Vinterview: The Avett Brothers

Vinterview Header Avett BrothersHeute erscheint „True Sadness“, das inzwischen neunte Album von The Avett Brothers, die spätestens seit „I And Love And You“ (2009) zu den großen Namen der Americana gehören. In den kommenden Tagen will ich eine Rezension zur Neuen hier platzieren, vorerst aber kruschteln wir wieder im Archiv. Denn zu „The Carpenter“ (2012), dem vorletzten Album der Brüder, hatte ich Seth Avett am Telefon.

Was fällt mir im Nachhinein beim neuerlichen Lesen auf? Vor allem, wie unglaublich höflich Seth war. Das ist halt US-Provinz-Style. Auch wenn die ländlichen Staaten einen schlechten Ruf haben, man sagt „Sir“ und „Madam“ zueinander und man spricht sich immer wieder mit dem Vornamen an – so wie Seth mich tatsächlich im Gespräch immer Henning nennt, wenn er etwas betont.  Das ist unüblich – und etwas, das ich mir gerne angewöhnen würde. Ich nenne im normalen Gespräch, glaube ich, nicht mal meine Freunde mit Namen. Mal schauen, ob das etwas ist, das ich aus diesem Interview nachträglich mitnehmen kann, außer der Information.

Hello, Henning!

Hey!

Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, heute mit mir zu sprechen!

Ganz meinerseits, vielen Dank, dass ich das Gespräch führen kann.

Aber sicher doch!

Ist bei Dir alles gut? In Charlotte, NC hat Hurricane Sandy meines Wissens nicht zu doll gewütet, richtig?

Richtig, es war nicht schlimm. Meines Wissens hat Charlotte sehr wenig abbekommen, wir sind von größerer Zerstörung verschont geblieben.

Na, das ist gut zu hören.

Ist es wirklich. So einige unserer Freunde in New York und New Jersey haben es ziemlich abbekommen, aber wir hatten Glück in North Carolina.

Also, sprechen wir über die neue Platte – sie heißt „The Carpenter“, der Zimmermann. Ein Zimmermann, der macht ja sehr ehrliche Arbeit. Er macht Arbeit, die man anfassen und sehen kann. Er sitzt nicht hinter einem Bildschirm, er macht etwas sehr reales. Ist da eine gewisse Parallele zu Eurem Musikstil?

Ja, ja! Ich finde, das ist eine gute Interpretation, eine gute Verbindung. Uns ging es immer sehr darum, unsere Kunst mit der Hand zu machen, so wie jemand ein Gebäude erschafft, wie er einen Ziegel auf den anderen mauert, oder ein Dach deckt. Diese Verbindung macht Sinn, zumal uns bei den Aufnahmen der Platte mehr und mehr Parallelen aufgefallen sind: Sachen aufbauen, Sachen wieder dekonstruieren, nicht nur Songs, auch Familien und Beziehungen, man kann sehr viel aufbauen, da gibt es zahllose Parallelen. Auch unsere früheren Platten, wir haben es immer als einen sehr arbeitsaufwändigen Job betrachtet.

Stimmt, man kann sicher so etwas wie einen Bauplan für einen Song anlegen. Und Songwriting ist genauso ein Handwerk, wie es eine Kunst ist.

So ist das! Aber manchmal funktioniert ein Bauplan gar nicht und man muss spontan umplanen. Wir sind jetzt so lange im Studio und versuchen, so gut wir können, die perfekte Blaupause für einen Song zu finden. Die darf aber nicht zu spezifisch sein, denn dann wird man enttäuscht sein. Wenn man ein Album macht, muss man für Überraschungen und Spontanität offen sein. Wir waren also sowohl offen dafür, aber trotzdem versucht man vorher, einen Plan zu haben, und versucht, heraus zu kriegen, ob der klappt.

Wenn ihr also so viel Wert auf handgemachte Musik legt, wie steht ihr zur Arbeit mit Computern? Seid ihr Puristen, vermeidet ihr sie?

