es sich auf Ian reimt. Nicht auf Brian.

Ja, das ist richtig.

Ich finde das ja super, dass du Grian heisst. Ich kenne sonst niemand in der Popkultur mit diesem Namen. Damit bist du unverwechselbar. Wie Elvis oder Jarvis.

Haha, das ist ganz genau so. Und es ist gut, wenn du weitersagst, wie man es ausspricht. Denn selbst in Irland wissen es viele nicht.

Ihr seid gerade in Deutschland!

Das stimmt. In diesem Moment sind wir in Hannover.

Unterwegs zwischen Berlin und Köln, richtig?

Genau, ja.

Ich war so neidisch, als ich den Tourplan gesehen habe, weil München nicht dabei war. Ich rufe nämlich aus München an.

Aah, verstehe. Klar, wir würden gern in München spielen. Ich schätze mal, das wird sicher bald passieren.

Ihr seid eh früh dran mit der Deutschlandtour. Das Album ist ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal bekannt gegeben worden.

Ja, das schockiert uns selbst – zumal ja alle Konzerte ausverkauft sind. Wir haben jetzt 18 ausverkaufte Shows am Stück gespielt. In Städten, in denen ich noch nie war oder von denen ich gedacht hätte, dass ich dort mal sein würde. Echt verrückt. Wenn dir jemand sagt, er steht auf deine Musik – in einem Akzent, den du noch nie vorher gehört hast.

Ich kann das aber nachvollziehen. Ich bin an dieser Stelle so offen und halte gar nicht erst hinterm Berg damit, dass Eure Band mir komplett die Schuhe auszieht. Die Singles, die Live-Videos, die ich gesehen habe…

Oha, vielen Dank.

So: Whoah! Also, wenn ich eure Band in einem Wort zusammen fassen sollte, wäre das Wort: Urgency (Dringlichkeit, Druck). Meine Frage nun: Was ist es, das euch so antreibt?

Aaah. Ich glaube, es ist so: Manche Leute schreiben, um sich in eine bestimmte Stimmung reinzusteigern – und andere, um aus dieser Stimmung heraus zu finden. Ich denke, ich bin jemand, der versucht, sich aus seiner Stimmung heraus zu schreiben. Ich MUSS oft einfach schreiben, nur damit ich mich danach wieder normal fühle. Es ist nicht so, dass dieses Gefühl wirklich greifbar ist. Es ist vielleicht so zu beschreiben, dass ich mich konfus oder verloren fühle – und dann schreibe ich mich zurück in einen Zustand, in dem ich mich wieder okay fühle. Das ist der Kern heraus, aus dem ich schreibe. Dass am Ende diese Art Musik dabei rauskommt, das liegt denke ich daran, dass ich umgeben bin von Dingen, die mich sehr inspirieren. Dublin ist eine Stadt, in der es nur so wimmelt von interessanten Persönlichkeiten. Und alleine die alltäglichen Sprachformen – die Art, wie die Leute in Dublin reden! Da geht es jetzt nicht um poetische Artikulation, aber um die direkte Verbindung zwischen dem Herzen und dem Mund. Diese Art Sprache, die inspiriert mich sehr.  

Ich glaube ja, dass sich solche Dinge oft auf einem unterbewussten Level übersetzen. Ich meine, ein Lied wie „Too Real“ – für mich ist das der Song von jemandem, der so unter Spannung steht, dass ihn nicht einfach nur irgendwas juckt, sondern jemand, der gleich explodiert und der sich die blutige Kruste der juckenden Stelle gleich wieder runter kratzen wird.

Aha,

Das ist das, was ich so unterbewusst empfange, auch von der monoton nagenden Gitarre und dem Vorwärts-Beat. So eine irre innere Spannung, das finde ich voll packend.

Vielen Dank, das ist eine schöne Art, das zu formulieren. Das hast du kreativ und artikuliert ausgedrückt. Danke, Mann.

Ach, jetzt mach mich nicht verlegen. Jedenfalls, auch dein Urschrei am Anfang „Aargh!“ – das Tolle ist ja, dass das in jeder Sprache verstanden wird. Auch ein Ureinwohner vom Amazonas wird genau verstehen, was du damit sagst. 

