Meine Alben 2019, Pt.1 – 30-26

Ich betreibe diesen Blog ja nur als Hobby. Allerdings habe ich im Laufe des Jahres ein neues Hobby gefunden und in der Folge diesen Blog ziemlich vernachlässigt. Ich habe weiterhin relativ aktuelle Videos weiter gepostet und ein paar Sätze dazu gesagt. Aber ich habe keine Interviews mehr transkribiert und keine seitenlangen Texte mehr zu neuen Alben geschrieben. Tja. Sorry an meine ca. drei (ehemaligen) Leser.

Na jedenfalls. Es geht aufs Ende des Jahres zu und eine Tradition hier auf dem Blog will ich dann doch am Leben erhalten. Ich will meine persönlichen Lieblingsalben des Jahres küren und ein paar Sätze dazu verlieren. Und weil ich nun mal ein nerdiger Nerd-Nerd bin, ist die Liste 30 Alben lang und ich verteile meine Aufstellung über sechs Posts á 5 Alben.

Ich betone mal eben: Das ist mein ganz persönlicher Geschmack, ich erhebe keinen Anspruch darauf, alle wichtigen Platten des Jahres gehört oder verstanden zu haben. Dies sind halt die Alben, die ich selbst gerne hörte. Aber vielleicht ist ja was dabei, wo ihr mit mir überein stimmt. Oder etwas, auf das ich euch aufmerksam machen kann.

Na. dann wollen wir mal.

30. Temples – Hot Motion

Ich bin ja der Meinung, dass das zweite Temples-Album „Volcano“ (2017) viel besser ist als sein Ruf. Die Band hat auf jener Platte jedoch die sonderbare Entscheidung getroffen, die drei mit Abstand besten Songs ans Ende zu packen. Viele Fans, die sie mit ihrem Debüt „Sun Structures“ (2013) gewonnen hatten, hatten die Geduld mit der streckenweise dann halt doch etwas ziellos mäandernden zweiten Platte verloren, bevor sie am Ende ankamen.

Na anyway. Dieses Jahr kam die Dritte von James Bagshaw und seinen Kumpels aus Kettering. „Hot Motion“ macht sich von „Volcano“ aus zurück auf den Rückweg Richtung „Sun Structures“. Wir hören also wieder mehr Sixties-Psychedelia-Gitarren und Glamrock-Stomp. Aber wir hören auch noch die verspielte Poppigkeit der Zweiten. 

Man könnte denken: Jetzt haben sie die ideale Temples-Formel gefunden! Jetzt wird’s perfekt! Was mir persönlich aber diesmal irgendwie fehlt, ist der Funke, der Überraschungsmoment. „Hot Motion“ bleibt eine feine Platte, unterwegs in einem Sound, den ich liebe, abwechslungsreich und melodiös. 

29. frederic – Frederhythm 2

Dies ist eine Platte, bei der ich einsehe, wenn jemand anderes sie fürchterlich findet. Ich kann sie auch nicht immer hören, muss in der richtigen Stimmung dafür sein. Das Ganze ist so grell, so zuckerstangenbunt und zuckerstangensüß. Japanischer Indiepop kann comicartig plakativ und extrem hibbelig sein, frederic aus Kobe sind dafür das Musterbeispiel. Ihre Songs klingen, als würden die frühen Two Door Cinema Club Achterbahn fahren, high von päckchenweise Skittles. Die Songs geben permanent Vollgas, es passiert dauernd was, hier ein Break, da eine Extra-Gitarrenwirbel, da ein Pew!-Laser. 

Normal mag ich das, was ich „Bumm-Tschack-Indie“ nenne (also diese ganzen frühe-Two-Door-Cinema-Club-Kopisten), ja auch nicht. Aber bei frederic finde ich’s deshalb halt doch wieder spannend, weil nun mal so viel passiert. Das ist dann kein Bumm-Tschack. Sondern es ist Bumm-Triller-Bazusch-Basswurbel-Klirr-Peng-Schmirgel-Huiiiiii!-Tschack! Da kann man dann doch wieder staunen und regelrecht bewundern, wie kleinteilig, aber doch präzise alles superkomplex ineinander greift. Gleichzeitig kickt’s halt einfach. 

28. Pixies – Beneath The Eyrie

Pixies haben dieses Jahr zum ersten Mal seit „Trompe Le Monde“ in München gespielt. Ich weiss, nicht jedem ging’s so – aber ich hab’s GELIEBT! Ich hab’ GESCHRIEEN! Sie haben so viele Lieblingslieder von mir gespielt, mit denen ich nicht gerechnet habe! „River Euphrates“, „Brick Is Red“, „Break My Body“, „Allison“, „Cactus“! Selbst „Ana“ und „Havalina“ haben mich SO glücklich gemacht!

Interessant dabei: Pixies haben praktisch alle Songs ihres neuen Albums ins Set gemischt. Die ersten zwei Post-Reunion-Alben der Alternative/Noise/Artpop-Pioniere sind ja ziemlich schlecht angekommen, man musste also befürchten, dass jeder neue Song im Set den Schwung aus der Sache nimmt. Das ist aber nicht passiert. Klar, die Klassiker der Pixies wurden mehr gefeiert. Aber die Songs von „Beneath The Eyrie“ stanken nicht ab. Sie hielten mit. 

