Review: Jake Bugg

Jake Bugg On My One Albumcover - CMS SourceJake Bugg – „On My One“

Am Wochenende habe ich mein drei Jahre altes Interview mit Jake Bugg zu seinem zweiten Album als „Vinterview“ hier platziert. Beim Nachträglich-noch-mal-drüber-Lesen fiel mir auf: Auf meine Frage nach „Authentizität“ reagierte er ganz schön pikiert. Jake glaubte, ich wolle ihn aufs Glatteis führen. Da ist ein wunder Punkt angesprochen worden. Die Tatsache, dass das Wunderkind aus Nottingham seine Songs in Kollaboration mit Profi-Songwritern aus den Hinterzimmern der Musikindustrie schrieb, die wurde von seinen Gegnern immer als willkommener Angriffspunkt verwendet.

Dabei finde ich selbst es ja gar nicht schlimm, wenn jemand mit den „Experten“ arbeitet. Das machen auch andere „credibile“ Bands, oft heimlich. Was zählt, ist doch das Ergebnis. Und wenn am Ende ein guter Song steht, der ins Ohr flutscht und dort hängen bleibt, haben doch alle gewonnen.

Seien wir doch ehrlich: Auch wenn es immer als schlimmer Eingriff in die Persönlichkeit gewertet wird, als kommerzgeile Normierung, als anmaßender Overreach und als kleingeistiges Zeichen von kreativer Angst bzw. kreativer Armut – Labels haben oft genug Recht, wenn sie die hochtrabenden Ideen ihrer Künstler durch Input von außen kanalisieren und fokussieren lassen.

Wie war’s bei Jake Bugg? Ein 16jähriges Songwriter-Talent kriegte einen Plattenvertrag. Man brachte den Jungen mit ein paar Profi-Autoren zusammen, bei denen er quasi in die Lehre gehen sollte. Als er dann mit 17 sein Debüt veröffentlichte, wurde gejubelt: Die Songs dieses Teenagers waren prima. Man sprach vom neuen Noel Gallagher, sogar vom neuen Bob Dylan.

Was man halt hätte tun sollen: Man hätte von Anfang an offener sein sollen, was die Beteiligung der Industrieschreiber anging. Aber nein, man platzierte den jungen Lad extra plakativ als Anti-Castingshow-Popstar. Man machte ein Brimborium draus, dass hier jemand angeblich mit Akustikgitarre alles im Alleingang in Handarbeit fertigte. Als nach dieser aggressiven Positionierung  von Jake Bugg als Musterbeispiel an Authentizität unvermeidbarerweise die Sache mit den Co-Autoren ans Licht kam, da wirkte es gleich wie eine große Enthüllungsgeschichte. Damit war Jake Bugg, der echte Typ von den Straßen Nottinghams, erst mal entzaubert.

Dabei wurden die Songs deswegen ja um keinen Ton schlechter. „Lightning Bolt“, „Two Fingers“, „Taste It“, „Trouble Town“ – das waren doch alles Hits. Die Jake Bugg geschrieben hatte, mit 16. Nur halt nicht alleine.

Iain Archer, Co-Autor vieler Jake Bugg-Hits, hat als ehemaliges Snow Patrol Mitglied ein paar ihrer Hits auf dem Kerbholz und schrieb am Debüt des letztjährigen Langweiler-Folk-Durchstarters James Bay. James Bay wurde das nie zum Vorwurf gemacht. Jake Bugg schon. Warum? Weil man James Bay (trotz seines doofen Hutes) von vornherein nie so als ultra-authentisch darstellte.

Jake Bugg 1Nun gut.
Es hat an Jake Bugg letztlich so sehr genagt, dass man seine künstlerische Integrität permanent in Frage stellte und ihm quasi unterstellte, im Alleingang könne er’s nicht schaffen, dass er genau dies mit seinem dritten Album beweisen will. „On My One“ hat er nicht nur komplett alleine geschrieben, er hat es sogar selbst produziert. Tja, und jetzt wird auf der Insel gemosert, dass ihm die nötige Übersicht von außen fehlt. Jemand, der die blöderen Ideen auf diesem Album heraus gefiltert und dafür die guten Ideen gefördert hätte.
Wenn ich Jake Bugg wäre, würde ich schreien: „WAS WOLLT IHR DENN?!?!“

Es wird auch schon davon geredet, dies sei Jakes „Make-or-Break“-Album. Weil „Shangri-La“ nicht so gut lief wie das Debüt, ist er in der Wahrnehmung mancher Insulaner schon auf dem absteigenden Ast. Dazu: Hey – der Knabe ist jetzt 22! Also bitte – ein paar Alben werdet ihr dem Guten ja wohl noch zugestehen, bevor ihr euer abschließendes Urteil fällt!

