Review: Tiny Little Houses

Tiny Little Houses – „Idiot Proverbs“

Auf diese Platte habe ich gespannt gewartet. Im Oktober 2015 erschien „You Tore Out My Heart“, die erste EP der Melbourner Band Tiny Little Houses, und haute mich ziemlich aus den Socken. Wer so gut anfängt, gibt ein Versprechen auf die Zukunft. Lösen die Houses das Versprechen ein, nicht ganz zweieinhalb Jahre später? Nicht auf ganzer Linie, so viel kann ich schon mal sagen.

„Idiot Proverbs“. Sprichwörter von Idioten. Damit meint Caleb Carvountzis solche treudoofen Ansagen wie „Folge deinen Träumen!“ An sowas glaubt der Australier nicht mehr. Der Kopf der Tiny Little Houses ist heute vor allem eins: Desillusioniert.

Das war nicht immer so. „Loved my days in kindergarten, I was happy in first grade, okay in High School, then it began to change.“ erinnert sich Caleb gleich im ersten Song „Garbage Bin“. Heute ist er 26, Studienabbrecher und seine Zukunft ist nicht eben rosig. Auch davon erzählt er in dem Lied. Es ist nicht genug Geld da („The student loans are starting to bite me in the ass“), ärger aber ist die Trostlosigkeit der Gesamtsituation: „Do a dance and turn around, If you’ve got yourself some pockets you can fill them so you drown. […] And it don’t get much better than this.“ 

„Entitled Generation“ schlägt in die gleiche Kerbe. Ich habe den Song hier auf dem Blog neulich in den „Avocado Toast“-Zusammenhang gesetzt – Caleb ist Teil einer überqualifizierten Generation, die in schlecht bezahlten Jobs kaum auf die Füße kommt („I’m 25 and still not living out if home, got two degrees and still stuck working on the phone“) und sich dann auch noch doofe Sprüche anhören muss. Aus Calebs Worten spricht der Frust. Verständlich, nachvollziehbar und oft ziemlich gewitzt formuliert. Eine gute Grundlage für ein Album.

Allerdings: Früher waren die Tiny Little Houses nicht ganz so triste. Auch wenn ihre brillante erste EP gleich mal mit einem Song namens „Soon We Won’t Exist“ loslegte, wirkten die Tiny Little Houses damals nicht so hoffnungslos. Caleb muss 22, 23 gewesen sein, als er den TLH-Durchbruch „Easy“ schrieb. Ein Lied über unerwiderte Liebe, aber immerhin eins, das Liebe. Zärtlichkeit und Wärme als erreichbare Konzepte ausdrückte. Der Sound der Tiny Little Houses damals: Nicht unfolky, erkennbar inspiriert von US-Spät-90s-Bands wie Sparklehorse oder Neutral Milk Hotel.

Seitdem aber ist es rauer geworden, das Quartett. Was sich auf der 2016er-EP „Snow Globe“ abzeichnete, kommt auf „Idiot Proverbs“ voll zum Tragen. Die Gitarren wurden schroffer, die Texte immer verbitterter. Tiny Little Houses orientieren sich immer noch an 90s-US-Indie, sind aber ein paar Jahre rückwärts gegangen in die Post-Grunge-Phase. Man bleibt streng in einer Klangwelt aus gleich bleibenden verzerrten Gitarrensounds und rumpelnden Drums – der Titelsong, der Rhythmik und „Ooooh-Hoooh“ bei „Where Is My Mind“ von den Pixies mopst, ist ein typisches Beispiel für ihr aktuelles Klangbild. Einerseits voll in Ordnung, andererseits – naja, originell ist das nicht wirklich. Gerade für eine Band, die auch schon mal mehr Abwechslung geboten hat.

Caleb findet, die Tiny Little Houses seien heute „reifer“. Die früheren Songs seien im Nachhinein zu sehr ich-bezogen gewesen. Ich stimme da nicht ganz zu. Ich-Bezogenheit im Pop bedeutet ja erstens Ehrlichkeit und  zweitens eine Einladung an den Hörer, die Gefühle auf sich selbst zu beziehen. Außerdem: Wenn Caleb sich jetzt über seine Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation auskotzt, ist er ja immer noch ich-bezogen. Okay, vielleicht gibt er heute die Situation einer ganzen Generation Australier wieder, und nicht eine spezifische Erfahrung mit einem spezifischen Mädchen. Dennoch bleibe ich dabei: Auch individuelle Erfahrungen können universell nachvollziehbar sein – und auch jemand, der etwas als Teil einer Masse erlebt, kann dabei auf seinen Nabel schauen.

Aber gut. Ich verstehe, worum’s den Tiny Little Houses geht. Ich sehe, in den letzten Jahren ist so einiges nicht so gelaufen, wie Caleb sich das vorgestellt hat. Mit der Uni, mit dem Leben, mit dem Durchbruch der Band vielleicht auch. Es ist nachvollziehbar, dass ihnen gerade nicht danach ist, Hurra und Happy Happy zu schreien. Besser gefallen haben mir seine Songs aber trotzdem, als er nicht nur Schwarz und Grau auf der Palette hatte.

Don’t get me wrong: Wenn jemand selbst gerade in so etwas drin steckt wie Caleb, kann „Idiot Proverbs“ ein wichtige Platte für ihn sein. Weil sie einen stumpfen Frust gekonnt und nicht ohne Augenzwinkern auf den Punkt bringt. Ich aber bin halt keine 26 mehr. Die Zeiten, in denen meine Grundeinstellung mit „Ist doch eh alles scheiße“ beschrieben werden konnte, habe ich erlebt. Aber sie sind zum Glück vorbei und ich weiss heute: Diese Attitüde ist zwar legitim, aber nicht konstruktiv. Ich steh‘ nicht so drauf, sie wieder zu besuchen.

Immerhin, Caleb behauptet, das Album nähme „the mickey out of itself a little bit“, wie man in Australien sagt. Auf deutsch also: In all dem Frust übertreibt man auch und nimmt sich immer auch selbst auf den Arm. Das alles sei nicht so superbierernst gemeint. Nun gut, nehmen wir ihnen das mal ab.

Caleb sagte der AUS-Presse auch: Im Leben werde man nun mal nicht alles kriegen, was man sich als Kind gewünscht hat, und es gehe letztendlich auf der Platte darum, damit klar zu kommen, als Teil des Erwachsenwerdens. Ehrlich gesagt, ich empfange hier noch hauptsächlich die Momente des Schmollens, nicht die des seinen-Frieden-Machens. Aber wenn Caleb an diesem Punkt angekommen ist, freue ich mich. Dann habe ich wieder Hoffnung für die kommenden TLH-Songs. Denn grundsätzlich ist Caleb ein raffinierter Texter mit guter Beobachtungsgabe. Wenn er sich mit dieser Platte den Frust von der Seele geschrieben haben sollte und nun nach vorn gucken kann, werden mir seine künftigen Lieder wieder mehr geben können. Für jetzt kann ich die Songs von „Idiot Proverbs“ als gut durchgeführte, prägnant formulierte Nu-Grunge-Beisser schätzen. Aber nicht so lieben wie ihre ersten Lieder.

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