Review: King Gizzard and the Lizard Wizard

King Gizzard & The Lizard Wizard – „Fishing For Fishies“

Tja, da sieht man mal wieder, mit was für unterschiedlichen Maßstäben man an Alben ran gehen kann. Pitchfork hat dem neuen Album der produktiven australischen Freaktruppe King Gizzard & The Lizard Wizard gerade mal 4,8 Punkte gegeben und behauptet, die Platte wäre uninspiriert und streckenweise „downright boring“.

Tja, ich seh’s natürlich mal wieder komplett anders.

Erst mal: King Gizzard. Herrlich. Stu Mackenzie und seine Band drehen fröhlich ihr Ding, geben keinen australischen Cent auf das, was die Konventionen der Musikindustrie sagen. Trotzdem haben sie eine Nische zum Erblühen gebracht, die niemand auf dem Zettel hatte.

Dies ist schon ihr 14tes Album seit 2012, alleine 2017 lieferte das Team fünf (!) auf verschiedene Arten faszinierende Longplayer ab: „Flying Microtonal Banana“, gespielt auf experimentellen Tonleitern voller Zwischentönen. „Murder In The Universe“, die dreiteilige Psycho-Rock-Oper. „Sketches Of Brunswick East“, die Akustikjazz-Schlafliedplatte. „Polygondwanaland“, vertrackt und polyrhythmisch. „Gumboot Soup“, das Sammelsurium der Überbleibsel, trotzdem viel besser, als eine Resteplatte sein dürfte.

Okay, wenn man’s so sieht, ist die fröhlich wackelnde und schiebende Boogie-LP „Fishing For Fishies“ tatsächlich ein bisschen konventionell geraten.

Andererseits: Im realen Universum ist dies immer noch sonderlicher und schräger als alles, was normale Bands so anbieten.

Mir geht’s so: Ich bewundere King Gizzard für ihre Selbstbestimmtheit. Dass man sich als schillerndes, vierzehnbeiniges  Psychedelic-Rock-Ungetüm in Zeiten wie diesen im Musikbiz überhaupt über Wasser halten kann, ist schon erstaunlich genug. Dass die Australier inzwischen sogar richtig erfolgreich sind (nicht zuletzt, weil sie ihre Fanbase konkret zum Schallplattenkauf stupsen und mit immer neuen limitierten Pressungen tatsächlich massiv Vinyl verchecken), da kann man einfach nur sagen: Hut ab! Okay, nicht jede ihrer Platten trifft meinen persönlichen Geschmack. „Murder In The Universe“ lief komplett an mir vorbei,„Polygondwanaland“ könnte ich dafür tagelang durchhören. So oder so, King Gizzard bleiben schweinscool. Sie sind eine großartige Liveband, drehen Videos, die zum Schreien sind… und und und.

Nur eins fehlte mir immer: Geschuldet ist es der Tatsache, dass ich nun mal seit vielen Jahren in Indie-Clubs am DJ-Pult stehe. Wenn man das tut, dann kann man gar nicht anders, als neue Lieder immer auch nach dem Kriterium zu beurteilen: „Wird der Dancefloor dazu ausflippen?“ Ich habe deswegen immer auf den King Gizzard-Song gewartet, den man den feiernden Indie-Kids auch mal zur besten Zeit um die Ohren hauen kann. 

Manchmal spiele ich „Rattlesnake“. Die Nummer ist wahnsinnig gut, aber fast acht Minuten lang – und sie polarisiert. Ja, manche Tänzer steigen voll drauf ein und toben wie ich. (Ich bin hinterher gerne mal so fertig sind wie nach einem Workout.) Anderen ist dieser Song echt zu viel. Wer ohnehin schon mit dem Gedanken spielte, so langsam mal zu gehen – für den ist „Rattlesnake“ wie ein Signal, jetzt endgültig den Mantel zu holen. Es ist ein Risiko, den Song zu spielen.

„Fishing For Fishies“ ist nun King Gizzards Glamrock-Album, wenn man so will. Es ist ihre bisher unkomplizierteste Platte. Rhythmisch gibt’s satte 4/4-Stampfer, keine Polygondwana-11/13-Taktung. Songstrukturen mit Strophe und Refrain werden eingehalten. Klar, ein Track wie „This Thing“ hat zwar immer noch wundersam subtile Rhythmuswechsel, spinnerte Harfen-Breaks und ein mehrstimmig verzahntes Outro – aber er rockt auch, mit Bluesharmonica und Marc Bolan-Gedächtnis-Perücke. Es ist ein Song, den ich mit gutem Gewissen auf den Dancefloor im Folks loslassen würde. Drumrum würde ich vielleicht White Stripes spielen, Black Keys, Bowie oder Tame Impalas „Elephant“…

Jetzt mal was ganz anderes: Man spricht bei King Gizzard nie über die Texte. Das Album „Fishing For Fishies“ hat einen roten Faden, nämlich die Überforderung des Menschen durch Industrie und Technologie. Der Titelsong, so naiv er getextet sein mag, behandelt in dem Zusammenhang die Überfischung der Meere: „I don’t want to be fishing for fish, I just want to let them freely swim (…) Don’t do it, you ain’t God, don’t hunt salmon, carp or cod“. In „The Cruel Millenial“ thematisiert Stu unsere Abhängigkeit von der Technologie und gleichzeitig die Tatsache, dass wir der kommenden Generation diesbezüglich bereits unterlegen sind („I’ve only been born in ‚92 but I will rust as a cruel millenial“),  

Ok, es ist nicht so, dass Stu Mackenzie besonders poetische Worte verwenden würde. „Cyboogie“ stellt Fragen über künstliche Intelligenz und künftige Kybernetik, so nach dem Motto: Wo hört der Mensch auf, wo fängt die Maschine an, werden künstliche Intelligenzen eine Spiritualität besitzen? Der Text klingt dabei allerdings (bewusst) so albern, dass er von The Mighty Boosh kommen könnte: „Cyboogie’s heart is a mess / Cables in knots in his cavity chest / Cyboogie’s feeling depressed / Need to debug and run over the tests“

 Auch für „Plastic Boogie“ wird es keinen Pulitzer-Preis geben. Hier geht’s um die Verschmutzung der Meere mit Plastik. „The way we wrap is wrong. Fuck all that plastic, (…) it’s not fantastic, it’s gonna come and kill us, (…) Death will come from plastic, death will come from people“. Das kann man sicher weniger deutlich-plump formulieren. Aber der Grundgedanke, dies zum Thema von Rocksongs zu machen, ist ein guter – und die Einfachheit der Lyrics (Stu kann ja auch ganz anders) korrespondiert hier stimmig zur schlichter gehaltenen Musik.

So möchte ich zusammen fassen: Ja, wer King Gizzard vor allem deshalb hört, weil er freakig frappiert werden will, der muss sich ein anderes Album der Band aussuchen – es gibt ja genug. Ich jedenfalls finde ich die Tatsache, dass sie sich auf „Fishing For Fishies“ schlichter und weniger ausgefranst geben, poppiger quasi, prima. Es ist eine Farbe mehr auf ihrer Palette – eine Farbe, die mir speziell für meine Auflege-Zwecke taugen sollte. On top kommt: Wer denkt, dass King Gizzard-Texte psychedelischer Nonsens sind, der hat hier auch dazu gelernt.

    

 

 

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