Meine Alben 2020, Pt.4 / 15-11

Und schon sind wir bei Runde 4 meiner Lieblingsalben des Jahres 2020 angekommen. Vielleicht der Moment, wo ich noch mal  erwähnen sollte: Hey, dies ist nur mein persönlicher Geschmack – und der ist behaftet mit mehreren Makeln. Zum Beispiel, dass ich mich nur auf so Indiekram konzentriere und vom Rest der Musikwelt nicht genug mitkriege. Indie wiederum ist ja nicht unbedingt der Sound der Stunde. Aber gut, wer wie ich an diesem Musikstil hängen geblieben ist, der entdeckt hier vielleicht noch was für sich. Oder findet Gründe, sich an den Kopf zu greifen, weil er/sie komplett anderer Meinung ist. 

Anyway, wir kommen der Sache näher. Wir sind bei Platz 15 – 11 angekommen. Bei den Alben, die ich bereits so richtig, richtig stark finde.

15. Private World – „Aleph“

Ich find’s ja immer wieder lustig: Das Eighties-Revival, es läuft jetzt schon seit fast 20 Jahren. Während die 80s ja naturgemäß selbst nur aus zehn Jahren bestanden – und die Phase, die zumeist aufgegriffen wird, das ist sogar nur 1979 – 1983, von New Wave bis Synthpop. Man sollte denken, dass aus dieser Grundlage schon alles rausgepresst worden ist und dass man unmöglich noch neu revivalisieren kann.

Aber dann kommt halt jemand daher wie Private World aus Cardiff und nimmt eine ganz spezielle Phase von ca 1984/1985 ins Zielfernrohr. Die Ära, in der „New Romantic“ ein heisser neuer Style war, in der die Grenzen zwischen Chartpop und Artpop verschwammen. Als Bands wie China Crisis, Scritti Politti, the Fixx oder Private Lives keinen Widerspruch zwischen New Wave-Kunstanspruch und Yuppie-Chique, sondern eine gemeinsame Basis sahen. 

Private World wandern auf dem Grat zur Parodie. Da muss man nur mal ihr Video angucken, die maßgeschneiderten Anzüge, die Rollkragenpullis, die Frisuren. Aber so gekonnt kann man nur parodieren, wenn man das liebt, was man imitiert. 

Auf dieser Platte hören wir Treppauf-Treppab-Bassläufe, Jamie-West-Oram-Gedächtnis-Gitarren und frisch polierte Keyboards, wie man sie seit 1985 nicht mehr gehört hat. Die Songs sind gespickt mit Effekten und Tonartwechseln, gehen nie sofort, aber über Umwege dann doch ins Ohr. Das Ganze ist smart, hat Niveau und mir fällt niemand ein, der 2020 noch so klingt wie Private World. 

14. Nile Marr – „Are You Happy Now?“

Eben habe ich Private World dafür gelobt, wie eigen sie im Jahr 2020 klingen. Bei Nile Marr muss ich so ehrlich sein: Sein erstes Soloalbum ist keins, das sich durch seine Einzigartigkeit auszeichnet. Aber auch das ist okay. Denn der Nachname Marr ist schließlich DAS Gütesiegel für britischen Indiegitarrenrock/pop überhaupt. Nile macht ihm alle Ehre. 

Vielleicht gab es mal eine Zeit, in der der Sohn von Johnny Marr sich als eigenständiger Charakter etablieren wollte, der nicht im Schatten seines Vaters steht. Falls das mal so war, ist Nile heute souveräner unterwegs. Nile hat hörbar seinen Frieden damit gemacht, dass er von Daddy nun mal sehr viel mitbekommen hat, in seinem Erbgut und seiner Kinderstube: Nile ist gesegnet mit dem Marr’schen Talent, prima Gitarre zu spielen sowie dem famosen Feeling für Indiepop-Dynamik. Also ist es auch richtig, dass er’s einsetzt.

Wenn ich „Are You Happy Now?“ mit anderen Platten vergleichen soll, sind es tatsächlich die Soloplatten von Johnny Marr, die sich aufdrängen. Nile hält locker deren Level. Okay, Johnny ist vielleicht ein bisschen experimenteller mit den Gitarren. Dafür hat Nile die Fähigkeit, echte  Ohrwurm-Popsongs hinzulegen. Jedenfalls: Für den, der britischen Indiegitarrenkram mag, erfüllt dieses Album alle Wünsche, die man haben kann.

13. Sturgill Simpson – „Cuttin’ Grass Vol.1 & Vol. 2“

Da hat er uns echt überrascht, der Sturgill. Nicht nur hat der Retter des Country (der vermutlich nichts weniger gern über sich liest als diese Bezeichnung) im Oktober plötzlich ein brandneues Album vorgelegt. Nur acht Wochen später kam – noch unerwarteter – auch schon Teil 2. 

Nun gut, es waren keine brandneuen Songs. Sonst wäre sicher auch ein Platz in den Top 10 für den Maestro raus gesprungen. 

Aber von vorne. 2019 hatte Sturge mal wieder einen Haken geschlagen. „Noise & Fury“ war eine Schmirgelrock-Platte mit Synthies und – echt jetzt – dazugehörigem Netflix-Anime. Das Ganze war dazu verurteilt, seinem Majorlabel, mit dem Sturgill sich längst überworfen hatte, Verlust zu machen – und möglicherweise tatsächlich nur ein frecher Plan, um das Ende seines Vertrages dort zu beschleunigen. Jedenfalls, die Country-Puritaner, die den Dickkopf aus Kentucky zu ihrem Messias erklärt hatten, waren sauer über „Noise & Fury“. Es wurde gesagt, Sturgill habe seine Country-Fans vor den Kopf gestoßen.  

