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The Sound Of Sperrmüll

Wer hier öfter vorbei schaut, weiss es längst: Seit ein paar Jahren gibt’s einen typischen Melbourne-Sound, den man down under Dolewave nennt. Lo-Fi-Janglepop, clever beobachtende Texte mit Witz. Bands wie Twerps, Dick Diver, Lower Plenty, Rolling Blackouts Coastal Fever oder The Ocean Party sind in dieser Szene aktiv. Inzwischen greift der Sound australienweit um sich: Aus Brisbane kommen The Goon Sax, aus Hobart sind Treehouse aufgetaucht und inzwischen geht’s auch an der Westküste los. Perths Beitrag zum Dolewave kommt von der Band Verge Collection.

Verge Collection – so nennt man im Westen Australiens die Sperrmüllsammlung. Im Südosten hat man für Sperrmüll einen anderen Ausdruck: „Hard Rubbish“. So wiederum hieß bereits ein Album von Melbournes Lower Plenty. Wir ziehen den Schluss: Dolewave-Bands identifizieren sich irgendwie mit Sperrmüll. Mit den ausgemusterten Dingen, die im Weg sind und weggeworfen werden – für die sich aber vielleicht doch noch wer findet, der sie brauchen kann.  Ja, mit so profunden philosophischen Theorien kann ich in die Woche starten.

Daft Pop is playing at my Treehouse

Warum kann man mich mit australischem LoFi-Schrammelpop so glücklich machen? Sollte ich nicht irgendwann mal genug davon haben? Louis C.K. sagte mal, die Leute könnten doch jetzt aufhören, Pornos zu drehen – denn es gebe jetzt ja wirklich genug. Wenn man morgen aufhören würde, würde für den Rest der Zeit kein Mangel herrschen. So ähnlich ist das mit australischem Janglepop/Dolewave, oder? Wer soll das alles hören? Aber dann kommt Bedroom Suck Records aus Brisbane daher (die uns u.a. Lower Plenty, Peak Twins, Scott & Charlene’s Wedding und Bitch Prefect kredenzten) und präsentiert uns Treehouse aus Hobart, Tasmanien – und man sieht ihr Video zum Song „Hammer On The Door“ und will gleich wieder jubeln.

Review: Rolling Blackouts C.F.

Rolling Blackouts Coastal Fever – „The French Press“

Bei Teenage Fanclub ist es bekanntlich so: Die Schotten haben gleich drei Sänger bzw. Songwriter. Wer sich in die Band verguckt, erkennt schnell: Dieser Song ist typisch Norman Blake, diesen hier hat Gerard Love geschrieben und der hier ist garantiert von Raymond McGinley.

Auch Melbournes Rolling Blackouts Coastal Fever haben drei Songwriter bzw. Sänger. Noch bin ich aber leider nicht so weit, Tom Russo, Joe White und Fran Keaney auseinander zu halten. Weder, was ihr Songwriting angeht, noch an ihren Stimmen. Allerdings erschweren die Jungs uns das auch. Denn während bei TFC immer der jeweilige Songwriter sein Lied singt und die anderen vielleicht noch Harmonien beisteuern, wechseln sich RCBF häufig innerhalb eines Songs ab, als antworteten sie aufeinander. Manchmal fallen sie sich sogar ins Wort. Was natürlich eine interessante Eigendynamik zur Folge hat: Wir hören Songs aus verschiedenen Perspektiven, die sich auch widersprechen können. Manchmal reden/singen die Stimmen aneinander vorbei, ganz wie im realen Dialog. Das kann die Songs mit sehr viel Leben erfüllen. Review: Rolling Blackouts C.F. weiterlesen

Review: Rolling Blackouts Coastal Fever

Talk TightRolling Blackouts Coastal Fever – „Talk Tight“

Indiegitarren sind halt doch das Geilste!

Manchmal stößt man auf eine Band und weiss nach 30 Sekunden: Die schließe ich ins Herz! Die haben’s gepeilt! Die machen das Richtige! Das ist super! Das ist schlau! Das ist genau das, was ich kenne und liebe, aber das ist auch keine Kopie, denn es hat Persönlichkeit!

