Review: We Are Scientists

We Are Scientists – „Megaplex“

Also mal ganz ehrlich. Als ich las, dass ein neues We Are Scientists – Album kommen sollte, da war meine Reaktion die folgende: „Gääääähn!“ 

Dann aber sah ich, dass die Band in Deutschland bei der Plattenfirma Grönland unterschrieben hatte. Das Label kennt man dafür, dass es von Herbert Grönemeyer gegründete wurde. Die Arbeit dort aber hat Hand und Fuß: Die Erfolge von Philipp Poisel, Boy, Philipp Dittberner und Gloria zeigen, dass die Firma den deutschen Markt versteht. Signings wie Fazerdaze und William Fitzsimmons wiederum stehen dafür, dass man schon auch Geschmack hat. Meine neue Reaktion war nun also: Ungläubiges Staunen. Augenreiben. Ja, hatten die bei Grönland nicht mitgekriegt, wie steil die Kurve bei der Band nach unten zeigte? 

Dazu kurz eine Zusammenfassung der bisherigen Karriere von We Are Scientists: „With Love And Squalor“, das zweite Album der New Yorker, war ein Knaller. Der Hit „Nobody Move, Nobody Get Hurt“ läuft heut noch in Indie-Discos. Problem: Die Platte ist von 2006, jetzt also 12 Jahre alt. WAS haben seitdem nichts nachlegen können.

Das Folgealben „Brain Thrust Mastery“ (2008) lief noch okay. Ich mochte die Platte, denn hier versuchte das Duo noch erkennbar, seine Palette zu erweitern. „Barbara“ (2010) ging dafür back-to-basics und war einfach nur Durchschnitts-Indie. „TV en Francais“ (2014) machte es nur noch schlechter. Alleine auf der Skip-Taste durch diese Einheitsbrei-Platte durch zu zappen, war demoralisierend. Dass 2016 dann noch „Helter Seltzer“ kam, habe ich nicht mal mehr mitgekriegt.

Und jetzt gibt Grönland ihnen tatsächlich einen neuen Vertrag. Was ist da los?
Dann meldet sich eine Freundin: „Die neue We Are Scientists schon gehört? Ihre beste seit ewig!“
Als nächstes lese ich ein Interview. Darin reden Keith Murray und Chris Cane vom Radio der 80er, mit dem sie groß wurden. Vom „Ghostbusters“-Titelsong, von Cyndi Lauper und Duran Duran. Sowas wollten sie jetzt ansteuern.

Keine Frage: We Are Scientists mussten das Steuer rumreissen. Haben sie’s mit dieser Platte tatsächlich getan? Haben sie das Indie-Bubblegum-Monsterpop-Album geschaffen, an das man bei diesen Referenzen denken darf?

Jein. Aber kein glattes Jein mit 50/50 Trennung. Sondern 70% Ja.

Also: Was We Are Scientists getan haben, und was auch dringend nötig war, das war, ihren Sound mal gründlich zu überholen und wenigstens die Karosserie mit Hochglanzlack neu zu überziehen. 

Bedeutet: „Your Light Has Changed“ geht gleich mit einem saftigen, plakativen Gitarrenriff los, das seine Wirkung nicht verfehlt. „Not Another World“ muss die oben zitierte Referenz an Cyndi Lauper sein, denn die Nummer orientiert sich rhythmisch, in Sachen Bassline und Gitarrenlicks an deren „Girls Just Wanna Have Fun“, macht aber natürlich ’nen Indierocksong draus. „Kit“ ist eine MOR-Ballade mit augenzwinkerndem Slide-Bass und Bombast-Drums – eine gewitzte Hommage an Sound, mit dem„Top Gun“-Kussszenen untermalt wurden. „One In, One Out“ greift den Hörer am Kragen mit seinem Synthie-Riff und legt einen nagenden Ohrwurm-Refrain drauf. „Heart Is A Weapon“ setzt auf Phoenix-sche Stop-Start-Rhythmik.

Da tut sich was. Insgesamt ist das sogar fast schon zu poppig, fast schon zu sehr auf „Wir wollen jetzt auf A-Rotation!“ getrimmt. Andererseits: Was anderes, als dass dies ihre 80s-Radio-Platte sein soll, haben We Are Scientists auch nicht behauptet.

So kann man nicht meckern. „Megaplex“ ist echt in Ordnung. Klar ist dies immer noch zuallererst Indie, nur eben massiv auf 80s-Rockpop gebürstet. Aber es funktioniert ganz ordentlich. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass WAS noch nie so viele Hooks geballt auf eine Platte gepresst haben. Untereinander wiederum liefern die Songs fröhlich Abwechslung. Der Moment, auf dem man angeödet auf die Skip-Taste drücken will, kommt nicht – und das war kürzlich ja noch ganz anders  bei den beiden. 

Wenn die Karriere von We Are Scientists bis vor kurzem leblos dahin zu siechen schien, so kann dieses Album der Adrenalinstoß ins Herz sein, den sie unbedingt brauchten. Ob sie sich auch tatsächlich erholen, wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls sieht die Entscheidung von Grönland, hier als Label zuzugreifen, gleich viel cleverer aus.

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