Nein, da steigen wir voll drauf ein, Henning. Wir schätzen die Arbeit von Puristen und es gibt da draußen auf jeden Fall tolle Künstler wie Jack White, die nur mit Tape und traditionellen Methoden arbeiten. Wir als Band benutzen aber ja auch sonst im Leben die ganze Zeit unsere Computer, da macht es für uns Sinn, sie auch in Aufnahmesituationen zu verwenden. Hauptsache, der Computer übernimmt nicht deine Arbeit. Solange es noch Du selbst bist, der die Musik macht und einspielt, dann funktioniert das gut.

Ihr habt ja in dem Song „Down With The Shine“ die Zeile „In with the new, out with the old“, da dachte ich, gäbe es vielleicht einen Zusammenhang auch mit der Arbeit im Studio.

Ah, klar. Die Zeile ist eher sarkastisch, sie soll zeigen, wie in der Popkultur und der Welt des Entertainment das Neueste, jüngste, hübscheste Ding die Aufmerksamkeit kriegt, dass es oft nicht die Qualität ist und harte Arbeit sind, die belohnt und ausgezeichnet werden. Dass sich oft das besser verkauft, was neu, cool und hip ist.

Eure Karrierekurve verlief da ja ganz anders. Sie verlief seeehr langsam nach oben, aber sie verlief dafür konsequent nach oben.

Auf jeden Fall, das ist das Ironische. Wir sind jetzt in unserem zwölften Jahr als Band unterwegs, Henning, und der Aufstieg ging sehr schrittweise, langsam, in sehr kleinen Schritten – aber es ging letztlich immer aufwärts, in verschiedenen Levels. Darüber sind wir natürlich sehr dankbar und wir wissen, was wir für ein Glück haben.

Vielleicht war es im Nachhinein sogar gut, dass es so ablief? Dass der Erfolg mit Ende 20, Anfang 30 für Euch kam – weil ihr jetzt damit sicher besser umgehen könnt, als ihr es mit 19 gekonnt hättet?

Absolut! Das hätte ich nicht besser sagen können, Henning, das ist absolut richtig! Wenn ich mit 20, 21 diesen Erfolg gehabt hätte, dann hätte das für mich auf jeden Fall sehr viel mehr Trouble bedeutet. Jetzt komme ich damit sicher besser klar – und manches davon ist auch mit 32 noch schwer genug zu verarbeiten. Ja, für uns war das sehr gesund. Wir haben eine Menge Fehler machen können, vor sehr kleinen Zuschauerzahlen. Nicht, dass wir keine Fehler mehr machen, wir machen mehr als genug – aber wir hatten die Chance, uns ans Auftreten zu gewöhnen, wirklich viel Zeit im Aufnahmestudio zu verbracht zu haben, vielen Leuten unsere Musik vorzuspielen, und es ist wirklich hilfreich, so langsam nach oben zu kommen.

Hier in Europa kennen wir euch ja erst seit „I And Love And You“, das war für uns sozusagen Euer Debüt.

Stimmt, ja.

Über die Zeit davor weiss ich also sehr wenig. Waren das magere Jahre, oder lief es immer schon gut für Euch, nur halt in kleinerem Rahmen?

Sie waren ziemlich mager, haha, Henning. Aber, wie gesagt, es ging schrittweise aufwärts.  Unsere erste Platte – irgendwo zwischen einer EP und einem Album, es waren acht Songs – die veröffentlichten wir 2001. Und von da aus ging‘s los, zuerst war es vor allem etwas, das Spaß machte, und wir spielten in der Gegend um Charlotte. Von da aus ging es schließlich immer mehr die Ostküste der US entlang, dann immer etwas weiter in den Westen, und weiter in den Westen. Diese früheren Alben – ich glaube, man hört, dass es noch magerere Jahre waren, denn sie sind weit weniger aufwändig, in vielerlei Hinsicht schlichter, geringere Instrumentation, schlichtere Arrangements… dennoch glaube ich, dass sich durch all die Platten, die wir gemacht haben, ein roter Faden zieht, dass man aber auch erkannt, wir wir uns im Laufe der Alben verändern, wie wir als Menschen reifen und als Band wachsen. Dass wir auch als Band erfolgreicher wurden, hat das natürlich mit bewirkt.

