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Sweet Sista

Also eins muss man Kent lassen: Pathos können sie so richtig gut.

Zwei Korrekturen: Erstens: Kent können natürlich noch so viel mehr als Pathos. Sie sind Schwedens größte Band geworden, weil es nicht heiße Luft ist, sondern echtes, großes Gefühl, das sie in echte, große Musik packen.

Zweitens: Wir müssen das alles in die Vergangenheitsform setzen. Kent konnten Pathos richtig gut. Jocke Berg und Co haben dieses Jahr schließlich ihre Trennung angekündigt und an diesem Wochenende in Stockholm nun tatsächlich ihre finalen Konzerte gespielt. Kent wären nicht Kent, wenn sie das nicht mit einem positiv pathetischen letzten Video zelebrieren würden. „Den sista sången“, das letzte Lied.

What is Left

Es gibt nun ein erstes Video zu einem Song von Kents letztem Album „Då som nu för alltid“.  Die Schweden haben dafür „Den vänstra stranden“ ausgesucht.

Tja, was sagt man zu dem Clip. Eine Lady, offenbar depressiv. Trinkt  alleine daheim, belässt es nicht beim Trinken.  Es geht nicht gut aus – der schwarze Tunnel zieht sie magisch an. Vielleicht kennt ihr auch so jemanden.

Als ich meinen überlangen Aufsatz über das Album schrieb, handelte ich „Den vänstra stranden“ recht kurz ab. Als Liebeslied, in dem Jocke Berg quasi sagt: „Lass es uns noch mal versuchen.“

„Även om det gått 24 år sen sist så kan jag ändå minnas varje detalj din tysta lilla etta där i regnet och ’In Liverpool’ på repeat
Fast vi lever på olika kontinenter nu en miljon mil från varann så minns jag de där dagarna som de bästa de gled in i varann och försvann.“

„Auch 24 Jahre danach erinnere ich mich noch an jedes Detail (…) und auch wenn wir auf verschiedenen Kontinenten leben, eine Million Meilen von einander, erinnere ich mich an diese Tage als die besten – sie glitten ineinander und verschwanden.“

Vielleicht hat das Video nichts mit den Lyrics zu tun. Vielleicht ja doch. Naja. Man denkt drüber nach. Ob „den vänstra stranden“ = „the left bank“ auf deutsch vielleicht nicht unbedingt „der linke Strand“, sondern eher „das gegenüberliegende Ufer“ bedeutet. Das jenseitige.  Quasi: „See you on the other side.“

Kom och möt mig på vänstra stranden
En vit ros i din hand

Review: Kent

Kent – „Då som nu för alltid“

Für jetzt und für immer. Da ist es, das finale Album von Kent.

Puh. This is a big one.

Kent sind eine Band, die vor den großen Gesten und den großen Themen und dem großen Popanz nicht zurückschreckt. „Sveriges största Rockband“ – Schwedens größte Band – das ist ein Titel, dem sie sich stellen, seit sie ihn innehaben. Ein Titel, den sie irgendwann bewusst mit inszenierten – beispielsweise damals, als sie bei ihren Stadionshows zum Album „Du Och Jag Döden“ den Fans einen Dresscode ganz in weiss auferlegten (Ja, in Schweden bespielt die Band Stadien).

Nachdem sie Anfang der 90er als schwermütige Indierocker im Städtchen Eskilstuna loslegten, worauf sie schnell ihr Heimatland im Sturm erobern sollten, sind Sänger Joakim Berg und seine Mitstreiter zu mehr geworden als nur Musikern. Als Band entspricht Kents Rolle in Schweden quasi Depeche Mode, U2, Radiohead, Oasis und Suede gleichzeitig. Aber ihr Sänger Joakim Berg war, auch wenn er die Öffentlichkeit meidet, in den letzten Jahren auch der Off-Kommentator der schwedischen Gesellschaft. Denn wenn er in seinen Songs nicht poetisch und bildkräftig über die Liebe und den Tod reflektierte, dann war er zielsicher moralistisch, politisch und sozialkritisch. So kommentierte er Schwedens internationale Scheinheiligkeit und den Aufstieg der Rechten („La Belle Epoque“) genauso wie den nicht nur in Schweden, aber auch dort sichtbaren Trend der Spaltung der Gesellschaft in Ich-AGs (in der jüngsten Single „Egoist“).

Vor wenigen Wochen aber haben Kent ihre Trennung angekündigt. Ihr zwölftes Album wird ihr letztes. Dann noch eine Sommer/Herbsttour durch Skandinavien, und das war’s.

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