Meine Alben 2020, Pt. 1 / 30-26

Ich habe meinen Blog in diesem Jahr sehr vernachlässigt. Sollte ich je sowas wie regelmäßige Leser gehabt haben, haben die dieses Jahr vermutlich auch aufgegeben. Tja. Trotzdem: Eine Sache, die ich in den bisherigen Jahren immer gemacht habe, nehme ich mir auch für 2020 vor: Einen Countdown meiner Lieblingsalben des Jahres. Wenn ich zur Zeit schon keine einzelnen Reviews mehr schreibe, kann ich so vielleicht ein bisschen aufarbeiten, was ich übers Jahr versäumt habe.

Na dann fangen wir mal an mit Platz 30 – 26.

30. Sports Team – „Deep Down Happy“

Sports Team zwängen sich auf Platz 30 noch gerade so in meinen Countdown, weil ich die Vorstellung dieser Band so mag. Lieber eigentlich als die Durchführung.

Auf Papier sind Sports Team der Traum für jeden, der mit diesem Zeug namens Indie groß wurde. Fünf aufmüpfige kernige Briten, die Hummeln im Hintern und ein soziales Gewissen haben, die der Oberschicht zwei Finger ins Gesicht wedeln. Ein Sänger (Alex Rice), der so richtig schön „cocky“ ist, in frechdachsiger Selbstdarsteller, ein Original. Der aber das Schiff nicht alleine steuert, sondern so wie Albarn seinen Coxon oder Morrissey seinen Marr hatte, einen Co-Piloten neben sich hat – Gitarrist Rob Knaggs, der gern auch mal das Mikro übernimmt. 

Aber ich sag’s, seit ich das erste Mal über Sports Team schrieb: Die fünf von der Uni Cambridge haben all die Zutaten, um zu den neuen Blur zu werden – außer den tunes. Man hatte gehofft, dass sie zum Debütalbum mal mehr aufs Parkett bringen als nur struppige Energie, aber letztlich bestand „Deep Down Happy“ dann auch zu mehr als 50% aus bereits bekannten Singles. 

Sports Team haben die Inhalte, die Attitüde und die Typen, die’s braucht. Die Songs, die man auch unter der Dusche singt, müssen sie halt noch schreiben. Naja, aber weil ich zuversichtlich bin, dass sie die Punktlandung noch bringen können und weil sie im Großen und Ganzen ja doch eine der zappeligsten und wurligsten britischen Bands zur Zeit bleiben, pack‘ ich sie in die Top 30. 

29. Cut Copy – „Freeze, Melt“

Alte Bekannta auf Platz 29. Vor zehn Jahren etwa vergötterte ich Cut Copy. Da waren Dan Whitford und seine Kollegen aus Sydney eine meiner Top-Lieblingsbands ihrer Ära. „In Ghost Colours“ (2008) und „Zonoscope“ (2011) waren elegante, mühelose New Order-Updates für die Nu-Electronica-Indie-Phase. Diese zwei Alben klangen klassisch, modern, groovy, lässig, smart, on top of their game. Aber es ist ja so: Wenn eine Band mal so hundertpro den Zeitgeist verkörpert, dann kann sie schon mal ins Leere laufen, wenn die Zeit sich weiter gedreht hat. „Freeze, Melt“s Vorgänger-Album „Haiku From Zero“ wirkte 2017 dann auch, naja, wie ein Nokia im Zeitalter des iphone 8.

Cut Copy haben die Konsequenzen gezogen und das Richtige gemacht. Sie haben auf „Freeze, Melt“ nicht länger versucht, Futter für Indie-Elektronica-Discos zu liefern, die es nicht mehr gibt. „Freeze, Melt“ macht nicht den Versuch, zeitgenössisch zu sein, sondern liefert malerischen, sphärischen Elektronik-Pop, der nicht mehr sein will als malerischer, sphärischer Elektronik-Pop. Und Cut Copy sind Meister in Sachen malerischen, sphärischen Elektronikpops. Innerhalb seiner Parameter funktioniert „Freeze, Melt“ wirklich prima.