Sicher ist das für Bands wirklich sehr gesund, eine solche Entwicklung. Es gibt so viele Bands, die mit dem ersten Album durch die Decke gehen und das dann nie mehr toppen können. Da könnt ihr euch richtig glücklich schätzen.

Da stimme ich dir zu 100% zu. Für uns war es perfekt, dass es so ablief. Unser Selbstbewusstsein wurde sehr früh auf die Probe gestellt und herausgefordert, das war hilfreich. Ich würde unsere Reise nicht tauschen wollen für einen schnelleren Aufstieg, auf keinen Fall.

Wenn du eine Sache herauspicken solltest, die einen besonders großen Unterschied ausmacht zwischen den Avett Brothers von 2002 und denen von 2012, was wäre das?  

Ooh, das ist schwierig. Hm…. ein Hauptunterschied… Ich würde sagen, unsere Familien. Die verschiedene Größe, die sie jetzt haben, und die neuen Verantwortungen, die daraus für uns erwachsen. Alle von uns, die drei Kernmitglieder der Band, sind jetzt verheiratet. Mein Bruder und Bob, unser Bassist, sie haben insgesamt 4 Kinder, das bedeutet, dass wir uns als Männer sehr verändert haben, durch diese Erfahrung, durch die veränderte Verantwortung, die man trägt. Man muss sich ja auch als Mensch ändern, um den Veränderungen in unseren Leben gerecht zu werden. Es verändert ja alles! Es verändert, wie man tourt, wie man die Welt sieht, es macht einen geduldiger, verständnisvoller… also waren es diese Veränderungen in der Familie, die den größten Unterschied ausmachen.

Ja, ich hatte das gelesen, dass ihr Väter wurdet, da ist ja ein Song im Speziellen, „A Father‘s First Spring“, den Du deiner Tochter singst?

Naja, das ist mein Bruder Scott, der diesen Song singt, es ist eine Art Kommentar zum Thema erstmals Vater zu werden, ein sehr romantischer, finde ich.

Aber er spricht da ja bestimmt auch für Dich.

Auf jeden Fall, eine Erfahrung, die so bedeutend ist wie die Geburt eines Kindes, die muss sich ja zwangsweise niederschlagen im Konzept einer Platte, im Schreibeprozess. Wir versuchen, über das zu schreiben, was wir kennen, wir versuchen, uns mitzuteilen, so dass es verständlich ist und nachvollziehbar – da war es für Scott unvermeidlich, das als Thema zu finden.

Ich saß auch an dieser Frage, die ich dazu stellen wollte: Dass dies nun schon Euer siebtes Album ist, und wie ihr versucht, zu vermeiden, dass es Routine oder business-as-usual wird – was ja eine Gefahr ist, wenn man schon am siebten Album sitzt.  Aber dann dachte ich mir: Vielleicht hat das Vater-Werden diese Frage schon von selbst erledigt.

