How Longlist can you go?

Es ist schon eine hasslieb gewordene Tradition hier, auch wenn es zu 99% nicht um Indie geht: Ein mal im Jahr geht die BBC her und erklärt eine Liste von musikalischen Newcomern zu den Durchstartern der nächsten Saison. Sonntag war es mal wieder so weit. Also trete jetzt ich in Aktion. Ich werde mir jetzt a) die Kollegen anhören und b) meinen Senf dazu abgeben. In einem späteren Post werde ich mit meinen eigenen Kandidaten fürs neue Jahr reagieren. Alright? 

Diesmal haben die Briten es mir leichter gemacht – zum ersten Mal seit 2010 beträgt die BBC Longlist: The Sound of 2019 nur zehn Prognosen. Zuletzt waren es immer 15 oder auch mal 16 Aufsteiger, auf die die BBC setzte. 

Nachtrag: Siegerin letztes Jahr: Sigrid. Aber sagen wir’s so: Der Riesendurchbruch kam noch nicht. Selbst in Nowegen reichte es nur für Platz 12 für ihre letzte Single „Sucker Punch“, auf der Insel kam 2018 nur „High Five“ in die Charts, auf Platz 59. Hmmm. Naja, am 1.3.2019 soll Sigrids Debütalbum kommen, dann werden wir ja sehen, ob sie die neu Dua Lipa ist.

Aber jetzt los. Was erwartet uns 2019?

Wir starten, weil die BBC Vornamen alphabetisch ordnet, mit Dermot Kennedy. Ein Ire. Aus Dublin. Und ich hasse es nach drei Sekunden. Ja, Rag’n’Bone Man hatte großen Erfolg. Aber wie oft wollt ihr den denn noch klonen, Musikindustrie? 

Weiter geht’s mit Ella Mai. Der Londoner R’n’B-Pop-Sängerin Erfolge zu prognostizieren, das ist ein echter Job für Captain Hindsight! Zwei UK-Top10 Hits hat die Lady schließlich schon. „Boo’d Up“ eroberte letztes Jahr sogar Platz 1 der US-R’n’B-Charts und ist für zwei Grammies nominiert! Sogar für den „Song des Jahres“!
Meine Meinung? Die Nummer stört mich nicht, aber ich erkenne auch nicht, was Ella Mai irgendwie herausragen lässt. Die Texte vielleicht? „I’ll never gonna get over you, until I find someone new“. Hmm. Wenn das ein Indie-Song wäre, wäre es hinterfotzig/selbstironisch gemeint. Ich habe den Verdacht, das ist es nicht.

Wir bleiben in London und kommen zu Flohio. Okay, so ein Grime-Ding. Da bin ich raus. Ich habe immerhin das Gefühl, dass die Lady Persönlichkeit und was zu sagen hat. Dass ich mich eher an sie erinnern werde als an Ella Mai. Die Sounds sind trotzdem nicht das, was meinen Ohren gefällt.

Wo bleibt denn die jährliche Quoten-Piano-Balladen-Langweilerin? Ah, da ist sie ja! Grace Carter aus Brighton. Die hätte auch von der Mannheimer Popakademie kommen können, so meh ist ihr banales Gesülze.

Weiter geht’s mit King Princess. Das ist doch gleich mal jemand, wo sogar der Name spannend klingt. So doppelgeschlechtlich! In der Tat geht’s hier um LGBTQ-Problematiken. Wie auch Tash Sultana identifiziert sich King Princess als „non-binary“, also weder als Mann noch als Frau, weder als straight noch als lesbisch. Damit hat er/sie auf jeden Fall schon mal eine Menge zu sagen. Das findet auch Mark Ronson, der sie/ihn auf seinem Label unter Vertrag genommen hat. Der Song „1950“ befasst sich dann auch gleich mal mit der Geschichte der Unterdrückung der lesbischen Identität – auch das ist auf jeden Fall ein hochinteressanter Background.
Warum ist das Lied dann so einschläfernd langweilig? Weil die Melodie der Strophen tödlich monoton ist und dann genau der gleiche  vorhersehbare Refrain rein genudelt kommt wie bei jedem, jedem, jedem, jedem, JEDEM, JEDEM anderen Lied in der Playlist, die der Algorithmus um „1950“ herum generiert.
Hey! Bringt doch bitte den jungen Leuten mehr als eine Akkordfolge bei!

