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Review: Henric de la Cour

Henric de la Cour – „Gimme Daggers“

Ich habe drei Lieblingsgoths. Einer davon ist Robert Smith, eh klar. Der zweite ist Richmond aus The IT Crowd (Noel Fielding, yay!). Der dritte in der Runde ist Henric de la Cour.

Henric macht jetzt auch schon 23 Jahren Platten. Trotzdem nimmt sein jüngstes Album eine Sonderstellung ein. Es ist das erste Album nach der Rettung. Oder: Das erste in der Normalität. 

Aber von Anfang an. 

Henric kennt man in Schweden schon seit 1995. Damals veröffentlichte seine erste Band, sie hieß Yvonne, ihr Debütalbum. Die Platte kriegte in der Heimat viel Aufsehen, obwohl sie komplett gegen alle Trends lief. Denn 1995, da war Grunge noch relativ groß, vor allem aber war der Britpop in vollem Schwung. Kein Mensch setzte auf Synthies, schwarze Klamotten, Kajal und Klänge aus der Mitte der 80er. Goths, Grufties, schienen ein absolutes Nischendasein in der Indieszene zu führen. Aber Henric und seine dunklen Boys aus Eskilstuna (ja, die gleiche Heimatstadt wie Kent) überzeugten ihre Mitschweden, weil sie’s so konsequent durchzogen – und weil sie enorme Songs auf ihrer Seite hatten. Review: Henric de la Cour weiterlesen

I Want To Break Three

Das Red Rocks Amphitheater beim Örtchen Morrison, Colorado, in einer Sandsteinformation wenige Meilen außerhalb Denvers gelegen, ist eine geradezu ikonische Konzertstätte. Die Beatles haben hier gespielt. U2 und Depeche Mode haben hier Konzert-DVDs aufgenommen, über 9.500 Leute passen rein. Dass The Devil Makes Three hier Ende Mai die Arena voll kriegten, ist ein bezeichnender Beweis dafür, wie erstaunlich weit das Trio gekommen ist, seit es vor 15 Jahren im US-Bundesstaat Maine als räudige Alternative-Bluegrass-Combo begann. Klar, dass sie den Abend per Kamera einfingen. Man sieht das Material im Video zur neuen Single „Bad Idea“.

„Bad Idea“ stammt vom kommenden Album „Chains Are Broken“, das am 24.08. erscheint. Weil die Band nun mal inzwischen eine richtig große Nummer ist, war diesmal ein renommierter Producer dabei. Ted Hutt ist bekannt für seine Arbeit mit Dropkick Murphys und The Gaslight Anthem – und er hat DM3s Sound erkennbar in eine Richtung gebürstet, die sie für Fans solcher Bands leichter verdaulich machen soll. Das bedeutet zum Beispiel, dass jetzt ein „richtiger“ Drummer an Bord ist – bisher kamen Pete Bernhard, Lucia Turino und Fiddler Cooper MacBean auch ohne aus.

Die Fragen sind jetzt natürlich: War das nötig? Ist es das Richtige für die Band? Ist es das Element, was fehlte, oder wird der Band damit ein Stück Individualität genommen?
Naja, das Urteil muss man wohl fällen, wenn die ganze Platte da ist.

Ach ja – noch ein Link: Ich sprach The Devil Makes Three vor zwei Jahren zur VÖ ihres Vorgängeralbums. Wenn das wer lesen mag: HIER geht’s lang.

Review: HMLTD

HMLTD – Hate Music Last Time Delete EP

Wann ist ausgerechnet die Rock/Pop-Musik zur Bastion der Normalos geworden?

In Deutschland haben wir all die genormten Pop-Akademie-Abgänger, die 1:1 aussehen wie die Marketingfritzen ihrer Plattenfirmen. Aber auch international werden die Songwriter gefeiert, die ach-so-unkompliziert und mit den Füßen am Boden geblieben sind. Klar ist das Zeitalter, in dem Stars Fernseher aus dem Hotelfenster zu werfen hatten, vorbei. Aber sollten Popstars nicht Exzentriker sein? Irre Künstler, wie vom anderen Planeten hier her gebeamt, die uns den Schädel sprengen und ungeahnte Wege zeigen?