Genau! Hey, du erklärst das ja besser als ich, Mann!

Ich werde jetzt trotzdem versuchen, ein paar mehr Fragen zu stellen und nicht nur Sachen zu erzählen – also, dieser spezielle Schrei. War das knifflig, ihn im Studio zu bringen? Das ist ja doch eine künstliche Atmosphäre und diese Stimmung, die muss man dort erst mal wieder herauf beschwören.

Das passierte von selbst. Der Song hat einfach diesen unglaublich intensiven Aufbau. Das haben wir im Proberaum sehr gründlich erarbeitet. Und weil wir uns wirklich so intensiv in unsere Arbeit hinein steigern, passieren solche Momente dann einfach. Auch wenn wir live spielen – ich kann gar nicht anders, als diesen Schrei von mir geben. Der muss jedes Mal sein. Ich freue mich schon immer richtig drauf vorher. Jeder Schritt in unserer Musik passiert, weil wir dieses innere Gefühl haben, dass wir ihn so nehmen MÜSSEN.

Ein interessanter Kontrast ist ja der Folgende: Auf der einen Seite haben wir diesen Urschrei, andererseits habe ich gelesen, dass ihr zusammen gefunden habt, weil ihr alle eine Leidenschaft für Poesie/Gedichte habt. Poesie gilt nun mal als die Kunstform der schüchternen, zarten Leute – und ihr habt auf der anderen Seite diese raue Musik.

Ja, also, ich denke, Poesie ist oft ein innerer Schrei. Man hat uns beschreiben als eine Band, die gewalttätig klingt. Das fand ich sehr komisch zu lesen, den ich fühle mich überhaupt nicht gewalttätig. Alle Gewalt, die wir in uns haben, richtet sich immer gegen uns selbst. Interessant, was du über Poesie sagst. Ich habe einen Kumpel, der sagt, dass er keine Poesie mag, weil er nichts verstecken will und er das Gefühl hat, dass Poesie etwas ist, das die Dinge versteckt. Ich bin da nicht seiner Meinung. Für mich tut Poesie das genaue Gegenteil. Denn es gibt Gefühle, die kann man nicht vermitteln mit der direkten, gesprochenen Sprache. Man kann sich nicht alleine auf die Sprache verlassen, nicht mal auf unsere Dubliner Redewendungen. Obwohl wir mit denen normalerweise alle Emotionen, auch die Mikro-Emotionen, ziemlich genau treffen können. Poesie ist auf die Weise auch wie ein Urschrei. Wenn sie gut ist jedenfalls. Wenn du zum Beispiel Yeats (William Butler Yeats (1865 – 1939), Literaturnobelpreisträger und quasi Irlands Nationaldichter) nimmst – da gibt es keinen intellektuellen Nebel zwischen dem, was er sagt und dem, was er fühlt.   

Ich habe auch gelesen, dass eure Band bereits einen Gedichtband veröffentlicht hat, sogar lange vor den ersten Singles.

Ja, wir haben zwei Sammlungen veröffentlicht im Eigenverlag. Naja, wir haben Gedichte zusammengeheftet, in Kapiteln zusammengefasst und ein Cover drumrum gemacht. Wir haben Lesungen veranstaltet, als sie heraus kamen. Wir haben diese Bände dann in den Läden in Dublin ausgelegt, umsonst. 

Das ist doch auch was, das es noch nicht gibt – eine Band, die schon Bücher veröffentlicht hat, bevor sie Songs veröffentlichte.

Tja, wenn du’s so sagst, ist das wohl schon interessant. Aber zu dem Zeitpunkt haben wir noch gar nicht daran gedacht, mal eine Band zu gründen. Schon lustig. Aber auch zu dem Zeitpunkt ging es uns nur darum, etwas zu machen, das uns am Herzen lag, und Poesie war etwas, das uns angetrieben hat und das wir deshalb machen mussten. Das gleiche Gefühl haben wir noch, und das ist eine gute Sache.

Ihr seid also quasi ein Künstlerkollektiv, das irgendwann über die Musik stolperte.