So. Weiter geht’s mit Mahalia aus Birmingham. Und wieder so ne R’n’B-Pop-Lady. Was ja fair enough ist. Aber kann mir jemand sagen, was an dieser Lady herausragend sein soll? Was rechtfertigt ihrn Platz auf der Shortlist? Was ist special? Für mich klingt das vielleicht ein Winzi-Pinzi-Bisschen edler als der normale Chartpop, so mit dem angejazzten Saxofon-Solo. Aber das ist auch alles. Das REICHT doch nicht!

Next: Rapper Octavian. Der ist in Lille geboren und lebt jetzt in London, hat also französisch-englischen Background, er mixt House, Rap, Drill, Grime und Dancehall. Pitchfork jubelt über den gewagten Stilmix, an mir läuft’s mal wieder komplett vorbei. Tja. Wenigstens regt’s mich nicht auf.

Und jetzt gibt’s wieder Neues von Captain Hindsight: Rosalia, längst Weltstar, Gesicht des „neuen Flamenco“. Die Senorita arbeitet bereits mit Pharrell und bricht überall, wo man spanisch spricht, seit zwei Jahren Rekorde und räumt Preise ab. Für die BBC ein Tipp für 2019?
Immerhin: Das ist mal ein noch nicht ausgelutschter Sound.

Worüber ich noch nicht gesprochen habe: SCHON wieder alles nur Solisten. Die Zeit der Bands, sie scheint endgültig vorbei.

Den Todesstoß geben Sea Girls.
Um Himmels WIllen. Um HIMMELS WILLEN!
Ich mag Indie. Ich LIEBE Indie. Ich will frische, neue Indiebands hören.
Gerade deshalb will ich schreien und um mich schlagen, wenn ich eine Band sehe, die so gnadenlos banal, tödlich unoriginell, schweins-uncool und kack-unsympathisch daher kommt wie die Sea Girls aus London. Null Rebellion, null Witz, null Ideen, null Knistern, null Persönlichkeit! DAS soll Englands neue Gitarrenhoffnung sein?  Kotzen will ich, echt, ich will einfach nur kotzen. Wenn ich nicht wüsste, dass es bessere Bands GIBT, würde ich sagen: Brexitannia, wenn ihr euch schon aufgegeben habt, dann zieht doch einfach den Stecker.
Sea Girls. Fuck off, was für eine jämmerliche Grütze! Falls jemand diese Arschlöcher irgendwo sieht: Feuert ihnen eine von mir, mit schönen Grüßen! Und werft ihre Gitarren in eine Wanne Salzsäure! FUCK! 

Jetzt noch slowthai. Bei HipHop bin ich bekanntlich raus – aber das erkenne auch ich, dass dieser Junge wenigstens Persönlichkeit hat. Dem würd ich in Nottingham nicht auf der Straße begegnen wollen – und das ist GUT! Endlich einer, der Wut ausdrückt! Der was bedrohliches ausstrahlt! Der nicht die in Watte eingepackte Oberschicht repräsentiert! Das ist Rock’n’Roll! Nicht all diese biederen Kinder aus gutem Hause!

Ernsthaft, England. Wir müssen reden! Das ist bisher die schlimmste Longlist ever.
Klar fixiert sich eure Liste auf die Insel, das wissen wir seit eh und je. Den fehlenden Blick über den Tellerrand will ich euch diesmal nicht mal vorwerfen. Aber hey: Reden wir über eure Musiker. Über die Situation, in die ihr euch gebracht habt. Über eure Zukunft. Ihr wisst schon, dass euch in drei Monaten der absolute Clusterfuck Brexit bevorsteht? In dieser Situation sollten eure Bands und Künstler TOBEN und WÜTEN! (Ein paar tun’s ja auch: Shame, Idles, Sleaford Mods zum Beispiel) Diese Ära der Verunsicherung sollte eure Künstler zu Höchstleistungen anstacheln – und ihr gebt uns Grace Carter und die fucken Sea Girls?!?!?!

Lasst’s halt einfach. Ich war mal voll anglophil. Jetzt hab’ ich bald echt nicht mal mehr Mitleid.

Der Vollständigkeit halber: Meine Top 3: slowthai (deswegen sein Bild ganz oben), Rosalia, FLOHIO. 

In absehbarer Zeit werde ich hier meine zehn Gitarren-Favoriten für 2019 auflisten. 

Rückblick: HIER meine Tipps für 2018. 

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