Review: Childcare

Childcare – „Wabi-Sabi“

Es kommt der Moment, da sagt man: Eigentlich ist das ein Gimmick, den Childcare einsetzen. Da beginnt man an all den „Nanana“s und den „Ayyiiiaaaah“s und den „Aaah-Haaah“s zu zweifeln. Zu diesem Zeitpunkt fragt man sich: Ist das nicht nur ein billiger Effekt? Ein zu leicht durchschaubarer Zaubertrick, auf den Childcare sich verlassen? 

Aber das geht wieder weg.

Also, es ist so: Childcare sind ein Indiepop-Quartett aus London, das etwas nutzt, was viele Bands nicht nutzen: Die Gesangsstimmen aller Bandmitglieder. 

Allerdings übernehmen nur Frontmann Ed (meistens) und Bassistin Emma (manchmal) auch die Lead Vocals. Wer gerade keine Lead-Vocals singt, der gehört in diesem Moment zum Chor. Und dieser drei- bis vierstimmige Chor übernimmt quasi die Rolle eines weiteren Instruments. Statt dass da ein Keyboarder steht, der vielleicht eine Melodie spielen oder Soundeffekte in einen Song sprenkseln würde, übernehmen dies die Stimmen.

Manchmal bildet dieser Chor die Hookline, wie beim „Nananananana!“ im Song „Magazines“. Manchmal ist es mehr eine kaum bemerkbare Klang-Untermalung, zum Beispiel in der ersten Strophe von „Champagne Brain“: Hier wird im Hintergrund ein monotoner Two-Note-Drone genölt. Oder im abschließenden „Cooking In Each Other’s Juices“: Da wird „mmmh“ gesummt und „aaah“ gesäuselt und es hat fast den Effekt von Streichern. 

So oder so, dieser Einsatz der Stimmen ist ja durchaus unorthodox. Das fällt auf. Es ist ein Element, das Childcare ja auch sowas wie eine Alleinstellung und einen Wiedererkennungswert gibt. Deswegen ist es das, worauf man sich als Hörer zu Beginn vor allem konzentriert. Stage 1 in der Childcare-Listening-Experience ist also: Man achtet in erster Linie auf die Chöre und macht sich seinen Reim drauf. „Eigentlich eine ganz schlaue Idee“ denkt man sich dann. „Das könnten mehr Bands machen. Denn letztlich ist es zuallererst eine effektive Idee, Abwechslung ins Spiel zu bringen – und es kostet ja nicht mal was.“ 

Dann kommt Stage 2. Das ist die Stufe, die ich oben angesprochen habe. Der Moment, wenn sich der novelty effect der Chöre verflüchtigt hat. Wenn man das „Whoo-huhu-huhu“ in „Big Man“ auch mal als affektiert empfindet. Jetzt sagt man: „Okay, Childcare, ich hab’s kapiert. Ihr macht witzige Geräusche. Na toll. Wovon wollt ihr ablenken?“

Jetzt ist man bereit für Stufe 3. Jetzt guckt man auch über die Chöre hinaus. Und stellt fest: Hey, dieses Element ist längst nicht das Einzige, was die Persönlichkeit der Band Childcare ausmacht.

Childcare setzen auch ein: a) Durchaus Komplexe Rhythmen und Breaks. b) Ziemlich schrille, gerne mal dissonante Gitarrenparts. c) Verspulte Texte, die ein bisschen psycho sind. Ich meine, wer schreibt einen ganzen Song darüber, dass man nach der Trennung die Klamotten des/der Ex anzieht? („Getting Over You“)

Jedenfalls: Im Kern ist Childcare eine schrullige Indie-Band. Auch ohne das Chor-Ding wäre ihr Debütalbum hörenswert, weil hier viel Schlaues und Unerwartetes passiert, weil die Songs Witz und Originalität haben. 

Dass aber zu all dem eben on top auch noch die Chor-Idee kommt – das ist das, was Childcare dann in der Tat herausragen lässt. Es ist das, was dieses Debüt dann doch von einer guten Indie-Platte zu einer bemerkenswerten macht, die einen aufhorchen lässt. Die Chöre, sie mögen ein Gimmick sein. Aber sie sind ein Gimmick, der Spaß macht und der seine Wirkung erzielt. 

    

 

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