Ja, das kommt wohl hin, schätze ich. Wir haben immer nur Kunst gemacht, weil es ein Ausweg war. Eine Möglichkeit, etwas anderes zu tun als die Dinge, auf die wir keine Lust hatten. Als Künstlerkollektiv haben wir uns aber nie bezeichnet. Auch dass wir die Gedichtbände veröffentlicht haben, das haben wir eigentlich vor allem für uns selbst getan. Wir haben nie konkrete Schritte unternommen, um uns als Künstlerkollektiv darzustellen.

Wie kommt man denn heute an eure Gedichtbände ran? Kriegt man sie an eurem Merchstand, zum Beispiel?

Da kriegt man sie nicht – aber das ist eine gute Idee. Da werden wir mit der Plattenfirma drüber reden. Naja, wer weiss, die Gedichte sind jetzt ein paar Jahre alt, hoffentlich sind sie nicht im Nachhinein peinlich.

Ha, das kenne ich. Oft genug stößt man auf etwas, das man vor ein paar Jahren gemacht hat und fragt sich: „Was habe ich mir DABEI gedacht?“

Haha, genau.

Nun gab es euch in Dublin also schon eine ganze Weile, auch als Band. Aber irgendwann letztes Jahr ging plötzlich alles durch die Decke. Worauf führst du das zurück?

Hmm. Ich glaube, es ging los, als der Sender BBC6 anfing, „Checkless Reckless“ oft zu spielen. Als das passierte, wurde die britische Musikindustrie aufmerksam. Und das sprach sich dann ganz schnell in der Musikindustrie auf dem Kontinent rum. Es entwickelte sich quasi nach Osten. Naja, „Chequeless Reckless“, das ist auch so ein klarer Song. Der Text ist so klar, das Lied ist sehr leicht verständlich. Deswegen haben die Leute aufgehorcht. Im Nachhinein wäre mir lieber, ich hätte zu den Zeilen eine bessere Melodie geschrieben und einen besseren Song draus gemacht. Naja, aber das war die Nummer, mit der wir die Leute erreicht haben und sie hat dafür gesorgt, dass man uns was zugetraut hat.

Das ist aber auch eine Wahnsinnsnummer. Lauter Textzeilen, die man sich auf den Arm tätowieren könnte: „Money is the sandpit of the soul!“

Hehehe. Na, sei vorsichtig, dass du dir das nicht tätowieren lässt.

Okay, mir wird das nicht passieren.

Gut so.

Nicht mein Stil.

Wenn dir heute Sachen, die du früher geschrieben hast, peinlich sind – denk erst mal, was du in ein paar Jahren über das Tattoo denken würdest!

Keine Angst – ich habe nicht ein einziges Tattoo an meinem Körper. Aus folgendem Grund: Die Art Kunst, die Leute auf ihrem Körper tragen, würde ich mir nie an die Wand hängen. Aber was ich mir an die Wand hängen würde, das ist normal nicht das, was man tätowiert.

Verstehe.

Aber wir müssen zurück zu eurer Band und euren Songs kommen. Noch mal eine Frage zu eurer Poesie. Ist es so, dass die Texte zuerst stehen, als Gedichte, und ihr dann die Musik drum herum arrangiert, oder ist der Prozess in der Band ein anderer?

Äähm. Also, ich pushe mich selbst dazu, Poesie zu schreiben und es gab eine Phase, da habe ich die Texte immer als Erstes geschrieben. Aber ich will auch nicht, dass die Texte „überschrieben“ sind, verstehst du was ich meine? Mir ist aufgefallen: Wenn ich zu lange Poesie geschrieben habe, dann übersetzt sich das nicht mehr gut in die Musik. Es gibt jetzt also Phasen, da schreibe ich erst ein halbes Archiv mit Texten voll – aber dann höre ich ein bisschen Lou Reed oder sowas, und ich gehe noch mal rüber und schraube das Ganze ein wenig zurück. So, dass es besser zu Musik passt, aber dass es auch nicht zu sehr verwässert wird. Denn Musik, die so klingt, als habe man Gedichte hergenommen und einfach auf die Musik oben drauf geklatscht, die mag ich ja selber nicht. Songtexte sind etwas, das einen unmittelbar packen muss, und Poesie, das ist etwas, das man auch mal ein paar Tage wirken lassen muss. Trotzdem ist es zur Zeit noch so, dass die meisten Texte zuerst entstanden. Wenn ich aber jetzt an so einen Text wie „Checkless Reckless“ denke: Wie Poesie fühlt er sich ja nicht unbedingt an. Ich habe da einfach meine Gedanken runter geschrieben, an einem Abend, als ich in den Bars unterwegs war. Ich glaube, da wollte ich mir einfach nur grundsätzlich einen Reim auch die Dinge machen. 