Willkommen in meinem Leben, Rolling Blackouts Coastal Fever!

Rolling Blackouts CF klingen so sehr nach Melbourne, dass es weh tut. Gut weh tut. Sie tun das, was Twerps, Dick Diver, Lower Plenty und The Ocean Party tun – also in der Hängematte die Go-Betweens updaten und mit eigener Identität aufladen. Janglepop in sonnig-melancholisch. Dolewave, if you will. Die Rolling Blackouts formen innerhalb dieses Dolewave-Rahmens ihr eigenes Dings, das sie selbst am besten erklären: Sie nennen ihre Musik nämlich „Soft Punk / Tough Pop“. Das kommt hin. Ihre Songs sind flotter als die meisten ihrer Stadt-Kollegen. Die Band hat drei Sänger und drei Gitarristen: Zwei E-Gitarren, die miteinander korrespondieren, und einen mit Akustischer, der die Akkorde strummt. Der Bassist spielt dazu Läufe, die aus den Fingern von Andy Rourke kommen könnten. Dem Drummer wurde laut Interview gesagt, er solle „bloß keinen Scheiß“ machen, daran hält er sich – seine trockenen Beats sind genau das, was die 22 Saiten brauchen, um gebündelt zu werden.

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Review: Hinds

HindsHinds – „Leave Me Alone“

Es geht schon los. Einer meiner Langzeit-Indie-DJ-Buddies schimpft bereits bitter über die Hinds. Spanische Gören, die nicht mal ihre Instrumente richtig im Griff haben? Was ja noch okay wäre, aber dass sie trotzdem seit Monaten irre Presse kriegen? „Diesem Hype laufe ich nicht hinterher“ sagt er. Wobei unausgesprochen mitschwingt: „…und wer’s tut, der ist manipulierbar und hat keine Ahnung“.

Damit wird er natürlich gefährlich nah den Typen ähnlich, über die die vier aus Madrid sich gerne lustig machen. Verbohrte Männer, die wohl Angst bekommen, wenn Mädels in ihre Domäne einbrechen und dabei auch noch die Konventionen ignorieren.

Es schwingt immer Sexismus mit, wenn es um das Girl-Quartett geht. Zum Einen, weil die Frage „Wenn die Liveshows dieser Band legendär schlecht sind, warum all die Aufmerksamkeit?“ gerne folgendermaßen beantwortet wird: „Muss wohl sein, weil’s Mädchen sind.“ So nach dem Motto: Musikjournos, die die gut finden, glauben wohl, da könnten sie eine abkriegen. Schon bitter, dass im Jahr 2016 immer noch so gedacht wird.

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Review: The Ocean Party

Light WeightThe Ocean Party – „Light Weight“

Auf diese strubbeligen Australier stieß ich im Herbst 2012. Ziemlich zur gleichen Zeit, als mir Bands wie Twerps, Dick Diver, Lower Plenty oder Boomgates ins Auge fielen. Denn Melbourne hatte eine neue Szene: Dolewave. Auch genannt „The New Ordinary“. Was es vielleicht besser traf.

„Dolewave“, das war/ist nicht einfach nur Janglepop zwischen Pavement und den Go-Betweens. Was diese Bands auszeichnete, war das Lakonische, das komplett Ungestellte, Ungeschminkte. Alles an ihnen war so… alltäglich. Und das war ihre Waffe: Wenn du im Alltäglichen ganz beifällig die großen Wahrheiten droppst, dann trifft es umso härter. Ohne jegliche Theatralik und Verkünstelung ist es einfach nur WAHR.

