Interview: Blossoms

Schon Ende April erschien „Cool Like You“, das zweite Album der Blossoms. Kurz vorher war die Erfolgs-Indiepopband aus Stockport bei Manchester im Vorprogramm von Noel Gallagher auch in Deutschland auf Tournee. Ich hab’s ein bisschen verpennt, mein Interview vom damaligen Münchner Konzert auch endlich abzutippen und hier auf den Blog zu stellen. Das will ich heute endlich nachholen, schließlich gibt’s einen Anlass: Die Boys sind in diesen Tagen auf Deutschlandtour (u.a. am Donnerstag dem 11. auch wieder im Strom, München).


Wir haben uns schon mal gesprochen, vor eurem Jake Bugg-Konzert. 

Myles Kellock, Keyboards: Ja, wir erinnern uns.

Damals ging’s um unseren Fragebogen „Bloß nichts über Musik“. Einer von euch erzählte mir, er hätte mal richtig Geld ausgegeben für einen Original Oasis-Flyer aus den 90ern?

Joe Donovan, Drums: Ja, das war ich. 40 £ habe ich dafür gezahlt!

Wusste ich’s doch. Ich hab hier was: Ich habe meinen Kleiderschrank durchforstet. Hier, dieses Oasis T-Shirt aus den 90s passt mir nicht mehr. Schenke ich dir!

Joe: Echt? Wow, Mann!

Charlie Salt, Bass: Das hat Klasse!

Mei, mir passt es nicht mehr und so weiss ich, dass es in gute Hände kommt.

Joe: Danke!

Tom Ogden, Gesang: Stark!

So, damit ist das Eis gebrochen. Mit einer Bestechung.

Joe: Haha!

Ihr seid gerade mit Noel Gallagher auf Tour – den wir hier ziemlich laut beim Soundcheck hören. Was bedeutet das für euch – gerade, nachdem du früher sogar Geld für einen Flyer ausgegeben hast?

Tom: Es ist echt surreal.

Joe: Ja, man kann echt keine Wort dafür finden.

Tom: Seit wir selbst eine Band sind, treffen wir immer mal Leute – und man hofft immer: Eines Tages treffe ich Noel! Jetzt sind wir sogar mit ihm auf Tour. Einfach super!

Hängt ihr auch gemeinsam ab, oder ist Noel sehr zurückgezogen?

Tom: Nein, gar nicht!

Myles: Wir schauen immer gemeinsam Fußball. Er ist ein echt netter Typ.

Dann war Dienstag ja nicht so toll für euch! (Kurz vor unserem Gespräch hatte Manchester City in der Champions League gegen Liverpool verloren)

Joe: Nee, echt nicht. Aber abgesehen davon war die Tour Wahnsinn und Noel war spitze zu uns.

Ich habe euch in München jetzt schon vor Jake Bugg gesehen, vor The Kooks und heute dann mit Noel. Einfach gefragt: Was genau bringen diese Support-Shows? Spürt ihr ihre Wirkung?

Joe: Es ist einfach eine prima Möglichkeit, seine Musik wirklich vielen Leuten vorzustellen. Ich finde es einfach wichtig, dass man eine Band live sieht. Das hat eine andere Wirkung, als wenn man sie im Radio hört oder man was über sie erzählt bekommt. Mir persönlich geht es jedenfalls so, ich kann mich als Fan viel besser in eine Band reinsteigern, wenn ich sie mal live gesehen habe.

Charlie: Für uns bewirkt es wahre Wunder. Heute spielen wir hier mit Noel Gallagher – und wenn wir das nächste Mal wieder mit unserer eigenen Tour in eine Stadt zurück kommen, dann kann man sehen, dass mehr Leute kommen, weil sie uns als Vorband gesehen haben. 

Joe: Man hört es auch einfach oft: „Hey, ich habe euch bei den Kooks gesehen!“

Charlie: Und dass Leute wiederkommen, das kann man beobachten.

Werdet ihr Noels Publikum heute dann vor allem alte Songs vorspielen, die die Leute kennen könnten, oder werdet ihr uns auch neue Lieder vom kommenden Album vorstellen?

Tom: Drei neue Lieder wird’s geben. Die machen uns natürlich zur Zeit am meisten Spaß, weil wir die alten einfach die letzten Jahre schon auf und ab gespielt haben. Aber klar, an den alten Klassikern gibt’s kein Vorbei.

Die neue Platte ist nämlich im Kasten – und da frage ich immer gerne: Was habt ihr gelernt seit dem ersten Album? Und wie habt ihr das auf die Zweite angewendet?

