Interview: The Vaccines

Am Freitag erschien „Combat Sports“, das vierte Album von The Vaccines. Es hat sich eine Menge getan bei der Band, die 2011 so vehement in die Szene platzte. Hits wie „Wrecking Ball (Ra Ra Ra)“, „If You Wanna“ und „Post Breakup Sex“ machten die (damals) vier Londoner zur UK-Indieband des Jahres, ihr Album „What Did You Expect From The Vaccines?“ wurde zum Millionenseller. Doch daran konnten sie nie hundertpro anknüpfen und das führte zu so einigen Krisen, die die Jungs vor „Combat Sports“ überwinden mussten. Darüber hat Gitarrist Freddie Cowan im Telefoninterview erstaunlich offen gesprochen.

Hey wie geht’s?

Gut, und dir?

Ach, ganz okay. Ich hatte die Grippe. Wird jetzt aber besser.

Oh, das tut mir leid. 

Hat London auch gerade die Grippe? Ganz Deutschland scheint sie zu haben.

Oh ja! Und zwar schon seit Monaten. So eine Grippewelle habe ich noch nicht erlebt. Jeder hat sie mal abgekriegt. Jetzt geht’s mir gut, aber ich war auch schon an der Reihe.

Alles klar. So! Viertes Album!

Yeah! „Combat Sports“!

Genau! Als ihr ins Studio gegangen seid, hattet ihr da einen klaren Plan? Oder ergibt sich das erst im Verlauf des Studioaufenthalts?

Ich glaube, wir alle hatten so unsere unterschiedlichen Vorstellungen. Am Anfang sollte es eine geradlinige Weiterführung von „English Graffiti“ sein. Worauf ich im Speziellen nicht besonders scharf war. Denn ich wollte immer schon, dass wir mal so eine richtige Rockplatte machen. Das haben wir in der Vergangenheit auch schon probiert, aber sowas muss auch von selbst kommen. Sowas kann man nicht forcieren, denn dann wird die Musik irgendwie unehrlich. Naja, dann verloren wir unseren Drummer, ziemlich am Anfang des Aufnahmeprozesses. Tja, das hat uns erst mal aus der Bahn geworfen. Da haben wir schon einen Moment lang überlegt, ob die Band überhaupt weitermachen wird. Wir hatten damals keine neuen Songs, wir hatten keinen wirklichen Plan, wo’s hin gehen sollte, wir hatten wenig Energie und Enthusiasmus. Wir wussten also echt nicht, ob wir weitermachen sollen. Wir gingen dann in den Pub und trafen eine Entscheidung – und die war: „Doch, lasst es uns probieren!“ Sekunde – ich schließe eben meine Tür auf – so, jetzt geht’s die Treppe hoch…

Wart ihr überrascht, als euer Drummer ausstieg? Das klang jetzt gerade so, als habe es euch unerwartet getroffen.

Doch, es war auf jeden Fall eine Überraschung. Aber – ach – es ist wie in einer Beziehung. Es hat schon eine Zeitlang gekriselt. Und dann kriegst du den Anruf und denkst trotzdem „Das kann doch nicht sein!“ Aber im Hinterkopf spürst du auch: „Doch, genau das passiert gerade.“ Ich war also nicht völlig schockiert, aber trotzdem überrascht. Naja, er hat drei Kinder, die er kaum gesehen hat, weil wir immer auf Tour waren. Er ist auch ein vielseitiger Musiker und er konnte sich mit seinen Ideen bei uns wenig durchsetzen. Er war einfach unglücklich und am Ende war es das Beste für alle Seiten. 

Wenn man eure Geschichte so betrachtet, wirkt es ja schon so, als seid ihr mit der Zeit von eurem ursprünglichen Weg abgekommen. Aber: Wie kriegt man den Wagen zurück in die Spur? Man kann ja nie wieder die Band sein, die man am Anfang war, man kann ja die Erfahrungen, die man gemacht hat, nicht ausradieren.

