Schlagwort-Archive: Elliott Smith

Sandy Ego!

Tja. Und jetzt schäme ich mich mal eben. Ist die Aufgabe eines Blogs nicht, früh dran zu sein? Der Singer/Songwriter Alexander Giannascoli aus Philadelphia steht vor der VÖ seines inzwischen achten(!) Albums – und jetzt erst habe ich ihn bemerkt.

Okay, Alex‘ früheste Werke sind Eigenveröffentlichungen ohne Label. Aber „House Of Sugar“ ist sogar schon seit drittes beim renommierten Indie Domino (Franz Ferdinand, Arctic Monkeys, u.a.) und auch Pitchfork verfolgt ihn schon länger. Ich hätte diesen Kollegen eigentlich nicht übersehen dürfen. Aber manchmal passiert so was wohl?

Alexander nennt sich (Sandy) Alex G – und sein Songwriting ist schräg, aber schön. Ich muss an die Psychedelia von The Olivia Tremor Control denken, an die Naivität von Daniel Johnston, an die Krakeligkeit von Sparklehorse, an das Hingehauchte von Sufjan, an die Melodien von Elliott Smith.

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Curly Whirly

Ich versuche seit einigen Monaten, mich ein bisschen ins Thema „Indie aus Japan“ rein zu fuchsen. Trotzdem kenne ich mich natürlich  längst noch nicht aus. Heute sehe ich ein neues Video von Curly Giraffe und denke mir: Hey, witziger Name, wie das wohl klingt? Es klingt gut. Wer wusste, dass es japanischen Slackerpop gibt?

Also wird ein bisschen gegooglet. Wir lernen: Der Mann hinter Curly Giraffe ist ein Veteran der J-Szene. Seit 1989 ist der inzwischen 51-jährige Yoshi Takaki in verschiedenen Bands aktiv gewesen – wiederholt genannt werden „the Great 3“ und „HONESTY“, die offenbar was bedeuteten zu ihrer Zeit. 2005 startete Yoshi dann sein Soloprojekt Curly Giraffe, mit dem er jetzt beim siebten Album angekommen ist. Gestern nämlich erschien sein jüngstes, es trägt den Namen „A Taste Of Dream“. Von diesem Album stammt das Lied „youth“, in dessen Video Yoshi kalifornischen Vorbildern Tribut zollt. Unter andrem sehen wir das Mural, das wir vom Cover von Elliott Smiths Album „Figure 8“ kennen. Das kann kein Zufall sein.

Review: Brightness

Brightness – „Teething“

Die englische Sprache, das muss man sagen, hat ja schon ein paar prima Ausdrücke. „Teething“ kann man 1:1 gar nicht ins Deutsche übersetzen. Klar, auch wir haben „Zahnen“ als Beschreibung für den Zeitraum, in dem ein Kleinkind seine ersten Beißerchen kriegt. Aber wir benutzen’s nicht wie die Briten im übertragenen Sinne, oder doch?

Wenn jemand seine ersten Schritte macht, sagen wir, ähem, „Jemand macht die ersten Schritte.“ Zahnen aber ist ein unangenehmer, durchaus schmerzhafter Prozess, und dieser Beigeschmack fällt bei bloßen „ersten Schritten“ weg. Zahnen bedeutet eine frühe Übergangsphase, durch die man leider durch muss, aus der man aber gestärkt hervorgeht. „Teething problems“ sind entsprechend im Englischen ein feststehender Ausdruck für die nötigen Anlaufschwierigkeiten, die manchen Dingen nun mal innewohnen.

Wenn uns also ein Singer/Songwriter seine erste EP bzw Minialbum (das Teil hat 9 Tracks, davon zwei kurze Instrumentals, insg. ca 29 Minuten Spielzeit) unter dem Namen „Teething“ präsentiert, dann sagt er uns: „Okay, ich weiss, dies sind meine ersten, vielleicht noch ungelenken Gehversuche“. Aber er sagt uns auch, dass er hierauf aufbauen will und künftige Releases vermutlich mehr Spielraum, Bandbreite und Erfahrung aufweisen werden.