„Poesie“ ist ja auch ein weites Spektrum. Es gibt auch Dada-Gedichte.

Stimmt, Es war dumm von mir, das zu sagen.

Ach, doch nicht dumm. Ich glaube, wenn du sagst, das sei keine Poesie, bist du einfach nur bescheiden.

Ja, vielleicht, hehe.

Okay, neues Thema. Es scheint so eine Zeitgeist-Sache zu sein, dass zur Zeit wieder mehr wütende und sich bewusst artikulierende Bands auftauchen. Man wirft euch bereits in einen Topf mit Bands wie Shame, Slaves, Cabbage oder Idles. Das sind jetzt alles britische Bands – aber hast du das Gefühl, dass ihr eine geistige Verwandtschaft habt?

Äähm – also ich denke, dass unsere Gedanken sich schon hier und da überschneiden. Aber abgesehen davon finde ich, dass wir komplett anders sind. Das finde ich echt. Aber es muss schon so was wie ein ähnliches Gefühl geben. Ich glaube, wir gehen an ein ähnliches Ziel heran, aber von verschiedenen Winkeln aus. Ich finde es aber ne gute Sache, dass es diese Bands gibt. Ich vergleiche das so: Wenn du mit einem Bruder aufwächst, der Klavier spielt – dann wirst du auch ein Instrument lernen, aber ein anderes. Mir jedenfalls würde das so gehen. Man definiert sich ja auch über die Unterschiede, Wenn ich solche Bands sehe, dann ermutigen sie mich, mehr ich selbst zu sein. IDLES respektiere ich sehr – wie sie ihre Texte schreiben, das mag ich total. Die haben ihren eigenen Stil, und der ist so richtig gut. Ihr Sänger Joe Talbot lässt alle Schnörkel weg. Was er singt, ist was er denkt – und das mag ich sehr. Und er singt über die Dinge, an die er glaubt, was auch gut ist. Charlie Steen von Shame ist aber auch richtig gut. Charlie hat mir ein paar neue Sachen gezeigt, als wir gemeinsam auf Tour waren, die waren richtig stark. So oder so – also ich respektiere diese Bands, ich denke aber auch, dass wir drei ganz verschiedene Schreibstile haben. Das finde ich interessant. 

Ich bin auf jeden Fall saufroh, dass es dies Bands gibt. In den letzten Jahren gab es viel zu viel Musik aus England, die so desinteressiert an ihrer Umwelt war. All diese Solisten, ob mit Gitarre oder Laptop, die nur rein ichbezogene Musik gemacht haben und denen auch egal war, was politisch passiert. Ich finde es SO wichtig, dass wieder Bands ihre Wut und Angst ausdrücken – und angesichts dessen, dass der Brexit mit all seinen Unwägbarkeiten über Großbritannien schwebt, ist es sonderbar, dass es nicht viel mehr sind, die dieses Gefühl ausdrücken.

Aber über den Brexit liest man viel – dagegen weiss ich gar nicht, was momentan die Dinge sind, die Dublin beschäftigen. Daher also: Was belastet die Leute in Dublin zur Zeit? 

Also zuerst mal: Die Mieten sind in Dublin so hoch wie fast nirgends sonst in Europa. Ich habe sogar mal gehört, es seien in Europa die höchsten. Gleichzeitig hat Dublin auch eine der höchsten Obdachlosenraten. Und wir haben Politiker, die ihre Versprechen nicht einhalten. Unser Premier Leon Varadkar hat versprochen, die Obdachlosenzahlen zu senken – aber neulich hat er unsere Zahlen mit einem anderen EU-Land verglichen, so nach dem Motto: „Es ist bei uns nicht soo schlimm“. So ein Kommentar alleine! Die Obdachlosenkrise ist enorm! 