Sicher, das stimmt, Henning. Aber wir sind uns der Sache sehr bewusst und wir achten sehr darauf, dass es immer irgendwie neu und anders ist im Studio, dass wir nicht in die Falle treten, auf eine Formel zu vertrauen. Andererseits muss man den Dingen seinen natürlichen Lauf lassen, und die Dinge, die sich innerhalb von uns selbst ändern, verändern auch die Musik, ihre Inhalte und unsere Vorgehensweisen. Ja, und wir denken auch in kleineren Schritten. Wir denken nicht: „Okay, das ist jetzt unser siebtes Album“, wir denken kleiner. „Welche Songs haben wir gerade geschrieben?“ „Was ist das derzeitige Kapitel in unseren Seelen, in unseren Themen, und wie können wir diese bestmöglich aufnehmen, genau jetzt, heute?“ Da wollen wir auch nicht weiter nachdenken, wie sich das jetzt aufs große Ganze bezieht, wir glauben: Wenn wir uns fokussieren auf das, was jetzt gerade passiert, ergibt sich der Rest schon von selbst.

Dann geht es den Avett Brothers immer mehr um die einzelnen Songs und weniger um das Album?

Ich denke, ja. Der Song steht immer an erster Stelle. Klar ist das Album wichtig, aber wenn wir ins Studio gehen, ist uns sehr bewusst, dass wir noch nicht wissen, was aus dem Album wird. Wenn wir uns aber um Song für Song für Song kümmern, und wenn wir 25 Stück davon aufnehmen, dann wird das Album sich Stück für Stück freilegen. So machen wir‘s, wir nehmen immer mehr Songs auf, als wir für ein Album brauchen, versuchen jeden Song so weit wie möglich zu entwickeln, wir lassen uns von den Songs leiten und was das Album als Gesamtes darstellt, darum kümmern wir uns später.

Ich komme noch mal zurück auf die erste Frage, als es um den Zimmermann ging. Ich habe gelesen, dass Euer Vater ein Schweisser ist. War es vielleicht auch das Aufwachsen in dem Haushalt eines Handwerkers, das Euch und Euren Arbeitsethos geprägt hat?

Bestimmt, es hatte zweifellos eine große Wirkung auf uns. Unseren Vater zu sehen – aber auch unsere Mutter – beide sind hart arbeitende Menschen und sie haben uns auf jeden Fall ein Beispiel gesetzt, zu was man es bringen kann mit einer entsprechenden Arbeitseinstellung. So, wurde uns gezeigt, haben die Dinge zu laufen. Deswegen wurden wir so. Sie haben uns gesagt: Streng dich an, bei was immer du tust. Ob das handwerkliche Arbeit ist oder das Schreiben von Songs, ob man Brücken baut oder Häuser oder das Lehren an einer Schule, was immer du tust, tu es so gut du kannst. Ob es jetzt im Speziellen die Arbeit als Schweisser war, weiss ich nicht, aber es war auf jeden Fall so, dass unsere Eltern uns eine Arbeitseinstellung vorgelebt haben. Dad ist jeden Morgen um fünf Uhr aufgestanden, ob er einen Auftrag hatte oder nicht. Wenn nicht, hat er sich halt auf die Socken gemacht und sich einen Auftrag gefunden. Was er machte, hatte Hand und Fuss, und das hat uns geprägt, definitiv.

Da deine Eltern etwas Handfestes arbeiteten – gab es zu Beginn eurer Band Diskussionen? Nach dem Motto „Macht doch lieber etwas Richtiges!“ Haben sie sich Sorgen gemacht?

Vielleicht mehr, als sie es uns gezeigt haben. Vermutlich. Aber ich glaube, sie haben verstanden, dass das mit der Musik etwas war, das wir ausprobieren mussten. Deswegen haben sie uns auch immer sehr unterstützt. Zum Beispiel haben wir für unsere Tour einen der Pickup-Trucks unseres Dads benutzt, mit dem er sonst auf Arbeit fuhr. Das war unser erstes Tourauto. Wir mussten ihn auch nicht darum fragen, er kam auf uns zu: Hey, ich hab‘ hier noch einen Truck, da könnt ihr hinten eine Plane drüber legen – und das haben wir getan. So sind wir die ganze Ostküste runter gefahren, in einem Schweisser-Truck. Also, die Unterstützung war da, auf jeden Fall. Sie sagten: Wenn das etwas ist, das ihr tun wollt, dann legt los, gebt Euer Bestes, und viel Glück! Wir lieben Euch und wir unterstützen Euch dabei! Aber klar, hätten wir keine Ergebnisse gesehen, keine Anzeichen, dass es tatsächlich klappen könnte, dann bin ich mir sicher, dass sie uns irgendwann beiseite genommen hätten und gesagt hätten: Vielleicht wollt ihr mal drüber nachdenken, euch auch ein zweites Standbein zu suchen. Aber wir hatten nun mal das Glück, schon früh ein Feedback zu bekommen, das uns ermutigte, es weiter zu versuchen.