Tom: Im Studio haben wir viel gelernt. Wir sind jetzt viel schneller, wenn’s um das Aufnehmen geht. Wir wissen jetzt genauer, was wir tun und sind damit auch automatisch besser geworden. Denn schon vor dem ersten Album hatten wir ja eine Menge EPs gemacht, da haben wir unsere Erfahrungen gesammelt und uns bereits entwickelt. So konnten wir mit Selbstbewusstsein mit den neuen Songs ins Studio gehen und einfach genau da ansetzen, wo wir mit der letzten aufgehört haben. 

Charlie: Dass wir seit dem ersten Album so viele Shows gespielt haben, das hat natürlich auch seine Wirkung gezeigt. 

Joe: Zum Beispiel haben wir ganz bewusst entschieden, dass die zweite Platte ein bisschen peppiger werden sollte als das erste. Da haben wir bei den Liveshows gemerkt: Hmm, das Album hatte vielleicht doch ein bisschen viele Midtempo-Songs. Da wollte wir einfach mehr schnellere Lieder haben, damit auf den Konzerten mehr Action ist.

Das wäre meine zweite Frage gewesen: Ob ihr euch konkrete Dinge für die zweite Platte vorgenommen habt. 

Joe: Das war glaube ich, die einzige Sache, die wir wirklich absichtlich so festgelegt haben. Ansonsten haben wir uns nichts vorgenommen, außer zu sagen: Tun wir das, was sich richtig anfühlt.

Tom: Es muss ja natürlich bleiben.

Joe: Genau, deswegen haben wir uns ansonsten keine Grenzen gesetzt. Ein guter Song ist ein guter Song, youknowwhatimean? Wir haben uns deshalb ja auch nicht daran gefesselt, jetzt nur noch schnellere Songs machen zu dürfen. So: „Tom, du darfst jetzt nur noch schnelle Songs schreiben!“ Insgesamt ist die Platte halt etwas flotter. Das ist auf der Bühne auch etwas anstrengender, haha.

Speziell für dich als Drummer.

Joe: Aber echt. Ich schwitze viel mehr.

Aufgefallen ist mir auch, dass die Keyboards noch etwas mehr im Vordergrund sind. Habt ihr da auch besonderen Wert drauf gelegt, auf Intro-Melodien, die im Ohr bleiben?

Tom: Nicht bewusst. Mein Songwriting hat sich halt irgendwie in die Richtung entwickelt. Aber das zieht sich bei den Blossoms eigentlich durch. Schon unsere allererste Single „You Pulled A Gun On Me“ habe ich auf dem Keyboard geschrieben. „Cut Me And I’ll Bleed“ genauso und natürlich hat auch „Charlemagne“ so ein Keyboard-Intro. „Blown Rose“, das war ein Mix sowohl aus Gitarren als auch Keyboards. Das gab’s bei uns immer schon, es ist auf der Neuen nur vielleicht noch mehr im Zentrum. Die meisten Songs sind für diese Platte von mir am Keyboard geschrieben worden.

Das gilt dann wohl auch für die erste Single „I Can’t Stand It“?

Tom: Genau, ja. Den Song habe ich Weihnachten 2016/17 geschrieben, da hatten wir ein bisschen Zeit und uns für die Band ein paar neue Keyboards gekauft. Genauer gesagt: Alte vintage Keyboards. Die hatte ich über die Weihnachtsferien also bei mir daheim rumstehen und ich habe einfach rumgespielt und alles mögliche ausprobiert. Dabei sind gleich mehrere Songs entstanden. 

Du hast in anderen Interviews erzählt, es ginge um den Film „Eternal Sunshine Of The Spotless Mind“ (deutsch: „Vergiss mein nicht“)

Tom: Genau, ja

Warst du mal in der Situation, dass du jemand vergessen wolltest?

Tom: Ja, war ich. Vor allem fand ich aber, dass das ein Thema ist, das sich echt gut für einen Song eignet. Der Film schneidet Dinge an, die ich schon mal gefühlt habe, aber die auch viele andere schon so gefühlt haben. Über Herzschmerz schreiben sie alle, aber interessant wird es, wenn man einen bestimmten neuen Dreh findet. Das war ein solcher, fand ich. Diese Vorstellung, dass man tatsächlich eine Prozedur über sich ergehen lässt, um jemanden aus seiner Erinnerung zu entfernen. 

