Review: Hatchie

Hatchie – „Keepsake“

Ich wollte hier ja eigentlich letzten Mai schon was Größeres zu Hatchies erster EP schreiben. Denn Harriette Pilbeam aus Brisbane hat darauf große Erwartungen erfüllt und noch größere geweckt. Ich hab aber nix geschrieben. Warum? Dazu gleich.

Los ging’s im Herbst 2017. Da tauchte Harriette alias Hatchie, bis zu diesem Punkt (wenig) bekannt als Mitglied der Indiepopband Babaganouj, mit ihren ersten Solo-Singles „Try“ und „Sure“ auf. Man hörte gleich: Da ist was im Busch. Diese Lady kann so richtig schönen Dreampop machen. 

Ein paar Monate später gab’s „Try und „Sure“ noch mal auf Hatchies erster EP, plus drei neue Songs. Diese fielen nicht ab. Sie hielten den Level und bestätigten die Qualität der ersten beiden Singles.

Aber ich habe dann eben doch keinen Text dazu gepostet. Der Grund: Mehr als zu sagen „Hey, echt schöner, gekonnter Dreampop“ wollte mir einfach nicht einfallen. 

Letzten Freitag ist nun Hatchies erstes ganzes Album erschienen. Es ist sehr gelungen. Na, versuchen wir’s: Kann ich diesmal mehr dazu sagen?

Vielleicht ist es an dieser Stelle nicht verkehrt, zuerst mal einen Abstecher zum Wort „Dreampop“ zu machen?

Also. Den Ausdruck „Shoegazing“ kennen wir ja. In den frühen 90s gab es all die UK-Bands wie Ride, Lush, Slowdive, Chapterhouse, My Bloody Valentine, Catherine Wheel, Moose, Pale Saints, The Boo Radleys & Co, die Feedback zum Stilmittel machten. Sie schufen sich auftürmende Wände und gleißendes Licht aus Noise. Der Effekt war hypnotisch.

Aber es gab bald zu viele von diesen Bands und die wenigsten von ihnen waren charismatisch. Im Gegenteil, viele waren sehr introvertiert. Sie guckten auf der Bühne schüchtern zu Boden, anstatt die Rampensau zu geben. Die britische Presse machte sich bald drüber lustig. Die Bands wollten „Stargazer“ sein, den Nachthimmel in Musik darstellen? Die guckten nicht in den Himmel, sondern auf ihre Schuhe! Ergo: „Shoegazer“. Damals gedacht als Verarschung. Heute als Genrebegriff akzeptiert.

In den USA nahm man die Sache anders wahr. Hier war der Grunge längst groß und dominierend. Von den britischen Shoegazern kriegte man nur die größten Namen mit. Man nahm es daher auch nicht als Schwemme wahr, sondern als Nische. Den Hörern fiel die verträumte Atmosphäre (vielleicht durch den Kontrast zum Grunge) umso stärker auf. Hier nannte man den Sound, viel positiver als auf der Insel „Dreampop“. 

Allerdings: Beide Begriffe, „Dreampop“ und „Shoegazing“ bedeuten nun nicht hundertpro dasselbe. Swervedriver oder Catherine Wheel sind Shoegazer, aber keine Dreampopper. Cocteau Twins würde man dafür beim Dreampop einordnen, aber kein Mensch würde sie als Shoegazer bezeichnen. 

Na anyway. Zurück zu Hatchie. Hatchie setzt also ziemlich genau da an, wo Lush und Slowdive sich 1991 befanden. Aber wir schreiben das Jahr 2019, da sind die technischen Voraussetzungen ganz andere. Also kommen natürlich auch aktuellere Sounds und Klangmuster ins Spiel. Synth -Drums, -Loops und -Flächen zum Beispiel. 80s-Revival-Klänge wie New Order-Bassläufe. Indiepop in den letzten Jahren war ja oft ein Mix aus dem Digitalen und dem Analogen, denken wir mal an Bands wie The Naked & Famous, Phoenix oder CHVRCHES. Sagen wir also: Hatchie macht den Sound der frühen 90s mit den Mitteln des Jahres 2019.

Das also ist das Klanggebiet, in dem Harriette sich bewegt. Ein durchaus enger Rahmen, den sie sich da gesteckt hat. Deshalb war die Frage, die ich mir stellte, bevor ich die Platte hörte: Wird sie das zehn Songs lang durchziehen können? Ohne, dass es samey wird?

Hiermit sind wir bei der Sache angelangt, die die Platte für mich durchaus faszinierend macht. Ja, Hatchie bleibt bei ihrer Klangfarbe. Durchgehend. Aber die Platte funktioniert trotzdem. Drei Gründe habe ich dafür gefunden.

Erstens: Auch innerhalb dieses eng gesteckten Spielraums hat Hatchie es geschafft, Abwechslung ins Spiel zu bringen: Das Verhältnis, in das sie Synthies zu Gitarren setzt, ist nie gleich und die Beats und Rhythmen sind bei jedem Song wieder anders angelegt. Das reicht, um jedem Song seinen eigenen Flavour zu geben.

Das bestimmende Element von „Without A Blush“ sind beispielsweise der wuchtige Bass und die bombigen Drums. „Stay With Me“ setzt dagegen ganz aufs Synthpop-Element. Mein persönlicher Favorit „Unwanted Guest“ geht in Breite: Wie eine Kaskade aus aufwärts in die Sonne fließenden Wasserfällen steigert sich die Nummer immer weiter in eine entrückte Seligkeit. 

Zweitens: Hooks. Hatchie macht in Sachen Songwriting definitiv was richtig. Es ist zwar weder so, dass sie durch besonders überraschende clevere Einfälle, unerwartete Akkordfolgen noch extra gewitzte Texte punkten würde – aber sie hat dennoch einfach einen Dreh raus, Ohrwürmer zu verfassen. Nach nur zwei, drei Album-Durchläufen staunt man selbst, wie leicht man alle Lieder schon wieder erkennt und mitsummt.

Grund drei, warum diese Platte funktioniert, steht nun wiederum eigentlich in direktem Widerspruch mit Punkt Eins. Da sagte ich doch noch, es herrsche Abwechslung. Jetzt sage ich: Es herrscht Konstanz. 

Es ist so: Hatchie macht die Tatsache, dass sich letztlich doch alles in einer Klangfarbe (genauer: In einer Kombi aus bestimmten Klangfarben) abspielt, zur Stärke des Albums. Will sagen: Bei aller Variation innerhalb der Songs transportiert „Keepsake“ eine bleibende Grundstimmung: Verwaschene Verträumtheit (ich sagte ja „Dreampop“), unbestimmte Sehnsucht, harmonisch schimmernde, manchmal blendende Farben. Ein Gefühl, als als ob man in die Morgensonne blinzelt. 

Sieh an, ich hab’ ja doch genug gefunden, das ich zu Hatchies Debüt sagen konnte. 

Ist „Keepsake“ eine revolutionäre, innovative, aufrüttelnde oder erleuchtende Platte? Nein, das ist sie nicht. Es ist einfach nur eine schöne Platte. Das geht total in Ordnung. 

    

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