Review: The Fernweh

The Fernweh – The Fernweh

Ob man wohl bei der Plattenfirma Skeleton Key Records einen Vertrag unterschreiben sollte? Das Label hat seine Website seit zweieinhalb Jahren nicht upgedatet. Kein gutes Zeichen. Man findet nicht mal ein Wort über ihre aktuelle Neuerscheinung The Fernweh auf der Seite. 

Aber klar sollte man trotzdem den Stift nehmen und seine Signatur setzen, wenn Skeleton Key es anbietet! Das ist ein Ritterschlag! Dies ist die Firma von The Coral-Sänger (und Blossoms-Producer) James Skelly! Skeleton Key hat in gewisser Weise den Staffelstab von Deltasonic übernommen – hier lebt die „The Wirral“-Szene weiter, die uns in den Nullerjahren neben The Coral auch Bands wie The Zutons, The Stands, The Basement, The Bandits, The Dead 60s oder The Little Flames schenkte. Ein mal Googlen ergibt dann auch: Die Firma hat ihre Webpräsenz halt auf facebook verlegt und alles Neue liest man dort. Nicht so schlimm also, die schlafende Website.

Was bringt uns zu Skeleton Key Records? Es ist die Band The Fernweh. Die sind uns in den letzten Monaten schon mit eine starken Single nach der anderen aufgefallen. Jetzt ist ihr Album da. Ich darf verkünden: Es hält alle Versprechen!

Wir haben es bei The Fernweh mit Klassizisten zu tun. Mit einer Band, die sich in einem Sound der 60s/70s bewegt, zwischen Merseybeat und Britfolk und spielerischer Psychedelia. Mich erinnert ihre Musik – das ist bei der Label-Connection natürlich offensichtlich – an The Coral in ihrer „Roots and Echoes“-Phase, als sie vornehmlich akustisch unterwegs waren. Von den Melodien her muss ich auch an die Waliser Gorky’s Zygotic Mynci bzw. deren Melodie-Maestro Euros Childs denken. Den häufige Einsatz der Flöte wiederum verbinde ich mit „Paper Mache Dream Balloon“, dem Akustik-Album von King Gizzard.

Das sind allerdings alles eher neuere Acts, die selbst auf die Vergangenheit zurück blicken. Sie tauchen deshalb in meinem Koordinatensystem auf, weil dieses nun mal vornehmlich aus Indiebands ab den 80ern besteht. Leute, die mehr Ahnung haben als ich, vergleichen The Fernweh direkt mit Seventies-Bands: In UK-Reviews fallen Namen wie Fairport Convention, Genesis (als Steve Hackett und Peter Gabriel noch dabei waren), oder Bands wie Magna Carta, Heron, Dando Shaft oder Trees (die ich alle nicht kenne und wohl mal raussuchen sollte). 

Wie kommt es, dass eine brandneue Band sich auf so altehrwürdige Referenzpunkte bezieht? Nun, das könnte daran liegen, dass The Fernweh eben keine brandneuen Neulinge sind. Drei von ihnen (Sänger Ned Crowther, Gitarrist Jamie Backhouse und Keyboarder/Saxofonist Oz Murphy) spielen schon seit mehreren Jahren zusammen. Dieses Trio bildete mal den Kern der Backing Band von Candie Payne.

Ihr erinnert euch an Candie Payne? Die kleine Schwester von Howie Payne von The Stands sowie Sean Payne von The Zutons galt mal als mögliche neue Amy Winehouse. Ihr Debüt „I Wish I Could Have Loved You More“ erschien 2007 und kriegte auf der Insel famose Kritiken. Es blieb aber bis dato ihr einziges Album. 

Zu Crowther, Backhouse und Murphy aus Candies Band stießen dann noch Maja Agnevik (Gesang, Flöte) und Drummer Phil Murphy – und damit waren The Fernweh komplett.

So. Wir haben also festgelegt, dass das, was The Fernweh machen, sehr folky, melodisch und traditionell ist. Das ist aber nur die Ausgangsbasis. Was ihr Debütalbum so durchgehend hörenswert macht, das ist die Tatsache, dass die Band von diesem Beet aus verschiedene Blüten sprießen lässt: „The Liar“ kurbelt auf einem Krautrock-Motorik-Beat ein,„Timepiece“ betört als ein liebliches Elfenland-Instrumental.

„Brightening In The West“ und „Is This Man Bothering You“ stampfen mit satten beinah-schon-Glamrock-Gitarrenriffs auf, „New Brighton Sigh“ säuselt als Schlafliedchen mit Fidel und Synthesizer. „A Leaf Don’t Move“ darf als ihr „Pet Sounds“-esker Versuch gelten, im Merseydelta zu surfen, „Little Monsters“ beginnt lieblich und steigert sich in einen Schmirgelrock-Freakout. „Winterlude“ und das Outro „Afternoon Nap“ bleiben unter einer Minute lange Impressionen. 

Und all das macht „The Fernweh“ zu einem Album, das sowohl vom ersten bis zum letzten Ton stimmig und traditionsbewusst ist, das aber dabei auch originell und abwechslungsreich bleibt. Es ist keine Platte voller Effekte und Explosionen, aber dafür ein feines, kleines, geschmackssicheres Ding von Könnern mit weit in die Tiefe reichendem pophistorischem Background. Ich finde das prima.

    

 

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