Ein anderer Song, der mir auffiel, war „There’s A Reason Why I Never Returned Your Calls“. Es geht um das, was man heute „Ghosting“ nennt, verstehe ich das richtig? Ich meine, auf jemanden nicht mehr zu reagieren, das gab es natürlich immer schon. Aber heute gibt es ein Wort dafür, „Ghosting“.

Tom: Ich glaube, „Ghosting“ ist was anderes, als das, worum es im Song geht. Wenn man mit jemandem zusammen ist, aber sich dann plötzlich nicht mehr zurück meldet und einfach so aus dem Leben seines Partners verschwindet, dann ist das Ghosting. Bei mir war es so: Ich war in einer Beziehung, dann haben wir uns getrennt. Wir waren offiziell nicht mehr zusammen. Dann hat sie mir wieder geschrieben, aber ich habe nicht mehr geantwortet. 

Joe: Es war ein offizielles Nicht-Antworten, kein Ghosting.

Jedenfalls, ich bin immer wieder überrascht – seit es Menschen gibt, sind sie in Beziehungen. Trotzdem bleiben Beziehungen ein Thema, das nicht erschöpft worden ist und man es gibt immer wieder etwas, das darüber geschrieben werden kann. Plötzlich hat dann doch mal wieder jemand einen neuen Aspekt, über den es einen Song gibt.

Tom: Genau, man kann immer wieder einen neuen Ansatz finden, so wie hier. „There’s a reason why I never returned your calls“ – es wird immer Leute geben, die das hören und auf sich anwenden können. Ich wusste schon, dass das ein guter Song wird, als ich den Titel hatte. Der Titel stand schon fest, bevor ich den Rest drum herum schrieb. 

Alles klar. Noch einen Song vom Album möchte ich ansprechen „Giving Up The Ghost“ ist mir aufgefallen, das ist bis jetzt quasi der heavyste Song in eurem Programm. 

Tom: Das war das erste Lied, das wir für die Neue aufgenommen haben. Das Keyboardriff hatte ich schon länger, ich wollte es immer schon verwenden, aber es hat gedauert, bis wir wirklich den richtigen Zusammenhang dafür gefunden haben. Das Lied ist ein bisschen das schwarze Schaf auf der Platte. Es ragt schon irgendwie raus, es klingt anders als der Rest. Aber sowas braucht es auch auf einem Album, finde ich. 

Joe: Also ich steh echt drauf. Ich finde auch, das Lied zeigt gut den Übergang zwischen der ersten und der zweiten Platte.

Tom: Ja, wie sich die Gitarre und das Keyboard ergänzen, das passt gut zur Ersten. Wir freuen uns schon auf die Reaktionen, wenn wir den Song dann live spielen.

Werden wir den Song heute Abend hören?

Tom: Heute Abend nicht, aber später im Jahr kommt der Song auf jeden Fall ins Set.

Euer erstes Album war auf der Insel ja ein Riesenerfolg – in einer Zeit, in der es für Gitarrenbands allgemein eher abwärts ging. Ein Effekt war, dass ihr sowas wie die junge Vorzeigeband wurdet: „Schaut, es geht doch!“  Ist das was, das ihr wahrgenommen habt? Hat euch das vielleicht auch unter einen gewissen Erwartungsdruck fürs zweite Album gesetzt?

Tom: Ach, sowas blendet man aus. Klar haben wir mitgekriegt, dass die erste Platte erfolgreich war. Es war auch in der Tat so, dass ich mir deswegen sagte: „Puh, jetzt musst ich aber echt Songs schreiben, die diesen Level halten!“ Aber dann hatte ich schnell „I Never Returned Your Calls“ und „I Can’t Stand It“ im Kasten – und damit hatte ich dann auch das Selbstvertrauen, dass es schon gut laufen würde. Beunruhigt, dass die neuen Songs vielleicht daneben gehen könnten, war ich nur sehr kurz. Ich habe einfach drauf los geschrieben und mir keine Gedanken darüber gemacht, wie man uns jetzt von außen wahrnimmt, ob als Gtarrenband oder was auch immer. Ich habe einfach nur weiter Lieder geschrieben, wie ich selbst sie gerne höre.

Trotzdem: Was, glaubt ihr, kann Gitarrenmusik heute noch bieten? Ich meine, ich liebe Gitarrenmusik, aber ich bin nun mal über 40. Viele Kids scheinen sich tatsächlich nicht mehr dafür zu interessieren.

