Schlagwort-Archive: New Order

Review: April Towers

April Towers – „Certified Freaky“

Na endlich. Da ist es also. Lange haben wir drauf gewartet, aber nicht nur wir. Am meisten die April Towers selbst.

Rückblende in den Sommer 2015: Mit zwei nahezu perfekten Singles („No Corruption“ und „Arcadia“) taucht aus dem Nichts ein Duo aus Nottingham auf, das den Synthpop-Sweet Spot, dort wo sich „True Faith“-Ära-New Order, Vince Clarke-ismen (Yazoo, Erasure, frühe Depeche Mode) und Indie-Feel überschneiden, zielgenau anpeilt, abdrückt und mittenrein trifft. Okay, was richtig Neues ist das nicht. Aber erstens man muss Melancholia und Style erst mal so zielgenau auf den Punkt bringen und zweitens: Tunes. Mann, April Towers haben Tunes! 

Alles deutete vor drei Jahren also darauf hin, dass hier eine Band einen Raketenstart hinlegte – aber die nächste Stufe, die wollte irgendwie nicht zünden. Obwohl April Towers ihre Single „A Little Bit Of Fear“ auf einem FIFA-Game-Soundtrack unterbrachten, obwohl auch die weiteren Singles einen hohen Level hielten. 

Und weil die Erwartungen eben so schnell so hoch geschraubt waren, sah dieses Nicht-vorwärts-Kommen für Manche gleich mal nach Stagnation aus. Die zwei Briten haben sich in einem langen Blogpost zur VÖ von „Certified Freaky“ den Frust von der Seele geschrieben: „The people who once loved what we were about were suddenly absent, the face of the industry changing and changing as it always does was plain to see. You start to blame yourself when these things happen, and the only thing we could do through these times was keep going.“ 

Jedenfalls: Kein Majorlabel-Vertrag für die Kurzzeit-Raketenhoffnung. Statt eines Majorlabel-Deals letztlich die Albumfinanzierung über Pledgemusic. Statt Hype 2015 ein zähes Durchbeissen bis 2018. Aber Hauptsache, dass Alex Noble und Charlie Burley ihre Sache durchgezogen haben. Denn am Ende steht ein richtig gutes Album. Review: April Towers weiterlesen

Review: Hästpojken

Hästpöjken – „Hästpojken är död“

Ernst gemeinte Frage: Wir haben hier in Deutschland nicht wirklich eine 70-Rockpop-Songwriter-Tradition, oder? Ich meine, ich müsste es ja mitgekriegt haben inzwischen. Ich habe als kleiner Stöpsel ja „Disco“ mit Ilja Richter und die „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck noch im Fernsehen gesehen. Klar, damals wusste ich nicht, was zu welchem Genre gehörte. Ich wusste ja nicht mal, was ein Genre ist. Aber wenn es jemand gab, der die Rolle erfüllte, würde ich das doch inzwischen mitgekriegt haben? 

Es gab Schlager, Schlager, Schlager. Ein Wort, das so bezeichnend ist, dass man es sogar im Schwedischen kennt und verwendet. Für Schlager. Schwedische Schlager. Es gab Typen wie Lindenberg, aber der war ja mehr Rocker. Ton Steine Scherben erst Recht. Aber was gab’s dazwischen? Zwischen Rock und Schlager? Oder: Was deckte sowohl als auch ab?

Ich frage, weil da so eine riesige Lücke zu klaffen scheint, wenn man sich andere Länder anschaut: Die Chansontradition in Frankreich und Belgien, wo Pop und Niveau noch nie als Widerspruch galten. All die englischsprachigen 70s-Meister aus den USA und UK, von Harry Nilsson über Billy Joel bis Fleetwood Mac, das geht ja in die Hunderte! Italien! Was für eine Szene, was für Typen! Lucio Dalla, Celentano, Toto Cotugno, Lucio Battisti, das sind ja Evergreens noch und nöcher! Kann man das hierzulande mit etwas vergleichen? Mit Reinhard Mey doch nicht? Juliane Werdings „Am Tag, als Conny Kramer starb“? Aber auch das war nur eine deutsche Version eines US-Originals.