Das nur als Beleg dafür, dass das dritte Post-Runion-Album der Indierock-Pioniere wirklich gelungen ist. Klar, ein neues „Surferosa“ oder „Doolittle“ werden sie uns nicht mehr präsentieren. Das kann schon deshalb nicht passieren, weil eine Pixies-Platte ja nie noch mal so überraschen kann. Die Landschaft ist ja eine ganz andere als in den späten 80s. Aber was originelle, nörgelige, kratzbürstige Noisepop-Songs angeht: „Beneath The Eyrie“ ist eine vortreffliche Kollektion ebendieser.

27. Billy Strings – Home 

Ich bin ja nicht der Typ, der von seinen Musikern besondere Virtuosität verlangt. Andererseits, schaden tut’s natürlich nie, wenn jemand sein Instrument meisterlich beherrscht.

William Apostol aus Michigan wird seit seiner Kindheit Billy Strings genannt, weil er schon früh ein Naturtalent für Saiteninstrumente zeigte. Inzwischen ist er 27 und mit seiner Band beim zweiten Album angelangt. Es heisst, man könne live derzeit keine bessere Bluegrass-Combo sehen.

Durchaus ungewöhnlich ist, dass Billy Strings als Gitarrist in seiner Bluegrass-Band im Zentrum steht. Seine Finger flitzen über seine große Akustische so blitzschnell, wie es sonst nur die Banjo- und Mandolinen-Spieler hinkriegen. Wenn sie dann alle um die Wette zupfen, dann ist das schon ein Ereignis. 

Billy Strings und seine Band spielen keinen strengen Bluegrass. Darin wurzeln sie, aber sie lassen ihre Äste gerne mal weit in den Indierock und den Artpop ragen. Vergleichen darf/muss man das mit dem „Progressive Bluegrass“ von Mandolinist Chris Thile und seinen Punch Brothers. Wenn Billy wiederum (wie zum Beispiel im Titelsong) zur Abwechslung mal die E-Gitarre zur Hand nimmt und sich in Richtung Psychedelic Rock treiben lässt, dann kommen wir in Gebiete, die auch die Punch Brothers noch nicht beackert haben. Hauptsache jedenfalls: Billy Strings nutzt seine Virtuosität auf dem Instrument nicht zur Selbstdarstellung. Er setzt seine flinken Finger immer in den Dienst der sehr, sehr guten Songs.

26. WIVES – So Removed

Pixies-Gitarrist Joey Santiago wird sich die WIVES aus New York nicht angehört haben. Ich hatte ihn dieses Jahr am Telefon und er sagte sinngemäß: „Wenn mir jemand sagt ‚Hey, diese Band wird dir gefallen, die klingen wie die Pixies!’ – dann mache ich einen großen Bogen drum.“ Seine Argument war: Wenn eine Band eine andere emuliert, dann kann ja automatisch nichts Aufregendes drin stecken. WIVES widerlegen ihn hier.

Denn über das Quartett um Sänger Jay Beach zu reden, ohne die Pixies, Television oder Sonic Youth zu namedroppen, das ist schwer. WIVES haben ihre dissonanten Gitarren und rumpelnden Drums 1:1 aus der US-Underground-Historie übernommen. Aber, wichtiger: Was sie ebenfalls mitgenommen haben, das ist der Inhalt. Die Reibungsenergie, diese innere Spannung.

Man hört die WIVES und man hat das Gefühl, man sieht zu, wie ein breites rotes Gummiband  (die Art, wie man’s um ein Einmachglas spannt) weiter und weiter und weiter gedehnt wird. Man weiss: Jeden Moment, jeden Moment wird das Ding zerfetzen. Es wird einem um die Ohren fliegen. Diese Anspannung, dieses „Gleich knallt’s“ – das ist das Grundgefühl, die Basis dieser prima nörgelig schroffen Noisepop-Bombe von einem Album.

Noch mal: Nur die Gitarren und die Sounds von „Come On Pilgrim“ zu kopieren, das haben schon viele getan. Aber WIVES transportieren auf „So Removed“ auch die ESSENZ, das GEFÜHL der frühen kirren Pixies (und/oder der oben genannten Vorläufer). Deshalb stehen sie in meiner Liste sogar VOR dem altersmilderen Original.

So. In den kommenden Tagen geht’s weiter mit den weiteren Fünferblöcken. Ich will eigentlich einen Post am Tag schaffen und vor Silvester fertig sein. Aber ich verspreche das mal nicht.

  

Linksammlung:
Meine Jahrescharts seit’s den Blog gibt:
2018: (30-26) (25-21) (20-16) (15-11) (10-6) (5-1)
2017: (30-26) (25-21) (20-16) (15-11) (10-6) (5-1)
2016: (30-26) (25-21) (20-16(15-11) (10-6) (5-1)
2015: (30-21) (20-11) (10-6) (5-1)
2014: (25-21) (20-16) (15 -11) (10-6) (5-1)

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