Mir gefällt das Bild, das ich mir gerade vorstelle, von Euch im Pickuptruck mit den Instrumenten auf der Ladefläche. Daran werdet Ihr Euch doch den Rest Eures Lebens erinnern und mal Euren Enkeln erzählen.

Oh ja, auf jeden Fall. Diese erste Tour, es waren 22 Shows, und es war Jahre, bevor wir uns unseren ersten eigenen Tourvan leisten konnten. Und einen richtigen Tourbus, den kriegten wir erstmals, nachdem es uns schon acht Jahre gab.

Jetzt seid ihr ja Brüder in Bands, was ja nicht selten ist, aber oft macht das brüderliche Verhältnis etwas Besonderes aus. Die Gallaghers in Oasis zum Beispiel, die haben sich immer gestritten. Ich habe auch einen kleinen Bruder, und auch wenn wir uns nur noch selten streiten, wissen wir doch genau, wo der andere seine Schwachstellen hat. Streitet ihr auch manchmal wie Brüder, oder ist alles harmonisch bei Euch?

Es überwiegt auf jeden Fall die harmonische und die respektvolle Seite. Aber klar, wir sind uns immer mal wieder uneinig. Aber wir sind noch nie aufeinander losgegangen, schon als Kinder sind wir immer gut miteinander ausgekommen, und das hat sich mit Zeit noch verbessert. Ich glaube, auf unseren früheren, kleineren Touren, als wir uns auch mehr auf der Pelle saßen, da haben wir all die Streitereien ausgetragen und für später dem Weg geräumt, im Truck, und im Van. Aus diesen Streitereien haben wir für später gelernt, und einmal mehr: Es waren glücklicherweise sehr seltene Streitereien und nie besonders intensive. Ich fand das immer schlimm, von Band mit Brüdern zu hören, die sich streiten. Das muss ja sowas von anstrengend sein! Das macht doch keinen Spaß mehr, ich kann mir das nicht vorstellen. Zum Glück sind Scott und ich immer gut ausgekommen. Ich bin der Jüngere, ich bin aufgewachsen mit ihm als Vorbild, und als wir Teenager waren, als ich so 13 war und er 17, da hörten wir auf, nur Brüder zu sein, da wurden wir Freunde, und so ist es auch heute. Wir wissen beide sehr genau, dass wir des anderen engster Verbündeter sind, und so ist es immer gewesen. Wir kommen super aus, Sorry, dass ich dir keine Skandale liefern kann, so gesehen sind wir langweilig.

Ach, Skandale suche ich ja gar keine. Ich kenne es ja nur so, wie es mit meinem Bruder ist. Klar, ich liebe ihn, aber wenn wir uns uneinig sind über etwas, dann bin ich mir SO viel sicherer, Recht zu haben, als bei anderen Leuten. Nur einfach, weil ich der große Bruder bin und er der Kleine.

Haha, das kenne ich, der große Bruder weiss es immer besser. Henning, so könnte mein Bruder sich sehr wohl verhalten, da muss ich mal genauer drauf achten. Hahaha.

Bands lassen sich ja ungern mit einem Schlagwort belegen, Euch nennt man wohl alt.Country. Könnt Ihr damit leben? Ich meine, es gibt ja auch sehr schmalzigen Schlagercountry, und ihr habt ja mit „Keeping-It-real“-Bands ja sicher mehr am Hut.