Und warum überhaupt diese ganze Fragerei? Die tollen Hästpojken sind Schuld.  Review: Hästpojken weiterlesen

Brand – New – Lies

Neulich hat mein itunes-Shuffle mal wieder die Real Lies gepickt. Da hält man kurz inne und fragt sich: Was wohl aus der Band geworden ist? Ihr Debütalbum, inzwischen auch zweienhalb Jahre alt, war ein echt spannendes Brit-Indie-Dance-Dingens. In meinem Text zu der Platte verglich ich die Jungs mit New Order, The Streets, Hard-Fi, The Specials und Pet Shop Boys. Es war dann aber nicht so, dass die Platte die Welt oder auch nur die Insel erobert hätte. Oft genug packen solche Bands dann sang- und klanglos ein.

Real Lies aber sind seit heute zurück – mit einer Single, die elektronischer ist als all das, was sie vorher gemacht haben. Da kann man jetzt wohl auch Underworld zur Liste der Einflüsse addieren?

 

 

I’ve got the Towers

Manchmal sieht man eine Band und weiss sofort: „Die werden Stars!“ oder „Das wird nix.“ Manchmal weiss man auch: „Hmm, in seiner Szene wird das gut funktionieren, aber wenn die mal nach München kommen, werden die in ihrem Leben bestenfalls die Milla Spielen, nie die Muffathalle, geschweige denn Olympia.“

Und manchmal irrt man sich. Ich hab‘ ja gedacht, April Towers würden ordentlich Karriere machen, seit ich 2015 die Single „No Curruption“ hörte. Das war so richtig perfekter Synth-Indie, in meinen Ohren, wie gemalt für Fans von New Order und OMD aus den 80s selbst oder Anhänger von La Roux und CHVRCHES heutzutage. Mir war klar, dass das Duo aus Nottingham nicht gleich Hits wie Hurts landen würde – aber ich dachte, hey, das wird jetzt ne mittelgroße Indie-Band. In München: Strom bis Technikum.

Ich hätte nicht gedacht, dass Alex Noble und Charlie Burley drei Jahre später ihr Album über Pledgemusic zusammensparen müssen. (HIER geht’s zur Kampagne, wenn ihr noch mitfinanzieren möchtet) Naja, aber inzwischen soll es wenigstens bald fertig sein. Die Single „Tel Aviv“ hat jetzt ein Video. Ich finde, dass das ein gelungener Neo-80s-Ohrwurm ist. Das kann schon noch was werden.

Interview: Moaning

Auch wenn ich mich wiederhole: Alleine das kleine Sub Pop-Logo auf einer CD ist immer ein Grund, hinzuhören. Wen hat das langlebige Grunge-Kultlabel da jetzt wieder gesignt? Moaning, ein junges Trio aus LA, das einen zwischen Post-Punk und Grungepop seine Klangheimat gefunden hat. Gestern erschien ihr Debütalbum. Moaning-Sänger Sean Solomon hat mir ein email-Interview beantwortet.

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Review: Strange Names

Strange Names – „Data“

Vor drei Jahren haben die Strange Names aus Prince‘ Heimatstadt Minneapolis ein Debütalbum („Use Your Time Wisely“) hingelegt, das echt so richtig Popspaß machte.
Ich schrieb damals, die Band sei gar keine 80s-Revival-Band, sondern eine 80s-Revival-Revival-Band.
Kurzfassung: 2015 lief das 80s-Revival schließlich schon über ein Jahrzehnt, also mehr als doppelt so lange wie die 80s-New Wave Phase selbst, auf die all die neueren Bands sich berufen (die datiere ich auf ca 79-84). Außerdem wendete die Band eine dicht arrangierte, breit geschichtete Produktion an, wie man sie von den Neo-80s—Bands unserer Zeit kennt (ich nenne mal The Killers, La Roux oder Haim als Beispiele). Das aber ist eine Klangdichte, mit der die Originale (sagen wir z.B. Men Without Hats, New Order, OMD) gar nicht gearbeitet haben. (Okay, Tears For Fears, die schon). (Langfassung des Textes HIER.)

Seit gestern liegt die zweite Platte des Synthie-fixierten Trios vor. Klar wollte ich wieder drüber schreiben. Da gibt’s nur ein Problem: Kann ich auch was Neues darüber sagen? Etwas, das ich nicht bereits übers erste Album gesagt habe? Wenn eine Band schon von vornherein als Retro-Act startet, wenn sie sich bewusst in einen im Voraus gesteckten Referenzrahmen platziert – dann gibt es für sie nicht wirklich Raum, sich zu entwickeln, oder?