Joe: Für uns ist das echt komisch. Wir haben ja nie behauptet „Wir halten die Flagge der Gitarrenbands hoch!“ Es ist einfach passiert, dass Leute das über uns sagen. Auch bei dieser Platte haben wir ja nicht entschieden „So, diesmal verwenden wir mehr Keyboards!“. Das ist halt passiert. Man macht einfach. Es sind dann Leute von außen, die sich Gedanken machen, die man sich als Band nicht macht.

Tom: Die kommen dann her und wollen es in Schubladen stecken. Aber wir haben ja immer sowohl Gitarren als auch Synthies verwendet. Da müsste man schon jemand fragen wie Catfish & The Bottlemen, die keine Keyboards einsetzen. Das wäre für mich viel eher die Band, die heute Gitarrnbands repräsentiert.

Sagen wir also nicht Gitarrenbands, nennen wir’s Songwriting-Bands. Und legen wir die Betonung auf BANDS. Fünf Jungs, statt ein Typ und sein Laptop.

Tom: Alles klar, das kann ich unterschreiben, hier halten wir die Fahne hoch. Da sind wir oldskool.

Joe: Voll!

Tom: Wir sind fünf Kumpels, die ihre Lieder selbst schreiben und die ihre eigenen Ideen sammeln. Davon gibt es nicht mehr so viele – und es dauert normal, bis sich die besten durchsetzen. Aber es gibt einige Bands, die schon hinterm Vorhang warten und nur den nächsten Schritt machen müssen.

Charlie: Wenn die Songs gut sind – und wenn die Leute deine Songs zu hören bekommen – dann werden sie sich auch durchsetzen.  

Joe: Es gibt auch noch die Orte dafür: BBC Introducing zum Beispiel oder natürlich das Internet. Allerdings: Heute kann das jeder machen, also muss man durch sehr viel Mist durch filtern, bis man das Gute findet. Aber so ist das eben. Dafür passiert es dann, dass etwas, das sehr gut ist, auch „viral“ gehen kann. 

Tom: Wichtig ist halt, dass man sich als Band selbst reinhängt. Das man seinen Teil dazu beiträgt, dass man gehört werden kann. Und wenn man da nicht locker lässt, dann kann man eben auch die Hörer erreichen und die richtigen Leute treffen, die einem im Business weiterhelfen können. Talent ist natürlich auch wichtig, aber genauso ist es harte Arbeit. 

Joe: Und um auf die Frage zurück zu kommen: Ja, wir sind fünf Kumpel, aber auch das war ja nie Teil eines Plans. Wir haben nicht entschieden: „Das wird super, weil wir fünf Freunde sind“. Wir haben einfach gemacht, und das ist dabei rausgekommen. Wir denken da nie weiter drüber nach, außer jemand anderes macht es zum Thema. Wenn dann jemand schreibt: „Stell dir vor, fünf Kumpel, alle im gleichen Krankenhaus geboren, jetzt touren sie um die Welt, ist das nicht irre?“ Für jemand von außen sieht das vielleicht unglaublich aus, aber wir machen ja nur unser Ding und wir kennen uns ewig, für uns ist es ganz normal. ABER: Es ist sehr schade, dass es nicht mehr bei vielen Bands so ist. Trotzdem, eine neue Band gibt es immer, die als nächste den Durchbruch feiern wird.

Ich frage mich halt, ob es nicht voll vorbei ist, immer noch auf die nächste Gitarrenband zu warten.

Joe: Ach, das hat doch was! Wenn eine Band wirklich so organisch entstanden ist, dann hat das doch immer seinen Charme. Es ist cool, es ist nicht fake, es ist nicht gestellt. Es ist keine Band, die von Managern zusammen gestellt wurde nach dem Motto: Der sieht gut aus, und der und der! Ich finde es immer noch cool, dass es das gibt. Das werden die Leute auch immer cool finden – nicht nur du, weil du älter bist. Wenn du 14 bist und das siehst und du hast eine Clique mit Kumpels, dann sagst du doch: Wow, schau an, das können auch wir sein, ich und meine Freunde! Es ist real, ich mag das.

„Hey, das kann ich auch machen!“, das kann man natürlich genauso über jemanden mit Laptop sagen. Ich finde es immer noch so wichtig, dass es kreative Zusammenarbeit gibt. Es ist einfach was anderes, als wenn ein einzelner Typ in seinem eigenen Headspace nur seine eigene Vision verwirklicht, wenn andere da etwas beitragen können.

