Review: Middle Kids

Middle Kids – Lost Friends

Vorschusslorbeeren wurden verteilt. Nicht zuletzt von mir. Als ich Anfang des Jahres meine persönlichen Newcomer-Tipps für 2018 postete, da platzierte ich die Middle Kids auf Platz eins. Es gibt einen Grund, warum ich das hier dazu schreibe: Um anzugeben. Um zu protzen: „Seht ihr? Ich hab’s doch vorher schon gesagt!“ Denn haben Hannah Joy, Tim Fitz und Harry Day die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt? Ach was! Sie haben sie übertroffen! Ich sag’s gleich: „Lost Friends“ ist sensationell. SEN-SA-TIO-NELL!

Also, schwer war die Prognose natürlich nicht. Letztes Jahr haben die drei Sydneysider (dass das mal wieder Australier sind, war eh klar, oder?) ihre erste EP veröffentlicht. Sechs Lieder, die erstens einfach makellos waren und zweitens: Sogar noch besser als einfach makellos! 

Denn makellos, das heisst ja nur, dass alles sitzt und nichts falsch gemacht wurde. Makellos, das sind sie eh, die Middle Kids, denn zielsicher und stilsicher picken sie genau die richtigen Sounds und mit so lockerer wie präziser Hand schichten sie sie in der idealen Dichte. Ja, makellos. Aber sogar noch besser als makellos ist es, weil es auch berührt und packt. 

Schon auf ihrer EP, auf jedem einzelnen der sechs Lieder, haben sie alles perfekt gesetzt wie eine Stickarbeit, formvollendet und filigran. So dass vollkommen klar war, dass diese Band bereits in der ersten Liga spielte. Jetzt bestätigen und unterstreichen sie das mit dem Album. Ich bin hin und weg.

Fangen wir an mit „Bought It“. Dröseln wir das mal wieder auf.
Also: Die Atmosphäre zu Beginn. Noch karg besetzt, aber schon klangvoll. Was haben wir hier alles? Ein Keyboard, das ein Cello mimt. Eine E-Gitarre, die nur wenige Saiten stumpf anschlägt, gespiegelt vom Bass. Da ist auch ein Geräusch wie ein paar Glöckchen, die über den Boden gezogen werden, aber kaum wahrnehmbar. Über diese Stimmung setzt Hannahs Stimme ein, wie eine Möwe, die im Nebel auftaucht.
Sekunde 38: Gitarre zwei. Nur einzelne hohe Töne, die aber sofort Farbwechsel ausmachen.
Sekunde 52: Die Drums setzen ein. Es geht Richtung Refrain. Der kommt dann mit einer orgasmischen Melodie, die die aufgebaute Spannung entlädt, als habe jemand eine Klappe geöffnet und ein aufgestauter See kann abfließen. Whoosh!
Wir sind wieder im Ausgangszustand. 

Wisst ihr was? Ich könnte ewig so weiter machen! Ich könnte den ganzen Song durchgehen, ich könnte jedes einzelne einsetzende Instrument kommentieren. Und ich wäre über jedes Element begeistert! Dies hier ist die vollendete Kunst der Produktion, bzw der Kunst des Arrangierens!
Jede Gitarre, jeder Gitarrensound, jede Modulation in Sachen Druck und Breite ist optimal austariert. Auch und erst Recht, wenn bei Minute drei die E-Gitarre mit dem Schneidbrenner ins Klangbild feuert! Denn die muss, die MUSS in diesem Moment genau so knallen!

Denn habt ihr überhaupt mitgekriegt, um was es in diesem Song geht? Um nicht weniger als die unbedingte Liebe zwischen Sängerin Hannah und ihrem Ehemann, dem Bassisten Tim. Darum, dass man oft nicht artikulieren kann, wie es in einem vorgeht, und den Schmerz, den man damit verursacht. Und dann diese Zeilen, diese Middle Eight! 

You know my heart deeply – But we don’t talk about that, do we?
Hold your wife like a silence…“ – GITARRENGEWITTER!

Versteht ihr? Das Gitarrengewitter MUSS hier kommen. Das Gitarrengewitter, damit zeigen sich Hannah und Tim gegenseitig „Fuck Yeah, wir zwei!“ ohne Worte verwenden zu müssen. Davor: „Hold your wife like a silence“ – was ist das für eine Zeile, was ist das für eine Zeile, Hannah weint fast, wie sie sie singt, da geh’ich in die Knie! 

Fucken Hell, die Power des Indie Rock’n’Roll!

Und das jetzt noch elf Mal, bitteschön.

„Mistake“, die Single. Die rollende Bassline. Ein Lied über Reue. Über die Verzweiflung, wenn man etwas nicht mehr gut machen kann. Gegossen in goldenen Pop. „You’re standing out in the rain tonight, like you’ve got something to say to God – and you got a debt to pay back for something you did way back.“

„Edge Of Town“ kennen wir. Weil’s schon auf der EP war. Außerdem war die Nummer für den 1-Kasten-Augustiner-Preis nominiert. Inzwischen die zweitmeistgespielte Nummer in meinem itunes since forever. Habe ich mich seitdem satt gehört? Ach was!