Richtig. Also, alt.Country passt uns, wir haben uns nie für ein Genre entschieden, und uns ist recht, wie immer man es nennt. Wenn eine Band ihr Ding macht, wenn sie das macht, was ihrer Natur entspricht, was ihrer Inspiration entspricht, dann werden sie immer etwas tun, das man nicht einordnen kann, etwas, das noch niemand vor ihnen gemacht hat. Aber es gibt ja auch ne Menge Genres, mit denen die Leute nur beschreiben wollen, was sie hören. Der Name „alt.country“ wird ja verwendet für Bands wie Whiskeytown, Wilco, Uncle Tupelo, The Jayhawks und mit all diesen Bands lassen wir uns gerne zusammen in eine Schublade stecken. Und es stimmt, es gibt Musik, die als Country eingeordnet wird, sie sehr aufgeblasen und albern ist, das stimmt. Wir selbst haben uns niemals einen Genre zugeordnet, das überlassen wir den Schreibern und den Fans.

Ich bin ja kein Kenner dieses massentauglichen Country. Es fällt mir aber natürlich schon manchmal auf, dass da sehr plattes Zeug produziert wird, das auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner die Massen ansprechen soll. Du hast diese Musik gerade „albern“ genannt, wie stehst du zu diesem volkstümlichen Country? Ärgert dich diese Musik, oder stehst du da lächelnd drüber?

Beides, irgendwie. Es bewegt mich nicht weiter, aber manchmal stört mich der eine oder andere Song durchaus. Ich bin ein großer Fan der Country Musik, der traditionellen Country Music, der Musik der 40s, der 50s, der 60s, der 70s, selbst in den 80s gab es noch gutes Zeug – aber ich bin kein Fan von der Musik, die in den letzten 15, sogar 20 Jahren im Genre Country erschien. Für mich ist das Popmusik mit angepasster Dekoration drum herum, mit Kühen und Traktoren. Es ist oft nicht mal Musik aus der Gegend des Country, und sie definiert sich nicht mal mehr über die Klangästhetik, vieles davon klingt einfach nur wie Popmusik, aber der Typ, der es singt, hat einen Cowboyhut auf, haha. Aber gut, es regt mich nicht weiter auf, das Zeug gibt‘s halt. Viele Musik, die fürs größere Publikum geschaffen ist, ist nun mal ziemlich blöde und hat wenig künstlerische Integrität.  Was nicht heißt, dass es nicht die Ausnahme gibt und nicht auch mal etwas mit viel künstlerischer Integrität sehr erfolgreich wird.

Was ja auf Euch zutrifft. Ihr durftet ja sogar vor wenigen Jahren auf der Grammy-Verleihung auftreten, in einem Segment gemeinsam mit Mumford & Sons und Bob Dylan. Wenn du daran zurück denkst, was ist der bleibendste Eindruck dieses Moments?

Lass mich nachdenken… ins Publikum zu blicken und all diese sehr, sehr sehr berühmten Leute vor mir zu sehen. Ich erinnere mich, wie wir fertig waren mit dem Song und ich sah Will Smith inmitten einer Standing Ovation, das war bizarr! Diese Award-Zeremonien sind immer sehr interessant, sie werden von einem riesigen Publikum gesehen und man es wird sehr viel darüber gesprochen. Irgendwie hat es sich schon angefühlt, als wären wir da  fehl am Platze, aber so fühlen wir uns oft. Wir sind inzwischen ja wirklich erfolgreich, in Sachen Popularität läuft es besser für uns als je zuvor, wir dürfen uns über nichts beschweren. Aber wir haben keinen Nummer Eins-Radiohit, wir haben keine Videos, die man dauernd im Fernsehen sieht, bei uns ist es immer noch vor allem Mundpropaganda, durch die wir verbreitet werden. Wir sind einen ganz anderen Weg gegangen als viele dieser Bands, die du sonst auf diesen Award Shows siehst… aber wir fühlen uns natürlich wohl dabei, und wir finden es spannend, jetzt dort angekommen zu sein. Wir sind jetzt an dem Punkt, wo wir uns künstlerisch ganz frei und kompromisslos austoben können, aber trotzdem ein Publikum dafür haben. Sorry, jetzt bin ich gerade vom Thema abgekommen, das war ja gar nicht deine Frage, Henning.

