Review: L.A. Salami

L.A. Salami – „The City Of Bootmakers“

Das letzte Album des Londoners Lookman Adekunle Salami war ein ziemliches Tohuwabohu. Aber es war trotzdem – oder gerade deswegen – interessant. Hier war ein sehr untypischer Charakter zugange: Singer/Songwriter, Aktivist, verstiegener Künstler, Protestsänger. Wer auf der Platte den roten Faden suchte, fand ein kunterbuntes, verheddertes Wollknäuel. Flüsterfolk, dissonante Noisegitarren, Sprechgesang auf dem Weg zum Rap, Jeff Buckley’sche Melodiepurzelbäume, all das gab’s zu finden auf „Dancing With Band Grammar“. (HIER noch mal mein Text von vom Sommer 2016.)

Zwei Jahre später hat Lookman zu einer klareren Definition seiner Kunst gefunden. Er hat sich dabei nicht dafür entschieden, einen der Seitenarme seines bisher verästelten kreativen Flusses zu verfolgen. Viel mehr er alles in einen Hauptstrom kanalisiert. 

Das Ergebnis ist ein Sound, den man wohl als Indie-Folkrock bezeichnet. Die Songs auf „The City Of Bootmakers“ sind immer noch nicht alle unter einen Hut zu bringen, aber sie sind längst nicht so disparat wie die auf dem Vorgänger. Keine geflüsterten Balladen, keine wütenden Attacken, das meiste ist Midtempo und nicht ganz weit weg von der Art Londoner Erzähler-Poesie, wie sie Pete Doherty oder vor ein paar Jahren ein Jack Peñate fabrizierten: Ein bisschen trashy und beeinflusst auch von uralter Music Hall noch aus Prä-Beat-Zeiten.

Klingt das, als habe hier jemand seine Kantigkeit verloren? Falls ja, ist das nicht das, was ich sagen will. LA Salami bleibt ein interessanter Charakter mit Mitteilungsbedürfnis. Als Texter kann er gewitzt formulieren, offenbart aber eine Inkonsistenz: Manchmal, da bleibt er vage und deutet nur an, worum es ihm geht. In anderen Fällen textet er so direkt und unverklausuliert, wie man es eigentlich nur von Protestsängern der Sixties kennt: In „Terrorism (The Isis Crisis)“ beispielsweise wird’s ernst, da denkt Lookman laut über die Zusammenhänge zwischen Erdölfeldern, Medien, Staatsapparaten und religiösen Fanatikern nach. Ein gewagtes Unterfangen und die Frage, ob man der Sache in einem bissigen Folkrocksong von 3:51 Minuten gerecht werden kann, darf gestellt werden. Aber okay, es zeigt uns was über diesen Sänger: So etwas wenigstens zu versuchen, das ist mal mindestens mutig. 

Ähnlich konkret textet Lookman im Song „Brick Lane“. Das Thema, um das es hier geht, ist eins, an dem man sich nicht  so superleicht die Finger verbrennen kann: Gentrifizierung. Also erleben wir Lookman als gewitzt-genervten Beobachter: „And the cash flows from all the wealthy come in, who seem not to like the scene that led them on – and the scene is gone“ 

Demgegenüber stehen andere Songs, da liest man den Text und die Deutung fällt erheblich schwerer. Nehmen wir als Beispiel „The Talisman On The Age Of Glass“, auch wenn ich mir ausgerechnet bei diesem Song einbilde, ihn durchstiegen zu haben – es geht meiner Meinung nach um Folgendes: Wenn man älter wird und merkt, hey, der Kosmos wird weiter bestehen, für Milliarden Jahre, selbst wenn man selbst längst zu Staub zerfallen ist und sogar wenn die Menschheit sich zerbomben sollte – dieser Gedankengang. Und die Fragestellung in dem Zusammenhang: Was ist mir selbst, mit diesem Wissen, künftig egal und worauf will ich trotzdem Einfluss nehmen? Ob Lookman aber wirklich über dies singt? Da gibt er mit Zeilen wie „The symbiotics go kaleidoscopic, ideas turn myopic in the age of glass“ dem Hörer dann durchaus Rätsel auf. 

The point being: Konsistent ist LA Salami als Texter noch nicht, weil er zwischen diesen Extremen der vagen Andeutung und der buchstäblichen Ausformulierung pendelt. 

Andererseits, ist das wirklich notwendig, konsistent zu sein? Im direkten Vergleich zwischen den beiden Alben hat LA Salami vor zwei Jahren sicher die zerzaustere und ausgefranstere Platte abgeliefert. Hier, auf „The City Of Bootmakers“, ist der rote Faden zweifellos erkennbar: Musikalisch in dem quasi durchgängigen Indiefolk-Bandsetting mit Gitarre, Drums, Bass, Orgel oder Klavier (Lookman hat jetzt eine feste Begleitband namens The Bootmakers – das fördert natürlich die Konstanz)
Textlich is L.A., wenn vielleicht nicht in der Form, so doch in der Aussage konsistent: Ein London-geschädigter singt über seine Probleme, ob sie privater, oder globalpolitischer Natur sind, manchmal noch so richtig mit Wut im Bauch, manchmal zweifelnd, manchmal mit der gutmütigen Resignation desjenigen, der sich mit den Zuständen abgefunden hat.

Und wenn man die beiden Platten so nebeneinander stellt, haben sie beide ihre Vor- und Nachteile. „Dancing With Bad Grammar“ war Kraut und Rüben, aber aufregend. „The City Of Bootmakers“ ist die rundere Platte, geordneter und klarer, aber weniger neugierig machend. Na, im Großen und Ganzen ist es gut, beide Platten zu haben, um unser Bild davon, für was LA Salami steht und wie er als Typ tickt, zu ergänzen.

(p.s. Das Tracklisting beinhaltet ein kurzes Intro, das nicht in die Track Ratio einfließt.)

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