Gleichzeitig erleben wir den so genannten „Celtic Boom“. Wirtschaftlich geht es Irland so gut wie seit der Wirtschaftskrise nicht, fast besser als davor. Trotzdem gibt es all diese Obdachlosen, es ist wahnsinnig. Und zwei von drei Menschen in Notunterkünften sind Kinder – und es wird nicht annähernd genug dagegen getan. Die Probleme sind also die rasant steigenden Mieten, aber auch die steigenden Probleme der Menschen mit ihrer geistigen Gesundheit. Oder ein Thema wie die Abtreibungsfrage – erst seit kurzem ist das Gesetz verabschiedet worden, das Abtreibungen in Irland legal macht. Aber gut, das wird im Gesetzbuch geändert, aber es ändert sich ja nicht automatisch in den Einstellungen vieler Leute. Es wird immer noch lange problematisch für irische Frauen sein, eine Abtreibung zu bekommen. Immerhin, in der Musikszene tut sich endlich wieder was. Kennst du Girl Band?

Auf den Namen bin ich gestoßen, aber ich muss gestehen, es ist nicht hängen geblieben. Ich muss sie wohl noch mal raussuchen.

Tu das, denn die sind für mich so etwas wie die Vorreiter von Shame und Idles. Ich weiss auch, dass Idles und Shame riesige Fans sind. Tja, Girl Band sind aus Dublin, sie haben vor ein paar Jahren ein Album gemacht, dann sind sie aber auch wieder eine Zeitlang abgetaucht. Ich glaube, jetzt ist Irland so weit, die Band zu verstehen. Denn in gewisser Weise sind sie sehr un-irisch. Jetzt aber beginnt das Land, sie zu kapieren. Die ganze Musikszene Dublins blüht jetzt auf. Es gibt eine Band namens Just Mustard, die umwerfend sind, es gibt Murder Capital, es gibt die Band Melts. Es geht echt aufwärts mit der Musik. Was aber nun mal halt oft passiert, wenn es in der Gesellschaft nicht gut läuft.

Das mit den hohen Mieten in Dublin wusste ich nicht. Was ich wusste, war, dass Irland mit Steuervorteilen die ganzen großen Konzerne angelockt hat, hier ihre EU-Hauptquartiere anzusiedeln. Microsoft, Google etc. Was letztlich heisst, dass hier viel Umsatz gemacht wird. Aber offenbar kommt wenig davon bei der Bevölkerung an? 

Stimmt, das ist komplett irre. Ich meine, das Ganze wurde ja gemacht, weil es Arbeitsplätze schaffen sollte. Was statt dessen passierte, war, dass die Konzerne ihre Arbeiterschaft mitbrachten und hier in Irland ansiedelten. Neue Jobs wurden also gar nicht geschaffen. Dafür gibt es jetzt ganze Stadtteile – und Dublin ist ja nicht besonders groß – in denen nur noch die Mitarbeiter dieser Konzerne wohnen. Die Kultur von Dublin und Irland wird komplett ausradiert. Das ist echt bitter – und ich glaube, es ist einer der Gründe, warum uns die irische Kultur so am Herzen liegt. Weil diese Kultur ausstirbt, sie liegt in den letzten Zügen.

Ist das auch der Grund, warum du im Dubliner Akzent singst? 

Wahrscheinlich ja. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich im Akzent von Dublin so viel Schönes sehe. Vielleicht singe ich deswegen so.

Für uns Deutsche ist es ja gar nicht so leicht, den Akzent zuzuordnen. Ich meine, wenn jemand mit Akzent spricht, erkenne ich, DASS es ein Akzent ist. Aber ich kann den Akzent nur selten platzieren. Also, Australier würde ich inzwischen erkennen. Schotten natürlich. Iren… vielleicht? Vom „Father Ted“-gucken. 

Haha! Aber der Dubliner Akzent ist noch mal anders als der irische Akzent vom Land. Im US-Fernsehen gibt es auch so einen typischen irischen Akzent, aber Dublin ist genau der Ort, wo man nicht so redet. 

Ach, sieh an. Ich habe auch eine Zeit lang gebraucht, um zu peilen, dass das „DC“ in eurem Namen für Dublin City steht.

