Review: I Know Leopard

I Know Leopard – „Love Is A Landmine“

Zeit. Zeit ist ein wichtiger Faktor im Pop. Man geht auf youtube und findet bis zu sieben Jahre alte Videos von I Know Leopard, die einen nicht vorbereiten auf die Art-Glam-Farbbombe, die die Australier uns hier kredenzen. 

Es gibt Clips, da sind I Know Leopard einfach noch typische Indiegitarrenrocker und Sänger Luke O’Loughlin versucht noch, seine Stimme tiefer zu stellen. Später präsentieren sie sich als legere Indie-Folk-Combo. Irgendwann dürfen Streicher und Synthies Nebenrollen übernehmen. Heute sind Synthies ganz vorne bei den zwei Damen und Herren aus Sydney.

Ganz schön lange hat die Band also an ihren Debütalbum geschraubt, sie musste erst ein paar Umwege nehmen, um ihren eigenen Pfad zu finden. Das Schöne daran ist, dass sie ihn gefunden haben.

Denn habt ihr das Video zu „Landmine“ schon gesehen? Seit dieser Single aus dem letzten Herbst ist von den früheren I Know Leopard quasi nichts mehr wieder zu erkennen. Plötzlich sind diese vier Sydneysider zu außerirdischen Sex-Technikern mutiert. Schminke, Synthies, Glitzer, Retrofuturismus, schillernder Herzschmerz! Diese Glanznummer ist nicht nur arty und glamourös, es ist auch ein HIT! Ein Ohrwurm: „La La La La La La Love Is a Landmaaa-hine“! Mit einem Text, den man zitieren will! Ich meine: „There Is a landmine out there, waiting just for you.“ Ist das Trost oder eine Drohung? Es ist auf jeden Fall mal clever.

Die Single „Landmine“ war also toll und zweifellos eine der besten Popnummern von 2018. Eine Frage aber durfte man stellen: War dies ein einmaliger Ausreißer? Bisher hatten diese Aussies ja nicht unbedingt einen roten Faden erkennen lassen. So nach dem Motto „auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn“ kann ja auch eine ziellos umher irrende Band aus Versehen mal einen Volltreffer landen. Beim nächsten Song liegt sie vielleicht wieder daneben. 

Entwarnung: Das ist auf dem Album nicht passiert. Klar behält „Landmine“ eine herausragende Stellung, das verrät schon der Albumtitel. Aber die anderen Songs ergeben erstens gemeinsam ein stimmiges Klangbild und müssen sich zweitens als einzelne Tracks nicht vor dem Singlehit verstecken.

I Know Leopard haben die Lieder mit Producer Jack Moffitt von The Preatures aufgenommen, eine sehr wichtige Rolle spielte aber auch der Dance-Musiker Luke Million aus Adelaide. Der nämlich ist Experte und Sammler in Sachen vintage Synthies und er hatte genau die richtigen Geräte, um das von der Band gewünschte Seventies-Klangbild a la ELO / Alan Parsons zu realisieren.

Klar, die korrekten Synthies am Start zu haben, das bedeutet noch nichts. Wenn die Songs und die Inhalte nicht gut genug sind, dann können’s die Synthies nicht rausreissen, dann sind sie nur neckisches Beiwerk

Aber dies sind starke Songs. Die Melodien bleiben im Ohr, die Texte sind durchdacht und emotional. Zitieren wir hierzu mal Luke O’Loughlin aus der Pressebio: “I’d be lying if I said it wasn’t an album full of love songs. But not always in the classic romantic sense. It reflects on experiences where attempts at love are met with confusion, pain and alienation.“

Das bedeutet: „Heather“ ist nicht nur ein griffiger, unterhaltsamer Rückgriff auf Hall & Oates, sondern auch ein genervtes Liebeslied, das man nachvollziehen kann. Wer stand nicht schon vor einer Beziehung mit jemand, der/die das mit dem Committen nicht auf die Reihe kriegte? „Heather, you can call me when you get your shit together, you can’t be playing games with me whenever“ – da wüsste ich auch eine „Heather“, der man das Lied mal hätte vorsingen können. 

Variation gibt’s auch: „Everything Goes With You“ hat was von Elton John am verstimmten Klavier, „1991“ ist die Sorte Kitsch-Disco, die Two Door Cinema Club auf ihrer aktuellen Single nicht hinkriegen, mit „Mums And Dads Of Satanists“ findet sich sogar ein blubbernd wurliges Instrumental unter den Tracks. 

Vier Highlights muss ich noch hervorheben: Den schrägen Boogie-Stomp „70 Lies“, den Sofort-Ohrwurm „Blame It On Me“, das abschließende „Epica“ mit seinen finalen Chören, die wie Wellen ans Ufer branden – alle richtig prima. 

Mein persönliches Lieblingslied wiederum ist nach den ersten Durchläufen „Shiver Yourself Warm“. Denn auch das hat wieder so einen cleveres Text, im dem Luke in den Randbereichen des Themas Liebe fischt und Kaliber fängt. Mir als Dauersingle gibt es einfach was zu denken, wenn jemand singt:
„I guess they say you you can’t high, before you got low,
it’s a comfortable way to live your life when it’s all you’ve ever known –
for far too long I’ve found a way to shiver myself warm –
rain, hail or storm, you find a way to shiver yourself warm“
 

Fazit also: Ein klar umrissenes, spannendes Klangbild (für das ich nachträglich übrigens noch Metronomy, Tame Impala in der „Currents“-Phase und das erste Scissor Sisters-Album als Vergleiche nominieren möchte), Poesie und schnittiger Glamfaktor – was will man mehr? „Love Is A Landmine“ ist ein kunstvolles, ambitioniertes Debüt mit prima Melodien und auch die Texte haben ‘nen hohen Mitfühl-Level. Gut, dass I Know Leopard sich die Zeit genommen haben. Dass sie sich selbst die Möglichkeit gaben, sich zu dieser Band entwickeln.

Credit Bandfotos: Lisa Businovski

  

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