Kann man nicht, richtig. Das ist eine interessante Frage… Die einzige Möglichkeit, in die Spur zu kommen, ist ehrlich zu sein. Und ich denke, das bedeutet nicht, dass man das tun muss, was den Leuten gefällt oder was sie von einem erwarten. Aber gute Kunst ist immer ehrlich und unverstellt. Naja, und ich glaube: Nach dem ersten Album, da waren die Umstände so, dass wir das zweite Album ein bisschen hingehudelt haben. Und dann kam fehlgeleiteter Ehrgeiz dazu, als es darum ging, die dritte Platte zu machen. Also, ich muss sagen, dass ich oft nicht happy war, wie sich das entwickelt hat. Gleichzeitig kann ich auch sagen: Wir haben immer unser Möglichstes versucht. Und ich kann auch sagen: Es macht mir nichts aus, in der Öffentlichkeit zu lernen. Nicht jedes unserer Alben muss 10 von 10 Punkten kriegen. Ich mag das, dass man auch die Fehler sieht und die Lernkurve, das Auf und Ab, das sich einfach ergibt, wenn eine Band eine längere Karriere hat.

Ihr wart auch eine Zeitlang in einer komischen Position, fand ich. Ihr wart sowas wie die Vorzeige-Gitarrenband nach dem ersten Album. Da lief es in England nicht mehr gut für Gitarrenmusik, und immer, wenn ich mit einer Band drüber redete, hieß es: „Hey, die Vaccines verkaufen super – daran sieht man doch, es geht!“ Vielleicht ist auch dadurch irgendwann ein Druck auf euch gelastet, weil man von euch erwartete, ein ganzes Genre durchzubringen? Als ihr euer erstes Album aufgenommen hat und euch keiner kannte, war der ja nicht da.

Ach, ganz ehrlich – unter Druck setzen wir uns am allermeisten selbst. Ich glaube auch, dass der Druck nie unser Problem war. Unser Problem war, dass wir den Geschmack des Erfolges geschmeckt haben und fortan diesen Erfolg aufrecht erhalten wollten. Das war das Problem. Kein Druck von außen, der Druck von innen. Der Druck auf die Zukunftsperspektive der Band „Ja, wir wollen größere Shows spielen! Wir wollen ein Nummer Eins-Album! Wir wollen dies und jenes!“ Genau das ist aber der schnellste Weg, eine erfolglose Band zu werden. Das zerstört absolut deine Richtung. Auf der neuen Platte haben wir daher auch wieder, wie sonst auch, erst mal mit der Frage angefangen: „In welche Richtung soll es gehen?“ Weil wir das getan haben, hat sich die richtige Konstellation ergeben. Wir haben die richtigen Ratschläge bekommen, wir hatten die richtige Mentalität, um zu sagen: „Weisst du was? Das braucht mehr Arbeit, wir müssen zurück dahin, Musik zu machen, die uns wirklich viel bedeutet und wir müssen wieder wir selbst sein.“ Aufhören damit, sich zu verstellen. Aufhören damit, Dinge aus den falschen Gründen zu machen. Denn man kann einfach nichts faken. Man kann sich drüber unterhalten „Wir sollten dies tun oder das!“ – aber man kann es nicht faken. Es muss in echt passieren. Und darüber hat man nicht wirklich Kontrolle. Man schafft die Voraussetzungen fürs bestmögliche Ergebnis, aber der Moment, er muss von selbst kommen. Und dieser Moment, der war bei uns überfällig. Jetzt habe ich das Gefühl, dass wir da angekommen sind, wohin wir immer schon unterwegs waren, seit wir begonnen haben. Noch bevor wir uns getroffen haben als Band. Da war immer dieses Potential, etwas zu machen, das von Bedeutung ist.

Ihr seid jetzt zu fünft, habt zwei neue Mitglieder. Inwieweit verändert das die Banddynamik? Frisches Blut in den Adern, sozusagen?