Haha, echt jetzt?

Meine erste Assoziation bei DC ist Washington DC. Dass DC nicht für „District of Columbia“ steht, das dachte ich mir schon. Es hat halt nur eine Weile gedauert, bis es „klick“ gemacht hat. 

Verstehe.

Im Song „Boys in the Better Land“ geht es, wenn ich es richtig verstanden habe, um dieses „The grass is always greener on the other side“– Gefühl. So nach dem Motto: Ich war irgendwo im Urlaub, jetzt will ich dort mein Leben verbringen. Ist es so, dass viele Leute Irland verlassen, um z.B. aufs europäische Festland zu gehen?

Ja, so ist das. Wirklich viele Leute kehren Irland den Rücken. Viele ziehen nach Kanada, das ist irgendwie gerade angesagt. Viele gehen nach Australien. Darum geht es in dem Lied – aber mehr noch geht um Marketing im Allgemeinen. In ein andere Land auszuwandern, das ist in dem Fall auch eine Metapher für diese, wie du es genannt hast, „The Grass is greener“-Einstellung. Das ist ein fundamentaler Grundsatz, wenn man etwas verkaufen will. Man muss dem Käufer erst mal einreden, dass er selbst auf braunem Gras steht, ihn mit einer Angst erfüllen. Der Song ist so ein bisschen aufputschend – auf die gleiche Art, wie Werbespots einen aufputschen, so dass man sich gut und sexy fühlt. Eine Zeile in dem Song geht so: „It’s refreshing the world in mind, body and spirit.“ Das habe ich wörtlich aus einer Werbung übernommen, genauer genommen ist es der Leitspruch von Coca Cola. Das hatte ich irgendwo gelesen: Das Ziel von Coca Cola ist, die „Welt zu erfrischen, im Geist, körperlich und von der Einstellung her“! Da musste ich laut loslachen. 

Aber echt jetzt!

WAS tut ihr? Ihr erfrischt die Welt? Ihren Geist, ihren Körper, ihre Einstellung? 

In echt wollt ihr uns nur Zuckerwasser verkaufen!

Haargenau! Was für eine wunderschöne Art, um den Menschen Dreck anzudrehen. 

Diese „the grass is greener“-Rastlosigkeit wiederum – das ist ja auch ein so universelles Gefühl. Ich bin in einer Kleinstadt groß geworden, viele in meinem Freundeskreis sagten damals „Ich muss hier raus!“ – und ich ja auch. Dann kam ich in München an und so mit das erste, was die neuen Leute, die ich kennenlernte, sagten, war „Ich muss hier raus!“ Die Münchner wollten dann halt nach Berlin gehen oder nach London. 

Damals habe ich gelernt: Okay, den Anker, den du suchst, musst du in deinem Inneren finden. Du kannst einem Ort diese Verantwortung, dich glücklich zu machen, nicht  aufbürden. Wenn du selbst nicht glücklich mit dir bist, dann kannst du von Ort zu Ort ziehen und immer wieder dem Ort die Schuld geben, aber du wirst den Frieden nicht finden. 

Ganz genau. Der Ort, an dem du dich befindest, kann dir nicht die spirituelle Arbeit abnehmen, die du selbst übernehmen musst. Es gibt Leute, die überqueren ganze Ozeane und bauen sich im neuen Land Schlösser, aber sie sind immer noch nicht erfüllt. Es ist, wie du’s sagst. Dein Glück, das musst du dir selbst erschließen, und es hängt nicht davon ab, in welcher Stadt das Zimmer ist, in dem du sitzt. Diesen Raum musst du dir selbst kreieren.

Ich schweifte wieder ab und habe über meinen eigenen Kram gesprochen…

Aber das finde ich gut, das ist interessant.

Was ich sehr interessant fand auf dem Album, ist das letzte Lied „Dublin City Sky“ – weil es eine Ballade im Irish Folk Stil ist und sich damit von den anderen Songs ja doch stark unterscheidet. Ist das eine Richtung, die ihr künftig ausbauen werdet?