Ein Ed Sheeran geht während seiner Stadionshow als Sologitarrist mal kurz aufs Klo und alle finden’s nur umso sympathischer. George Ezra fährt in der Woche, in der „Shotgun“ Platz 1 der UK-Singlecharts stürmt, unerkannt U-Bahn. Es spricht ja auch nix gegen Bescheidenheit. Aber: Müssen sie denn ALLE so sein? Gibt’s denn keine Freaks mehr? Angenommen, ein junger David Bowie wandelt unter uns – Hätte er in diesem Umfeld überhaupt eine Chance? Wo sind unsere jungen Adam Ants und Siouxsie Siouxs?

Das als Einleitung zu HMLTD aus London. Ob die Band, die mal als Happy Meal Ltd anfing, dann aber aber von McDonalds abgemahnt wurde, wirklich die Retter der Exzentrik sind, darüber wird bereits gestritten. Aber wenigstens machen sie einige Dinge anders als die Meisten und wenigstens machen sie’s grellbunt.

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Review: April Towers

April Towers – „Certified Freaky“

Na endlich. Da ist es also. Lange haben wir drauf gewartet, aber nicht nur wir. Am meisten die April Towers selbst.

Rückblende in den Sommer 2015: Mit zwei nahezu perfekten Singles („No Corruption“ und „Arcadia“) taucht aus dem Nichts ein Duo aus Nottingham auf, das den Synthpop-Sweet Spot, dort wo sich „True Faith“-Ära-New Order, Vince Clarke-ismen (Yazoo, Erasure, frühe Depeche Mode) und Indie-Feel überschneiden, zielgenau anpeilt, abdrückt und mittenrein trifft. Okay, was richtig Neues ist das nicht. Aber erstens man muss Melancholia und Style erst mal so zielgenau auf den Punkt bringen und zweitens: Tunes. Mann, April Towers haben Tunes! 

Alles deutete vor drei Jahren also darauf hin, dass hier eine Band einen Raketenstart hinlegte – aber die nächste Stufe, die wollte irgendwie nicht zünden. Obwohl April Towers ihre Single „A Little Bit Of Fear“ auf einem FIFA-Game-Soundtrack unterbrachten, obwohl auch die weiteren Singles einen hohen Level hielten. 

Und weil die Erwartungen eben so schnell so hoch geschraubt waren, sah dieses Nicht-vorwärts-Kommen für Manche gleich mal nach Stagnation aus. Die zwei Briten haben sich in einem langen Blogpost zur VÖ von „Certified Freaky“ den Frust von der Seele geschrieben: „The people who once loved what we were about were suddenly absent, the face of the industry changing and changing as it always does was plain to see. You start to blame yourself when these things happen, and the only thing we could do through these times was keep going.“ 

Jedenfalls: Kein Majorlabel-Vertrag für die Kurzzeit-Raketenhoffnung. Statt eines Majorlabel-Deals letztlich die Albumfinanzierung über Pledgemusic. Statt Hype 2015 ein zähes Durchbeissen bis 2018. Aber Hauptsache, dass Alex Noble und Charlie Burley ihre Sache durchgezogen haben. Denn am Ende steht ein richtig gutes Album. Review: April Towers weiterlesen

I Should Mezko

So richtig vorwärts geht’s nicht für Mezko, oder? Seit 2015 legt das Duo aus Sydney in nicht gerade kleinen Abständen neue Synthpop-Singles vor, die alle echt in Ordnung sind. Letztes Jahr gab’s dann auch eine erste EP mit fünf Tracks. Aber irgendwie muss für Laura Bailey und Kat Harley jetzt mal der Knüller kommen. Ein Song, bei dem ich nicht nur wieder sage „Respekt, das ist lässig, das geht als Sydneys Antwort auf Ladytron durch“. Sondern bei dem ich staune „Wow, ist das ein Hit! Das tritt The Faint und Depeche Mode in den Allerwertesten!“ Die neue Single „Come & Go“ ist gut. Aber sie ist nicht der Song, der die nächste Stufe nimmt.

