Review: Les Big Byrd

Les Big Byrd – „IRAN IRAQ IKEA“

Man nimmt immer automatisch an, dass der Sänger einer Band auch die Songs und die Texte schreibt. Ist ja meistens auch so. Bei den Caesars aber war’s anders. Die Caesars kennt ihr ja noch? Ab den späten 90s zimmerte das Quartett in Stockholm fröhlich-dreckigen 60s-Garagenrock, ursprünglich unter dem Namen Caesar’s Palace. Mitte der Nullerjahre konnten sie ein paar Jahre weltweit im Indie-Boom mitsurfen. Ihr internationaler Hit war „Jerk It Out“, ein Lied, das zeitweise so allgegenwärtig war, dass es fast nervte. Aber die Caesars hatten weit mehr auf der Pfanne als nur diesen einen Erfolg. Jedes ihrer fünf Alben ist prima. 

Jedenfalls: Sänger Cesar Vidal war nicht der Hauptautor der vier. Fast alle Songs kamen von Gitarrist Joakim „Jocke“ Åhlund. Der überhaupt ein interessanter Typ war/ist. Parallel zu den Caesars war er immer auch Mitglied der Elektro-Schmirgler Teddybears STHLM. In dieser Kapazität arbeitete er wiederum länger schon eng mit Robyn zusammen, was ihn wiederum zu einem gefragten Pop-Producer und Songwriter machte (bei Cheryl Coles UK-Nr 1 „I Don’t Care“ hat er u.a. mitgeschrieben, für Giorgio Moroder, Charlie XCX und zahlreiche andere hat er produziert). Auch als Video-Regisseur war Jocke aktiv – den Clip-Klassiker „New Noise“ von Refused hat er u.a. gedreht. Da kann er sich mal echt was drauf einbilden.

All das sagt uns: Was immer Jocke macht, das sollt man im Auge haben.

Allerdings ist das eine Regel, an die ich mich zuletzt selbst nicht hielt. Denn mir ist nicht aufgefallen, dass Jocke in Schweden schon vor einiger Zeit eine neue Band namens Les Big Byrd gegründet hat. Gemeinsam mit Caesars-Ex-Drummer Nino Keller, Keyboarder Martin „Konie“ Ehrencrona und Fireside-Bassist Frans Johansson veröffentlichte Jocke schon 2014 ein erstes Album namens „They Worshipped Cats“, von mir unbemerkt. Vier Jahre später Album Nummer zwei „IRAN IRAQ IKEA“. Diesmal habe ich es mitbekommen. Also, los!

Im Presseinfo zu dieser Platte fallen ein paar Namen: Anton Newcombe von den kalifornischen Psychedelic-Shoegazern The Brian Jonestown Massacre gehört zum erweiterten Umfeld dieser Band. Peter Kember aka Sonic Boom alias eine Hälfte von Spacemen 3 hat als Produzent am neuen Album mitgewirkt. Zwei Namen, die schon verraten, wo’s lang geht, denn Newcombe und Spacemen 3 stehen wie niemand sonst für trippig abdriftenden Neo-Krautrock. 

Fassen wir also gleich noch mal zusammen: Erstens Garagenrock (Caesars), zweitens organische dirty Electronica (Teddybears), drittens Krautrock-Hypnotik. Wenn man das alles in einen Topf wirft und unregelmäßig umrührt, kann ein teuflisch gutes Gebräu entstehen, aber auch ganz schön braungraue Brühe. Beides passiert.

Will sagen: Ein paar der Songs dieser Platte sind großartig. Da greift dann in der Tat alles ineinander. Gleich die erste Nummer, sie trägt den Titel „Geräusche“, ist zum Beispiel umwerfend. Man stelle sich vor, eine sperrige New Yorker Garagen-New Wave-Band covert „Autobahn“ – genau diesen Drive und genau diese Grisseligkeit hat der Song.

Auch das folgende, blubbernd sprintende „Let Them Talk“ ist prima. Angekurbelt wird es von einer Bassline, die es schafft, wurlig und standfest gleichzeitig zu sein. Stereolab haben sowas auf ihren ganz, ganz frühen Alben gemacht. Das macht Freude.

Nächstes Highlight: Die Single „A Little More Numb“. Hier kommt die Caesars-Komponente ins Spiel: So linear der Rhythmus ist, sehr ist dies doch auch ein gefühlter Sixties-Popsong. Der reuige Liebeskummer-Text ist auch einer, den man miterleben kann.

Aber danach beginnt das Ganze auszufransen. Klar, das gehört bei Experimental-Pop-Platten irgendwie fast dazu. Trotzdem, das akutische Instrumental-Gedengel von „Pink Freud“ ist die Sorte Song, die als Proberaum-Jam vermutlich Riesenspaß macht – aber wenn man dazu als Hörer mitgehen soll, muss man gerade auf den gleichen Drogen sein. „I Fucked Up I Was A Child“ wäre ein ordentlicher Caesars-Song – aber keiner, der auf ihre Best-Of müsste. Das Instrumental „I X-ed Myself From Your World“ wieder ist zwar fein, aber kurz.

Der traurige Ohrwurm-Krautpop von „Eon“ ist dann wieder ein weiterer Höhepunkt der Platte. Über das folgende 28-Sekunden-Instrumental „Interlude“ kann man eigentlich nicht meckern, es ist nun mal nur als Zwischenspiel definiert. Andererseits, wenn man nur neun Songs auf dem Album hat, muss einer davon dann ein schläfrig schnurrendes 28-Sekunden-Instrumental sein? Nun gut. Bleibt noch „Mannen Utanför“, die Ballade am Schluss. Auch ein schönes, atmosphärisches Lied, diesmal auf schwedisch.

Die Sache ist die: Jocke ist inzwischen 48 und muss niemandem mehr was beweisen. Auch seine Bandmitglieder haben als Szeneveteranen schon alles gesehen. Les Big Byrd ist ein Projekt, das ihnen allen erkennbar was bedeutet, aber es ist eben ein Projekt. Dass sie damit jetzt noch mal das nächste große neue Ding werden, daran glaubt keiner von ihnen und darauf legt es auch keiner an. Die Herren gehen also mit mit einer gewissen legeren Wurschtigkeit an die Sache ran – und das wird gleichzeitig zur Stärke und zur Schwäche dieser Platte. 

Das Scheissdrauf-Feeling gibt den guten Songs eine souveräne, fast spöttische Lässigkeit. So gut sind die Highlights dieser Platte, dass sie die Basis für ein echten Bringer von einem Album liefern könnten. Aber dieses fokussierte Killer-Album ziehen Les Big Byrd eben nicht durch. Lieber sprenkseln sie verplante Instrumentals ein.

Ich will mich aber auch nicht beschweren, dass die angegrauten Schweden diese große Popkeule nicht geschwungen haben. Denn das Paradoxe ist ja: Wenn LBB, sagen wir, das famose „Geräusche“ zum Hochglanz-Discofetzer aufgebrezelt hätten, dann wäre diese Version per Definition längst nicht so perfekt spröde und zerknittert sexy wie die Umsetzung auf diesem Album. Tja. It’s complicated.

Fazit also? Das passt schon alles. Schön ist jedenfalls, dass Jocke & Co in dieser Band letztlich schon irgendwie den Spirit der Caesars aufrecht erhalten – und das, ohne auf der Stelle zu treten. 

    

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