Review: Awolnation

awolnation-runAWOLNATION – Run

Aaron Bruno hat eine Historie. Ja, vor „Sail“. Aaron Bruno war Sänger der grellen Knallbonbon-Plakativ-Popper Under The Influence Of Giants, die 2006 ein einziges Mal ihre Rakete zündeten und einen irren Funkenschauer niedergehen ließen – und die komplett ignoriert wurden

War ja klar, dass ich Under The Influence Of Giants total LIEBTE – und damals ein einsamer Rufer in der Wüste war. So eine Popwucht, die erträgt nun mal nicht jeder. Schon gar nicht 2006. Damals glaubten Leute doch echt, die Babyshambles (würg!) wären ’ne gute Band.

Nach diesem niederschmetternden Misserfolg zog sich Aaron erst mal komplett zurück. Wollte, pleite und gebrochen, gar keine Musik mehr machen. Die Lieder, die er danach als One-Man-Projekt AWOLNATION schrieb, waren an erster Stelle Therapie, nichts sonst, es waren Frust-, Rage- und Angstzustand-Bekenntnisse. Aber weil Aaron Bruno nun mal tief im Herzen ein Pop-König ist, entstand dabei ein sonderliches, grobschlächtig-schizophrenes Konglomerat: Juppheidi-Hurra-Pop prallte auf Pulsaufschneid-Grunge, diese zwei Elemente gingen aufeinander los wie zwei verfeindete Frettchen im gleichen Käfig

„Megalithic Symphony“ war ein umwerfend beknacktes Debütalbum voller hanebüchener Brüche, das nur durch Brunos roten Pop-Faden gerade so zusammen geschnürt wurde. Doch in all diesem Chaos: „Sail“, der Welthit. Der den Regeln nach nie einer hätte sein dürfen. Der Beat viel zu schleppend, der Gesang viel zu verzerrt, der Laut/Leise-Kontrast viel zu schroff – und doch, in den USA, in Kanada, in Europa, überall passierte das gleiche: Der Song ringelte sich in die Charts wie eine signalfarbene Raupe – und da blieb, blieb, blieb er einfach. Hielt sich monatelang. Jahrelang, kein Scheiss. Rettete Aaron Bruno. Machte ihn zum Erfolgsact. Zum Millionenseller. „Sail“ steht jetzt bei unglaublichem 6-fach-Platin, sowohl in den USA als auch in Kanada. Und verkauft immer noch.

So. Was bedeutet das jetzt alles fürs zweite AWOLNATION-Album „Run“? Review: Awolnation weiterlesen

Review: The Cribs

cribs sistersThe Cribs – For All My Sisters

Es trifft sich ganz gut, dass parallel zu den Circa Waves, die ich hier neulich ein bisschen einbremste, auch The Cribs eine neue Platte rausbringen. Denn auch The Cribs sind eine Band, die einer althergebrachten Indie-Ästhetik entsprechen, insofern könnte man da ein paar Vergleiche ziehen. Auch sie erfinden das Rad nie neu, sondern sind halt eine Indiegitarrenband, nicht mehr und nicht weniger.

Warum stehe ich trotzdem hundertpro hinter den Jarman-Brüdern? Weil die drei grimmigen Nordbriten aus Wakefield mehr noch als eine Ästhetik einen Indie-ETHOS verkörpern: Drei Rebellen gegen den Rest der Welt.

Erst mal: Wer könnte eine eingeschworene Clique sein als drei Brüder? Die zu Beginn eine Zeitlang bettelarm mehr oder weniger in ihrem Proberaum lebten? The Cribs sind auch die Band, die sich wohler fühlt, wenn sie zu dritt im schratteligen Van durch die USA tuckern kann, wobei man sich beim Fahren ablöst, als sich im Luxus-Nightliner auf der Insel von einer Halle kreischender Teenies zur nächsten chauffieren zu lassen. The Cribs sind unsauber und agieren ohne Rücksicht auf Verluste – Es gab eine Zeit, da war auf Livebildern von Ryan Jarman grundsätzlich Blut zu sehen (er hatte sich so oft den Mund am Mikro angeschlagen, dass es quasi schon chronisch war und bei jeden Gig gleich neu aufplatzte). Berühmt sein Absturz bei den NME Awards 2006, als er sich auf einem Tisch voller Gläser warf und die Scherben ihm ernsthafte innere Verletzungen zufügten. Auch schon neun Jahre her, das. Was ein Reminder ist, wie lange wir die Cribs schon haben und wie treu sie sich geblieben sind.