Klar also, dass er als Nächstes wieder das Gegenteil machen würde, sonst hieße er nicht Sturgill Simpson. Der Wandlungsfähige versammelte Nashvilles beste Musiker um sich, ging mit ihnen in die „Butcher Shoppe“ Studios und spielte 20 Songs aus seinem Backkatalog in lupenreinen akustischen Bluegrass-Versionen ein, also mit Fiddle, Banjo, Mandoline, Stehbass, Akustikgitarre. Manchmal durfte sein Drummer Miles Miller ein bisschen mitklopfen. 

Ganz klar, dieser neue Anzug stand seinen Songs ganz großartig. Sturgill hatte sich auch die 20 Songs ausgesucht, die sich am besten für diese Umsetzung eigneten. 

Weswegen ihn kurz danach auch schon ein neuer Ehrgeiz packte. Mit dem gleichen Team ging’s zum zweiten Mal ins Studio, diesmal in den „Cowboy Arms“-Komplex. Hier nahm man nun 14 weitere Songs in Angriff: Diejenigen, die Sturge beim ersten Mal noch zu persönlich oder komplex für eine nackte Bluegrass-Version waren.

Welche Platte ist besser? Einige Fans ziehen „Vol. 2“ vor, weil sich die Band hier mehr strecken musste und die Versionen dadurch spezieller ausfallen. Ich mach’ da keinen großen Unterschied. Ich freue mich, insgesamt nicht weniger als 34 neue Tracks eines Lieblingssängers zu haben. Klar, zwar kennt man fast alle Songs schon, aber sie unterscheiden sich doch stark von ihren Originalen, so dass es immer spannend bleibt.

12. The Strokes – „The New Abnormal“

Das war eine freudige Überraschung. Ich habe nämlich das Schlimmste von einem neuen Strokes-Album befürchtet. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass die Band gar keinen Bock aufeinander hatte. Albert Hammond Jr klang in seinen Solo-Interviews so, als sei er endlich befreit von der Unterdrückung durch gehässige Bandkollegen. Und Julian Casablancas neue Band The Voidz erst! Also ehrlich, die finde ich so richtig beschissen. Selbstverliebt, schlaubergerisch, effektheischerisch überkompliziert. Das ist Musik, die von oben herab gemacht wird. Aargh! Aber The Voidz sind Julian ganz klar wichtiger als The Strokes. Kein weiteres Wort über The Voidz! Brrr.

Auch die anderen drei leisten sich ihre eigenen Projekte, aber eher unbeachtet. Letztlich drängte sich der Eindruck auf, dass The Strokes mindestens für Sänger Julian bestenfalls eine lästige Pflichterfüllung seien. So nach dem Motto: Alle paar Jahre muss man halt mal die Kuh melken, um die nächsten Soloprojekte zu finanzieren.  

Aber was steigere ich mich da wieder rein? Ich will doch das Gegenteil sagen. Dass „The New Abnormal“ so viel Spaß macht, wie ich es nie gedacht hätte. Schon der Opener „The Adults Are Talking“ ist auf Anhieb einer der Top-Klassiker dieser Band, kickt die Platte frech und schrattelig los. „Bad Decisions“ klingt wie „Dancing With Myself“? Egal, das ist doch keine schlechte Eigenschaft! „At The Door“ und „Ode To The Mets“ wiederum sind zwar genau die Sorte Strokes-Songs, bei denen man normal mit den Augen rollt und sagt „Ach je, jetzt wollen sie wieder auf Kunst machen, aber bringen’s nicht“ – nur: Diesmal bringen sie’s!

Okay, das Album hat seine Durchhänger. Aber insgesamt ist die Trefferquote auf der Platte super – und sie hat uns den Glauben an eine wichtige Band zurück gegeben, die ich schon abgeschrieben hatte. 

11. Working Men’s Club – „Working Men’s Club“

Seit die Briten Dancemusic machen, gibt’s auch den Crossover von Dance und Indie. Man mag sagen, dass Indie ein konservatives Genre ist, das sich wenig weiter entwickelt, weil’s ja nun mal um Gitarren und Songs mit Strophe / Refrain / Middle Eight-Struktur geht. Eine Sache, die ich seit den Beatles nicht geändert hat. Aber Dance, der entwickelt sich doch weiter, oder? Disclosure klingen doch anders, als es, sagen wir, Orbital in den 90s taten? Die wieder anders klangen als die House-Acts der 80er? 

Okay, wir landen jedenfalls bei Working Men’s Club aus dem nordbritischen Örtchen Todmorden. Trotz der langen UK-Tradition im Dance-Indie-Kreuzüber eine der wenigen neuen Bands, die diese zwei Welten zusammen schließt. Ich behaupte: Weil sich Dance weiter entwickelt hat, klingen WMC durchaus anders als ihre Vorgänger. Andererseits: Zwangsweise hört man dennoch das Echo von ganzen Generationen tanzbarer UK-Indie-Bands: New Order, Chemical Brothers, Klaxons, Underworld, Happy Mondays, The Human League, Gary Numan – sie alle sind Teil der DNA des Working Man’s Club.

Insgesamt wirkt die Platte dadurch letztlich doch eher aus der Zeit gefallen, als dass sie genau den Puls von 2020 fühlen würde. Aber das ist ja nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist: Sind die Tracks prima? Ja, das sind sie. Die Platte zuckt, pulsiert und groovt – und so sehr sie in der Tradition all der oben genannten Acts steht, gewinnt sie der Sache doch etwas Eigenes ab.

Ok – es folgen (morgen?) Platz 10-6.

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