Richtig. Also, ich glaube, wir haben dadurch ein paar menschliche Qualitäten zurück gewonnen, die wir verloren hatten: Geduld, Toleranz, Verständnis. Das sind Eigenschaften, die wir einfach vergessen hatten. Wir wurden mit der Zeit echt scheußlich zueinander: Wir wir miteinander redeten, wir wir uns zueinander verhielten, wie wir uns betrachteten. Wir wurden mit den Jahren echt aggressiv und negativ zueinander. Die neuen Mitglieder, das frische Blut, wenn man so will – jetzt wo sie dabei waren, merkten wir erst, in was für eine unnötige Situation wir uns damit rein manövriert hatten. Wir sollten uns glücklich schätzen – schau, was wir haben, was wir für ein Glück haben, wie viel wir erreicht haben! Wir sollten darüber dankbar sein und wir sollten uns auch gegenseitig dafür dankbar sein. Und nicht uns gegenseitig anschwärzen für die Dinge, die wir nicht erreicht haben. Diese frische Energie und auch die Naivität von Leuten, die das noch nicht erlebt haben, was für uns schon Routine war, die hat uns schon die Augen wieder dafür geöffnet. Überhaupt, man ändert ja einfach sein Verhalten, wenn neue Leute irgendwo dazu kommen. Das hat uns letztlich durch die Situation durch gebracht, das hat uns durchs Album durch gebracht. Denn wir schrieben die Platte in einem Probestudio – nicht die Songs – aber eingeübt und arrangiert wurden die Lieder im Probestudio. Und dafür nahmen wir uns acht Monate. Was eine lange Zeit ist. Montag bis Freitag. Wenn wir da nicht Yoann und Tim bei uns gehabt hätten mit ihrer frischen Energie, hätten wir es auf keinen Fall miteinander so lange ausgehalten. Wir wären irgendwann alle einfach gegangen. Wir hätten nicht schleifen und schleifen und schleifen können an dem Stein, bis wir den Diamanten hatten, den wir wollten. Die zwei gaben uns also Energie, Geduld, Toleranz – es war wie ein Jungbrunnen.

Ich glaube, ich weiss, was du meinst. Das erinnert mich an eine Ex-Freundin. Ich kannte sie nur supernett, aber als ich sie zum ersten Mal zu Hause besuchte, war sie zu ihren Familienmitgliedern voll zickig und gereizt. Womit ich sagen will: Innerhalb der Familie fallen Grenzen, weil man sich immer um sich hat. In einer Band wird es vermutlich auch so wie in einer Familie. Weil man sich jeden Tag sieht, fallen die Hemmungen.  

Einerseits ja, andererseits ist es das komplette Gegenteil. Denn in der Familie wird einem der Streit auch gleichgültig. In der Band sammelt sich das alles an und am Ende schleppt man diesen zentnerschweren Sack voller Verachtung mit sich. Wenn man zu einer Familie gehört, die immer streitet, dann liegt das daran, dass jeder Jahre und Jahre von Erlebnissen mit sich trägt, Dinge, die man sich gegenseitig angetan hat und nie aufgelöst hat. Wenn dann jemand sagt „Kannst du mir den Tee reichen?“ dann hört man nicht „Reichst du mir bitte den Tee“, dann hört man „Ich bin zu faul, ich will dich ausnutzen!“. Keiner kommuniziert offen. 

Aber wir wollen ja nicht auf dem Negativen rumreiten. Kommen wir doch mal zum Positiven. 

Ach, das ist ja die Vergangenheit. Das war der Zustand, als es losging mit dem Album. Ich will nicht sagen, dass wir jetzt perfekt sind, aber das liegt hinter uns. Wie wir jetzt miteinander emotional umgehen, das ist eine ganz andere Liga.

Ich fand es interessant, dass du gesagt hast, ihr hättet Wochen, Monate von 9 bis 5 an dem Album gearbeitet. Denn die Vaccines-Songs sind ja oft sehr kurz, unter drei Minuten, und sie kommen sehr spontan rüber. Schon ein ziemlicher Kontrast.

Dafür habe ich aber eine Erklärung. Normalerweise werden unsere Alben auf den allerletzten Drücker fertig. Wir verwenden unglaublich viel Arbeit und Zeit mit Dingen, die am Ende dann nicht aufs Album kommen. Aber nur, weil wir vorher all diesen Ausschuss produzieren, lernen wir Tricks und finden unsere Klangpalette und kriegen Ideen und grenzen schließlich ein, wo das Ganze hingehen soll. Wir reißen uns all unsere Haare aus und der arme Justin, auch er reisst sich all sein Haar aus. Dann kommen wir an einen Punkt, an dem wir sagen: „Das ist sie, die Platte!“ Aber dann entscheiden wir „Nein!“ und treten alles wieder in die Tonne. Dann kratzen wir uns am Kopf und dann formulieren wir sowas wie einen Plan. Justin ist der, der alle Songs schreibt – und quasi all unsere Singles hat er in diesem Spiel geschrieben, das er macht. Da nimmt er sich vor, zehn oder zwanzig Songs an einem Tag zu schreiben. „T-Shirt“, „Night Club“ und noch ein Lieblingslied von mir, das aber nicht aufs Album kam, hat Justin am gleichen Tag in einem dieser 10-Song-Spiele geschrieben, in wenigen Stunden. Bei uns geht es also viel mehr darum, die Richtung zu finden, die Klangpalette, und rauszukriegen, wo es NICHT hingehen soll – das nimmt 99% unserer Zeit in Anspruch. Wenn das dann aber steht – dann geht es ganz schnell. Wenn Justin dann einen Song vorlegt, dann wissen wir genau, wie wir ihn umsetzen und arrangieren wollen. Das geht dann ganz fix. Aber es dauert unglaublich lange, vorher dort anzukommen, dass wir wissen, was wir wollen.