Vielleicht. Ich denke, wir wollten damit auf jeden Fall die Tür dafür öffnen. Es ist ja auch so, dass wir in sehr große Leidenschaft für Bands wie die Dubliners oder The Pogues haben. Insgesamt sind die zwei vielleicht sogar unsere Lieblingsbands überhaupt. Und ich glaube, wir wollten uns mit dem Song auch irgendwie dieser Gang anschließen. Naja, ich habe diesen Song geschrieben als ein Art Romanze, es geht darum, sich in jemand zu verlieben – und das ist ja was sehr universelles – aber bereits zu wissen, dass die Sache zum Scheitern verurteilt ist, weil man selbst keine gute Person ist. Es geht darum, wie einem dies klar wird und da steckt natürlich eine Traurigkeit drin. Es ist aber auch ein Metapher, es geht auch darum, sich in die irische Kultur zu verlieben. Denn die ist auch dem Untergang geweiht. Es tut weh, zu sehen, wie die irische Kultur verdrängt wird von einer anderen Kultur. Aber ich glaube, der Hauptgrund war wirklich, dass wir uns mit diesem Song an einen Tisch zu unseren Lieblingsbands setzen wollten.

Hmmm – das bringt mich jetzt zum Nachdenken, was du über die Verdrängung der irischen Kultur gesagt hast. Einerseits bin ich deiner Meinung, dass ich es schade finde, wenn eine Kultur verschwindet. Andererseits, denke ich: Es ist nun mal so, dass die Dinge in stetiger Veränderung begriffen sind. Ich meine, hier in Deutschland gibt es das ja auch, dass Leute sagen: Die deutsche Kultur wird verdrängt! Zum Bespiel, dass lauter englische Wörter in den Sprachschatz gelangen. 

Hehe,

Aber: Die Leute, die das am lautesten als Verlust beklagen, stehen politisch oft rechts. Da sage ich halt: Naja, die deutsche Kultur muss damit leben, dass es einen stetigen Wandel gibt. Es ist letztlich okay, denn es ist eine Entwicklung, die nun mal stattfindet, die immer stattfand, und die man nicht künstlich aufhalten kann. 

Naja, das ist wohl ein angemessenes Argument, das du da anbringst. Ich glaube, ein Unterschied ist, dass die irische Kultur schon historisch oft unterdrückt wurde. Irland war all die Jahrhunderte so ein bitterarmes Land – die Iren wurden als zweitklassige Bürger im Schatten der Briten angesehn, über Hunderte und Hunderte Jahre. Deswegen hat man hier auch eine so reichhaltige Kultur geschaffen, um sich gegen diese Unterdrückung zu wehren. Und was ich halt wirklich nicht möchte, ist dass all dies verdrängt wird, und auch noch ausgerechnet vom Materialismus. Das ist das, was mich am traurigsten macht. Dass all die internationalen Shops und globalen Marken einziehen und den Platz von wunderschöner Architektur übernehmen. Oder, dass alle anfangen zu reden, wie man es in den Netflix-Shows gehört hat und dadurch lokale Redewendungen verloren gehen. Ich glaube wie du daran, dass man vorwärts gehen muss, aber einige Dinge daran machen mich auch traurig.

Ich verstehe. Na, da hoffe ich ein bisschen auf den Speicherplatz. Will sagen: Früher gab es nur Bibliotheken, in denen das Wissen und die Kultur der Menschen gespeichert wurde. Heute tragen wir alle kleine Supercomputer mit uns herum, in die oft mehr Information passt als früher in eine Bibliothek. Also hoffe ich mal, dass es genug Platz gibt, dass sowohl die historische Kultur (auf)bewahrt werden kann und trotzdem auch die Entwicklung nicht stoppt. Dass wir den Weg finden, vorwärts zu gehen und die Tradition trotzdem zu respektieren und zu bewahren.

Yeah. Das ist ein echt guter Gesichtspunkt.

Jetzt habe ich meine halbe Stunde schon knapp überzogen. Vielen Dank für deine Zeit!

Danke dir, Mann!

Einen großartigen Gig wünsche ich heute Abend – und ich hoffe, dass eine Show in München in nicht allzu ferner Zukunft stattfinden wird!

Das hoffe ich auch, es war sehr nett, mit dir zu sprechen!

Na dann jetzt noch eine gute Fahrt nach Köln, Cheers!

Bye now!

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