Nach diesem komplett umwerfenden Beginn muss man mal durchschnaufen. Middle Kids tun’s mit „Maryland“. Im Refrain stellt Hannah die Fragen, die ein Leben definieren. „If I stay, will I find the space I’m assigned to to live out my days? If I go, every road, the freedom I need for infinity?“
In dem Zusammenhang: Ich habe Hannahs Stimme noch nicht genug zelebriert. Zum Beispiel: Den dritten Refrain eines Songs eine Oktave höher zu legen, das ist ein Schachzug, der in der Popgeschichte nicht zum ersten mal durchgezogen wurde. Aber um den Trick auch anzuwenden, braucht man nun mal auch ein Goldkehlchen, das über die Tonleitern turnen kann wie Nadia Comaneci über den Stufenbarren. Hannah! Wie grazil und facettenreich sie ihre Stimme einsetzt! Als Samttuch, als schneidende Schere, als Glöckchen! Hannah ist Nachtigall und Priesterin, sie hat’s sowas von im Griff! Boah!

Nach dem Moment der Ruhe jetzt wieder etwas Schub. „On My Knees“ ist nicht mein Lieblingslied der Platte, ich verstehe aber, warum es hier her gehört. Immer nur subtil, das geht nicht, es muss auch mal was übers Knie gebrochen werden. Abgesehen davon: Die nervöse Rhythmik, die hat was. 

Dann wieder so ein Superedelstein: „Don’t Be Hiding“. Es geht ums Lieben. Mit Haut und Haar, mit all der Verunsicherung und dem Scheiss. Herrlich.
„Don’t be hiding, I am not that bothered by the stuff you’re fighting, if only for the reason that it makes you more exciting. You don’t have to sell it, I am sold. So give me all your garbage and your gold.“ Verdammt, das ist genau, wie man geliebt werden möchte. Oh, und wie Hannah wieder trillert!

Jetzt: „Hole“. Wenn dies eine schwächere Platte wäre, hätte ein Producer sich durchgesetzt: „Okay, die Ballade, die plustern wir auf. Schreib’ ne zweite Strophe, der Refrain muss auch noch ein paar mal kommen, dafür holen wir das Orchester dazu und kleistern den Höhepunkt so richtig zu.“ So aber ist das Lied nur 1:30 lang, gespielt auf einem staubigen Piano, und schon vorbei, als einem die Schönheit gerade erst bewusst wird, wie das Spiegelbild deiner vorbei gehenden Traumfrau in einer Pfütze. 

„Please“. Besonders toll hier: Der Kontrast zwischen der satt brezelnden Gitarre und dem fiesen stampfenden Beat auf der einen Seite und der Stille, wenn das alles abrupt aussetzt. Ja, die Middle Kids wenden diesen Trick des Weglassens immer mal wieder an. Aber hey, wenn er so famos funktioniert, sollen sie das doch.

Auch der Titelsong „Lost Friends“ lebt, in schleppendem Tempo, in von dieser Leise-Laut-Dynamik. Hier ist es mal wieder Zeit, übers Arrangement zu reden: Uns umschmeicheln hier u.a. eine greinende Slide-Guitar und ein Banjo, auch haben wir einen 6/8 Takt. Es gibt immer was Neues. Aber ich behaupte: Nicht aus Kalkül. Nicht, weil sich die Middle Kids groß überlegen „Wie halten wir es interessant?“ Sondern aus Instinkt. Die drei tun das, was das Richtige für den Song ist, weil sie ihrem Gefühl dafür folgen. 

Auch „Never Start“ kennen wir, auch „Never Start“ war schon letztes Jahr auf der EP. Aber auch „Never Start“ sitzt hier genau richtig. Weil das Tempo mal wieder anziehen muss und weil sich der unstete, aber rasante Folk-Strum dieses Songs dafür ideal eignet. Having said that, auch die anderen vier EP-Tracks hätten es verdient gehabt, auf dem Album zu landen.

Bei so viel bewusstem Leise-Laut-Kontrast muss mal den Pixies Tribut gezollt werden. „Tell Me Something“ beginnt ergo stilgerecht mit einer Verneigung vor der Bassline von „Gigantic“. Hey, habe ich schon erwähnt, wie wundervoll Hannah singt? Habe ich? Aber noch nicht oft genug.

Und schon sind wir beim letzten Lied. „So Long, Farewell I’m Gone“ ist wieder so ein Meisterstück in Sachen Sounds und Schichtung. Gebt euch nur mal den Teil ca zwischen 1:00 und 2:15! Betrachtet einfach die Klänge, wie sie dazu stoßen und sich auftürmen! Ich sag’ jetzt mal nichts, hört selber zu!

Hach! 

Okay, ich weiss, ich weiss. Nicht jeder lauscht Musik so besessen wie ich. Manch einer wird in den Middle Kids einfach nur eine kompetente Midtempo-Gitarrenband erkennen. die ein typisches Indierock-Ding mit Americana-Note macht und sich wundern, warum ich hier in Zuckungen verfalle.
Aber Ich kann mich halt in sowas reinsteigern und „Lost Friends“ ist nun mal eine Platte, die mir Song für Song etwas zum Reinsteigern gibt. Die Substanz dafür ist da. Alles, was ich mir von Musik wünsche, ist da: Irre Klänge, emotionale Tiefe, mitreissende Dynamik, erstaunliches Können. Was für eine umwerfende Band und was für ein gigantisches Album!

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