28. Philip Bradatsch – „Jesus von Haidhausen“

Auch ein Album aus München hat’s in meinen Countdown geschafft. „Jesus von Haidhausen“ ist auch so eine die dieser sonderbar zeitlosen Platten. Der blonde Wuschel Philip Bradatsch textet in einer poetischen Sprache, von der ich mir vorstelle, dass 70s-Liedermacher wie Hannes Wader vielleicht so texteten – dabei kenne ich Wader & Co ja gar nicht gut genug, um das zu beurteilen. Ich schreibe diesen Vergleich aber trotzdem. Deshalb, weil ich glaube, er untermalt dieses sonderbare Gefühl, das ich bei dieser Platte kriege und das ich folgendermaßen beschreiben will: „Das Ganze klingt wie was, das ich noch von früher nicht kenne.“ 

Für die Musik gilt das ja auch. Man erzählt mir, Philip sei ein gefragter Studiomusiker, der bei allen möglichen Profi-Produktionen gebucht wird. Das glaube ich sofort, denn auf dieser Platte kriegt er alles hin: US-Schmirgelrock („Ich weiss gar nicht…“), Plüschbar-Blues („Chantal Kiesinger“), Filigran-Folk („Kriege“) und alles zwischendrin und außen rum.  Wir haben hier eine eigenbrötlerische, sonderbare Songwriter-Platte, die manchen Regeln der ewigen Könner folgt, aber auch ganz eigene aufstellt. Das ist schon stark.

27. Rey Pila – „Velox Veritas“

So ehrlich muss ich sein: Viel passiert ist nicht bei Rey Pila seit 2016, seit ihrem zweiten Album „The Future Sugar“. Die Mexikaner, die seit mehreren Jahren in New York residieren, setzen auch auf ihrem dritten Album ziemlich genau da an, wo wir sie zuletzt gehört haben. Will heißen: Man hat die Band schon wiederholt als „Mexikos Strokes“ bezeichnet und man wird auch nicht so schnell damit aufhören. Denn man kann schon eine direkte Linie von „Room On Fire“ ziehen zu allem, was Rey Pila heute noch machen.

Die Strokes, wenn sie Synthies einsetzen und Tron-Videos drehen, die sind sowas wie der Hafen von Rey Pila. Hier ankern sie,  von hier aus schippern ein bisschen in den Küstengewässern rum und dann kehren wieder zurück. Morgen fahren sie ein anderes Areal in der Nähe ab. Das reicht: Denn, wenn wir bei der Analogie bleiben, dies ist ein sehr lässiges Gebiet mit artenreichen Fanggründen. Rey Pila holen viel raus aus der bleibenden Kombi „trockene 80s-Synthsounds“ und „schnoddrige Coolness“. Deswegen macht mir ihr Album genug Spaß, um Platz 27 abzubekommen.

26. Man of Moon – „Dark Sea“

Ein Grower. Zuerst war ich, so offen muss ich sein, enttäuscht vom Debütalbum von Man of Moon. Das schottische Duo Chris Bainbridge und Mikey Reid ist schon seit einigen Jahren aktiv als Band, die sich auf treibenden, psychedelisch-transzendenten Nebelmaschinen-Rock spezialisiert hat und dabei Kraut-Hypnotik und sogar LCD-Soundsystem-Tanzbarkeit gewinnend mit einbaut. Ich wartete länger schon sehr gespannt auf ihr Album und als im Vorfeld die famose SIngle „Strangers“ erschien, wuchs meine Erwartungshaltung auf den Longplayer enorm. 

Als die Platte dann erschien, war’s so, dass „Strangers“ der mit Abstand stärkste Track der Liedersammlung blieb und ich die anderen Titel in ihrer Düsternis und ihrem brodelnden Midtempo eher eintönig fand. Naja, aber man sollte Alben auch immer mal die zweite, dritte oder vierte Chance geben. Im richtigen Zusammenhang entfaltet „Dark Sea“ trotz mehrerer schleppend-düsterer Tracks sehr wohl seine Wirkung. Und zwar folgende: Es ist. als würde man mit dem Black Rebel Motorcycle Club bei düsterer Nacht durch eine Teergrube waten, auf der Flucht vor irgendwas nicht nähr definiertem Gruseligen. Okay, nicht unbedingt die Stimmung, die man an einem sonnigen Morgen zum Frühstück sucht. Aber im richtigen Moment etwas, in das man sehr tief eintauchen kann.

Okay, dann soll es in den kommenden Tagen in Fünferschritten weitergehen. So, wie es der eine oder andere Leser vielleicht aus den letzten Jahren kennt. Bis wir bei Platz 5-1 ankommen.

Linksammlung:
2019: (30-26) (25-21) (20-15) (16-11) (10-6) (5-1)
2018: (30-26) (25-21) (20-16) (15-11) (10-6) (5-1)
2017: (30-26) (25-21) (20-16) (15-11) (10-6) (5-1)
2016: (30-26)(25-21) (20-16(15-11) (10-6) (5-1)
2015: (30-21)(20-11)(10-6)(5-1)
2014: (25-21)(20-16)(15 -11)(10-6)(5-1)

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