Aber gut. Das Album.
Den Titelsong „On My One“ kennen wir schon. Ein akustisches Lamento. Jake beklagt das ewige Leben on the road, das einen Jungen Anfang 20 das Gefühl der Heimatlosigkeit und der Einsamkeit geben kann. Fair enough.

Auch „Gimme The Love“ war bereits eine Single – eine für Jake Bugg untypisch rhythmusbetonte, ja richtig tanzbare Single. Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob er in diesem Sound eine gute Figur macht. Ich sage dazu: „Gimme The Love“ ist ordentlich und Jakes Versuch, über den Tellerrand zu gucken, muss man nicht einbremsen.

Next: „Love, Hope And Misery“. Ebenfalls schon als Single bekannt. Eine Ballade, die erst ein bisschen müde, standardmäßig wirkt. Aber, das muss man dem Song lassen, der Refrain ist der eines Klassikers.

Andersrum ist es bei „The Love We’re Hoping For“. Bei diesem folkig-melancholischem Song sind’s die Strophen, die ich mag. Der Refrain dagegen ist ein Letdown, bleibt nicht im Ohr.

Danach: „Put Out The Fire“: Eine flotte Folk-Nummer, im Stile von „Taste It“. Sowas kann er einfach, der Jake. Auch „Never Wanna Dance“ ist ein Highlight. Nicht nur stimmlich klingt der Brite hier wie ein Gibb-Bruder – das Ganze beschwört halt ernsthaft Seventies-Bee Gees-Flair herauf. Okay, das ist ein Sound, mit dem man mich mal um den Block gejagt hätte. Aber irgendwann lernt man ja auch Handwerk zu schätzen und auch so eine MOR-Schmonzette muss man erst mal so hinkriegen. Jake hat die geheime Zutat dafür: Einen Killer-Refrain.

Jake Bugg 2Die Hookline von „Bitter Salt“ wiederum geht „It’s on, it’s on, it’s on, it’s on“. Spricht nicht für Originalität, aber auch „Bitter Salt“ war eine Single. Vermutlich, weil dies der Song ist, der die Kategorie „Indie“ noch am klarsten ausfüllt. MIt stampfendem Rhythmus und sägenden Gitarren ist die Nummer prädestiniert für den Indie-Dancefloor, und das ist okay.

Jetzt „Ain’t No Rhyme“. Aha. Hier versucht sich Jake als Beck. Er rappt sogar fast. Aber das Ergebnis, naja. Sagen wir’s so: Das Ganze ist eher hemdsärmlig. Andererseits ist „Ain’t No Rhyme“ aber auch keinesfalls das peinliche Desaster, als das es in manchen UK-Reviews dargestellt wurde. Ich seh’s so: Ich traue Jake zu, diese Richtung auf späteren Alben zu vertiefen und damit noch richtig coole Ergebnisse zu erzielen. Dann wird „Ain’t No Rhyme“ als erster, vielleicht noch ungelenker Gehversuch gelten dürfen, der nötig war für Jake, um das Ganze eines Tages hinzukriegen.

„Livin‘ Up Country“ hat das Wort „Country“ schon im Titel und nennt in den Lyrics die Städtenamen Memphis und Nashville. Alles klar: Unser Lad aus Nottingham versucht sich in Sachen Americana – und kriegt es erstaunlich gut hin.

„All That“: Ein Schleicher. Auch fein. Der finale Song „Hold On You“ erinnert mich letztlich angenehm an …wen? In der Tat, an Gomez! Eine Band, die auf der Insel nicht eben als Coolness-Referenz gilt. Die aber zu ihrer Zeit echt unangestrengten Indieblues hingekriegt hat. Ein angenehm lässiger Ausklang.

Denn damit sind wir auch schon fertig. Nur 33 Minuten dauert Jake Buggs Alleingang. 33 Minuten, die nie langweilen und nach denen ich mich frage: Warum ist das Feedback auf dieses Album bisher eigentlich so gedämpft? Die Platte zeigt Jake als echt guten Songwriter mit neuen Facetten (Americana, MOR, Beck-Style), die er in Zukunft sicher noch ausbauen kann. Okay, vielleicht ist kein offensichtlicher Knüller wie „Lightning Bolt“ auf dem Album und sicher, ein Alex Turner wird Jake als Texter keiner mehr – seine Wortwahl war immer schon und bleibt schlicht. Trotzdem, wenn dies das Debüt eines 22jährigen wäre, würden alle aus den Wolken fallen. Über die Makel, die man Jake hier zum Vorwurf macht, würde man beim Debütanten gnädig hinweg sehen. Aber es kann ja auch nicht sein, dass es Jake (22!) quasi zum Nachteil gerät, dass er bereits zwei Hitalben auf dem Buckel hat! Ich jedenfalls bin – umso mehr nach all dem, was ich gelesen habe – sehr positiv überrascht von „On My One“, der Platte, die Jake Bugg diesmal auch wirklich ganz ohne fremde Führung hingekriegt hat.

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