Das finde ich jetzt bemerkenswert. Ich meine, ich spreche ja mit vielen Bands – und alle arbeiten etwas anders. Ihr legt also quasi erst die Farbpalette fest, und erst wenn die steht, geht es um das Motiv, das ihr malt. 

Also, so im Rückblick… Dieser Zeitraum, in dem das Ganze gärt, in dem wir experimentieren, das ist nichts, worüber wir hinterher noch lange nachdenken. Aber es ist einfach so, dass es bei uns so lange dauert, bis wir rausgefunden haben, was richtig ist und was nicht. Irgendwann weiss man es einfach. Der Moment, ab dem die Dinge passen, den erkennt man. Vorher muss man einfach geduldig sein und nett zueinander und vernünftig warten, wenn es noch nicht zusammen passt. 

Das hat man auch nicht selbst unter Kontrolle. Man kann sich nur für diesen Prozess selbst bestmöglich aufstellen. Wir haben Glück, dass es letztlich immer noch irgendwann gegriffen hat. Das ist nicht garantiert, das ist es nicht.

Also, wenn Justin 10 Songs auf einen Sitz schreibt und zwei davon kommen aufs Album – dann bleiben acht übrig. Ihr müsst also ein prall gefülltes Archiv haben mit Songs. Haha, die ihr könntet ihr ja schwächeren Gitarrenbands überlassen, die Lieder brauchen! Aber im Ernst, was macht ihr mit all den Songs?

Ich sag’ dir, es gibt haufenweise Songs, die ich total liebe und die es nie auf die Alben geschafft haben! Ich glaube, wir könnten aus dem Stand ein super Album aufnehmen nur aus Songs, die wir bisher nicht verwendet haben. Lieder, die vielleicht nur im Moment nicht passten – aber echt richtig gutes Material! Vielleicht wäre das echt ein Gedanke fürs nächste Album. Es gibt Hunderte und Hunderte von nicht verwendeten Vaccines-Liedern auf unseren Festplatten! Ja. Die niemand je hören wird…

Das ist echt irre. Aber neues Thema: Denkst du, dass Gitarrenbands zurück kommen werden? Indie war jetzt lange out. Irgendwann muss der Kreislauf doch wieder dort ankommen. 

Ich denke, es ist verdammt noch mal Zeit. Nicht nur, weil es für uns gut wäre. Aber hey, es sind jetzt fast 15 Jahre! Ich meine, 2003, da war das kulturell SO relevant! The Strokes waren gerade durchgestartet – 2003/2004 begann diese riesige Wiederauferstehung der Gitarrenbands. 2007 etwa war der Höhepunkt, ab da ging es abwärts. 15 Jahre, das denke ich, ist der richtige Abstand. Ich glaube, dieses Jahr oder nächstes Jahr werden wir eine Band sehen, oder auch mehrere, die einen wirklich großen Wurf landet. Ich bin mir sicher, dass sich das Rad dann gedreht hat. Denn ich finde vor allem, dass Popmusik in letzter Zeit unglaublich unattraktiv geworden ist. Pop ist so verdammt faul geworden! Es gab eine Zeit, nicht allzu lange her, da war Pop innovativ und interessant. Jetzt aber finde ich, dass es wirklich stagniert. 

Es ist Landfill Pop.

Sorry..?

Weisst du, man hat doch die Gitarrenbands ab 2007 irgendwann als „Landfill Indie“ bezeichnet. 

Ach so, Landfill. Das hatte ich akustisch nicht verstanden.

Jetzt sind wir an dem Punkt von Landfill Pop.

