Review: frederic

frederic – „Frederhythm 2“

Wer meinen Blog (bzw. seinen Vorgänger) länger verfolgt, der weiss, dass ich paar pet hates habe. Einer davon ist das, was ich „Bumm Tschack-Indie“ nenne. Es ist dies eine Seuche, die ca. 2012 über unser Genre kam.

Schuld waren – unabsichtlich – Two Door Cinema Club. Die Nordiren hatten auf ihrem ersten Album nämlich ein echte Gewinnerformel gefunden. Ihr Debüt „Tourist History“ bestand aus Hits, Hits, Hits. Aber die Songs hatten auch etwas formelhaftes. 

Sie hatten erstens: Meistens einen schnellen, vorwärts gehenden Rhythmus, der sein Wurzeln im New Rave der späten Nuller hatte.
Zweitens: Eine Ohrwurm-Melodie, gespielt auf den hohen Bünden der Gitarre, die gegen den Gesang agierte.
Diese Melodie funktionierte drittens meistens als Intro. Zur Strophe setzte sie aus, später kam sie wieder. Vielleicht als Bridge, vielleicht als Untermalung des Refrains. Das ergab viertens: eine farbenfrohe Dynamik, die das Leise/Laut-Prinzip der Pixies in die Elektro-Indie-Ära 2010er übertrug.  

Kurz und gut, TDCC hatten mit dem Debüt einen seine Ära prägenden Knüller abgeliefert. Im Sommer 2010 gab es keinen Britwoch, an dem nicht mindestens drei Songs des Albums liefen. Wenn mal Flaute auf dem Dancefloor war, waren TDCC garantiert die Lösung. Und das war gut so, Two Door Cinema Club hatten mit ihren eigenen Sound entwickelt und damit auch noch echt einen Nerv getroffen. Da muss man dann auch mal sagen: Chapeau, Jungs.

Das Problem kam zwei Jahre später. Denn so einflussreich war „Tourist History“, dass es in jedem Land der Erde dutzendmal kopiert wurde. Der TDCC-Sound wurde zum Default-Mode für Indie-Bands. Jetzt setzten sie alle auf schnelle Bumm-Tschack-Rhythmen und auf hohe Bünde-Melodien, die zur Strophe aussetzen und dann zurück kamen.
Und wir kennen das aus Shoegazing, Grunge, Britpop und allen anderen Indie-Strömungen, die irgendwann von den zweit- und drittklassigen Spätkommern erstickt wurden: Die Bands, die schon als Kopisten anfangen, sind naturgemäß wenig originell, also ist meistens auch ihr Songwriting wenig wert. Als 2014 immer noch ein TDCC-Klon nach dem anderen auftauchte, da kriegte ich die Krise. Irgendwann schwor ich jeder weiteren „Bumm Tschack“-Indieband meinen Hass. 

Puh. Das war mal wieder eine ganz schön lange, scheinbar am Thema vorbei gehende Einleitung für einen Text über das zweite Album der Japaner frederic. Aber es ist so: frederic sind auf der einen Seite das absolute Musterbeispiel für eine nervende Bumm Tschack-Indieband. Ihre Beats gehen garantiert immer rasant vorwärts, ihre Songs beziehen garantiert immer einen Teil ihrer Dynamik aus dem Einsatz (und, äh, Aussatz) von bonbonbunten Gitarren- und Keyboardmelodien. Trotzdem regen sie mich nicht auf. Nein, ich finde frederic im Gegenteil sehr drollig und amüsant und sogar originell.

Woran liegt das? Nun, es ist nicht so, dass die Zwillinge Kenji und Koji Mihara, Ryuji Akagashira und Takeru Takahashi den TDCC-Sound einfach nur nachäffen. Sie nehmen ihn auf und machen was Japanisches draus.  

Wir wissen von unseren anderen Ausflügen in Richtung J-Indie auf diesem Blog, dass die Bands im Land der aufgehenden Sonne ein paar Dinge tun, die bei West-Bands normal nicht vorkommen. frederic sind in dieser Beziehung regelrecht hyperaktiv. Ihre Nummern platzen fast vor flippigen Breaks, verspielten Sounds und unerwartet mal eben eingesprenkselten Jazz-Akkorden. Folglich sind ihre Popsongs zwar immer so zuckersüß, dass man vom Zuhören alleine fast Zahnschmerzen kriegt, aber sie sind jedes Mal doch auch frappierend komplex durchstrukturiert. Da kann man nur Respekt zollen: Denn vom Aufbau her sind frederic-Songs oft raffinierter als ganze Progrock-Epen. Aber wenn man nicht drauf achtet, merkt man’s nicht. Dann hört man nur zappeligen Kindergeburtstagspop. Auch das ist ein Kunst, oder? 

Dass mir frederic einen Heidenspaß machen, das ist kein Widerspruch gegen meinen Abscheu vor der gemeinen Bumm Tschack-Band. Denn die vier aus Kobe sind ja genau dies nicht. Sie nehmen die Sounds von TDCC nicht als Blaupause. Sondern als Sprungbrett, um von dort aus Türmchen zu bauen, Feuerwerke zu zünden und Diskokugeln zu sprengen. 

Keine Frage, „Frederhythm 2“ ist ein Album, das mit seinem fieberhaften ewigen Hurra-Bazong vielen Leuten extrem auf den Zeiger gehen wird. Die Melodien sind manchmal regelrecht comichaft. Ja, sie erinnern immer wieder an das, was man als Titelmelodien von durchgeknallten japanischen Zeichentrickserien hört. Mancher muss vielleicht eine gewisse Hemmschwelle überwinden, um sich auf diese quietschbunten Klänge einzulassen. 

Wer aber aufmerksam hinhört, wird dafür belohnt. Nur mal als Beispiel: Achtet mal auf die Bassline von „Togenkyo“, in dem Song alleine passiert mehr als bei anderen Band auf einem Album! Oder achtet auf die diversen Akkord- und Soundwechsel, die sich durch „Yoru Ni Rock Wo Kiiteshimattara“ ziehen! Und was für diese zwei Songs gilt, gilt eigentlich für alle Lieder auf diesem herrlich hyperaktiven, bescheuert bonbonbunten und verrückt vertracktem Album. 

8,4 Punkte*

    

‚* Sorry, um die Grafik anzulegen, bin ich heute mal wieder zu faul.)

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