Tom: Also, ich habe in meiner Musiksammlung natürlich auch so einige Sachen, bei denen ich genau weiss, dass sie von einem Typen ganz alleine gemacht wurden. Die mag ich trotzdem, Hauptsache ist doch, die Melodie ist gut. Ich weiss schon, es gibt Leute, die sagen „Es muss real sein“! Aber ganz ehrlich, mir ist das scheissegal. Wenn man genug getrunken hat und ein echt guter Song kommt, dann fragt doch keiner mehr, wie er gemacht wurde, man geht mit oder nicht.

Okay. Ihr habt mit der ersten Platte ja schon verdammt viel erreicht – was steht trotzdem noch auf eurer Bucketlist?

Myles: Ich will einen Privatzug!

Einen Zug? Statt dem Tourbus?

Tom: Au ja! Züge sind super.

Myles: Das hat sonst auch niemand.

Tom: Es ist uns die liebste Methode, um zu reisen.

Charlie: Aber im Ernst: Wir wollen nur den Erfolg von der ersten Platte halten.

Tom: Na, schon übertreffen.

Joe: Langlebigkeit! 

Tom: Genau, Langlebigkeit. Nach dieser Platte noch ein Album machen und noch eins, Konzerte und Konzerte spielen. Hauptsache, wir machen das gerne und wir haben weiter unseren Spaß. 

Joe: Da ist diese Tour mit Noel natürlich toll für uns. Noel ist ein absolutes Vorbild. Ohne uns jetzt auch nur annähernd auf seine Stufe stellen zu wollen – aber man sieht doch, was er erreicht hat. So viele toll Platten, Album für Album. Alles, war er getan hat, war perfekt, und er ist immer noch voll dabei. Er ist ein Vollprofi, das merkt man. Er weiss was er tut und die Organisation läuft wie ein Uhrwerk. 

Anderes Thema: Der Brexit kommt. Das wird euer Leben als Band sehr erschweren, wenn es zum Beispiel um Europatourneen geht. Ihr werdet bald wieder Visa brauchen und solche Dinge… tja, was ist eure Meinung? 

Joe: Also ehrlich gesagt, ich glaube, wir halten uns da raus. Wir sind eher dafür da, dass die Leute mal abschalten können. Dass sie zum Beispiel mal nicht an den Brexit denken müssen. Bei uns geht’s um die Musik und ansonsten äußern wir uns da nicht groß. Ich meine, klar haben wir alle unsere persönlichen Meinungen dazu. Keiner von uns ist glücklich über den Brexit.

Tom: Wir haben ja auch unseren Tourmanager, der sich um den Papierkram kümmert. Der wird jetzt den ganzen Nachmittag was zu tun haben. 

Joe: Wir überlassen das Politische jedenfalls lieber anderen Bands. Es gibt Andere, die können das, die äußern sich mit viel Kenntnis.

Tom: Hauptsache, wir können immer noch kommen und die Shows spielen, dann wird das schon. 

Okay. Vor wenigen Wochen wurde der NME eingestellt. Die Zeitung habe ich in den 90ern wie eine Bibel gelesen. So viele Bands habe ich dadurch kennengelernt! Klar, als es für euch durch die Decke ging, war er längst nicht mehr das, was er mal war. Trotzdem die Frage: Hat das Ende des NME für euch auch eine Bedeutung?

Charlie: Für unsere Karriere war er nie wirklich maßgeblich. Bei uns sind sie eigentlich erst sehr spät aktiv geworden. Wir sind immer noch happy, dass sie sich eingeschaltet haben…

Joe: Aber sie sind bei uns echt sehr spät an Bord bekommen. Wir hatten Support Bands, die viel größere Stories im NME hatten als wir. Letztlich sind sie nur ein Magazin, nur eine Meinung, die mal richtig liegt und mal falsch. Es ist hart, aber das Internet übernimmt.   

Tom: Also, als sie sich dann bei uns mit eingeschaltet haben, waren sie echt nett zu uns. Wir kriegten eine gute Rezension fürs Album und waren mal auf dem Cover, das war schon toll. Das war schon was, das wir als Band erreichen wollten. Aber als es mit uns los ging, da war der NME einfach nicht mehr so wichtig wie früher. Da kriegten Bands ihre bösen Verrisse und verkauften trotzdem viele Tickets. Der NME war nicht mehr wichtig, man hat nicht mehr auf ihn gehört. Die Leute bilden sich heute ihre eigene Meinung und lassen sich nicht von einer einzelnen Zeitung sagen, was sie mögen dürfen und was nicht.

