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Bloodshot down

In diesen Tagen geht eine Erfolgsgeschichte der US-Independent-Labelszene leider ziemlich spektakulär in Flammen auf. Bloodshot Records aus Chicago, gegründet 1993 im kleinen Plattenladen von Rob Miller und Nan Warshaw, war mit die erste Firma, die alternativen Country Acts eine Heimat bot: Whiskeytown und die ersten Ryan Adams-Platten, Justin Townes Earle, Neko Case und The Old 97’s gehören zu den vielen Namen der über 25 Jahre andauernden Erfolgsgeschichte. Immer noch umfasst Bloodshots Roster wie The Yawpers, Banditos oder Sarah Shook. Auch Lydia Loveless hat hier angefangen, vor mittlerweile zehn Jahren, als die Songwriterin als teenage Wunderkind der Szene galt.

Lydia Loveless löste auch den Absturz aus. Im Rahmen der #metoo-Bewegung erzählte sie unangenehme Wahrheiten. Von Anfang an sei sie von Mark Panick, dem Lebenspartner von Label-Co-Chefin Nan Warshaw, bei allen möglichen Gelegenheiten begrapscht worden, z.B. auf Labelparties oder backstage. Panick hatte zwar keinerlei Funktion im Label, aber als Freund der Gründerin war er halt doch überall dabei.

Das Ergebnis war, das Nan sich nicht von ihrem Partner trennte, sondern ankündigte, ihre Aufgaben im Label abzugeben. Das alles war im März 2019. Inzwischen gibt’s neue Informationen: Nicht nur fordert Nan für ihren Anteil an Bloodshot wohl einen Preis, der über Robs Möglichkeiten liegt, so dass wohl ein Majorlabel einsteigen wird. Auch hat sie offenbar über Jahre fehlerhafte Abrechnungen geliefert. Dass dies absichtlich passierte und absichtlich zuungunsten der Musiker, dies bestreitet Nan.

So oder so, die Situation ist zerfahren. Alle Künstler und Labelmitarbeiter stehen auf Robs Seite, dessen Einsatz als vorbildlich gilt.

Lydia Loveless hat Bloodshot derweil den Rücken gekehrt und ihr eigenes Label gegründet. Am 25.09. soll ihr kommendes Album „Daughter“ erscheinen. Vorab gibt’s die Single „Love Is Not Enough“. Ich freu‘ mich drauf. Meine bisherige Lieblingsplatte der Sängerin aus Akron, Ohio, („Somewhere Else“) gehörte zu meinen persönlichen Top Ten von 2014. Neulich erst hab‘ ich sie mal wieder komplett durchgehört.

Vinterview: The Avett Brothers

Vinterview Header Avett BrothersHeute erscheint „True Sadness“, das inzwischen neunte Album von The Avett Brothers, die spätestens seit „I And Love And You“ (2009) zu den großen Namen der Americana gehören. In den kommenden Tagen will ich eine Rezension zur Neuen hier platzieren, vorerst aber kruschteln wir wieder im Archiv. Denn zu „The Carpenter“ (2012), dem vorletzten Album der Brüder, hatte ich Seth Avett am Telefon.

Was fällt mir im Nachhinein beim neuerlichen Lesen auf? Vor allem, wie unglaublich höflich Seth war. Das ist halt US-Provinz-Style. Auch wenn die ländlichen Staaten einen schlechten Ruf haben, man sagt „Sir“ und „Madam“ zueinander und man spricht sich immer wieder mit dem Vornamen an – so wie Seth mich tatsächlich im Gespräch immer Henning nennt, wenn er etwas betont.  Das ist unüblich – und etwas, das ich mir gerne angewöhnen würde. Ich nenne im normalen Gespräch, glaube ich, nicht mal meine Freunde mit Namen. Mal schauen, ob das etwas ist, das ich aus diesem Interview nachträglich mitnehmen kann, außer der Information.

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Review: Banditos

BS231_Banditos_Cover_1500_0Banditos – „Banditos“

Wie wär’s mal wieder mit einer Runde alt.Country? Ladies & Gentlemen, ich stelle vor: Banditos, eine sechsköpfige Band aus Birmingham, Alabama, die inzwischen in Nashville lebt. Nashville ist schließlich der Ort, wo man zur Zeit hingeht als erdige Rockband. Hier sitzt auch der Musikantenstadl der US-Kommerz-Country-Industrie – aber mit nichts haben Banditos weniger zu tun. Dies ist eine Band, die in den letzten Jahren 600 Shows gegeben hat – und es wirkt zumindest so, als hätten sie ihre Erfahrungen vornehmlich in Rockerkneipen gesammelt, in denen irgendwann die Stühle fliegen. Diese Band hat die urige, räudige Energie, die man sich nur als authentische Südstaaten-Combo aneignen kann.

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Interview: Sturgill Simpson

Header SturgillDieser Typ ist ’ne Sensation. Sturgill Simpson hat meine Lieblingsplatte des Jahres 2014 gemacht und mir eine neue Welt erschlossen: Seit ich seine Musik kenne, habe ich mich wieder neu ins Thema Country (die traditionelle bzw. alternative Variante) reingebissen. Im September war ich dann in Stockholm, um den Mann, der Country mit seinen zwei Alben gerade einen Adrenalin-Schuss ins Herz verpasst hat, vor seiner Show im Bryggarsalen fürs Classic Rock Magazine zu treffen.

Das folgende Gespräch dreht sich erst um Sturgills Musik, artet aber bald ins Politische aus. (Sorry, dass ich auf dem Gebiet immer nur so Halbwissen rauspusten kann.) Jedenfalls, was für’n Typ!
Als ich mein Aufnahmegerät anschalte, bedauert Sturgill gerade, noch nicht in Deutschland gespielt zu haben. Interview: Sturgill Simpson weiterlesen