Crate Expectations – Pt. 2

Okay, okay. Dieser Blog mag praktisch keine Leser und eine ähnliche Relevanz haben. Das aber hindert uns nicht daran, einen Preis zu vergeben. Oder sagen wir’s so: Es hindert uns nicht daran, einen Preis zu küren. Ihn dann auch zu übergeben, das ist ja noch mal wieder die nächste Sache. 

Aber darum soll es ein andermal gehen. Zuerst: Letzten Samstag war es erst mal wieder so weit! Wir haben einen Sieger gefunden! Wir haben unseren Song des Jahres ernannt – und die Musiker, die ihn geschaffen haben, sollen von uns einen Kasten Augustiner kriegen. Jawohl, es geht um den Ein-Kasten-Augustiner-Preis 2018 – und in diesem ersten von zwei Beiträgen berichte ich über Teil 1 unseres Entscheidungsprozesses.

Was das bedeutet? Aaalso… das Spielchen geht so:

1. Ich als Blog-Hausmeister ernenne nach langem Hin und Her-Überlegen eine Shortlist von 16 Songs, die ich für die besten Lieder der letzten 12 Monate halte. (Klar, in dem Moment, in dem die Liste raus ist, will ich sofort wieder was ändern, aber dann ist es zu spät.)

2. Eine Clique von befreundeten Musikfans bzw. Blog-Lesern bildet mit mir eine Jury. Jeder, der mitspielt, darf auch einen Song nominieren. (Ja, manch einer findet unfair, dass ich 16 Songs habe und die anderen nur einen. Aber dazu sage ich immer: „Hey, easy! Bei DEINEM Blog machen wir’s dafür genau so, wie du sagst!“).
Wir sind zu siebt: Dani, Nat, Nico, Julian, Karin, Tom und meinereiner.

3. Stehen alle Songs fest, treten sie ab jetzt gegeneinander an. Es läuft quasi wie beim Tennisturnier. Einer scheidet aus, einer kommt in die nächste Runde. Am Ende wird einer übrigbleiben. Er ist unser Sieger.

4. Was heisst „Die Songs treten gegeneinander an?“ Da haben wir eine Kiste mit zufälligen Fragen, anhand der die Songs beurteilt werden. Meistens geht es wirklich ums Lied. Um Text, Instrumentierung, Dynamik oder sowas. Manchmal sind diese Fragen aber auch albern. Ach, ihr werdet schon sehen. Fangen wir an! Ziehen wir die erste Frage und die ersten beiden Songs!

Duell 1: Welcher Song hat die bessere „Flötigkeit“?

Lord Huron – „Secret Of Life“
 vs Middle Kids – „Don’t Be Hiding“

Na, das geht ja gut los. Was soll bitteschön „Flötigkeit“ heissen?
Es heisst, dass Karin ihre Blockflöte heraus holt und versucht, unsere zwei Lieder bzw ihre Gesangsmlodie darauf nachzuspielen. Was bei Lord Huron ganz und gar nicht funktioniert, denn der Song ist nicht in C-Dur. Karins Versuche, mit einzustimmen, klingen – das darf ich so sagen – schwer daneben. Na, aber lustig ist das schon.

Als die Middle Kids an die Reihe kommen, klappt es schon besser. Bei der Strophe kann Karin manchmal tatsächlich der Melodie folgen. Schön ist’s immer noch nicht, aber es reicht, dass die Australier eine Runde weiter kommen.

Duell 2: Wie herrlich sentimental ist der Song?
DMA’s – „Time And Money“
vs Hästpojken – „Råttans År“

Oha. In Sachen Sentimentalität nehmen sich diese zwei Songs nicht viel. Hier die DMA’s, die Britpop-Australier, mit einem extra sehnsuchtsvollen Slowburner ihrer zweiten Platte. Dort Hästpojken, das Göteborger Duo, das so brilliante Melodiebögen schreibt und diese so wunderbar klassisch im Seventies-Style vertont, dass man denkt, einen Radiohit von 1975 zu hören. 

Alle sind sich einig, dass die Wahl schwer fällt. Aber wir müssen uns entscheiden. Zwei von uns geben ihre Stimme nach Schweden, aber Australien kriegt gleicht vier (eine Enthaltung). Die DMA’s sind weiter, wir verabschieden uns von Hästpojken. Schade.