Joe: Heute gibt es so viele Blogs und Websiten. Damals war es in der Tat so, wie du sagst: Dass der NME die eine Bibel war, nach der sich die Leute gerichtet haben. Aber heute googlest du eine Band und findest viel mehr Artikel auf so und so vielen verschiedenen Webseiten. Du stößt auf eine neue Band und kannst sofort alles über sie erfahren. Hart, aber die Zeiten ändern sich.

Tom: Man muss sich anpassen oder man stirbt aus.

Charlie: Immer, wenn wir im NME waren, dann merkte man vielleicht noch einen kleinen Buzz – aber es war nie so, dass es jetzt noch die große Sache war, die alles verändern konnte. 

Joe: Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass ich den NME auch früher noch oft gekauft habe. Wenn Oasis auf dem Cover waren oder die Arctic Monkeys, dann habe ich mir immer ein Heft besorgt. Und als wir dann auf dem Cover waren, war das für mich ein Riesensache, da war ich echt voll aufgedreht. 

Tom: Zu dem Zeitpunkt war der NME aber schon längst kein Indiemagazin mehr. Da waren auch Schauspieler und Popstars auf dem Cover. 

Charlie: Der NME war nicht mehr, was er früher war, trotzdem sind wir dankbar für die Unterstützung. Jetzt wird etwas Neues kommen und ein paar Jahre lang dominieren, und dann wird auch das wieder abgelöst.

Ich komme mir vor wie Opa, der aus dem Krieg erzählt, wenn ich über die 90s spreche. Ich meine, es gab ja nicht mal das Internet!

Charlie: Das muss verdammt anders gewesen sein, was?

Der NME war mein Fenster zur Welt! Ich bin in meinem Heimatort immer Dienstags zum Bahnhof gelaufen, dann traf der NME von der Vorwoche ein. Da las ich dann über neue Bands aus England und dem Rest der Welt, deren Songs ich in meiner Kleinstadt nie hätte hören können. Wenn ich dann mal in München war, ging’s ab in den großen Plattenladen, der die Importe hatte und da kaufte ich die CDs dieser Bands ungehört. Weil der NME damals auch so gut geschrieben war, dass du wusstest, wie eine Band klang, nur dadurch, wie sie dort beschrieben wurde!

Tom: Das meine ich. Als wir aufgewachsen sind, da hatte der NME nicht mehr dieses Gewicht. Wir hatten ja schon das Internet. 

Charlie: Manchmal finde ich es richtig schade, dass wir nicht in dieser Zeit groß geworden sind. 

Joe: Er hatte schon auch seine guten Seiten, der NME Auf ein paar Sachen bin ich immer noch durch den NME gestoßen. Die FRONTEERS hatten sie zum Beispiel mal drin.  

Eine andere Sache, auf die ich neulich stieß, ist folgende: Der Erfolgsproducer Max Martin wurde sinngemäß zitiert: Lordes letztes Album sei deshalb vergleichsweise gefloppt, weil der Refrain der ersten Single zu spät einsetzte, nämlich erst bei Minute 1:15. Offenbar gibt es Producer, die ihre Popsongs nach ganz strikten Regeln schreiben, dass schon ein verspäteter Refrain verboten ist.
Auch darüber wollte ich eure Meinung hören. Was haltet ihr von der Vorstellung, dass man Popsongs nach Regeln schreiben soll? Würdet ihr sie ignorieren oder euch daran halten? 

Tom: Also, wir haben schon ein Gefühl für Pop. Ich weiss, wann ein Refrain rein kommen soll. 

Joe: Wir würden’s aber trotzdem ignorieren, oder? Wenn da jetzt wer her käme und uns sagen würde: „Schreib’ das um, der Refrain muss früher kommen!“ Dann würden wir das doch nicht machen, oder?

Tom: Das haben wir aber schon gemacht! Wir haben Songs gekürzt, damit der Refrain früher kommt! Da hat man doch ein Gefühl für! Wenn man merkt: „Das zieht sich zu sehr“, dann muss man reagieren. Da haben wir auch schon mal ein Intro gekürzt oder eine Strophe halbiert.

Joe: Ja, klar. Aber ich meine, wenn jemand von außen kommt und sagt: „Der Refrain ist zu spät bei 1:15“, dann wäre uns das doch scheissegal. 

Tom: Unsere Refrains kommen aber vor 1:15.

Joe: Aber hypothetisch. Angenommen, es wäre mal nicht so! 