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Interview: Courtney Barnett

courtney titelHurra, es hat doch noch geklappt – Courtney Barnett, Kritikerliebling aus Melbourne, ist ja echt extrem gefragt zur Zeit. Schon ihre ersten EPs machten aus der so supernormal auftretenden Songwriterin ein weltweites Hypethema. Alle warten nun auf ihr erstes „richtiges“ Album „Sometimes I Sit And Think And Sometimes I Just Sit“.

Was Courtney so auszeichnet, das ist ihr gewitzt-lässiger, unaufgeregter, verschmitzt-cleverer Erzählstil. Man hat bei ihr das Gefühl, dass alles komplett ungestellt ist. So unaufgeregt ist Courtney auch als Interviewpartnerin. Ich konnte sie kürzlich per skype sprechen.  Interview: Courtney Barnett weiterlesen

Marius-go-round

Eine Platte, auf die ich mich schon extrem freue, ist das zweite Album des Singer/Songwriters Marius Ziska. Marius stammt von den Färöern und ist zur Zeit in Deutschland unterwegs als Support seiner Mit-Insulanrin Eivør. Und auch wenn ich zuletzt sehr langsam war, was das Transkribieren von Interviews für den Blog anging, verspreche ich doch, so ca. zur offiziellen VÖ des Albums „Home/Heim“ am 20. April hier das Gespräch zu platzieren, das ich in Kürze mit dem guten Mann führen werde. Es steht neben der ersten Single „Home“ auch ein zweites Video aus dem Album online: „Let’s Not Fall Apart“

Review: Circa Waves

circa waves albumCirca Waves – Young Chasers

Ach jemine, England. Aber ihr habt’s euch ja selbst kaputt gemacht. Ihr habt erstens zu einer Zeit, als Indie eine echt starke Phase hatte, jede Band hochgejubelt, die Saiten auf eine Gitarre spannen konnte. Das ging nach hinten los und Indie fing an zu nerven. Also habt ihr Gitarren grundsätzlich zu „Indie Landfill“ erklärt und die guten Bands gleich mit verteufelt. Das war das eine.

Das andere ist die gesellschaftliche Entwicklung bei euch, dass sich Kids aus der Unterschicht praktisch nicht mehr leisten können, kreativ zu sein. Nur Sprößlinge aus gut situierten Familien können nach der Schule auch mal zwei Jahre vor sich hin muszieren und auf Plattenverträge warten, gerne während ihres Studiums auf einer der Pop-Akademien. So wachsen fast nur noch Bands auf, die wenig zu erzählen haben, die nur noch in den seltensten Fällen eine Message rüber bringen.

Aber Indie war doch mal die Bastion und die Überlebensgrundlage eurer Musikpresse! Die Musikpresse liegt entsprechend am Boden. Neue Bands müssen her, aber Indie wurde abgesagt. Damit herrscht eine Situation, in der Peloton-Mitfahrer hochgejubelt werden. Und so müsst ihr Circa Waves, die in jeder anderen Ära eine unter-ferner-Liefen-Band wären, im NME 8 Punkte geben – obwohl ihr euch im Text der Rezension dauernd für ihre miesen Texte entschuldigt und Ausreden dafür findet, dass sie so unoriginell sind.

Okay okay okay, ich rege mich wieder ab. Das Problem sind ja nicht die Circa Waves. Review: Circa Waves weiterlesen

Review: Dick Diver

Dick Diver – Melbourne, Florida

Es kann durchaus was haben, wenn Musiker ihre Instrumente nicht perfekt beherrschen. Das gibt dem Ganzen etwas, das man auf Englisch mit Looseness oder Unhingedness bezeichnen würde – es kann zu Musik führen, die so lose schwingt wie eine Tür, die in nur einem statt zwei Scharnieren hängt. Die Libertines haben ihre frühe Karriere drauf aufgebaut, verquer zu klingen und nebeneinander her zu spielen – das unterstrich ihre chaotische Note.

Aber zu Dick Diver: Chaos ist nicht das, was die Melbourner Vorzeige-Dolewaver auf ihren frühen Alben im Sinn hatten. Ihre Unhingedness hatte viel eher etwas Gemütliches. Man sah ihre Heimvideos aus unaufgeräumten Gärten und hatte das Gefühl, neben ihnen in der Hängematte in die australische Nachmittagssonne zu blinzeln – ein Track ihres Debütalbums „New Start Again“ (2011) hieß nicht aus Zufall „Hammock Days“.