Duell 3: Wie genial ist der Text?
The Goon Sax – „Make Time 4 Love“

vs  I Know Leopard – „Landmine“

Auch hier treten zwei Songs an, die in ihrer Frage gut punkten. Das Teenager-Trio The Goon Sax aus Brisbane ist für seine gewitzten Texte bereits bekannt – und auch der Beziehungskrisen-Song „Make Time 4 Love“ macht da kein Ausnahme. Alleine für seinen sardonischen Beginn „I was happy when you said you don’t need me..“ sollte die Nummer gut im Rennen liegen. Allerdings: Ihre Artpop-Landsleute I Know Leopard aus Sydney haben mit „Landmine“ einen echten Pop-Poesie-Powerriegel hingelegt. Die Liebe zur Tretmine zu erklären und in einer Zeile geradezu romantisch zu flöten „There is a landmine out there waiting just for you“ – das hat einen Schuss Genialität. Wir hören uns beide Songs noch mal genau an und achten darauf, wie Message und Musik aufeinander abgestimmt sind. Die Punkte gehen danach mehrheitlich an I Know Leopard. 

Duell 4: Mache eine Choreographie zum Refrain!
Rolling Blackouts Coastal Fever – „Mainland“
vs The Radio Dept. – „Going Down Swinging“

So, die erste Actionfrage! Wir müssen uns tanzend Bewegungen zum Text dieser Songs ausdenken. Was beide Male nicht leicht fällt. Der Text von RBCF ist ein verschachtelter Gedankengang darüber, wie schräg es ist, auf einer Mittelmeerinsel den Urlaub zu genießen – und sich dabei gewahr zu werden, dass ja wenige Seemeilen entfernt Flüchtlinge um ihr Leben kämpfen. Dass es um dieses Thema geht, erkennt man aber nur, wenn man’s schon weiss.  

Auch bei Schwedens The Radio Dept. hat der Text seinen Hintergrund. Die Göteborger haben in Anbetracht rechter Strömungen in ihrem Land einen Aufruf geschrieben, gegen den Faschismus nicht ohne Kampf unter zu gehen. 

Wie soll man das jetzt tänzerisch darstellen? Immerhin, zu RBCFs Refrain „And all I saw was burning blue fading into blinding white, wade out past the rotting pier, out to the open water“ kann man Flammen, Blindheit, Wellen mit Gesten darstellen. Naja. 

Das geht aber immer noch besser als bei The Radio Dept., denn hier ist der Refrain nur ein wiederholtes „Going down swinging“. Wozu man zwar eine schwingende Abwärtsbewegung tanzen kann, aber mehr auch nicht. Rolling Blackouts Coastal Fever kommen weiter. 

Duell 5: Stelle den Songtitel pantomimisch dar.

„Oh Nein!“ schimpft Nat. Sie hat wie ein Magnet auch dieses Jahr wieder die undankbare Aufgabe gezogen, zwei Liedtitel ohne Worte erklären zu müssen. Jetzt dürfen wir natürlich nicht verraten, welche Songs sie gezogen hat.

Song 1: Nat gestikuliert folgendes: 1. Sie zeichnet mit den Fingern ein Herz, 2. Mit der Hand macht sie das „Laber“-Symbol: auf-zu, auf-zu. 3. macht sie eine aufmunternde Geste und 4. feste Schritte.

Und in der Tat – Wort für Wort tastet sich die Rategruppe an den Songtitel „Love Said (Let’s Go)“ von 77:78 heran.

Nächster Versuch. Nat deutet: 1. Nach vorne. 2. Auf sich selbst. 3. Sie tobt wütend.

Lange ist das Einzige, das wir erkennen können, Schritt 2. „Me“. Weiter kommen wir nicht. Warum zappelt Nat so? „Mad?“ „Angry?“ „Fight? Kill?“ wird in den Raum geworfen. Bis wir peilen: „Das muss ‚Future Me Hates Me‘ von the Beths sein!“, vergeht einige Zeit. 

Bei 77:78 waren wir schneller. Ergo kommen die Briten in die nächste Runde und die Neuseeländer fallen raus.

Duell 6: Fühlt man intensiver, wenn man den Song hört?
Sam Fender – „Poundshop Kardashians“
vs A Perfect Circle – „So Long, And Thanks For All The Fish“

Zur Erklärung: Ihr kennt das, oder? Ihr habt Liebeskummer, und dann läuft auch noch ein bestimmter Song – und plötzlich verstärkt er das Gefühl so arg, dass es sich anfühlt, als hättet ihr noch nie mehr gelitten. Oder: Ihr seid gut drauf, als der richtige Song läuft – und er packt euch so, dass ihr plötzlich euphorisch seid! Um diese Fähigkeit von Musik geht’s in dieser Frage. Kann dieses Lied Gefühle intensivieren?

Tja. Ich hätte mal genauer mitschreiben sollen. Ich habe notiert, dass Sam Fender mit 4:2 gewinnt, aber etwaige Argumente pro und contra? An die erinnere ich mich nicht mehr. SORRY! Letztlich ist es aber ja eh eine Bauchentscheidung: Packt der Song was in mir oder tut er’s nicht? Der junge britische Aufsteiger Sam Fender (übrigens Karins Beitrag zur Liste) erreichte uns da offenbar einfach mehr als die US-Alternativerock-Veteranen (die übrigens Nicos Beitrag zur Shortlist waren).