Tom: Wir waren noch nicht in der Situation, dass wir eine Single pushen würden, und ihr Refrain käme erst nach 1:15. 

Joe: Aber wenn es mal so wäre und jemand uns vorschreiben wollte, wann der Refrain zu kommen hat, würden wir ihm doch nicht zuhören.

Tom: Vermutlich nicht, okay.

Charlie: In dem Fall wüssten wir wahrscheinlich selbst vorher schon, dass das keine Single ist. Wir würden doch nicht sagen: „Wir picken eine Nummer als Single, weil es der schrägste, indie-mäßigste Track ist“. Fuck that! Als Single pickt man verdammt noch mal die poppigsten Nummern, die voll reinhauen!

Tom: Wenn ich schreibe, dann ist das was, das ich ganz bewusst mache: Zieh den Refrain nach vorne! Das habe ich immer schon so gemacht. 

Es geht mir um folgendes: Haben wir denn alle keine Aufmerksamkeitsspanne mehr? Wenn man beim Songwriting nur noch darauf schaut, dass alles sofort knallt, dann stirbt doch der so genannte „Grower“ aus. Der Song, der einen nicht beim ersten, sondern vielleicht erst beim zehnten Hören erwischt. 

Tom: Ja, aber dafür gibt es doch das Album! Mach so eine Nummer nicht zur Single!

Joe: Auf unserer Neuen ist ein Song, der definitiv ein Grower ist. 

Charlie: Kennst du „Sound and Vision“ von David Bowie?

Joe: Ja, kenne ich.

Charlie: Es dauert eine Ewigkeit, bis überhaupt die Vocals einsetzen. Trotzdem ist es ein perfekter Popsong.

Tom: Ok, es gibt bestimmte Künstler, die können sich das erlauben. Wenn du einen bestimmten Status hast, dann lassen dir die Leute das durchgehen. Aber wenn du dich quasi noch vorstellst, dann musst du früher zuschnappen.

Joe: Genau. Wenn die Arctic Monkeys ein neues Album rausbringen und ein Refrain kommt erst bei 1:15, dann werden die Leute trotzdem sagen „Whoah, das ist Wahnsinn!“

Tom: „Do I Wanna Know“ ist ein bisschen so. Da kommt der Refrain doch auch ewig nicht. Dafür geht der Song mit dem Riff los. Man kann das also auf verschiedene Arten umgehen. Wir eröffnen unsere Songs oft mit dem Refrain als Instrumentalriff. Wenn man so will, eröffnen wir die Songs also oft schon mit dem Refrain.

Charlie: Jedenfalls stecken wir als Band noch ziemlich in den Kinderschuhen. Mir müssen uns noch anders beweisen als etabliertere Acts.

Joe: Und bei der Art, wie Tom Songs schreibt, da war es für uns nie ein Thema, über das wir nachdenken mussten. Die Diskussion gab es im Proberaum nie, dass man gesagt hätte: „Das muss man nach vorne ziehen.“ 

Tom: Ich habe den Lorde-Song auch nicht gehört, um den es ging. Ich bin mir sicher, es war trotzdem ein großer Hit.

Das war es. Es ging um „Green Light“. Max Martin sagte auch, der Song sei „asymmetrisch“. Ich fand diese Sichtweise einfach sonderbar und wollte andere Songwriter dazu befragen. 

Charlie: „Green Light“? Das ist doch einer ihrer größten Hits!

Aber halt trotzdem nicht annähernd so erfolgreich wie „Royals“.

Tom: So sind die Leute. Dua Lipa hat das gleiche Problem. Sie hatte zwei Mega-Hits mit „New Rules“ und „IDGAF“ und schon beschweren sich die Leute, dass die anderen Songs weniger abräumen. 

Joe: Dabei laufen ihre Songs immer noch Wahnsinn im Vergleich zu anderen.

Charlie: Lorde hat auch eine Riesen-UK-Tour ausverkauft im Zusammenhang mit „Green Light“. 

Joe: Wichtig ist, dass man die Leute beeindruckt, die die Tickets und die Alben kaufen. Die sollen es mögen, die anderen können einem egal sein.

Dann noch mal zurück zu eurem eigenen Erfolg, denn euer erstes Album lief ja wirklich extrem gut. Was war denn das sonderbarste Erlebnis, von dem ihr in dem Zusammenhang erzählen könnt?

Joe: Das erste Mal, dass es wirklich irre war, das war auf dem EasyJet-Flug, oder?