„New Start Again“ erregte meine Aufmerksamkeit, weil man down under darüber schrieb, dass es eine so wahnsinnig AUSTRALISCHE Platte sei. Was das war, das die Platte so australisch wie nur irgendwas machte? Das musste ich mir auch zusammen reimen. Neben ein paar spezifischen Locations und Bezugspunkten (die Go-Betweens waren als Einfluss nicht zu überhören, andererseits, Pavement auch nicht) schien es mir vor allem ein … Feeling zu sein. Wenn Dick Diver also an Pavement erinnerten, dann nicht als US-Zyniker, sondern als aufgeweckte Aussies, unter deren Melancholia eine grundsätzlich sonnige Lässigkeit schwang. Auch klangen sie nicht so, als wollten sie Europa oder die USA erobern. Sie schienen nur einfach aus ihrem Vorort-Garten für andere Vorort-Gärten zu singen. Dick Diver teilten sich diese Eigenschaft mit anderen Melbournern wie Twerps, The Ocean Party, Lower Plenty oder auch Bitch Prefect (auch wenn Letztere aus Adelaide stammen). Die australische Musikpresse nannte das „Dolewave“ oder „The New Ordinary“. Hui, eine Szene!

Jetzt will ich aber endlich zu „Melbourne, Florida“ kommen. Review: Dick Diver weiterlesen

World In Marr Eyes

Record Store Day Record Store Day Popecord Store Day.

Okay, klar, auch mich traf man früher sehr viel öfter im Plattenladen als heute. Und klar, was Leute in die Plattenläden zieht, kann so verkehrt nicht sein. Auch dieses Jahr gibt’s also wieder zig limitierte Releases für Leute, denen ein Mal im Jahr einfällt, dass sie Sammler sind. Für Andere wiederum ist jeder Wochentag im Jahr Record Store Day.

Anyway. Eine der limitierten Singles, die erscheinen wird, kommt von Johnny Marr. Er covert Depeche Modes „I Feel You“. Ich find’s… okay. Es gibt dazu nun ein Video.

Auf den Punch gebracht

Kürzlich hier: Mein Interview mit Chris Thile von den umwerfenden Progessive Folkies The Punch Brothers.

Sehr sehenswert: The Punch Brothers haben jüngst für die „Desk Concert“-Serie von „NPR Music“ aufgespielt. Vier Songs vom aktuellen Album „The Phosphorescent Blues“ live, bei denen einem wieder der Kiefer runterklappt, was diese Band drauf hat. Das gebe ich hiermit weiter. Thanks, NPR.

Review: Susanne Sundfør

Susanne sundforSusanne Sundfør – Ten Love Songs

Ich war in Oslo, als Susanne Sundførs letztes Album „The Silicone Veil“ erschien. Die Schallplattenläden der Stadt, sie waren zugekleistert mit Plakaten, ihre CDs lagen stapelweise an den Kassen und Eingängen. Das war schon wirklich erstaunlich. Einerseits, ok, jedes Land hat seine Local Heroes – aber Susanne Sundfør ist halt ein echt sperriger Superstar. Sie ist die vielfache Spellemansprisen-Gewinnerin (= der norwegische Grammy), die sich hinterher beschwerte, warum sie eigentlich „Sängerin des Jahres“ wurde – muss der Preis eigentlich auf zwei Geschlechter aufgeteilt werden? Sundfør liefert entsprechend ungemütliches, hochkomplexes, arty Songwriting mit anklagendem Zeigefinger. So war’s zumindest auf ihren letzten zwei Werken, dem vielschichtigen, mit Jazz-Elementen versetzten „The Brothel“ und eben „The Silicon Veil“, wo sie dem Ganzen einen kühl-synthetischen Digital-Dreh mitgab. Das ist extrem hohes Niveau, nur eben ganz schön unpoppig, und deshalb verwundert es einfach, so etwas auf der Nummer Eins der Charts zu sehen.

Und jetzt geht die Dame her und nennt ihre neue Platte ganz schlicht „Ten Love Songs“. Da schrillen die Alarmglocken. Denn: Nette Liebeslieder? Die gibt’s HIER bestimmt nicht! Aber trotzdem: Susanne geht auf dem Album mit großen Schritten in Richtung Pop.
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Indiekram. Mehr oder weniger. Interviews, Reviews, Playlists, Commentary.