Kein Problem – ich führe meine Gespräche gerne so. Es soll ja kein Abhaken von Frage für Frage sein. Ich sehe mich da mehr als, sagen wir, eine Billardkugel, die eine andere Kugel anstößt und schaut, wo sie hingeht.

Ah, ich verstehe, was du meinst. Gut!

Was ich immer stelle, ist die Frage nach der Anekdote zum verrücktesten Gig, den eine Band je gespielt hat. Vermutlich war diese Grammy-Show schon dieser sonderbarste Gig? Andererseits gibt es Euch lange genug, und ihr habt diese lange Historie als kleine Band, insofern gibt es vielleicht noch etwas aus früheren Zeiten?

Hahaha, ja, ich wollte das gerade sagen, diese Grammy-Show, die wäre ganz weit oben. Lass mich nachdenken – ganz am Anfang haben wir ja jeden Gig angenommen, Hochzeiten, Hochzeitsempfänge, Firmenfeiern, wir spielten in Restaurants, in Coffeeshops, überall – der beste fällt mir bestimmt ein, sobald ich aufgelegt habe. Alle dieser Shows waren bizarr, ein mal zum Beispiel spielten wir in einem Grillrestaurant im Osten von North Carolina, und zwar während des Super Bowl. Es war eine Super Bowl Party. Das war mal ein Publikum, das nicht auf die Musik geachtet hat! Hahaha. Das sind die zwei – die Super Bowl Party im Grillrestaurant, und die Grammies – das sind verrücktesten bis jetzt.

Und dabei seid ihr eine so mitreissende Liveband! Ich meine, ich habe Eure Show letztes Jahr in München gesehen, man MUSS euch ja zugucken. Ich kann mir Euch als Begleitmusik überhaupt nicht vorstellen.

Genau – deswegen haben sie uns auch gebeten, leiser zu sein und früher aufzuhören, als eigentlich ausgemacht war. Und es stimmt, unsere Liveperformance ist darauf aufgebaut, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu packen. Das ist deswegen so, weil wir eben oft genug an Orten gespielt haben, an Strassenecken oder in Coffee-Shops, wo die Leute nicht wegen unseretwegen hingingen. Hierauf basiert letztlich unsere Liveshow, auf diesen Szenarios.

So, meine halbe Stunde ist um, vermutlich werden wir gleich unterbrochen. Eine letzte Frage noch: Morgen sind die Wahlen – bist du froh, dass das bald vorbei ist?

Oooh, Henning, ich werde sowas von froh sein, wenn ich endlich mal wieder in den News irgendetwas hören kann, das nichts mit diesem Wahlkampf zu tun hat. Alles andere ist gut. Ich habe die Schnauze so voll von all den Werbespots und all den Diskussionen pro und contra. Ich werde sehr, sehr happy sein, wenn das vorbei ist.

North Carolina ist ein Swing State, richtig?

Das weiss ich nicht mal, ich glaube schon.

Na, dann wollen wir doch mal hoffen, dass morgen das richtige Ergebnis passiert – vielen Dank für das Interview, ich hoffe, man sieht Euch bald in München!

Vielen Dank, Henning!

Vielen Dank, Seth, Tschüss!

Avett Brothers „February Seven“ from Taryn Gould on Vimeo.

The Avett Brothers: NPR Music Field Recordings from NPR Music on Vimeo.

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