Meine Alben 2020, Pt.3 / 20-16

Wir kommen zu Teil 3 des Countdowns meiner Lieblingsalben des Jahres 2020. Viel mehr muss ich nicht dazu sagen, oder? Wir sind bei Position 20-16 angekommen.

20. Gorillaz – „Song Machine, Season One“

Sie sind eine Wundertüte, die Gorillaz. Das liegt in der Natur von Damon Albarns Artpop-Projekt. Hier wird experimentiert und Genregrenzen werden bewusst vermischt, immer schon. 

Seit 2015 sind die Gorillaz wieder aktiv, nachdem Albarn und Zeichner Jamie Hewlett sich zwischendurch überworfen hatten. Die Platten seitdem hatten alle ihre Momente, keine Frage. Aber die Gorillaz-Klassiker, sie stammen alle von den ersten drei Alben: „Clint Eastwood“, „Feelgood Inc“, „Down Melancholy Hill“, „Dare“, „19-2000“. Es sah nicht wirklich so aus, als ob da neue hinzu kommen würden.

Von wegen: „Aries“ (mit Peter Hook und Georia), „Strange Timez“ (mit Robert Smith), „Désolé“ (mit Fatouma Diawata) und „The Valley Of The Pagans“ (mit Beck) haben sich alle in meine Gorillaz-Lieblingslied-Liste katapultiert!

All diese Songs finden sich auf „Song Machine, Volume One“. Es war so: Damon & Co gingen eine ganze Auswahl von Musikern an, um gemeinsame Singles zu erarbeiten. Wenn man so will, ist „Song Machine“ also kein Album, sondern lediglich die Sammlung von einzelnen, nicht zusammenhängenden Tracks. Es gibt auch ein paar Fehltritte: Elton John und das Autotune-Rapping von 8lack zum Beispiel passen – zumindest für meine Ohren – echt nicht zusammen. Aber weil die Platte gleich mehrere echte Lieblingslieder von 2020 hervor brachte und weil auch das Auf und Ab immer mindestens interessant bleibt, landen Gorillaz in meinen Top 20.

19. July Talk – „Pray For It“

Ich habe auf diesem Blog schon ein Menge über July Talk geschrieben. Weil diese Band ihre ganz eigene Dynamik hat mit ihren zwei kontrastierenden Frontfiguren. Hier Peter Dreimanis, der rau grummelt und röhrt, als wäre er auf die Tom-Waits-Schule für angewandtes Stimmbandschreddern gegangen. Da Leah Fay, die zuckersüße Säuslerin. Quasi die Schöne und das Biest. Allerdings haben July Talk diese Dynamik auf ihren zwei ersten Alben ziemlich weit ausgereizt. Was Neues musste her, um nicht auf der Stelle zu treten. 

Dieses Neue ist, dass July Talk die Schwarz-Weiss-Brüche verlassen und sich dafür in den Grautönen bewegen. Was ja durchaus ein Wagnis ist für die Kanadier. Sie opfern dafür schließlich, wenn man so will, ihre Alleinstellung. Wenn man July Talk heute hört, schreckt man nicht mehr auf, weil man Peters Gebrüll nicht erwartet hat – er setzt seine Raubeinstimme manchmal sogar richtig sanft ein. Dafür lernen wir, dass die Band sich auch im nuancierteren Bereich als Midtempo-Indierockband gekonnt, gewandt, flüssig und stimmig bewegen kann. 

18. Giant Rooks – „Rookery“

Wenn man im Indieclub auflegt, dann ist man ja leider Snob. Da kann man sich nicht gegen wehren. Zum Beispiel: Wenn eine Band erst mal auf dem Level angekommen ist, dass sie dauernd gewünscht wird, dann entwickelt man eine Abneigung gegen sie. „Sex On Fire“, „Mr Brightside“, „Kids“, „Little Lion Man“ – seit Jahren sind es IMMER die gleichen Songs, die gewünscht werden. Man kann’s nicht mehr HÖREN und kann nur verlieren. Spielt man sie nicht, ist man der arrogante Arsch. Spielt man sie doch, rollen die Stammgäste mit den Augen und sagen: „Der spielt auch nur die ollen Kamellen.“

Was hat das jetzt alles mit Giant Rooks zu tun? Nun, aus irgendeinem Grund ist dies die Band, die bei den permanenten Wünschen angekommen ist. Man sagt mir, das ist, weil sie oft Annenmaykantereit supportet haben. Jedenfalls, dauert klingelt jemand und will sie hören – und bei den ersten Tönen von „New Estate“ geraten die Girls in kollektives Hopsen und Quieken. Was ja prima ist. Aber ich steh‘ da oben am DJ-Pult und denk mir „Der Song ist ja gut, aber doch auch nicht hittiger als alles Andere? Warum kreischt ihr nicht, wenn eine Bombe von Sløtface, DMA’s oder Fontaines DC kommt?“ Und so entwickelt man, ohne dass man’s will, eine erst leichte, dann stetig wachsende Abneigung gegen jemand, der diese Abneigung null verdient hat. 