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Interview: Twerps

jpg Twerps HeaderSo, endlich widme ich mich meinem Twerps-Interview. Seit ein paar Jahren (okay, dafür hätte man den alten Blog verfolgen müssen) schreibe ich hier Liebesbriefe ans Genre „Dolewave“ bzw „The New Ordinary“ – so nennt man down under all die Bands aus Melbourne, die so unglaublich gemütlich und nonchalant klingen, die zwischen ihren Zeilen traurige und gewitzte Weisheit durchscheinen lassen. Die Könige dieser Musik, das sind die Twerps, die vor einigen Wochen ihr zweites Album veröffentlichten: „Range Anxiety“. Ich sprach mit Sänger Marty Frawley per skype. Interview: Twerps weiterlesen

Review: Dick Diver

Dick Diver – Melbourne, Florida

Es kann durchaus was haben, wenn Musiker ihre Instrumente nicht perfekt beherrschen. Das gibt dem Ganzen etwas, das man auf Englisch mit Looseness oder Unhingedness bezeichnen würde – es kann zu Musik führen, die so lose schwingt wie eine Tür, die in nur einem statt zwei Scharnieren hängt. Die Libertines haben ihre frühe Karriere drauf aufgebaut, verquer zu klingen und nebeneinander her zu spielen – das unterstrich ihre chaotische Note.

Aber zu Dick Diver: Chaos ist nicht das, was die Melbourner Vorzeige-Dolewaver auf ihren frühen Alben im Sinn hatten. Ihre Unhingedness hatte viel eher etwas Gemütliches. Man sah ihre Heimvideos aus unaufgeräumten Gärten und hatte das Gefühl, neben ihnen in der Hängematte in die australische Nachmittagssonne zu blinzeln – ein Track ihres Debütalbums „New Start Again“ (2011) hieß nicht aus Zufall „Hammock Days“.

„New Start Again“ erregte meine Aufmerksamkeit, weil man down under darüber schrieb, dass es eine so wahnsinnig AUSTRALISCHE Platte sei. Was das war, das die Platte so australisch wie nur irgendwas machte? Das musste ich mir auch zusammen reimen. Neben ein paar spezifischen Locations und Bezugspunkten (die Go-Betweens waren als Einfluss nicht zu überhören, andererseits, Pavement auch nicht) schien es mir vor allem ein … Feeling zu sein. Wenn Dick Diver also an Pavement erinnerten, dann nicht als US-Zyniker, sondern als aufgeweckte Aussies, unter deren Melancholia eine grundsätzlich sonnige Lässigkeit schwang. Auch klangen sie nicht so, als wollten sie Europa oder die USA erobern. Sie schienen nur einfach aus ihrem Vorort-Garten für andere Vorort-Gärten zu singen. Dick Diver teilten sich diese Eigenschaft mit anderen Melbournern wie Twerps, The Ocean Party, Lower Plenty oder auch Bitch Prefect (auch wenn Letztere aus Adelaide stammen). Die australische Musikpresse nannte das „Dolewave“ oder „The New Ordinary“. Hui, eine Szene!

Jetzt will ich aber endlich zu „Melbourne, Florida“ kommen. Review: Dick Diver weiterlesen

There will be Flood(lights)

Ein neuer Monat = ein neuer Clip vom aktuellen Aussie-Album „Soft Focus“ von The Ocean Party = eine neue Beschwerde von mir, warum man die Platte auch in Zeiten des Internet hierzulande noch nicht legal kriegt = ein weiteres Mal droppe ich die ebenfalls aus Melbourne stammenden Namen Twerps, Lower Plenty und Dick Diver, weil ich finde, auch The Ocean Party gehören mit ihrem smarten LoFi-Jangle-Pop in die Dolewave-Schublade, in die natürlich keiner von all denen rein will. Whatever. Der neue Clip ist zum Song „Floodlights“.

Interview: Graveyard Train

Graveyard Train

Was, bitteschön ist „Horror-Country“? Das ist das, was Graveyard Train betreiben. American Gothic Sounds mit Psychedelia und Augenzwinkern – und mit der falschen Heimat. Denn dies sind keine Voodoo-Sumpfunken aus Louisiana, sondern: Australier. Es folgt: Ein email-Interview nach Melbourne mit Graveyard Train – Frontmann Nick Finch.
(Das Interview hätte natürlich schon im Juli auf dem alten Blog erscheinen sollen, aber … yada yada yada … naja, jetzt gibt es ja den neuen.)

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