Mando Ciao?

opener mandoMittwoch haben Mando Diao auf ihrer Website eine ziemliche Bombe platzen lassen. Es hat mich ein bisschen erstaunt, wie gering das Echo darauf bisher war. Vielleicht, weil die Botschaft dort in Schwedisch steht? Hat’s keiner verstanden? Oder haben eh alle längst damit gerechnet?

Auf der Website steht: „Mando Diao och Gustaf Norén går skilda vägar“
Auf deutsch: Mando Diao und Gustaf Norén gehen getrennte Wege.

Das ist schon ein ziemlicher Hammer.
Hier zuerst noch mal der Wortlaut des Textes – übersetzt von mir in meinem Anfänger-Schwedisch.

„Mando Diao und Gustaf Norén gehen getrennte Wege.
Nachdem die Band jüngst unterschiedliche Vorstellungen über ihre Zukunft hatte, hat Gustaf diesen Zeitpunkt gewählt, um neue kreative Ideen und künstlerische Ausdrucksformen außerhalb von Mando Diao zu verwirklichen. Björn Dixgård und der Rest der Band werden als Mando Diao weitermachen und die vereinbarten Sommershows wie geplant spielen.
„Gustaf ist ein unglaublich kreativer und talentierter Musiker und Künstler. Jetzt erhält er die Zeit und die Freiheit, Ideen ohne Kompromisse zu verwirklichen und es wird äußerst spannend sein, wo dies hinführt. Der Rest von uns in der Band wird weitermachen wie immer und freut sich, auf all den Konzerten im Sommer die Fans zu treffen.“
Björn Dixgård.

Ein paar Fragen, Spekulationen und Gedanken dazu nach dem Break.

So. Dies ändert bei Mando Diao natürlich alles. Die zwei Frontmänner Gustaf und Björn waren bisher unzertrennlich. Die besten Freunde aus Kindheitstagen schienen sich gegenseitig zu beflügeln. Die Doppelspitze war’s, die Mando Diao gegenüber anderen Indiebands auszeichnete. Wer sonst hat eine Doppelspitze? The Libertines, Ride, wer noch? Viele sind’s nicht.

Jedenfalls: Als Samuel und als Keyboarder Mats gingen, war das für die Fans ein Verlust. Aber – ohne den Jungs nahe treten zu wollen, i love those guys – beide waren Maschinisten, nicht die Lenker des Schiffs Mando Diao. Sie wurden ersetzt, und die Fans nahmen’s hin.
Gustaf wird nicht ersetzt werden können.
(Eine andere Sache ist natürlich die, wo diese zwei Lenker Mando Diao in den letzten Jahren hin navigiert haben. Aber dazu später.)

mando happier timesFragen, Fragen, Fragen. Werden die neuen Mando Diao also ein reines Björn-Ding sein? Einen zweiten Co-Frontmann kann er sich ja wohl kaum suchen – wen denn? Werden künftige Mando Diao-Sets nur aus Björns Songs bestehen? Ist CJ eigentlich noch an Bord? Wird die Band zurück zum Rock’n’Roll finden oder den eingeschlagenen Weg in Richtung … ja wie nennt man das eigentlich? … beibehalten?

Wie friedlich das Ganze wohl abgelaufen ist?
Wann immer jemand eine Band verlässt oder rausgeworfen wird, werden Statements veröffentlicht, laut denen alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Auch bei Drummer Samuel hieß es damals offiziell ja sowas wie „Er verlässt die Band, um sich um seine Familie zu kümmern. Wir wünschen ihm viel Glück“. Dabei ging Samuel keinesfalls freiwillig. Auch der aktuelle Wortlaut lädt ein, zwischen den Zeilen tief zu blicken – da ist von „unterschiedlichen Vorstellungen über die Zukunft“ (wörtlich: Visionen) die Rede und davon, dass Gustaf jetzt „die Freiheit“ hat, „Ideen ohne Kompromisse zu verwirklichen.“ Unterschwellig klingt das offensiv nach „Er war unfähig, Kompromisse einzugehen.“

!!!Breaking News!!! (naja, zumindest für mich)
In der Zwischenzeit war Gustaf im schwedischen Fernsehen, wo er verlautbarte: Nein, er habe Mando Diao NICHT verlassen. Für ihn gebe es Mando Diao nicht mehr. Und Björns Statement, das könne ja wohl unmöglich von ihm kommen, denn „Nach 20 Jahren sagt Björn doch so was nicht – das klingt ja wie eine Maschine.“ Gustaf sagte auch in einem Interview mit „Nöjesbladet“, er sei weiter offen dafür, mit der Band zu spielen und er werde sicher auch in der Zukunft weiter mit Björn Musik machen. „Man kann im Leben schließlich nichts voraus planen.“
Ui ui ui.
Gustaf bestätigte im TV, dass er und Björn sich uneinig gewesen seien, was die Band für sie darstelle. Auf die Frage, ob dies Gustafs musikalische Ausrichtung betroffen habe, antwortete er nur „unsere Verträge sind ausgelaufen“.
(Was wiederum erklärt, warum die Universal Deutschland noch kein Statement rausgelassen hat – offenbar hat man die Band nach dem Mißerfolg von „Aelita“ „gedroppt“.)
Es drängt sich der Eindruck auf, dass Björn & Co (= das Management?) Nägel mit Köpfen machen wollten und kommende Verhandlungen – ob mit Labels, Tourneeagenturen oder wem auch immer – ohne den Unsicherheitsfaktor Gustaf unter Dach und Fach bringen wollen.