Duell 7: Welcher Künstler ist sympathischer?
DMA’s – „Emily Whyte“
vs Molly Nilsson – „A Slice Of Lemon“

Hey. Ich LIEBE die DMA’s. Ich habe ihren Gitarristen Johnny Took schon wiederholt gesprochen und der Typ ist ein absolutes Herzchen. Aber okay – die anderen haben ihn nicht kennen gelernt. Und so ehrlich müssen wir sein: Die drei Jungs aus Sydney wirken nicht gerade einladend. Ziemlich sicher werden sie in dieser Runde ausscheiden, denn außer mir will ihnen niemand Punkte geben.

Aber Johnny, Tommy und Mason haben Glück. Das Glück, dass Julian als seinen Beitrag die Schwedin Molly Nilsson pickte. Eine Selfmade-Künstlerin, die ihre Songs im Konzert zum CD-Playback performt – und die, wie die Google-Bildersuche ergibt, sich genauso Hipsterschnepfen-mäßig aufbrezelt, wie diese Beschreibung befürchten ließ. Alle finden ihre Bilder so krass unsympathisch, dass die DMA’s jetzt gleich mit 6:0 triumphieren! Oha.

Duell 8: Wie klänge der Song auf deutsch?
Fontaines DC – „Chequeless Reckless“
vs The Embassy – „Sometimes“

Das Laptop wird aufgeklappt, Lyrics werden gegooglet. Übersetzt man den Text der Fontaines aus Dublin City ins Deutsche, wirkt er erst mal eckig. „Ein Dilettant ist jemand, der den Unterschied zwischen Mode und Stil nicht erkennt. Charisma ist höchst gekonnte Manipulation und Geld ist die Sandgrube der Seele.“ 

Der Text der Schweden The Embassy steht nicht im Netz, das macht aber nichts, denn sie haben ganze zwei Zeilen in ihrem Song, die wir noch mal raushören: „Du musst nicht runterkommen, es bedeutet dir nichts. Ich glaube, dass dies manchmal das allerschwerste ist.“ Klingt viel runder. Wenn man die deutschen Zeilen über den Post-Baggy-Groove de Liedes mitskandiert, klingt es nicht unpassend. Haben die Göteborger damit gewonnen? 

Das haben sie nicht, denn auch Fontaines DCs Zeilen sprechen, nein schimpfen wir nochmal parallel zum Song. Und sie an: Was eben noch eckig klang, wird mit dem wütenden Drive der Gitarren und der Drums plötzlich dynamisch und stimmig. Der Sieg geht nach Irland!

Duell 9: Funktioniert der Song in der Indiedisco?
Peace – „You Don’t Walk Away From Love“
vs Ian Brown – „First World Problems“

Peace aus Birmingham haben mit ihrer Single einen satten, stampfenden Knaller hingelegt. Ich hab’ ihn in der Tat im Substanz und im Folks schon zur Dancefloor-Rushhour gespielt und die Leute haben den Song sehr gut angenommen.

Ian Brown wiederum ist natürlich ein Indie-Urgestein. Mehrere Indie-Dancefloor-Klassiker hat er bereits auf dem Kerbholz. Aber gut – so stark die Single „First World Problems“ ist, so sehr man zu ihr federnden Groove prima tanzen kann, ist der Track doch einen Tick zu langsam, als dass man sie den Tänzern zur besten Zeit unterjubeln würde. Das ist mehr was fürs Aufwärmprogramm. 

Soweit die These. Wir prüfen’s nach, indem wir das Wohnzimmer von Nat und Nico wieder zur Tanzfläche machen – und ändern unsere Meinung nicht. Peace ziehen in die nächste Runde ein.

Duell 10: Wie eigenwillig ist der Song?
Phantastic Ferniture – „Dark Corner Dance Floor“
vs HMLTD – „Proxy Love“

Wir kommen zum letzten Showdown der ersten Runde – und es ist ein ungleiches Duell. Julia Jacklin und ihre Band Phantastic Ferniture haben mit „Dark Corner Dance Floor“ einen sehr feinen Midtempo-Gitarrensong geschrieben. Das schrille Londoner Sextett HMLTD dagegen hat mit „Proxy Love“ dagegen ein durchgeknallte 80s-Elektroglam-Bombe abgeliefert, voller Breaks und sonstiger Sperenzchen. In puncto Eigenwilligkeit setzen sie sich damit natürlich klar durch, da gibt es keine Gegenstimme. 

Puh. Damit haben wir die Hälfte des Programms geschafft und uns von der Hälfte der Songs verabschiedet. Wer sich am Ende durchgesetzt hat, das erfahrt ihr in einem zweiten Post.

UPDATE:
Teil 2 steht online – HIER ENTLANG!

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