Review: DBFC

DBFC – „Jenks“

Indie-Songwriting meets electronic Dancemusic. Nix Neues, oder? Mindestens seit den späten 80ern wird das gemacht, seit in Manchester Acid House und Retro-Sixties-Bands aufeinander trafen, die DJs in der Hacienda Stone Roses-Remixe anfertigten und die Gitarrengruppen schließlich von selbst die Beats in ihr Songwriting einbauten. Es folgten u.a. Beck und Co, die Big Beats der späten 90er (Fatboy Slim, Skint Records et al), 80s-Revival, New Rave und Kitsuné in den 2000ern… inzwischen sind wir mit Bands wie Jagwar Ma, Bad Sounds und Superfood sogar schon beim Baggy-Revival angelangt. Indie und Beats, das kennen wir, oder?

Ja und nein. Doch, es geht immer noch, dem Indie-Dance-Mix was Neues abzugewinnen. Es kommt alles aufs Mischverhältnis an und darauf, was genau man mischt. So kann man neue Nuancen setzen und immer noch seine eigene Nische finden. Case in point: DBFC.

Hierbei handelt es sich um ein französisch/britisches Duo mit Sitz Paris. Zum einen haben wir da einen Herren, der sich Dombrance nennt. Der Producer hat bereits Tracks auf Kitsuné veröffentlicht. Sein Kumpan ist ein gewisser David Shaw. Der aus Manchester stammende Gitarrist ist vor einiger Zeit in Frankreich hängen geblieben. Zu zweit bilden die beiden also DBFC – und sie mischen fröhlich herum. Französische Club-Electronica und Manchester-Gitarrenpop, genau. Dazu bedienen sie sich in einem weiten Sammelsurium aus den Bereichen Song und Dance.

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Review: Kent

Kent – „Då som nu för alltid“

Für jetzt und für immer. Da ist es, das finale Album von Kent.

Puh. This is a big one.

Kent sind eine Band, die vor den großen Gesten und den großen Themen und dem großen Popanz nicht zurückschreckt. „Sveriges största Rockband“ – Schwedens größte Band – das ist ein Titel, dem sie sich stellen, seit sie ihn innehaben. Ein Titel, den sie irgendwann bewusst mit inszenierten – beispielsweise damals, als sie bei ihren Stadionshows zum Album „Du Och Jag Döden“ den Fans einen Dresscode ganz in weiss auferlegten (Ja, in Schweden bespielt die Band Stadien).

Nachdem sie Anfang der 90er als schwermütige Indierocker im Städtchen Eskilstuna loslegten, worauf sie schnell ihr Heimatland im Sturm erobern sollten, sind Sänger Joakim Berg und seine Mitstreiter zu mehr geworden als nur Musikern. Als Band entspricht Kents Rolle in Schweden quasi Depeche Mode, U2, Radiohead, Oasis und Suede gleichzeitig. Aber ihr Sänger Joakim Berg war, auch wenn er die Öffentlichkeit meidet, in den letzten Jahren auch der Off-Kommentator der schwedischen Gesellschaft. Denn wenn er in seinen Songs nicht poetisch und bildkräftig über die Liebe und den Tod reflektierte, dann war er zielsicher moralistisch, politisch und sozialkritisch. So kommentierte er Schwedens internationale Scheinheiligkeit und den Aufstieg der Rechten („La Belle Epoque“) genauso wie den nicht nur in Schweden, aber auch dort sichtbaren Trend der Spaltung der Gesellschaft in Ich-AGs (in der jüngsten Single „Egoist“).

Vor wenigen Wochen aber haben Kent ihre Trennung angekündigt. Ihr zwölftes Album wird ihr letztes. Dann noch eine Sommer/Herbsttour durch Skandinavien, und das war’s.