Aber du hast damit vollkommen Recht! Es ist Landfill Pop! Das meiste ist abstoßend! Ich kann in kein Taxi mehr steigen, weil mir schlecht wird, wenn da Radio läuft! Ich weiss nicht mehr, wer das produziert und warum – und es inspiriert auf keinen Fall mehr irgend jemand! Und das ist einfach FALSCH! Das inspiriert niemanden mehr zu irgendwas! Es geht mir nicht darum, wie musikalisch das ist. Es geht darum, dass da schwache Moralvorstellungen promotet werden, ungute Interessen und faules Denken! Aber die Leute sind nicht dumm. Deswegen wendet sich das Blatt. Das Blatt wendet sich, weil dieser Punkt überschritten ist. Und ich will ja gar nicht gegen Popmusik grundsätzlich wettern. Klar gibt es auch gutes Zeug. Aber wenn der Standard so tief gesunken ist wie das, was momentan im Radio kommt, dann wird es abgelehnt. Dann schalten die Leute ihre Geräte ab. Und ich finde, jetzt ist Zeit. Es ist Zeit für ein wenig Elektrizität! Zeit für etwas Schweiß! Und für etwas Bedeutung! Bedeutung und gescheite Inspiration für die Leute! So wie es jetzt läuft, das ist ungesund.

Als Gitarrenfan möchte ich dir nur zu gerne glauben. Aber manchmal frage ich mich sehr wohl, ob handgespielte Instrumente für jemanden, der heute aufwächst, nicht doch einfach überholt sind. Was kann uns Rock’n’Roll noch erzählen, das wirklich nur Rock’n’Roll uns erzählen kann?

Ich glaube, es geht nicht um Rock’n’Roll als Stil. Ich denke, es geht um Punk – und Punk existiert in allen Arten von Musik. Punk existierte in Miles Davis und John Coltrane, es existierte in Robert Johnson und in den Rolling Stones, natürlich in den Stooges, in David Bowie, in Robert Fripp, Brian Eno. Wenn ich Punk sage, meine ich den Ethos. Das ist wichtig. Es geht um das WIE, wie man etwas tut, nicht WAS man tut. Ich finde, auch der beste HipHop ist Punk. Wenn Beyoncé ihr bestes Zeug macht, dann hat sie einen Punk-Ethos. Es geht nicht um Jack Daniel’s, Harley Davidsons und Les Pauls, das hat keine kulturelle Relevanz, wenn das ist, was Rock’n’Roll bedeutet. Aber hat die Gitarre noch was zu beweisen und hat sie eine Zukunft im Punk Ethos? Im Sinne von „Wir brauchen das! Wir haben was zu sagen! Wir erforschen etwas, dies ist Fortschritt!“, denn das verkörpert für mich die Punk-Mentalität. In diesem Zusammenhang hat die Gitarre einen Abstieg hingelegt, zugegeben, aber sie hat immer noch eine Menge zu geben. Die Leute müssen nicht nach den nächsten vier Frisuren Ausschau halten, nach den neuen Strokes. Die Band, die kommt, wird etwas Eigenes ein. Aber die Gitarre, die hat noch viele Meilen im Tank. 

Ich finde ja auch: Bands, das sind meistens vier Typen, alleine vom Aussehen her kommt das auch auch immer wie eine verschworene Gang rüber und das alleine hat was aufmüpfiges und oppositionelles. Gitarrenmusik ist oft ein Werkzeug des Widerstandes. Könnt ihr euch vorstellen, über Trumpism oder Brexit zu singen?

Nein. Nein, denn ich denke nicht das ist nötig. Ich glaube, die Leute kommen auch so kaum hinterher mit der Menge an Information. Mir gibt es schon zu viel politische Nachrichten, es wird schwieriger, die Quellen zu finden, denen man traut. Was ich aber sehr wohl wichtig finde, das ist, die Leute dazu zu ermutigen, gute Menschen zu sein. Dass sie sich möglichst informieren und bilden und so in der Lage sind, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Denn das ist, was wirklich Auswirkungen haben wird auf die Welt. 

