Review: Swervedriver

Swervedriver – „Future Ruins“

Das ist die Sache mit den Wiedervereinigungen: Was kann man tun, damit die Sache langfristig spannend bleibt?

Das Tolle am Swervedriver-Comeback-Album „I Wasn’t Born To Lose You“ war, dass es die Platte überhaupt GAB. Denn auch Adam Franklin und Jimmy Hartridge haben sich garantiert einige Jahre lang nicht träumen lassen, dass ihnen diese Renaissance passieren würde. 

Selbst in ihren ersten Jahren, als Breitwandrock-Shoegazing all the rage war, waren die Oxforder schließlich nicht eben die größte Band. Die viel größeren Bühnen gehörten Ride, My Bloody Valentine, Slowdive oder Lush. Swervedrivers drittes Album „Ejector Seat Reservation“ (1995) wurde noch wahrgenommen, aber zu Zeiten des Britpop-Booms war ihr Sandstrahl-Sound nicht eben gefragt. „99th Dream“ (1998) ging dann mal so richtig komplett unter. Ich weiss nicht mal mehr, ob Swervedriver ihre Trennung damals überhaupt bekannt gaben. Es ging wohl eh jeder davon aus, dass es vorbei war.

Aber in den folgenden Jahren passierte das Unerwartete: Ihre Platten verschwanden einfach nicht. Wurden von neuen Fans entdeckt. Der zwischenzeitlich sogar verhöhnte Sound Shoegazing wurde zum Kultklang. Rufe nach einer Reunion kamen auf. 2008 standen Adam und Jimmy erstmals wieder gemeinsam auf Festivalbühnen und blieben gefragt. Aus vereinzelten Festival-Shows wurde wieder ein Vollzeitjob. Der die Band dann auch wieder ins Studio führte. Ihr 2015er-Comeback-Album war für Fans ein Triumph – weil Swervedriver darauf das zelebrierten, was ihre Fans von ihnen liebten. 

Tja. Vier Jahre später sind die Swervies (wie kein Fan sie nennt) weiter aktiv. Schön. Es sei ihnen gegönnt. Gestehen muss man aber natürlich: Der Ereignischarakter fehlt. Man hat sich daran gewöhnt, dass sie zurück sind. Ja, die zweite Phase Swervedriver dauert inzwischen sogar länger als die erste! (1989-1999 // 2008-heute) 

Ich wiederhole: Es sei ihnen gegönnt, Mich freut das. Aber der „Wow – eine neue Swervedriver-Platte!“-Effekt, der fehlte bereits, als man die Ankündigung las, dass die Band für ihre zweite Scheibe nach der Reunion wieder im Studio war. Klar gingen die wieder ne Platte aufnehmen. Was sonst? Aktive Bands machen neue Alben.

Ich muss gestehen, mich beschleicht beim Hören von „Future Ruins“ das Gefühl, dass es auch Swervedriver selbst so ging. Ich mag mich täuschen, klar. Aber für mich fühlte sich „I Wasn’t Born To Lose You“ folgendermaßen an: Die Platte hatte eine purpose. Eine Absicht, ein Ziel. Sie sagte: „Rumms! Da sind wir wieder. Wir sind Swervedriver. Und SO klingen wir. Schluckt es!“
„Future Ruins“ klingt, als ob genau diese purpose fehlt. Als ob Adam, Jimmy & Co im Studio waren, nicht, weil sie was sagen wollten, das aus ihnen raus musste. Nicht, weil sie was zeigen wollten. Nicht, weil sie spannende Ideen und Bock auf Experimente hatten. Sondern weil es halt an der Zeit war.

Deswegen ist das sechste Album von Swervedriver, so ungern ich das schreibe, für mich ihr bisher schwächstes. Zu viele Songs mäandern im Midtempo vor sich hin. Die Gitarren schurren und rauschen, aber da ist keine Wucht dahinter. Es scheppert und feuert nicht, es blitzt und glitzert bestenfalls schummrig. Es gibt kaum tunes – außer vielleicht „Good Times“. Aber das mopst seine Melodie ausgerechnet bei einer ihrer eigenen Nummern („The Birds“ von „Ejector Seat Reservation“).

Zwei Entschuldigungen lasse ich gelten: Erstens: Vielleicht ist genau DAS das Neue an dieser Platte? Dass Swervedriver diesmal den Nebel betonen, das Unkonkrete, das Driftende? Eher schleppende Songs hatten sie früher auch immer – und im Albumzusammenhang haben sie auch gut funktioniert. Als schläfrig-transzendente Momente zum Durchschnaufen, die durch ihre Anwesenheit auch die Power der gewaltigeren Songs erst so richtig hervorhoben. Ein ganzes Album lang das Durchschnaufen zu betonen, ohne die Gegenpole zu setzen, das scheint zwar auf den ersten Blick monoton. Aber wer weiss, wie das langfristig wirkt?

Das bringt uns zur zweiten Entschuldigung; Ein Kumpel von mir sagt: „Ich musste mir die Platte auch erst schönhören, aber jetzt stehe ich voll drauf.“ Okay, das kann ich gelten lassen. Wenn ich mich aktuell ein bisschen enttäuscht von diesem Album zeige, muss das kein endgültiges Urteil bleiben. Ein Beispiel: Der Song „Deep Seat“ von „Raise“ wirkte auch bei den ersten Durchläufen blass, aber er  wurde schließlich zu meinem Lieblingslied ihres Debüts.

Also gut, vielleicht wird sich das langfristig noch als die Stärke der Platte entpuppen. So weit bin ich aber noch nicht. Aktuell finde Swervedrivers sechstes Album, ihr zweites nach der Wiedervereinigung, leider relativ zäh, grau, nicht griffig genug. 

Aber gut. Das soll niemand von dieser Band abtörnen. Swervedriver sind groß und wichtig, sie haben einen festen Platz in meinem Herzen und wer sie nicht kennt, der muss sie hören. „Future Ruins“ ist dafür aber nicht der richtige Einstieg.

    

Swervedriver Foto: © Dangerbird Records

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