Naja, dieses Jahr war nix mit im-Club-Auflegen. Vielleicht wären mir Giant Rooks zu den Ohren raus gekommen, wenn’s so gewesen wäre? Vielleicht hätten sie in meinen Top 30 kein Chance gehabt, nur weil sie mich aus dem Club-Zusammenhang genervt hätten? Ich muss so ehrlich mit mir sein: Ich bin so drauf, dass mich von sowas beeinflussen kann.

Das war jetzt eine lange, irreführende Vorrede. Eigentlich will ich doch nur sagen: Lasst euch nicht in die Snob-Falle führen, in die ich selbst so oft tappe. Denn das lange erwartete Debüt-Album der Giant Rooks ist voller richtig guter Songs. Hier wird gewitzt arrangiert, mit den Rhythmen gespielt, die Texte und die Melodieführungen sind originell, aber nicht verkopft. Das ergibt dynamische, frische Popsongs, ein paar Hits zum Mitspringen und insgesamt ein Album, das man vom ersten zum letzten Ton prima hören kann.

17. Hamilton Leithauser – „The Loves Of Your Life“

Zuerst ist da natürlich mal die Stimme. Seit Hamilton Leithauser als Sänger von The Walkmen erstmals durch unsere Gehörgänge fegte (für mich und die meisten Anderen war das wohl mit den Worten „You’ve got a NEEERVE to be calling MY NUMBER“ aus „The Rat“), wissen wir, was für ein intensives und evokatives Timbre dieser Kerl hat. Seit der Trennung der Walkmen arbeitet Hamilton quasi daran, zu so etwas wie einem Indie-Sinatra zu werden. Typ stylischer Nachtclub-Sänger, aber halt zerzaust und aufgeraut. Wo Sinatra, Dean Martin & Co immer doch den eleganten Schein wahren, ist Leithausers Anzug faltig und fleckig. Statt eines bombigen Orchesters gibt’s verstimmte E-Gitarren. 

„The Loves Of Your Life“ ist eine introspektive Platte – Hamilton hat jeden Song über eine Person geschrieben, die er in seinem Leben kennen gelernt hat, von Ex-Freundinnen zu flüchtigen, aber signifikanten Begegnungen. All das fügt sich zusammen wie Puzzlestücke. „The Loves Of Your LIfe“ ist eine Platte, die wie ein reuiger Trinker durch die Pfützen New Yorks von Bar zu Bar torkelt, um den jeweiligen Keepern das Herz aufs Neue auszuschütten. 

Halt, das ist nur die halbe Wahrheit, Hamilton ist schließlich glücklich verheiratet und hat zwei Töchter, alle drei singen sogar im Hintergrund mit. Er singt also nicht aus der Gosse, sondern aus dem sicheren Hafen. Wenn er auf Dinge seiner Vergangenheit zurück blickt, kann er das auch mit einer gewissen Souveränität, mit einem „naja, letztlich hat sich alles richtig ergeben“-Gefühl tun. 

Sagen wir als Fazit: So können einst wilde Indierock-Rabauken auch als Daddies noch lässige Platten machen. 

16. HMLTD – „West Of Eden“

Auch ein Album, das seit Ewigkeiten im Ofen lag. Ein Hin und Her mit verschiedenen Labels sorgte dafür, dass der Hype und auch die kontroversen Diskussionen um die schrägen Londoner Vögel HMLTD lange abgeflaut war, als ihr Debütalbum endlich, endlich erschien.

„West Of Eden“ ist dadurch auch ein ziemliches Kraut-und-Rüben-Dings geworden. Manche Singles von 2017 sind drauf, aber nichts von der 2018er EP „Hate Music Last Time Delete“. Die Songs spicken all over the place von nörgeliger Spoken-Word-Electronica über Cabaret-Umptata bis zu glattem Synthpop. Ich glaube, ich hatte gehofft, dass HMLTD auf ihrem ersten Album mal all ihre losen Fäden zu einem klar umrissenen Ganzen bündeln. Statt dessen haben sie uns die Kiste hingeworfen, in der all ihre Fäden und Stofffetzen, Nadeln, Knöpfe, Klebstoff und Flammenwerfer wahllos verknäult rein gestopft wurden. Wir sind über HMLTD nach diesem Album nicht schlauer als vorher.

Aber vielleicht ist das ja was Gutes? Man kann nicht sagen, dass „West Of Eden“ nicht mindestens sechs umwerfende Tracks hätte. Und: Auch wenn die Platte uns nach 15 Songs verwirrt und desorientiert zurücklässt, war der Trip doch eine irre Geisterbahnfahrt.

So – in Kürze geht’s weiter mit Platz 15-11.

Linksammlung:
2020: (30-26) (25-21)
2019: (30-26) (25-21) (20-15) (16-11) (10-6) (5-1)
2018: (30-26) (25-21) (20-16) (15-11) (10-6) (5-1)
2017: (30-26) (25-21) (20-16) (15-11) (10-6) (5-1)
2016: (30-26) (25-21) (20-16(15-11) (10-6) (5-1)
2015: (30-21) (20-11) (10-6) (5-1)
2014: (25-21) (20-16) (15 -11) (10-6) (5-1)

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