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Review: Kane Strang

Kane Strang – „Two Hearts And No Brain“

Es ist natürlich blöd, einen Text über ein Album damit zu beginnen, wie’s nicht klingt. Aber neulich stieß ich auf einen Artikel, in dem bestimmt drei, vier Mal der Vergleich Elliott Smith fiel. Was meiner Meinung nach Quatsch ist. Elliott Smith, das bedeutet: Extrem komplexe Songs, verzwickte Tunings der Gitarre, flatterige Leichtigkeit und ungewöhnliche Rhythmen (immer mal wieder Walzer) – und im Text sehr empfindsame, regelrecht poetische Formulierungen.

Für den jungen Neuseeländer Kane Strang, dessen zweite Platte prima ist (dieser „er ist nicht Elliott Smith“-Start ist nicht gegen ihn gerichtet, nur gegen die Laus, die mir beim Lesen jenes Artikels über die Leber gelaufen ist), gilt all das nicht.

Im Gegenteil. Die Songs: Meistens im Midtempo in extra straighten 4/4 Skischuh-Beats durchgezogen, an denen sich auch die Instrumente orientieren. Die Texte: Smart, gewitzt, aber halt nicht poetisch gedichtet. Die Single „My Smile is Extinct“ mag da ein Beispiel sein. Es ist die Story eines Typen, der von seiner Freundin betrogen wurde: „Yes you were the best I’ve ever had, I’ll say it to your face and I’ll say it to your dad“ singt Kane, um im Refrain, als die Lady ihm gestanden hat, „Kill me now, don’t think twice, I’ve heard that there’s a chance of an afterlife“ zu klagen. Das ist ja definitiv drollig formuliert, aber komplett unverklausuliert, hundertpro direkt. Elliott Smith hätte in der gleichen Situation nur Andeutungen gesungen.

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Review: Josh Pyke

Live at the Sydney Opera HouseJosh Pyke – „Live with the Sydney Symphony Orchestra“

Ich mag Josh Pyke. Der australische Songwriter trifft einen Nerv bei mir mit seinen poetisch-nachdenklichen Liedern. Hierzulande kriegt man nicht mal alle seine Longplayer in den Downloadstores, aber daheim down under ist er sehr beliebt. Seine Alben gehen dort meistens in die Top Ten, das wusste ich. Trotzdem habe ich seinen Status wohl unterschätzt. Ich hätte nicht geahnt, dass Josh Pyke in Australien einen solchen Stellenwert hat, dass das Sydney Symphony Orchestra auf ihn zukommen würde, um im berühmten muschelförmigen Opernhaus im Hafen seine Lieder mit Streichern, Flöten, Pauken und Trompeten umzusetzen.

Klar, so ein Auftritt mit Orchester ist so was wie ein Ritterschlag für einen Songwriter. Klar auch, dass Josh solche Dinge sagt wie „I love the idea of taking these songs that I’ve written alone in my bedroom to people who I’ve never met who completely rework them and reimagine them“ oder „Playing that sort of concert with an orchestra was something I always wanted to do, I think it’s most musicians‘ dream to hear their music in that cinematic context.“

Die Frage muss trotzdem erlaubt sein: Ist das auch wirklich für jeden Songwriter das Richtige? Review: Josh Pyke weiterlesen

Review: Josh Pyke

Josh PykeJosh Pyke – „But For All These Shrinking Hearts“

In der Marketingsprache gibt es einen Ausdruck: USP. The „Unique Selling Point“. Das Einzigartige, Unverwechselbare, das ein Produkt auszeichnet, weswegen man’s kauft. In der Musikindustrie ist das Produkt der Künstler / die Künstlerin / die Band / ihr Werk.

