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Review: Henric de la Cour

Henric de la Cour – „Gimme Daggers“

Ich habe drei Lieblingsgoths. Einer davon ist Robert Smith, eh klar. Der zweite ist Richmond aus The IT Crowd (Noel Fielding, yay!). Der dritte in der Runde ist Henric de la Cour.

Henric macht jetzt auch schon 23 Jahren Platten. Trotzdem nimmt sein jüngstes Album eine Sonderstellung ein. Es ist das erste Album nach der Rettung. Oder: Das erste in der Normalität. 

Aber von Anfang an. 

Henric kennt man in Schweden schon seit 1995. Damals veröffentlichte seine erste Band, sie hieß Yvonne, ihr Debütalbum. Die Platte kriegte in der Heimat viel Aufsehen, obwohl sie komplett gegen alle Trends lief. Denn 1995, da war Grunge noch relativ groß, vor allem aber war der Britpop in vollem Schwung. Kein Mensch setzte auf Synthies, schwarze Klamotten, Kajal und Klänge aus der Mitte der 80er. Goths, Grufties, schienen ein absolutes Nischendasein in der Indieszene zu führen. Aber Henric und seine dunklen Boys aus Eskilstuna (ja, die gleiche Heimatstadt wie Kent) überzeugten ihre Mitschweden, weil sie’s so konsequent durchzogen – und weil sie enorme Songs auf ihrer Seite hatten. Review: Henric de la Cour weiterlesen

Werde ich jetzt einer von euch?

Auf dem alten Blog gab’s bereits mehrere Beiträge über meinen Lieblingsgoth Henric de la Cour. Im alten Blog schrieb ich auch Ende letzten Jahres darüber, dass im schwedischen Fernsehen eine hintergründige und aufschlussreiche Doku über den Ex-Frontmann von Yvonne und Strip Music und heutigen Solokünstler laufen sollte. Ich schreibe jetzt noch mal über die Doku, denn inzwischen ist sie auf DVD erschienen, und inzwischen habe ich sie selbst gesehen.

henric de la cour dvdWas Henric in der Doku erstmals preisgibt, und was er lange auch vor privaten Freunden geheim gehalten hatte: Henric ist Mukoviszidose-Patient. Als die Krankheit diagnostiziert wurde, war er fünf. Damals lag die Lebenserwartung für Erkrankte bei 15 Jahren.

Nun hat die Medizin über die Jahre erhebliche Fortschritte gemacht. Nichtsdestotrotz, Henric führte ein Leben, in dem ihm der unausweichliche Tod, der ja auch uns allen bevor steht, immer näher war als uns. Er rechnete nicht damit, 20 zu werden. Er rechnete nicht damit, 30 zu werden. Er rechnete nicht damit, 40 zu werden. Er blieb seinen Freunden, sogar seiner Familie gegenüber distanziert. Er machte keine langfristigen Pläne. Er wusste ja, es könnte jederzeit sein, dass er sich von allen verabschieden muss.

Klar, die Krankheit prägte sein Leben und seine Kunst. Einerseits wegen akuten Krankheitsphasen, in denen Henric sich tagelang von der Außenwelt zurückziehen musste. Andererseits, wenn immer dieses Damokles-Schwert über einem schwebt, ist ja wohl selbstverständlich, dass die Gedankenwelt sich um Tod und Abschied dreht, ums Anderssein, und dass sich dies in Texten und Lebensgefühl niederschlägt.

Ich erwähnte: Die Medizin, sie hat riesige Fortschritte gemacht in den Jahrzehnten. Die Doku bietet daher eine bemerkenswerte, augenöffnende Szene, die Höhepunkt, Wendepunkt und Anticlimax zugleich ist. Ich will nicht mal verraten, was da passiert. Ich möchte euch regelrecht zwingen, euch das anzugucken. Es kommt ein Moment vor in dem Film, da werdet ihr schlucken und vieles hinterfragen, auch in eurem Leben. Nicht nur deswegen ist „Henric de la Cour“ für mich die Musikdoku des Jahres.

Mal abgesehen davon liefert der Mann seit Mitte der 90s verlässlich wahnsinnig gute Musik und er ist komplett unterbewertet.

Die Doku ist Schwedisch, aber mit englischen Untertiteln. Der Name des Regisseurs ist Jacob Frössén. Gönnt sie euch. Übrigens, auch die ersten beiden Yvonne-Alben von 1995 und 1997, lange nicht erhältlich, sind jetzt in Downloadstores verfügbar.