Ich meine, wir spielen in einer Rock’n’Roll Band. Ich schreibe nicht für den Economist, ich kann niemandem die komplexen Zusammenhänge erklären, die das Verlassen der EU mit sich bringt. Ich kann ihnen nichts erzählen über den Zirkus der Trump Regierung – erst recht nicht in einem Song. Aber wenn wir jemanden anstacheln können, oder wenn Justins Texte jemand anstacheln können, sich aufzuraffen und für ihre Interessen einzustehen und verdammt noch mal was zu tun, nicht nihilistisch zu sein sondern sich aktiv Interessen zu widmen und dafür zu kämpfen – dann wäre das wirklich extrem positiv. Das ist, was ich wichtig finde: Dass die Leute verstehen, gut von schlecht zu unterscheiden. Und einen Moralkodex zu haben, an den sie glauben und der sie anleitet, gute Menschen zu sein. Sowas kriegt man, wenn wenn man sich aufrafft, auch wenn man mal fertig gemacht wurde, und für seine Sache einsteht. Ja. Das, denke ich, ist es. Seine Interessen vertreten, egal, was einem entgegen gestellt wird, mit den Konsequenzen umgehen, geradeheraus sein und sein Ding machen. 

Ich denke, das ist letztlich, worum es in „Combat Sports“ geht. Es geht um die sprunghafte und manchmal gewalttätige Natur der Welt. Auch um die sprunghafte und manchmal gewalttätige Natur der Gedanken mancher Leute. Und darum, sich selbst zu überwinden und andere zu überwinden – und nicht aufzugeben. Es geht um Durchsetzungsvermögen, das ist eine wichtige Sache, finde ich. Alles Dinge, die ich nicht höre, wenn ich den x-ten Aufwasch von aktueller Popmusik höre. 

Aber wo ich das gesagt habe: Ich stehe darauf, wenn andere Politik und Popmusik verbinden können. Wenn sie es schaffen, etwas zu thematisieren, so dass die Leute drüber reden oder drüber lachen.  Sowas finde ich ermutigend. So lange die Leute es als Anstoss verstehen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen – nicht, dass sie ihr Hirn abschalten und sich einer politischen Ideologie verschreiben. Es ist falsch, wenn man, sagen wir, einen Rapper gehört hat und dann deswegen die Person wählt, die der einem gesagt hat. Wichtig ist, dass man sich selbst schlau macht und seine eigene Meinung bildet.

Und damit ist meine halbe Stunde auch gleich schon vorbei, ich komme schon zum Abschluss. Am Schluss lasse ich mir immer gerne eine Anekdote erzählen – was war denn bisher die schrägste Show, die die Vaccines je gespielt haben? 

Wir haben mal eine Privatshow gespielt für einen englischen Olympia-Goldmedaillengewinner. Im Radfahren. Für seine Hochzeit.

Alright!

Aber am Abend davor hatten wir noch das letzte Konzerte einer Amerika-Tour gespielt. Ich glaube, das war der betrunkenste Auftritt, den wir je hatten. Ich erinnere mich jedenfalls an keinen vergleichbaren. Auch die ganze Crew war betrunken. Unser Tour Manager war so wütend darüber, wie wir uns benommen haben, dass er hingeschmissen hat. Er ging einfach! Er verließ die Band, er ließ uns zurück auf diesem Konzert… und wir mussten am nächsten Tag in England spielen, bei dieser Hochzeit, total verkatert und mit Jetlag. Also, ich erinnere mich noch, der Bräutigam glaubte, die Partygesellschaft würde total abgehen. Aber keiner außer ihm kannte uns. Wir spielten vor einem leeren Dancefloor. Die Braut und der Bräutigam, sie tanzten, und eine Handvoll Kinder hüpfte mit… also, das war ein echt sehr schräges Konzert. Keiner von den Gästen wollte uns da haben. Aber für den Typen selbst war es natürlich ein wirklich wichtiger Tag. Aber es war sehr schräg.

Tja, wer mag das nur gewesen sein? So viele Goldmedaillengewinner im Radfahren hatte England ja nicht, oder? Das kann ich wahrscheinlich googlen. War’s Bradley Wiggins? Oder… der Andere?

Der andere war’s.

Dann war’s Chris Froome, richtig?

Nein, Mark Cavendish.

Ah, Mark Cavendish. Alles klar. 

Genau der. Also, klar waren wir happy, dort zu sein. Es hat schon Spaß gemacht. Es war halt nur auch extrem schräg. Seine Familie und die anderen Gäste hatten einfach NULL Ahnung, wer wir waren – und wir spielten diese laute Rockmusik in einer Hochzeitszeremonie. Niemand peilte, was da los war.

Echt schräg. Alles klar, jetzt muss ich aber Schluss machen! Vielen Dank für deine Zeit, das hat Spaß gemacht! Und viel Erfolg für die Platte!

Danke ebenfalls – see you soon!

Bye!

 

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