Josh Pyke aus Sydney ist ein Singer/Songwriter, der zu Hause in Australien eine feste Größe ist. „But For All These Shrinking Hearts“ ist sein fünftes Album. Der Rest der Welt hat nie so richtig Notiz genommen – und wenn ich ehrlich bin, glaube ich auch, dass ich den Grund weiss. Nicht mal ich würde, wenn ich ein Label hätte, Geld investieren, wenn ich wollte, dass es auch zurück fliesst. Denn Josh Pyke hat keinen USP. Trotzdem: meine Fresse, ich liebe den Typen!

Was meine ich, wenn ich sage: Josh Pyke hat keinen USP? Also: Der Mann ist nicht besonders dies, er ist nicht besonders das. Was das  Singer/Songwriting-Dingens angeht, ist er ein Allrounder, der ALLES sehr gut macht – aber nichts extrem.

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Review: Heaven Adores You

HAY_poster_smElliott Smith – Heaven Adores You

Ich habe mir „Heaven Adores You“ angeschaut, und hinterher fühlte ich mich seltsam taub. Ich wollte dann erst mal dem Film die Schuld geben. Ich hatte das Gefühl, dass mich diese Dokumentation Elliott Smith nicht wirklich näher gebracht hatte. Ich hatte Antworten gewollt, aber ich kriegte keine Antworten.

Gut, ich wusste jetzt chronologisch genauer, wie das alles abgelaufen war. Die ersten Aufnahmen mit Heatmiser, und wie Elliotts schüchterne Solo-Songs erst als Nebenprojekt Form annahmen und dann in die Hauptrolle drängten, wie der Hollywood-Erfolg mit „God Will Hunting“ auf ihn einstürzte und die Majorlabel-Erwartungen für „Figure 8“ ihn vielleicht letztlich überforderten. Das wusste ich zwar vorher auch, aber nicht so konkret dargelegt, wie es hier dokumentiert wird.

Ich habe dabei in dieser Doku Menschen kennen gelernt, die Elliott ein Stück auf dem Weg begleiteten. Von vielen hatte Elliott sich in der Zwischenzeit abgewandt. Fast alle bereuten, ihm letztlich nicht noch näher gestanden zu haben – so ergab sich aber auch ein Bild von jemand, der es einem nicht leicht machte, ihm nahe zu kommen.

Wir lernten sogar etwas über Elliotts Kindheit und Jugend. Wir lernten, dass es hier schon los ging mit der Rastlosigkeit, mit dem Gefühl, fehl am Platze zu sein. Wir lernten auch, dass Elliott kein ewiger Griesgram war, der die Highs seines Erfolgs durchaus auch mal genießen konnte. Aber als es am wichtigsten wurde, als Elliott in den Heroinsumpf abtauchte, zu dieser Zeit konnten die Befragten schon nichts mehr beitragen außer Hilflosigkeit. Offenbar hatte Elliott sich abgekapselt. Und sowas in einer Doku zu sehen, tut weh.

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Right As Rainy

Ich will hier nicht wahllos jedes neue Video posten, sondern lieber wirklich nur das, was ich prima oder aus einem anderen Grund irgendwie bemerkenswert, wichtig oder spannend finde. Ich habe deshalb zuletzt ein paar Tage überlegt, ob ich diesen Clip der Rainy Day Women aus Perth, Westaustralien, hier platzieren soll. Sie ist ja schon ein bisschen brav, ihre aktuelle Single „Are You Coming Home?“ Und ich habe mich gefragt: Gefällt mir das vielleicht auch deshalb, weil die Sängerin, sie heisst Carmen Pepper, so bezaubernd aussieht in dem Clip?

Aber je öfter ich den Song höre, desto mehr wächst er mir ans Herz, desto mehr entdecke ich hier Mazzy Star/Cardigans-Vibes. „Rainy Day Women“ ist natürlich ursprünglich ein Songtitel von Bob Dylan, das ist sicher schon mal ein Hinweis, wo diese Band so etwa hin will. Ihr Songwriter trägt sogar den Vornamen Dylan (Nachname: Olivierre) und er nennt auch Feist, Fleetwood Mac, Elliott Smith und The Sleepy Jackson als Einflüsse.