Charlie: Genau! Einmal, da stürmten die Leute auf uns ein, auf einem Economy EasyJet-Flug. Erst kamen nur ein paar Fans auf uns zu und nach ein paar Selfies war da schon eine riesige Traube Menschen um uns herum.

Joe: Das war das erste Mal, dass uns das passiert ist, und das war schon echt schräg. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir uns daran gewöhnt haben, aber das erste Mal, das war schon was Anderes.

Myles: Das war aber auch, als das Album gerade erschien und überall die Plakate von uns hingen. 

Joe: Ja, und wir haben ja auch mitgekriegt, wie sich das so aufbaute. Trotzdem, auf einmal ganz normal am Flughafen zu sein und sogar da stürmen die Leute auf einen ein, das war schon unerwartet. 

Tom: Man gewöhnt sich in der Tat an sowas. Aber die ganz großen Momente für mich sind, wenn ich Helden treffe. Dass ich Alex Turner getroffen habe, das ist für mich schon eine große Sache.

Joe: Oder mit Noel Gallagher zu touren, haha. Das wird nicht alt!

Charlie: Was so cool war an dieser Tour, ist dass es so oldskool ablief. Wir waren backstage auf seinem Konzert in der Manchester Arena – und wir haben ihn ganz einfach gefragt, buchstäblich. Drei, vier Mal haben wir gequenglt an dem Abend. Am Montagmorgen schrieb sein Management dann unserem Management eine email – und darin stand sein Okay. Das war schon echt oldskool.

Das heisst, eure Managements hatten da gar nichts mit zu tun?

Charlie: Nein, das waren wir selbst, alles mündlich abgemacht. 

Weil es ja oft so ist, dass man sich als Support Band einkaufen muss auf solche Tourneen. Euch muss ich das ja nicht erzählen, ihr kennt das Business.

Joe: Noel schaute sich unsere Show an – wir spielten auch auf dem Konzert, weiter unten auf der Liste, und er war Headliner. Ja, er hat uns angeschaut und ließ aus ausrichten: „Das war gut, schaut doch nach der Show mal in meinem Dressing Room vorbei.“ Und wir so: „What the fuck!!“  

Tom: Wir beide sind auch City-Fans, das hat das Eis schnell gebrochen. 

Seid ihr alle fünf City-Fans?

Joe: Nein, nur Tom und ich.

Tom: Charlie ist Fan von (leider unverständlich) und die anderen zwei machen sich nichts aus Fußball. Wobei Myles City schon so ein bisschen adoptiert hat. 

Charlie: Bist du Bayern-Fan?

Nein, 1860. Wir spielen zur Zeit in der vierten Liga, aber was will man machen…


So, wie sehen die kommenden Pläne aus? Die nächsten Monate sind schon verplant, oder?

Tom: Stimmt, ja. Jetzt kommt erst die große UK-Promotion-Runde zum neuen Album, die Interviews und TV-Auftritte. Dann eine UK-Tour, im Sommer dann die Festivals. Man plant bereits das Jahresende, im Herbst wollen wir wohl noch mal eine Europatour machen und danach hoffentlich auch eine Runde durch Amerika… 

Was ist das für ein Gefühl, die nächsten Monate bereits völlig verplant zu haben?

Tom: Ich find’s gut. So soll das sein. Wir hatten jetzt erst fünf Monate frei, wir sind bereit, wieder so richtig loszulegen.

Ach guck. Ich hätte jetzt gedacht: Zu wissen: „Die kommenden Monate wird’s stressig und erst Weihnachten kommt mal wieder eine Pause“, da kann man auch Bammel vor haben.

Tom: Im Gegenteil, ich find’s fantastisch. 

Alles klar. So, damit bin ich durch mit meinen Fragen! Gibt’s noch was zu sagen zum Album, das wir vergessen haben?

Tom: Haha: Kauft es bitte!

Joe: Genau, kauft es!

Charlie: Habt Spaß damit, denn es ist das Beste, was wir je gemacht haben!

Myles: Es ist kein beschissenes zweites Album. Weiss du, was ich meine? Es gibt so viele Bands, bei denen ist das zweite Album beschissen. Unseres ist sogar besser als das erste!

Alright, damit bin ich so weit!

Joe: Vielen Dank – und auch noch mal für das T-Shirt! Das Stück ist ein Schatz!

Easy. Wie gesagt, ich passe nicht mehr rein. So kommt es in gute Hände.

Joe: So mache ich das auch mal. Wenn ich nicht mehr rein passe, gebe ich es weiter, und erzähle die Geschichte dazu! 

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