Es ist nun aber doch so, dass „Data“ einen Schritt nach vorne macht. Oder wenigstens zur Seite. Oder sagen wir: Die Strange Names  wagen ein gelenkiges Tänzchen innerhalb ihres Rahmens. Review: Strange Names weiterlesen

Review: Ride

Ride – „Tomorrow’s Shore“ EP

Ride.
Play.
Fall.
Today Forever.
Twisterella.

Das, was Ride in ihren Anfangsjahren prägte, waren nicht nur ihre zwei Longplayer „Nowhere“ und „Going Blank Again“. Wer richtig Fan war, der sammelte auch ihre EPs. In ihren ersten Jahren kam das Quartett aus Oxford alle paar Monate mit vier Songs um die Ecke, deren Qualität sich hinter den Albumtracks nicht verstecken musste. Im Gegenteil – einige ihrer besten Songs überhaupt platzierten Ride hier. Für uns Anhänger war das wichtig. Ich weiss z.B. noch, als ich Tobi aus Würzburg kennenlernte, da fanden wir den Draht zueinander, indem wir uns Sachen sagten wie „Und DRIVE BLIND!!!“ „Und HOWARD HUGHES!!“. „SENNEN!“. „Ohh, ja, Sennen! Aber UNFAMILIAR ja auch!“ „Total! FURTHEST SENSE!!!“ „Wahnsinn!“

Also, was ich sagen will: Für jemanden, der die Ride-Reunion bejubelte, hat dies einen nostalgischen Wert: Mark, Andy, Loz und Steve nehmen auch die Tradition der 4-Track-EP wieder auf. Review: Ride weiterlesen

What did you expect from 2018, Pt.1

Hallo, 2018!
Wirst du ein gutes Indie-Jahr werden? Die ersten Anzeichen sind nicht schlecht. Auf so einige spannende Newcomer dürfen wir uns freuen – darüber habe ich neulich schon mal einen Post geschrieben. Natürlich warten wir aber auch auf so einige Größen und persönliche Favoriten, die sich zurück melden.

Ich habe eine Liste unter folgendem Motto zusammen gestellt: „Ausgesuchte kommende Alben 2018“. Dies sind Platten, die fürs neue Jahr schon definitiv angekündigt wurden, die man sicher erwarten oder zumindest realistisch erhoffen darf – oder über die man wenigstens spekulieren kann.
Plötzlich standen da über 30 Namen auf meinem Zettel. Deswegen teile ich die Liste in drei Beiträge auf.
Los geht’s mit Teil 1.

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Review: Cut Copy

Cut Copy – „Haiku From Zero“

Hmm. Ich war mal richtiger Riesenfan von Cut Copy. Sowohl „In Ghost Colours“ als auch „Zonoscope“ waren in den Top 3 meiner Lieblingsalben der Jahre 2008 bzw. 2011. Ich jubelte innerlich beim Gedanken an diese Band. Eine australisches, lässiges Update von New Order? Was klang an dieser Idee nicht ideal?

Aber die neue Platte löst vergleichsweise wenig aus bei mir. Dabei sind die Songs nicht erkennbar schlechter. Sie sind sogar klarer, definierter, mehr auf den Punkt. Vielleicht ist das ihr Problem?

Timing ist sicher auch eine Sache. Natürlich hat man sich mit der Zeit an Cut Copy auch ein bisschen gewöhnt. Heute ist das schwer vorzustellen, aber 80-Revival-Sounds waren mal was Freshes. In den 90ern waren Synthies sogar lange so krass verpönt, dass es was fast Unverschämtes hatte, als nach der Jahrtausendwende die ersten Bands auftauchten, die Keyboards einsetzten. Es war, als machten die das aus Trotz gegen die jahrelange Unterdrückung durch Grunge, NuMetal und Britpop.

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The Towers That Be

Große Hoffnungen setzte ich in das Synthpopduo April Towers aus Nottingham, als vor zwei Jahren etwa ihre ersten Singles erschienen. „No Corruption“ und „Arcadia“  hatten für mich beinah den Level von New Order. Auf ihren folgenden Songs bzw. ihrer EP seitdem haben Alex Noble und Charlie Burley zwar nicht enttäuscht, aber die Spitzenleistung der ersten Songs doch noch nicht wieder erreicht. Inzwischen steht tatsächlich das Debütalbum vor der Tür, eingeläutet wird’s mit der Single „Takes One To Know One“.  Ein Song, der untypischerweise nicht auf einer Synthloop, sondern einem  Gitarrenriff einreitet. Das Video zur Single liegt jetzt vor.