Wie sind wir hier her gekommen?
Zweifellos hat sich Mando Diao in den letzten Jahren von der Rock’n’Roll-Band, als die wir sie kennen gelernt haben, weg entwickelt. Was ich völlig legitim fand. Andererseits, klar, nicht alles, was sie zum Beispiel auf „Aelita“ fabrizierten, traf meinen Geschmack. Aber es geht nicht um mich, es geht um die Kreativen, die Künstler selbst. Gustaf fühlte sich offensichtlich frustriert und eingeengt von der Schablone, die andere Leute über Mando Diao gelegt hatten. Sein Kopf war ganz woanders, und das ist ja nur zu verständlich. Mando Diao haben als Teenies angefangen. Jeder von uns hat sich zwischen 18 und Anfang 30 entwickelt. Man sieht alte Fotos und sagt: „So sah ich aus?“ Man hört alte Platten und sagt: „DAS fand ich cool?“ Dass Gustaf sich in einigen seiner frühen Lieder nicht mehr wiederfand, liegt in der Natur der Sache.

Aber dass nicht alle Fans mitzogen, als er das Output der Band in eine neue Richtung zerrte, das ist genauso natürlich. Extrem war das auf der letzten Tournee zu sehen. Hier gaben Björn und Gustaf ein Duo, alle Begleitmusiker wurden unter Gummianzügen versteckt – war das überhaupt noch CJ am Bass und wenn ja, wieso ließ er das mit sich machen? Sie spielten schwindeligen Elektropop, hatten eine Art Raumschiff auf der Bühne – und ihre größten Hits, die gab es nur in Zeitlupe. Eine Zeitung schrieb, Mando Diao „düpierten ihre Fans“.

Also, wie gesagt: Ich respektiere es, dass sich Gustaf künstlerisch und persönlich entwickelt. Ich finde es prima, wenn jemand mit offenen Augen durchs Leben geht und nicht stagniert.
Aber ich verstehe auch die andere Seite. Ich verstehe das Publikum, dass Rock’n’Roll liebt und an die zwei Worte Mando Diao mit gewissen Vorstellungen heran geht. Das war ein Konflikt, der gelöst werden musste.

Naja. Trotz allem – ich hätte mir nicht vorstellen können, dass die Lösung so aussähe. Ich hätte gedacht, Gustaf und Björn bleiben ein ewiges Tandem.
Ich habe gerade regelrechtes Mitleid mit Gustaf – in dem TV-Interview macht er einen sehr verwirrten Eindruck (er hatte allerdings auch Fieber und vor dem Interview Penicillin eingeworfen). Andererseits, ich weiss noch, wie mitgenommen Samuel war, als er von Gustaf aus der Band gekickt wurde. Gustaf ist kein Unschuldslamm.

Und was bringt die Zukunft? Können wir uns Mando Diao wirklich als Björns Soloding vorstellen? Ich muss gestehen: Ich kann das, in der Tat. Lieber wäre mir jedoch, er sänge unter seinem eigenen Namen oder dem Namen einer neuen Band. Andererseits – vielleicht ist Mando Diao praktisch schon vorbei und es sollten nur die letzten vier Shows abgewickelt werden?

Naja. Was soll man sagen? Ich hoffe, dass sowohl Gustaf als auch Björn ihren Frieden auf ihrem Weg finden werden, ob der nun getrennt oder gemeinsam sein wird und dass sie sich irgendwann alle mal wieder in den Armen liegen. Keyboarder Daniel Haglund war ja auch mal aus der Band gefeuert worden und später schloss man wieder mit ihm Frieden. Und man kann im Leben nie alles voraus planen.

Die vier kommenden MANDO DIAO – Shows:

27.6. Kiruna, SWE, Kirunafestivalen
19.7. Cuxhaven, DE, Deichbrandfestival
24.7. Luzern, CH, Blue Balls Festival
25.7. Lumnzia, CH, Open Air Lumnezia

Mando Diao – Money Doesn’t Make You Man from Erik Henriksson on Vimeo.

5 Kommentare zu „Mando Ciao?“

  1. Penicillin? Ich schmeiß mich weg! Seit der Entstehung von Aelita bis heute wird die Wiederauferstehung von Spinal Tap gefeiert. „I’d feel a lot worse if I wasn’t under such heavy sedation…“

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    1. Naja, zugegeben, so wahnsinnig originell war meine Headline ja auch nicht. Ich denke nicht, dass sie sie wirklich geklaut haben, denn man findet meinen Blog im Netz ja praktisch nicht…

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