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Review: April Towers

Silent FeverApril Towers – „Silent Fever EP“

Hmm. Da wartet man, dass eine Band endlich mit ihrem Debütalbum um die Ecke kommt, und dann gibt’s doch erst mal nur wieder ne EP. Die dann auch noch nur drei neue Songs liefert. Das kommt mir ein bisschen vor, als würde da jemand Zeit schinden.

Aber gut, es soll uns trotzdem Anlass sein, noch mal auf die April Towers einzugehen. Denn ich setze große Hoffnungen auf das Duo aus Nottingham, das letztes Jahr mit den Singles „Arcadia“ und „No Corruption“ einen Traumstart hingelegt hat. („No Corruption“ habe ich sogar für unseren Ein-Kasten-Augustiner-Preis nominiert.)
Der Sound der April Towers: 80s-Synthpop. New Order / Pet Shop Boys / OMD / Depeche Mode. Clevere, sophisticated Popmusik, der ich einen leichtem Indie-Einschlag unterstelle bzw. ihn mit Macht hinein interpretiere. Wenn die eine oder andere Gitarre durchschimmert, wenn das Grundgefühl ein melancholisches ist, wenn das ganze sehr bewusst auf Stil setzt, dann ist das doch Indie, oder? Wenn man beim Hören der Musik vorm geistigen Auge graue Bilder nordenglischer Nebel-Tristesse empfängt – ja doch, dann sind da genug Überschneidungen, dass man es als Indie empfinden darf.

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Review: Rey Pila

The Future SugarRey Pila – „The Future Sugar“

Ich war noch nicht in Mexiko. Aber man liest immer, dass Indie in diesem Land unglaublich gefragt ist. Es riesiges Kontingent von Morrisseys hingebungsvollsten Konzert-Hinterher-Reisern sind Mexikaner. Selbst die Delays erzählen von Beatles-ähnlichen Szenen mit kreischenden Fans, die sie schon auf der Rollbahn empfingen, als sie aus dem Flieger stiegen. Wenn Indie also in Mexiko so eine Riesensache ist, warum kennen wir dann so wenige Bands von dort?

Das ändert sich jetzt.
Señoras y Señores, he aquí Rey Pila!

Rey Pila sind keine Newcomer. Dies ist ihr zweites Album. Ihr Frontmann Diego Solórzano war daheim in Mexico schon vorher erfolgreich, seine Vorgängerband Los Dynamite galt zwischen 2002 und 2008 als „eine der drei wichtigsten Independentbands des Landes“ (Ich muss wohl mal rauskriegen, wer wohl die andren zwei waren). Mit Rey Pila aber siedelten Diego, Andrés Velasco, Rodrigo Blanco and Miguel Hernández nach New York City über. 2010 nahmen sie hier ihr Debüt auf, seitdem haben sie in NYC offenbar all die richtigen Leute kennen gelernt. Ihr zweites Album konnten sie in den Studios des Superlabels DFA einspielen, es erscheint auf Cult Records, der Plattenfirma, die Julian Casablancas gegründet hat.

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Vinterview: Outfit

Vinterview Header Outfit2010 begann ich mit dem Bloggen, damals unter der Webadresse hennissey.piranha.tv. Doch letzten Sommer wurde mein Blog leider gelöscht.

Ich werde die dabei verlorenen gegangenen Interviews hier nun nach und nach wieder online stellen. Diese “vintage Interviews” (Hüstel!) nenne ich “Vinterviews”.

Auf der Insel erschien in diesen Tagen das zweite Album der smarten Synthpopper Outfit. Hierzulande wird „Slowness“ zwar offiziell erst am 4.9. veröffentlicht, aber trotzdem ist das doch kein schlechter Zeitpunkt, um die Band erneut vorzustellen. Ich sprach mit Outfit-Sänger Andrew Hunt im Sommer 2013 anlässlich ihres Debüts „Performance“.  

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